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Die Wahrheit · 1934-07-06 · Heft 28 (6.7.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 28 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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babsäst i HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang sident der katholischen Aktion, Ministerialdirektor Claussener, daran glauben, den nicht einmal der offizielle Bericht irgendwelcher Beziehungen zum S.-A.-Komplott zeihen konnte. Zu diesen innerpolitischen Gründen für ein radikales Durchgreifen gesellten sich außenpolitische. Die Zahlungseinstellung Deutschlands an das Ausland hat dort wenig schmeichelhafte Kritiken an dem Hitler-Regime ausgelöst. Am weitesten hierin ging Amerika, das in einer offiziellen Note der nationalsozialistischen Innenpolitik die Schuld an der Pleite gibt Die Judenpolitik Hitlers habe zu dem Weltboykott gegen die deutsche Wirtschaft geführt und deren katastrophale Lage verursacht Es ist dies ohne Zweifel eine schwere Einmengung einer fremden Macht in innerdeutsche Zustände. Das 'kleine Serbien hat sich vor zwanzig Jahren von der damaligen Großmacht Oesterreich lieber den Krieg erklären als eine solche Einmischung in seine innerstaatliche Amtswalrung gefallen lassen. Was aber tut der nationalsozialistische Vorkämpfer der deutschen Würde? Er geht hin und beseitigt „pflichtgemäß" eine Reihe von Parteigenossen, mit deren Namen die innerdeutschen Exzesse verknüpft sind. Besonders Heines hat sein Amt zu schwerem Terror gegen die schlesischen Juden mißbraucht Sollen wir Juden uns von der Ausrottung dieses und anderer Sadisten eine Aenderung der nationalsozialistischen Judenpolitik erhoffen? Unsere heilige Schrift gibt darauf eine sehr pessimistische Antwort: „Was zur Leidenschaft geworden, ist der Seele süß. Darum ist es für Toren entsetzlich, vom Bösen abzulassen" (Sprüche Salomos, Kap. 13, V. 19). Die jüngste „Reinigungsaktion" galt mcht so sehr den Schädlingen der innerdeutschen Politik, als den Unterminierern der natinoalsoziahstischen Herrschaft. Eine endgültige Wendung zum Besseren ist aber nicht yon der Befestigung, sondern vom Sturze dieser Parteiherrschaft zu erwarten. Redlich zusammenarbeiten! Der Wiener Vizebürgermeäster Kresse kam jüngst in einer großen Versammlung des Simmeringer Gewerbebundes auch auf die Judenfrage zu sprechen. Er erklärte, kein AnÖsemit zu sem. „Mit den bodenständigen Juden, die sich ehrlich ihr Brot verdienen, die anständige Menschen sind und sich anpassen, mit denen wollen wir redlich zusammenarbeiten!." Also eine ausgesprochene Sympathiekundgebung der Wiener Rathausregierung für die jüdischen Assimilanteni! Ais aber vor einigen Wochen dieselben Herren, aus deren Mitte wir dieses eindeutige Bekenntnis vernehmen, darüber zu entscheiden hatten, wer als Wortführer der Israelitischen Religionsgemeinschaft in den Rat der Stadt Wien einziehen sollte, fiel ihre Wahl merkwürdigerweise auf den Zionisten Doktor Ehrlich, also auf den Repräsentanten derjenigen jüdischen Partei, die die Anpassung der Juden an die österreichische Umwelt prinzipiell ablehnt, ja als Sünde wider den wahren Geist des Judentums aufs schärfste bekämpft und jüdische Bodenständigkeit einzig und tallein in Palästina gelten läßt. Woher dieser Widerspruch? Man geht wobl nicht fehl, wenn man ihn als Symptom der hortenden Unorientiertheft auch maßgebender Politiker in der Judenfrage wertet Die Herren im Wiener Rathaus sind in ihrem dunklen Drange sich des rechten Weges wohl bewußt. Dann aber, statt ihrem Gefühl zu folgen, lassen sie sich von der nafionaljüdischenf Phraseologie gefangen nehmen und handeln, wahrscheinlich ohne es zu bemerken, in Widerspruch mit ihren eigenen Aeußerungen. Das ist eine speziell in den christlichsozialen Kreisen typische Erscheinung. So - hat jüngst die „Reichspost" in ihrer literarischen Beilage den Unsinn verworfen, einem Max Reinhardt einem Sonnenthal und anderen um die deutsche Kunst hochverdienten Juden das Deutschtum abzusprechen. Als aber