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Die Wahrheit · 1934-06-29 · Heft 27 (29.6.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 27 (29.6.1934)
Date
1934-06-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Reidisvertretting der deutschen Juden spricht. Unter Leitung des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglieds der Reichsvertretung der deutschen Juden Direktor Heinrich Stahl fand am 14. Juni in der Synagoge Fasanenstraße einß e m e i n d ea b e nd statt, der der Aufgabe gewidmet war. Wirken und Ziele der Reichsvertretung einem weiten Kreise von Gemeindeangehörigen vertraut zu machen und das Bewußtsein der Verpflichtung, den in der Arbeit dieser repräsentativen Körperschaft zum Ausdruck kommenden Einheitswillen des deutschen Judentums auch im Verhalten der Gruppen und der Einzelnen zu bekunden, in der jüdischen Bevölkerung zu vertiefen. Nach einleitenden Worten von Direktor Stahl betonte Dr. Julius L. SeSiesohn, die Bedrängnis, in die die deutschen Juden geraten seien, rühre in noch stärkerem Maße als von den auf fast jedem Einzelnen lastenden Sorgen materieller Art von der seelischen Not her, die das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, mit sich bringt Unjüdisch wäre es, die Schuld für Ereignisse, die eine so schwere Prüfung bedeuten, außerhalb der jüdischen Reihen zu suchen. Wohl hat das deutsche Judentum in Krieg, und! Frieden dem deutschen Vaterland *n tiefer Verbundenheit gedient; es hat durch Männer wie den Schöpfer der tiapag Albert Baiti'n und den Gründer der A. E. G. Emil Rathenau zur Entwicklung der deutschen Wirtschaft, durch zahlreiche hervorragende Vertreter der Wissenschaft und der Kunst zur Bereicherung des deutschen Geisteslebens und durch große Leistungen auf dem Gebiet der sozialen Wohlfahrt zur Linderung allgemeiner Not in großem Maße beigetragen und kann mit Stolz auf seine freudige Bereitschaft hinweisen, das Vaterland, wenn es ruft, auch mit dem Einsatz des Lebens zu schützen, wofür die 12.000 Gefallenen des deutschen Heeres Blutzeugen sind; es weiß sein Gewissen rein, was die Pflichterfüllung dem Vaterland gegenüber betrifft Aber es kann sich nicht von der Schuld freisprechen, jüdisches Wesen und jüdisches Wissen im Zusammenhang mit der Entwicklung der letzten Jahrzehnte nicht in demselben Maße gepflegt zu haben wie die Güter der deutschen Kultur. Hier tue echte Ein- und Rückkehr not Ein Anzeichen der einsetzenden Wandlung, fuhr der Redner fort, sei die Bildung der Reichs Vertretung, die den Einheitswillen der deutschen Juden verkörpern soll. An ihrer Spitze stehen Männer wie Rabbiner Baeck, der allgemeine Verehrung seitens der jüdischen Kreise aller Richtungen innerhalb und außerhalb Deutschlands genießt und dessen Autorität allgemein anerkannt wird, und Dr. Otto Hirsch, der in seiner Persönlichkeit die Verwurzelung des deutschen Juden in Judentum und Heimat verkörpert. Die Reichsvertretung verkennt nicht, daß es aus mancherlei Ursachen vielen deutschen Juden nicht möglich sein wird, innerhalb des deutschen Vaterlandes ihre künftige Existenz zu finden. In Zusammenarbeit mit dem Palästina-Amt der Jewish Agency und dem Hilfsverein der deutschen Juden wirkt sie an der Erschließung neuer Lebensmöglichkeiten in Palästina und anderen Ländern mit Ihre Hauptarbeit aber gilt der Erhaltung deutschen Judentums auf deutscher Erde. Das Deutschland, das wir lieben, wird auch das Land und Vaterland unserer Kinder sein! Einen Ueberblick über die Tätigkeit der Reichsvertretung in den ersten neun Monaten ihres Bestehens, über ihre Arbeitsgebiete und die für die Durchführung ihrer Aufgaben maßgebenden Methoden gab der Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses, Ministerialrat i. R. Dr. Otto Hirsch. Die Aufgabe der Reichsvertretung sei eine doppelte: Zusammenfassung aller Kräfte im Inneren und .Vertretung nach außen gegenüber den staatlichen Stellen. Steht die Arbeit nach innen unter dem G ebot der Gemeinschaft, so wird sie nach außen von dem Gebot der Würde beherrscht. Viel schwerer als unter der durch wirtschaftliche Aenderungen und Verschiebungen bedingten Unsicherheit der materiellen Existenz leiden die deutschen Juden unter den Vorwürfen, die gegen sie wegen ihres Glaubens und ihrer Abstammung, ihrer Religion und ihrer Rasse gerichtet werden. Die Reichsvertretung werde es auch in Zukunft als ihre Aufgabe betrachten, jeder Diffamierung der jüdischen Gemeinschaft entgegenzutreten, weil diese Gemeinschaft sich nicht minderwertig fühlt und nicht minderwertig schelten lassen kann. Würde sei geboten im Auftreten des Einzelnen und der Gesamtheit. Der