Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 28 (6.7.1934)
- Date
- 1934-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dfe6er Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Jüdische Die HUrU mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Brschemt jeden Freitag MlIM^ Redaktion und Administration; Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 6. Juli 1934 Nummer 28 „Dieses war der Die Nazi-Kampagne gegen die Miesmacher und Kritikaster im Dritten Reiche hat mit einem überraschenden Schlußeffekt ihr vorläufiges, höchst sensadfionejles Ende gefunden. Statt, wie allgemein befürchtet worden war, in einen Judenpogrom auszuarten, kehrte sich die- Bewegung ebenso plötzlich wie unerwartet gegen die eigentlichen Träger und berufsmäßig beflissenen Verbreiter revolutionärer Unzufriedenheit, deren Beschäftigung von allem Anfang an bis zu ihrem jetzigen Ende darin bestand, Haß und Zwietracht in die deutsche Bevölkerung zu tragen und die Unruhe ständig zu schüren und aufrechtzuerhalten: die nationalsozialistischen Braunhemdenprätorianer und besonders deren Führer. Die Gründung dieser Hitler-Armee entsprang ebensowenig einem originellen Gedanken wie das gesamte übrige nationalsozialistische Geistesgut. Erst mußte Mussolini mit seinen Schwarz hemden die Bühne der Weltgeschichte betreten, damit der ehrgeizige Mann aus Braunau auf die Idee verfallen konnte, eine B r a u n hemdenschar als Instrument seiner diktatorischen Gelüste zu schaffen. Dank der den Reichsdeutschen innewohnenden Freude am Uniformtragen und militärischen Drill fand diese Neugründung bald Zulauf. Elemente, die in den schon vorher diesem Hang zum Soldatenspielen Rechnung tragenden Formationen von rechts („Stahlhelm") und links (,:Reichsbanner Schwarz-rot-gold ) aus Gründen der Moral und Reinlichkeit nicht geduldet worden wären, sammelten sich begeistert in den wehrhaften Kaders der braunen „Sturmabteilungen". Nichts charakterisiert das sittliche Niveau dieser Garde, deren erste Heldentaten die Schändung jüdischer Friedhöfe waren, besser, als die Tatsache, daß der vom Schandlohn einer Straßendirne lebende, in einer typischen Zuhälterrauferei erstochene Horst Wessel zu ihrem repräsentativen Helden avancieren konnte . . . Einer so edlen Schar waren die ihr zur Ausbildung vorgesetzten Führer zum Teil sehr würdig. Es berührt höchst sonderbar, wenn sich jetzt der „Völkische Beobachter" darüber entrüstet, daß der als früherer Fememörder und späterer Polizeipräsident von Breslau gleich berüchtigte Heines bei seiner Verhaftung von Hitler in einer sehr verfänglichen Situation ertappt wurde. Die abnormale Veranlagung dieses und anderer S.-A.-Führer war ja seit langem bekannt und dasselbe Blatt, das jetzt der aus rein politischen Gründen erfolgten Absetzung solch merkwürdiger Jugenderzieher ein sittliches Mäntelchen umzuhängen versucht, hat in früheren Zeiten auf anzügliche Bemerkungen der gegnerischen Presse ganz offen geantwortet, daß die nationalsozialistische Partei es ablehne, ihre Führer mit dem philiströsen Maßstab der allgemeinen Moral zu messen, sondern ihre eigenen Ehrbegriffe habe. Und diese eigene Moral hat ja nach Hitlers Machtergreifung sogar ihre rechtliche Anerkennung* durch die staatliche Gesetzgebung gefunden, als dekretiert wurde, daß Verbrechen, die aus „nationaler" Begeisterung vollbracht würden, straffrei bleiben sollten, während anderseits jede Bedrohung eines S.-A.-Mannes, sei es auch im Drange der Notwehr, mit der erste Streich . . . Todesstrafe zu ahnden sei. Und vielleicht ist dieses Gesetz schuld an dem ungewöhnlichen Vorgang, daß die Degradierung und Verhaftung der in Mißgunst gefallenen S.-A.-Häuptlinge von Hitler persönlich vorgenommen wurde. Denn jeder andere hätte angesichts des noch in Rechtskraft stehenden zitierten Gesetzes fürchten müssen, daß er durch Handanlegen an irgendwelche Mitglieder der sakrosankten S.-A. sein eigenes Leben verwirke .... Jetzt scheint Hitler allerdings beflissen, die bevorrechtete Stellung der S.-A. nicht nur zu beseitigen, sondern geradezu in ihr striktes Gegenteil zu verwandeln, so wenn er anordnet, daß Vergehen von S.-A.-Mannen statt wie bisher milder, in Hinkunft noch strenger zu bestrafen seien als die anderer Leute. Die sittliche Entrüstung, die der Osaf bei dieser Gelegenheit gegen die in Ungnade gefallene Parteigarde laut werden läßt, erscheint aber nicht ganz echt. Denn all das, was er den Stabsführern vorwirft: daß sie sich auf Regimentskosten luxuriöse Autos anschafften, sich öffentlich betranken und wüste Ausschreitungen begingen, konnte dem obersten Führer unmöglich so lange verborgen bleiben, daß er sich erst jetzt — buchstäblich über Nacht — zur Abstellung dieser Mißbräuche entschloß. Und wenn er die strengste Anwendung des auf Unzucht wideir die Natur bezüglichen Strafgesetzparagraphen fordert, damit jede Mutter ihren Sohn der S.