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Die Wahrheit · 1934-07-13 · Heft 29 (13.7.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 29 (13.7.1934)
Date
1934-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen ,n Deutschland verboten! Jüdische Die tDanrheif mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden** Erscheint jeden Freitag 0IIII1IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIU1IIIIIIII11IIIW Redaktion und Administration: Wien H., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 50. Jahrgang Wien, 13. Juli 1934 Nummer 29 Der Nibelungen Not Die Historiker der Universität Liverpool haben dieser Tage feierlichen Protest dagegen erhoben, daß man die Zustände im Dritten Reich als „mittelalterlich" bezeichne, denn dies bedeute eine schwere und unbegründete Beleidigung des Mittelalters. Trotzdem muß man, um eine Analogie für das blutrünstige Drama, das sich in der letzten Juninacht unter Hitlers Auspizien in Deutschland abgespielt hat, zu finden, bis zu jenem entsetzlichen Blutbad zurückgreifen, das Kriemhilds Rache unter den der Königin der Abstammung und dem Range zunächst stehenden deutschen Volksgenossen angerichtet hat. Nur brauchten diesmal die auserkorenen Opfer der Rache keine umständliche Heerfahrt ins Hunnenland zu unternehmen, um den Untergang zu finden. Denn Hitlers Staatsweisheit hatte längst das Hunnenland vorsorglich in ihre deutsche Heimat verlegt, so daß ihnen jede Reisebeschwerlichkeit dahin erspart blieb und sie von ihrem grausigen Geschick im Bette ereilt werden konnten. Auch lagen von Kriemhildens Tat die Motive klar zu Tage, während heute das große Rätselraten über die Beweggründe Hitlers noch immer keine authentische Lösung gefunden hat. Rache? Gewiß, soweit Persönlichkeiten ermordet wurden, die sich einst Hitlers Aufstieg zur Macht entgegengestellt hatten: So der gewesene bayerische Minister Kahr, der den berühmten Bürgerbräu-Putsch im Jahre 1923 niedergeworfen hatte und den sein längst erfolgtes Ausscheiden aus dem öffentlichen Leben nicht vor Hitlers Revanche für das elf Jahre zurückliegende Ereignis retten konnte, ein Beweis, daß der nationalsozialistische Heros zwar alte Freundschaften, aber nicht alte Feindschaften vergißt. Ferner General Schleicher, der es gegen Hitler gewagt hatte, den Reichskanzler-Posten selbst zu okkupieren; Und seine Gattin fiel; wenn schon nicht als Objekt der Rache, so vielleicht als verhindertes Subjekt einer solchen, da das mittelalterliche Nationalepos die Gefahr deutlich macht, die eine rächende Kriemhild bedeutet. Die ermordeten S.-A.-Siegfriede waren zum Großteil in dieser Hinsicht rücksichtsvoller: Sie haben keine Kriemhilden hinterlassen — wenigstens keine weiblichen .... Aber auch sonst ist die Art ihrer Schuld, die ein so unerhörtes Strafgericht über sie heraufbeschwor, ganz in Dunkel gehüllt und es werden bereits Stimmen laut, die das Vorhandensein einer solchen Schuld überhaupt in Abrede stellen. Indes fehlt es nicht an Anzeichen für die Richtigkeit der Version, daß die S.-A.-Führer Hitler ermorden lassen und sich dann als seine Rächer aufspielend Pogrome gegen die Juden veranstalten wollten, um so die Macht in die Hand zu bekommen. Ein solches Anzeichen ist die unverkennbare journalistische Vorbereitung dieser Entwicklung. Welchen Sinn hätte es denn sonst, daß die „Wiener Neuesten Nachrichten" gerade jetzt in einer Artikelserie die gewiß momentan wenig aktuelle Frage erörtern, ob sich die Juden im — Zarenreiche richtig verhielten, als sie gegen die ihnen damals angeblich wohlgesinnten russischen Behörden rebellierten? Der Zar wollte sie zu Ackerbauern machen, sie aber hegten nur Vorliebe für den Aerzte- und Rechtsanwaltstand sowie für das Handwerk von Uhrmachern und Schneidern, was das Wiener Naziblatt scharfsinnig als Beweis für den unausrottbaren — Schachergeist der Juden auslegt. Ueberdies zeigten sie keine Neigung, dem ihnen gegenüber, ach, so gütigen Zaren als Soldaten zu dienen, sondern betätigten sich lieber als Revolutionäre . . . Wozu diese umfangreiche Beschäftigung mit den jüdischen Revolutionstrieben im Zarenreiche gerade jetzt, da sich die ganze Welt über die judenreine „zweite Revolution" in Nazi-Deutschland den Kopf zerbricht? Offenbar hatten die Macher dieser Rebellion ihrem Wiener Ableger die Weisung erteilt, mit allen Mitteln, seien es noch so gekünstelte, den Nachweis zu erbringen, daß die Juden und nur die Juden Revolutionen inszenieren, auch wenn sie es so „gut" haben, wie einst im Zarenreiche und jetzt in Hitlerdeuitschland . . . Die Entwicklung der Ereignisse hat diesen Beweis überflüssig gemacht, aber die „Wiener Neuesten Nachrichten" in ihrer geistigen Schwerfälligkeit haben das übersehen und so ihren Lesern