Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 27 (29.6.1934)
- Date
- 1934-06-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 6 DIE WAHRHEIT Wien L, Seitenstettengasse 2, Tel. D 28-1-28 XI-, ZentnOMedhot, Uta im I. I», TeL U18-0-85 Keine antijüdischen Exzesse mehr in Polen. In den letzten Tagen kam es in Polen nicht mehr zu antijüdischen Ausschreitungen, wie sie seit mehreren Monaten die jüdische Bevölkerung in Panik versetzten. Die Verhaftungen in den Lagern der Antisemiten dauern an, hingegen wurde in Mokatew der junge Jude Schlomo Frimer. der während der dortigen antijüdischen Unruhen verhaftet worden war, freigelassen, nachdem sich herausstellte, daü er, der einen Huligan verletzte, in Selbstwehr gehandelt hat In Lodz wurde Stanislaw Grecik. der im Jänner an antisemitischen Unruhen teilgenommen-hat. zu acht Monaten Gefängnis verurteilt Das Warschauer Kreisgericht verurteilte Sigmunt Radziminski, Mitglied der aufgelösten Nazi-Partei, der den Präsidenten Moscicki und den Marschall Pilsudski in einer Versammlung der Nazis als „Schabbes Gojim" bezeichnete, zu einem Jahr Gefängnis." Ueber Anordnung der Gerichtsbehörden wurde das Weitererscheinen des Organs der radikal-nationalen Partei „Sztafeta" wegen Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung eingestellt. „Sztafeta". die seSt mehr als einem Monat als Tageszeitung erschien, betrieb eine radau-antisemitische Propaganda, verbreitete blutrünstige Legenden über die Juden und forderte deren vollständige Entrechtung. Der Bischof von Sandomir predigte in einigen Orten seiner Diözese gegen Judenverfolgung und Rassenhaß. * Wachsende Pauperisierung der jüdischen Bevölkerung. In dem Organ des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts „IWI-Blätter" bringt Jacob Lestschinski Tatsachen aber die fortschreitende Verarmung der jüdischen Bevölkerung in Polen auf Grund der Steuerlisten der jüdischen Gemeinden. Er kommt zu folgendem Schluß: Die jüdische Bevölkerung setzt sich mindestens zu drei Vierteln oder gar vier Fünfteln aus vollkommen Mittellosen zusammen!, die keine Kultusgemeindesteuern oder höchstens von fünf bis zehn Zloty jährlich zahlen können. Die „vermögende Spitze der jüdischen sozialen Pyramide" macht höchstens ein Prozent zusammen mit den mittleren gesicherten Existenzen kaum fünf Prozent der jüdischen Bevölkerung aus. Es folgt eine kaum das Lebensminimum verdienende Mittelschicht von etwa fünfzehn Prozent an diese schließt sich die Masse der ganz Verarmten von etwa achtzig Prozent an. Die bemittelte Schicht und die Mittelschicht schrumpfen aber immer mehr zusammen. Die Büchtüngs-Hilfsaktion. In Paris fand soeben eine Sitzung des aus den Vertretern der Privatorganisationen bestehenden Beirats behn Oberkomnrissariat für Auswandererfürsoge statt Oberkommissar James G. MacDonald konnte an den Beratungen nicht teilnehmen, da er sich zur Unterstützung der in Amerika durchgeführten Werbeaktion noch in den Vereinigten Staaten befand und eben erst die Rückreise angetreten hat. Die Besprechungen in Paris galten vor allem der Prüfung von Möglichkeiten, Auswanderer in Südamerika seßhaft zu machen. An der Aussprache beteiligten sich der Vorsitzende des Board of Deputies Neville Laski, Max Gottschalk, Antwerpen, Robert de Rothschild, Paris, der