-A. anvertrauen könne, ohne dessen sittliche Gefährdung befürchten zu müssen, so ist darauf hinzuweisen, daß nicht nur sexuelle Verfehlungen, sondern auch Anleitung zu Friedhofschändungen und viehischer Mißhandlung wehrloser Gegner eine schwere Gefährdung der Moral bedeuten und daß es noch genug deutsche Mütter gibt, die ihre Kinder nicht bloß vor dem abnormalen Lieb es leben der S.-A., sondern nicht minder vor der Infizierung mit deren normalen H a ß instinkten rassischer und konfessioneller Natur bewahrt wissen wollen. Hitler müßte also den moralischen Eingriff wesentlich tiefer führen, wenn ihm um eine Erhöhung der Anziehungskraft der S.-A. auf anständige Elemente zu tun ist. Liegt ihm aber wirklich so viel daran? Die Umwandlung der S.-A. aus einer in strafrechtlicher Beziehung liebevoll geschützten „Körperschaft des öffentlichen Rechtes" in eine von besonders strenger Verfolgung bedrohte Beobachtungszelle kann deren Anziehungskraft nur schwächen — und wahrscheinlich ist gerade das die Absicht Hitlers. Die Gründe liegen klar zutage. Die S.-A. war naturgemäß zu einem Sammelpunkt politischer Streber geworden, die ihre Versorgung durch die Partei anstrebten. Die einen wollten an die Krippe gelangen, die andern, denen dies schon gelungen war, gierten nach Aufstieg in glänzendere Positionen. Hitler war bei der Erfüllung dieser hochgespannten Wünsche nicht kleinlich. Als er zur Macht kam, hat er Aemter und Würden freigebig unter seinen Freunden verteilt. Von pedantischen Bedenken hinsichtlich ihrer sachlichen und moralischen Eignung hat er sich dabei absolut freigehalten. Aber die größte Freigebigkeit findet schließlich eine Grenze in der Rasiere Didi gnt und Billig Ocsterrelchiscncs Qaailtäts r abruft Ueberau erhältlich Beschränktheit der Mittel. Die Verdrängung der Juden und Judenstämmlinge aus den staatlichen Aemtern und privatwirtschaftlichen Stellungen hat nicht ausgereicht, um allen nationalsozialistischen Ehrgeizlingen einen Sitz an der gedeckten Tafel freizumachen. Es entstand ein Gedränge, in dem die niedrigen Parteimitgliedsnummern der alten Garde den hohen Nummern der erst vom politischen Erfolg Angelockten im Wege standen. Dieses Gedränge wurde in den letzten Tagen fühlbar beängstigend. Und so machten sich die Führer Luft. Durch die Absetzung und „pflichtgemäße Erschießung" einiger! Arritviefrten, die durch ihre Amts- und Lebensführung böses Blut gemacht hatten, wurde einerseits Platz für solche Pg. geschaffen, die auf Belohnung ihrer Parteitreue schon allzulang hatten warten müssen, wie Lutze, der Nachfolger Röhms, anderseits auf die Nachdrängenden abschreckend und ernüchternd eingewirkt. Man erhofft sich davon ein Nachlassen des Runs auf die Staatskrippe. Diese schlaue, wenn auch brutale Taktik als eine Austragung geistig fundierter politischer Gegensätze zu werten, bedeutet eine gewaltige Ueberschätzung der im Nazi-Lager wirksamen spirituellen Kräfte. Trotzdem wird es versucht. Man spricht von einer Niederwerfung der sozialistischen Richtung innerhalb der Partei. Ausgerechnet die Wüstlinge, denen Hitler Vorliebe für Luxusautos, für Völlerei und andere Orgien vorwirft, sollen als Märtyrer eines sozialistischen Fanatismus gelten! Wie lächerlich! Ebenso ungerecht ist wohl die Hineinziehung des Generals Schleicher in diese „Sozialisten"-Verschwörung. Um mit Leuten wie Rohm und Heines in Verbindung zu treten, hätte Schleicher seinen ausgeprägten Reinlichkeitssinn, der ihm als Reichskanzler zum Verhängnis geworden war, jetzt verleugnen müssen. Bekanntlich hat sich Schleicher als Regierungschef dadurch unmöglich gemacht, daß er den schmutzigen „Osthilfe"-Skandal enthüllte. Hitler hat, um sein Nachfolger zu werden, diesen Skandal gedeckt. Er hat es mit seinem „Antikorruptionsprogramm" vereinbar gefunden, dazu zu schweigen, daß die Staatsgelder für die Osthilfe statt armen Pächtern den reichen Junkern zuflössen. Schleicher war ein unbequemer, politisch gefährlicher Mitwisser dieses Geheimnisses. Es war ihm schon lange bestimmt, bei der ersten Gelegenheit beseitigt zu werden. Diese Gelegenheit war jetzt da. Wenn man gerade „pflichtgemäß" etliche alte Parteifreunde erschießen muß, geht die Vernichtung von Parteigegnern schon in einem Aufwaschen. Darum mußte auch der Prä-