ein paar Tage später Palenberg, der der deutschen Bühne auch nicht wenig gtejgeben haltte, Opfer einer Flugzeugkatastrophe wurde, hat dasselbe Blatt den angeblichen Reisetrieb des Verunglückten mit dem atavistischen Erbgut — Ahasvers begründet Und doch ist einerseits der Wandertrieb gerade in Schauspielerkreisen ohne Unterschied der Rasse epidemisch, anderseits waren die Reisen, die Palenberg in der letzten Zeit unternahm, nicht ganz freiwillig, sondern ein ihm von der Hitler-Politik, die ihn in Deutschland entwurzelt hatte, also von außen aufgedrängter Zwang. Die Pflege bodenständiger Volkskunst ist jetzt in Wien besonders in Uebung. Jeder Geburtstag populärer Coupletkomponisten wird feierlich in der Oeffentiichkeit begangen. Als aber jüngst einer der Klassiker des Wiener Volksliedes, Alexander "Krakauer, den 40. Todestag hatte, erinnerte keine Öffentliche Feier, kein Ravagvortrag an dieses EreSfenis, obwohl der „guate Himmelvater", „Mein Liebchen wohnt am Donaustrand" u. a. sicherlich Unser Chefredakteur Oskar Hirsch leid befindet sich auf einem Htägigen Urlaub. auch heute noch aufs Wiener Gemüt ~ wirken. Krakauer war Jude . . . Als die Christlichsozialen vor väer Jahrzehnten zum ersten Male im Wiener Rathaus zur Herrschaft gelangten, gründeten sie ein judenreines Theater. Es ist bald eingegangen, wurde als Volksoper weitergeführt und diese hat, aus den begangenen Versündigungen gegen den Geist der Kunst die richtigen Konsequenzen ziehend: die Künstler nur nach ihren Fähigkeiten und nicht nach ihrer Konfession wertend, ganz gut reüssiert. Daran zu erinnern, ist gerade jetzt opportun, da die Leitung <de)r) Wiener Volksoper an Herrn Lustig-Preau übergeht, der in efinem antisemitischen Wiener Montagblatt folgende Leitsätze seiner Direktionsführung bekannt gibt: „Die Volksoper ist ein Wiener Theater, sie ist aber auch innerhalb der ■■■■■«■■■■■■«■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■> Cafe Pension Eckstein Semmering Wiener Theater ein Theater für sich: ihre Gründer haben ihr in kluger Voraussicht Gesetze gegeben und nach diesen werden wir schaffen." Das kann nur als Anspielung auf den von den Gründern eingeführten, aber als ste durch Schaden klug geworden waren, wieder ausgemerzten Arierparagraphen gedeutet werden. Lustig-Prean wird das Theater mit seinem eigenen Gelde führen und es steht ihm deshalb freä, die 260 Menschen, denen er Verdienst zu bieten in der Lage ist, nach seinem Gutdünken auszuwählen. Wenn er sich dabei von antisemütischen Prinzipien leiten' läßt und dies auch noch öffentlich kundtut, muß dies die Wirkung haben, daß auch sein Zuschaue rraumjudenrein bleibt Nun, dem Manne kann geholfen werden, wenn er sich eine Hilfe vom Antisemitismus erhofft. Wie diese Hife in Wirklichkeit aussieht, kann er einem am 1. Juli in der ihm hoffentlich verläßlichen „Reichspost" erschienenen Bericht aus Nazi-Deutschland entnehmen. „Berlin, wie es heute ist", erfährt dort folgende Schilderung in beziig auf die im Judenhaß zweifellos „hervorragenden Leistungen der Nazis": „--Einige tausend Juden vertrieben? Jetzt sitzt der ganze Leipziger Pelzüiandel. die ganze Fellfärberei und Zurichterei in Paris, noch einige Industrien dazu. — Einige Nobelpreisträger verjagt? Sie lehren jetzt in Paris, in Konstantinopel, ja sogar in Jerusalem und bilden Leute zum Schaden der jungen Deutschen (?) heran. — Einigen tausend Aerzten und Rechtsanwälten die Berufsausübung unmöglich gemacht? Dafür kann man jetzt Tausende von Sechszimmerwohnungen mieten, ia ganze Häuser stehen leer und unter Zwangsverwaltung. — Ein paar Geschäfte geschlossen? Aber die ganz großen jüdischen Warenhäuser sind doch weiter offen (wie ich feststellte, auch ihre bei uns schon längst eingestellten Lebensmittelabteilungen) und man kann sie nicht sperren, weil die Banken daran Hunderte von Millionen verlören und die Arbeitslosigkeit noch zunähme."