europäische Direktor des American Joint Distribution Committee Dr. Bernhard Kahn, der Generaldirektor der Jewish Colonisation Association (JCA) Louis Oungre und der Vorsitzende des Comite des Delegations Juives Dr. Nahum Goldmann. Es wurden keiue Beschlüsse gefaßt sondern nur Vorschläge ausgearbeitet die auf der nächsten in etwa zwei Monaten stattfindenden Sitzung weiter behandelt werden sollen. * Der Gouverneur des Staates New- York, Herbert Lehman, bekanntlich ein Jude, erließ einen Appell an Juden und Christen, den United Jewish Appeal zugunsten der depossedierten und der aus ihrer Heimat hinausgestoßenen deutschen Juden zu unterstützen. Herbert Lehman erklärt: Die Teilnahme der Welt an dem Schicksal der nngiürirhchen deutschen Juden bedeute einen Schlag Segen jene frevlerischen Mächte, die Haß und Ungleichheit heraufbeschwören und die Gerechtigkeit verleugnen. Lehman hob den Anteil der Juden an dem Aufbau Deutschlands hervor, schilderte die Leiden der Juden in Deutschland und der Juden, die ihre Heimat verlassen mußten, und rahmte das Werk des Hochkommissars James Mac- Donald. Der Verein Auslandstudienhille, IV.. Karlsgasse 1, teilt uns mit, daß er alljährlich, insbesondere aus Ungarn und aas der Tschechoslowakei Anfragen betreffend streng ritueller Famäien, die Kinder als zahlende Gäste für den Sommer aufnehmen würden, erhält Er bittet uns darauf zu verweisen, daß er sich mft der Placierung Jugendlicher zum Zwecke der Erlernung einer Fremdsprache befaßt und solche Anfragen bei ihm aufliegen. Streng SEE FE LD (TIROL) 1200 Meter Einzigartiger Höhenkurort, intensivste Höhensonne, Wintersport, Pension 6e8Cfawisier Scheer, im Hotel Hocnalm, bekannt erstklassige Verpflegung, mäßige Preise, Fahrpreisermäßigung. Aus der braunen Hölle. Hitlers Intimus und Presse-Chef Dr. Hanfs t ä n g 1 erklärte Pressevertretern gegenüber bei seinem Eintreffen «n New York, die Lage der Juden in Deutschland sei „durchaus normal", man solle anderslautenden Meldungen keinen Glauben schenken. Hier ein paar „anderslautende Meldungen": Seit einigen Tagen findet sich in den deutschen Blättern folgende Kundmachung: „Der Deutsche Glasversicherungsverband macht auf die wirtschaftlichen Folgen aufmerksam, die entstehen, wenn in vereinzelten Fällen die Fensterscheiben großer Finnen eingeschlagen würden. Beim Einwerfen von Fensterscheiben jüdischer Geschäfte würden nicht die Geschäftsinhaber geschädigt, sondern die deutschen Versicherungsgesellschafte ri." * Laut „Nürnberger Zeitung" erklärte Gaupropagandaleiter Holtz in einer Versammlung der Warenhaus-Angestellten zum Thema „Der Jude im Warenhaus": Oberstes Gesetz der Regierung ist die Sorge für den deutschen Menschen. Der Warenhaus-Jude aber solle, wenn sein Umsatz zurückgegangen sei, eben das früher verdiente Geld zusetzen. Es wird nie geduldet werden, daß der Jude aus Profitgier arisches Personal entläßt. Selbst der Versuch dazu würde als ein Boykott an dem Werk Hitlers geahndet werden. Der Kampf in Franken gegen die Juden werde nie aufhören, bis der. letzte Jude das Land verlassen hat. Wie das Deutsche Nachrichtenbüro meldet, hat das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin auf Grund des Gesetzes über drie Einziehung kommunistischen, bzw. volksfeindlichen Vermögens