die Groteske geboten, daß sie sich über die Rachsucht der Juden dem Zaren gegenüber aufregen, während sie sich über die Rachsucht der blutbefleckten Sieger im deutschen Nazilager, die jede von der ihrigen abweichende Meinung mit dem Tode bedrohen, gründlich ausschweigen. Es ist eben manchmal schwer, ein Nazi zu sein. Davon wissen jetzt auch etliche braune Recken im Reiche ein Lied zu singen, die, wie z. B. Herr Goebbels, sich plötzlich derselben gefährlichen Aufgabe, Partei zu nehmen, gegenübersahen, wie dereinst der arme Markgraf Rüdiger von Pöchlarn, der sich dabei den sicheren Gang in den Tod wählte. Zum Glück hat Herr Goebbels die feinere Nase für günstige Konjunkturen und so ist er den Seinen erhalten geblieben, nachdem diese einen ganzen bangen Tag lang um den gegen seine Gewohnheit plötzlich verstummt Gewesenen hatten zittern müssen. Das Gerücht, daß der verschüchterte Propaganda-Minister bei seinem ersten öffentlichen Auftreten nach der Niederwerfung des Putsches irrtümlich seine eigene Hinrichtung gemeldet habe, weil er im Wirbel der Ereignisse seine Orientierung verloren habe und sich über seine eigene Stellung ihnen gegenüber unklar geworden sei, hat sich zwar als übertrieben herausgestellt, gibt aber ein gutes Bild von der chaotischen Verwirrung, die jetzt in Deutschland herrscht. Da die Regierung sich weigert, ein Namensverzeichnis der Füsilierten bekannt zu geben, weiß im Nazilager niemand mit Bestimmtheit, wer von den Kameraden noch atmet im rosigen Lichte, und keiner der braunen Unterführer kann sich öffentlich zeigen, ohne daß man ihn erschauernd für einen Geist hält, bis er sich zu einer rhetorischen oder journalistischen Enunziation herbeiläßt, worauf man beruhigt erkennt, daß von Geist bei ihm keine Rede sein kann, was im Dritten Reich als Ehrenrettung gilt. Bezeichnenderweise beschäftigen sich die Gemüter jetzt weniger mit der Frage, warum der oder jener erschossen wurde, als mit der Diskussion, wieso es kommt, daß der oder jener noch Rasiere Didi gut und billig Oesfcrrelchisclies Qualität* Fabrikat Ueberau erhältlich lebt. Gründe der Menschlichkeit waren für die Beendigung des Massenmordes sicherlich am wenigsten ausschlaggebend und so erzählt man sich von einem Protest des Finanzministers, der sich über Verschwendung beklagte, weil man so viele habe erschießen lassen, die keinen Schuß Pulver wert gewesen seien, worauf Hitler die Einstellung der Exekutionen befohlen habe. Sicherlich wäre eine Nacht der langen Messer billiger gewesen, doch entsprachen die S.-A.-Messer nicht mehr dem nationalsozialistischen Ritualgesetz, da sie den jetzt verpönten Namen Roehm eingraviert enthielten, einen Namen, der unlösbar mit der Vorstellung des „Dolchstoßes von hinten" verbunden bleibt, der gegen die Herrschaft Hitlers geplant war. Nunmehr, nach Erledigung dieses hinterlistigen Gegners, proklamierte Hitler, daß das deutsche Volk wieder geschlossen hinter ihm stehe. In Wahrheit ist aber nicht das ganze Volk geschlossen, sondern nur dessen Mund, da Hitler jede Kritik, ja schon jede Debatte über die Ereignisse der letzten Juninacht mit Todesstrafe bedroht hatte. Die Bevölkerung, froh und glücklich, daß es einmal nicht gegen rassisch, konfessionell oder sonstwie verdächtige Teile ihrer selbst ging, sondern daß die Führer diesmal ihren Blutdurst, wie sonst bloß ihren Champagnerdurst, im intimsten Kreise löschten, hielt sich gern an Hitlers Weisung und ging vielfach noch über diese hinaus, indem die Leute sich nicht mit dem Mundhalten begnügten, sondern sich auch die Nase zuhielten . . . Am umständlichsten war die Durchsetzung des Schweigegebots beim Vizekanzler v. Papen. Es mußten zu diesem Zwecke seine beiden Mitarbeiter, die seine Reden und Schriften verfaßten, umgebracht werden. Von Papen, ein Mann der guten Manieren, war über diese Unhöflichkeit sehr verstimmt und wollte demissionieren. Schließlich sah er aber ein, daß es immer noch besser ist, mundtot als ganz tot gemacht worden zu sein, und entschloß sich zum Bleiben. Er wurde auch — zum erstenmal seit seiner Vizekanzlerschaft — sofort mit dem ehrenden Auftrag, den Reichskanzler zu vertreten, betraut. Herr Hitler fühlt sich nämlich seit den aufregenden Ereignissen der letzten Juninacht sehr erholungsbedürftig; da er aber noch keine Zeit hatte, selbst auf Urlaub zu gehen, schickte er einstweilen in seiner Vertretung den Vizekanzler auf Urlaub. Selbstverständlich wurde auch die gesamte S.-A., die ja von den bekannten Vorfällen am meisten hergenommen war, beurlaubt. Jetzt braucht nur noch, was auch schon geplant ist, der Reichskanzler selbst auf Urlaub zu gehen, dann ist eine allgemeine Erholung in Deutschland gewährleistet.

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