-- Erscheint nicht angesichts solcher Wirkungen der rassischen Unduldsamkeit die Parole des Wiener Vizebürgermeisters dem allgemeinen Wohl Herzn. rraoeohetlbadi Taizmannsaorfj (sargenlaitd) f Mineral-, Moor- und natürliche Kohlen- 5 Säuresprudelbäder. Billiger Pensionspreis; Heilbäder. — Auskünfte und Prospekte: Kur-; n oder Kurkommission, Bad Tatzmanns-S rgeniand, und in allea Fremdenverkehrsbüros, t Zwei rituelle Restaurants. ■ > inklusive! direktio idorf, Bu zuträglicher: ..Redlich zusammenarbeiten!"? Doch auch diese Parole darf keine leere Phrase bleiben. Es gibt auch auf dem Gebiete der Stadtverwaltung bereits mehrere Fakten, die zumindest den Anschein erwecken, daß der von gewissen Chrfstlichsozialen Kreisen seit je gepredigte geräuschlose, dafür aber um so praktischere Antisemitismus seine Blüten treibt; Die österreichischen Juden sind nicht gesonnen, den Kopf in den Sand zu stecken und sich mit gelegentlichen schönen Worten abspeisen zu lassen. An ihren Taten wollen wir sie erkennen . . . Ein jüdischer Klinikvorstand macht der ganzen Fakultät Ehre. Dem Vorstand der Wiener Hals- und Ohrenklinik, Universitätsprofessor Dr. H. Neumann, wurde jüngst im Rahmen einer von der hiesigen rumänischen Gesandtschaft veranstalteten Feier ein Bild des rumänischen Königs als Dank für eine erfolgreich vollbrachte Heilung des Souveräns überreicht und bei dieser Gelegenheit die schmeichelhafteste Anerkennung des hohen Ranges der Wiener medizinischen Schule ausgesprochen, deren namhafte Repräsentanten der Feier beiwohnten. Prof. Neumann erklärte, diese Würdigung bloß im Namen der ganzen medizinischen Fakultät anzunehmen. Nach ihm ergriffen Vertreter dieser Fakultät und des österreichischen Unterrichtsministeriums das Wort, um dem Gesandten den Dank für die außergewöhnliche Ehrung auszudrücken. Man darf da wobl die Hoffnung äußern, daß es sich dabei nicht um bloße Lippenbekenntnisse im Festesrummel handelt, sondern daß die berufenen Repräsentanten der österreichischen Wissenschaft voll und ganz die wahre Bedeutung der jüdischen Mitarbeit am Glänz der alten Alma mater zu schätzen wissen. Professor Neumann ist ein guter Jude, auch nach strengerer religiöser Auffassung. 2 U 325/34/3. Im Namen der Republik 1 Das Strafbezirksgericht I in Wien als Pressegericht hat heute in Gegenwart des Privatanklägers Hans Nowak, des Privatankläger-Vertreters Dr. Friedrich Hauenschild, in Anwesenheit des Angeklagten Oskar Hirschfeld, in Anwesenheit des Verteidigers Dr. Karl Steiner über die Anklage, die der Privatankläger gegen Oskar Hirschfeld, geboren 16. Dezember 1901 in Wien, zuständig Wien, mosaisch, verheiratet, Zeitungsherausgeber, Wien II., Praterstraße 29, erhoben hatte, nach durchgeführter Hauptverhandlung zu Recht erkannt: Der angeklagte Oskar Hirschfeld ist schuldig, er habe in Wien als verantwortlicher Schriftleiter der Zeitung „Die Wahrheit" bei Aufnahmeder Stelle „der Verleumder vom Stürmer, der sich bezeichnenderweise gegen den angebotenen Wahrheitsbeweis wehrte . . .". in dem Auf satze: „Der Rituahnord vor Gericht" in Nr. 23 der genannten Zeitung vom 1. Juni 1934, deren Inhalt den Tatbestand der Ehrenbeleidigung nach § 48S, St.-G.-B., begründet, jene Sorgfalt vernachlässigt, bei deren pflichtgemäßer Anwendung die Aufnahme des strafbaren Inhaltes unterblieben wäre. Er hat hiedurch die Uebertretung nach § 30 Pr.-G. begangen und wird nach dieser Gesetzesstelle zu einer Geldstrafe von S 50.— (fünfzig), im Nichteinbringlichkeitsfalle zu 48 Stunden Arrest und gemäß § 389, St.-P.-O., zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens verurteilt. Der angeklagte Oskar Hirschfeld wird ferner gemäß § 43/1. Pr.-G., verpflichtet, dieses Urteil in der ersten oder zweiten Nummer der Zeitung „Die Wahrheit", die nach Rechtskraft dieses Urteils erscheinen wird, in der im § 23, Pr.-G., vorgeschriebenen Weise zu veröffentlichen, widrigens die genannte Zeitung nicht mehr erscheinen dürfte. Der Antrag auf Veröffentlichung des Urteils in der Zeitung „Der Stürmer" gemäß § 43/2, Pr.-G.. wird abgewiesen. Strafbez.-Ger. I in Wien. Dr. Coulon m. p.. Dr. Kunze m. P» Schriftführer. Richter.

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