das Vermögen einschließlich des Schriften- und Büromaterials des Bundes jüdischer Arbeitnehmer mit seinen Unter- und Nebenorganisationen zugunsten des preußischen Staates eingezogen. Der Bund jüdischer Arbeitnehmer hatte nie etwas mit Politik," am wenigsten''mir" Kommunismus zu tun; er wurde zur Wahrnehmung der Interessen erwerbender und erwerbsloser jüdischer Arbeitnehmer gebildet als die allgemeinen Arbeitnehmerverbände zum Ausschluß der Juden übergegangen waren. Daß in der offiziellen Meldung auf die Beschlagnahme des Schriften- und Büromaterials des Bundes Nachdruck gelegt wird, beweist nur, daß bei dem armen Bund sonst nicht viel an „Vermögen" zu holen war. Die Meldung wurde anscheinend nur darum in die Welt gesetzt, um die jüdische Arbeitnehmerschaft vor dem In- und dem Auslande zu diffamieren. „News Chronicle" teilt mit, daß ein bekannter deutscher Verlag, der es übernommen hat, eine deutsche Ausgabe von Derek Walker-Smiths Buch . Lord Reading and His Cases" deutsch herauszugeben, nunmehr dem Londoner Verlag, der das Buch englisch herausbrachte, mitgeteilt hat daß er nicht in der Lage sei, die deutsche Ausgabe zu veranstalten und vom Vertrag zurücktreten müsse. Zur Begründung führt der deutsche Verlag an, es sei für einen deutschen Verleger jeut unmöglich, ein Buch über einen bekannten Juden 'herauszugeben; es würden ihm hieraus zweifellos Schwierigkeiten erwachsen. Um Stavskys Unschuld. Ueberau in Palästina wurde ein Plakat angeschlagen, in dem ein Aufruf palästinensischer Rabbiner an den Jischuw im Zusammenhang mit dem Fall Stavsky gerichtet wird. Gestützt auf das freisprechende Votum Richter de Valeros fordern 16 führende palästinensische Rabbiner, an ihrer Spitze Oberrabbiner Kook, Oberrabbiner Jacob Meir und Rabbi Usiel, den Jischuw auf, an der Herbeiführung eines Freispruchs Stavskys mitzuhelfen. „Wir bezeugen vor Gott und den Menschen", heißt es in dem Aufruf, „daß Stavsky mit dem Arlosoroff-Mord nichts zu tun hat" Der Hauptverteidiger im Arlosoroff-Prozeß Horace Samuel ist an Blinddarmentzündung erkrankt und mußte sich einer Operation unterziehen. Mit Rücksicht auf die Erkrankung des Verteidigers wird das Berufungsverfahren zur Revision des Urteils gegen Abraham Stavsky nicht vor Mitte Juli eröffnet werden können. Vorläufig sind vereidigte Gerichtsübersetzer damit beschäftigt, die Zeugenaussagen ins Arabische zu übertragen, da dem Berufs'senat zwei arabische Richter angehören. ■ 1 Kinder ins Gebirge I [ ■ ■ DasaltrenommierteFerienheimWienerbrncka.d.Mariazeller-; 5 bahn, 800 m Seehöhe, unter Leitung derbekannten Pädagogin S; Elly Rothwein, nimmt Kinder im Alter von 3—15 Jahren. ■ Erstklassige Referenzen, mäßige Preise. Anmeldung Kinder- »; heim Elly Rotwein,vn.,MariahiHerstr.72/l7,Tel.B36-0-S2 S Ein „Verschwörerprozeß" in Jaffa. Abba Achi-Meir und Dr. Yevin, beide Führer der revisionistischen Jugendbewegung in Palästina, hatten sich An der Vorwoche mit fünf anderen jungen Revisionisten vor dem Jaffaer Distriktsgericht wegen der Zugehörigkeit zu einer illegalen Geheimorganisation, die den Namen „Brith Habirjonim" führt, zu verantworten. Die Anklage wurde auf Grund der Verordnung betreffend aufrührerisches Verhalten vom Jahre 1929, die im Zusammenhang mit der damaligen arabischen antijüdischen Revolte in Kraft gesetzt wurde, erhoben; die Verordnung sieht Gefängnisstrafen bis zu drei Jahren vor. Sie betrifft u. a. auch die Mitgliedschaft bei einer gesetzlich nicht erlaubten Gesellschaft und Verschwörung zur Stürzung der Palästina-Regierung, gewaltsamen Aenderung der Verfassung des Landes, Anstiftung: von Feindseligkeit zwischen den einzelnen Klassen oder Teilen der Bevölkerung und Besitz aufrührerischer Dokumente. Im August 1933, in der nach dem Mord an Dr. Arlosoroff noch bewegten Atmosphäre in Palästina, wurde ein Lokal, in dem insgesamt 14 Revisionisten eine Beratung abhielten, von Polizei umzingelt; sämtliche Teilnehmer an der Beratung wurden verhaftet. Im Oktober 1933, nach Beendigung des Vorverfahrens vor dem Polizeioberrichter Bodilly, wurden sieben der Verhafteten freigelassen, gegen die anderen sieben, an der Spitze Achi-Meir, wurde Anklage vor Gericht erhoben. Am 19. Juni wurde das Urteil verkündet. Der Hauptangeklagte Abbä Achi-Meir wurde wegen Geheimbündelei zu 21 Monaten Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilt. Der. Richter bemerkte, daß es sich hier um die gesetzliche Mindeststrafe behandelt und daß bei-der Bemessung des Strafausmaßes die Untersuchungshaft berücksichtigt wurde. Von den übrigen Angeklagten wurden Chaim Dwiri zu 15 Monaten Gefängnis und Zwangsarbeit, Jacob Orenstein zu 9 Monaten einfachem Gefängnis und Josua Lichter zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Mosche Svorai wurde freigesprochen. Das Urteil gegen Dr. Yevin wird mit Rücksicht darauf, daß dieser durch Krankheit verhandlungsunfähig ist, erstindernäc liste n W o c h e v e r k ü nd e t werden.. Palästina-Nachrichten. Der vor kurzem angekündigte Austritt des Misrachi aus dem Waad Leumi ist nunmehr offiziell vollzogen worden. In einem Communique begründet Misrachi seinen Schritt damit, das es der Assefath Haniwcharim nicht gelungen sei, einen Weg zufinden, um alle Teile des Jischuw in der Knesseth Israel zu vereinigen, und daß der Waad Leumi vollständig unter der Kontrolle der Hista? d r u t h (Verband der jüdischen Arbeiterschaft) stehe. * Die Einwohner des deutschen Dorfes Sarona bei Tel Aviv haben beschlossen, an Juden keine Zimmer zu vermieten. Zwei Juden aus Tel Aviv, die auf Einladung des Vortragenden, eines afrikanischen Deutschen, einem Vortrag in Sarona beiwohnen wollten, wurden durch die Haltung des Publikums genötigt, sich wieder zu entfernen. Das deutsche Dorf Sarona ist durch die Entwicklung Tel Avivs zu großem Wohlstand gelangt, da die Kolonisten von Sarona in Tel Aviv ihre Nahrungsmittelprodukte absetzen und an Juden Boden zu teueren Preisen verkaufen. * Wie die Messeleitung der vor kurzem geschlossenen Tel Aviver Levante-Messe mitteilt, wurden während der 40täg9gen Dauer der Ausstellung Käufe und Verkäufe im Werte von etwa einer Million Pfund getätigt Die Organisierung der Messe hat Investitionen in der Höhe von 150.000 Pfund erforderlich gemacht. ♦ In Tel Aviv soll ein hebräisches technologisches Institut, errichtet werden. Das Budget des Instituts soll nach dem soeben veröffentlichten Organisationsplan jährlich 30.000 Pfund betragen. An der Spitze des Kuratoriums des geplanten Instituts werden der Bürgermeister von Tel Aviv Dizengoff und der Vizebürgermeister J. Rokeach stehea