Gemeindevorsitzende Direktor Heinrich Stahl richtete an die Zuhörer den Appell, in dieser schweren Zeit die Einigkeit, die von der Reichsvertretung proklamiert wird, vor allem auch in der Gemeinde zu wahren und auf die Jugend dahin einzuwirken, daß alles vermieden werde, was Konflikte verschärfen und der Oeffentlichkeit einen unerfreulichen Eindruck von jüdischem Gemeinschaftsleben vermitteln könnte. Die Ausführungen der Redner machten auf die Zuhörer, die das große Gotteshaus dicht füllten, einen tiefen Eindruck. Herzu. rraaenbeinmd! Talzmannsdorlj {Burgeniand) | 2 Mineral-, Moor- und natürliche Kohlen- S 2 säuresprudelbäder. Billiger Pensionspreis: inklusive Heilbäder. — Auskünfte und Prospekte: Kur-! Idirektion oder Kurkommission, Bad Tatzmanns-! idorf, Burgenland, und in allen Fremdenverkehrsbüros.: S Zwei rituelle Restaurants. 5 t.....................................................................4 Abschied von Palenberg. In das Gedächtnis vieler tausender Theaterbesucher prägte er sich ein als Johann Nepomuk Zawadil in dem unbedeutenden Schwank „Familie Schimek", mit dem er vielleicht 20 Jahre langTialb Europa beredst hat. Mit fuchsroter Perücke und urkomisch geschultertem Regenschirm bot er das Bild eines Spießers, der hinter einer frechen und nicht totzukriegenden Schnauze ein goldenes Herz verbirgt. Damals fielen einer breiteren Oeffentlichkeit zuerst die Elemente Pallenbergischer Spräche auf, sein eigentümlich krächzender Ton verbunden mit unglaublichster Wortverdrehung. Dieses Spiel mit Worten, dieses Wortjonglieren muß man aus Pallenbergs jüdischer Abstammung herleiten. Das Wort war den Juden Jahrhunderte lang so sehr das Heiligste, daß man sich von der übertriebenen Wortverehruug nur durch eine Wortverhöhung freimachen konnte. Daher ist auch der typisch jüdische Witz fast ausschließlich ein Wortwitz, während der befreiende, teils behagliche, teils groteske (z. B. amerikanische), manchmal freilich auch stupide Humor den Gegenpol bezeichnet. Damit stimmt überein, daß man oftmals, wenn man über Pallenberg lachte, zugleich einen leisen Unterton von Tragik ,zu spüren vermeinte, denn hinter dem jüdischen Witz schlummert die Angst vor der Welt. Und nun ist das Lachen verstummt, allein die Tragik geblieben. Nationalismus and Christentum. In der am 21. Juni abgehaltenen Festsitzungdes rumänischen Parlaments, in der der < »che Außenminister Barthou zumFh ä .ürger Rumäniens proklamiert wurüe, hielten die Parteiführer Ansprachen, in denen sie die Verbundenheit Rumäniens mit Frankreich zum Ausdruck brachten. Der Führer der antisemitischen Liga für national-christliche Verteidigung Prof. A. C. C u z a benutzte diese Gelegenheit zu einem judenfeindlichen Ausfall, indem er Barthou als Vertreter des nationalistischen und christlichen Frankreichs begrüßte und gegen die angebliche jüdische Herrschaft in Europa loszog. Er schloß seine Rede mit den Worten: „Es lebe das christliche und nationalistische Frankreich!" Diese Ausfälle Cuzas wurden von Barthou in der Rede, mit der er für die Verleihung des Ehrenbürgerrechts dankte, entschieden zurückgewiesen. Der französische Außenminister erklärte, er sei Nationalist und Christ, Nationalist im besten Sinne des Wortes, denn er fordere die Achtung vor den Gesetzen, die der Verteidigung der nationalen Rechte dienen, aber auch die Achtung vor den Rechten aller unterdrückten Völker. Er sei Christ und Katholik in seinem Herzen und verlange daher, daß die freie Ausübung des Glaubensbekenntnisses jeder Religion respektiert werde. * Der Bischof der evangelischen Landeskirche Rumäniens D. G1 o n d y s, der eine Inspektionsreise durch die Süd-Bukowina unternimmt, wurde in dem Badeort Vatra Dornei (Dorna) von allen Teilen der Bevölkerung und auch von der Judenschaft begrüßt Auf die Ansprache des Vertreters der jüdischen Gemeinde Dr. Dollberg erwiderte Bischof Glondys: „Die christliche und die jüdische Religion stehen in inneren Beziehungen zu einander. Das Alte Testament ist für uns Heilige Schrift und Offenbarung des Allmächtigen. Wir alle stehen unter Gottes Schutz. Ich erwidere Ihnen auf den Schalom-Gruß mit den Worten aus dem Alten Testament: „Der Herr segne Euch und behüte Euch, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Euch und mache Euch fruchtbar. Der Herr erhebe sein Angesicht über Euch und gebe Euch Frieden!" Wir wollen nicht Klüfte zwischen den Menschen aufreißen, sondern Brücken, bauen. Ich würde mich freuen, wenn die :-Trübungen überwunden werden, könnten." * * * Für Rechtsgleichheit aller Staatsbürger. Auf dem Kongreß der Czernowitzer Bezirksorganisation der nationalzaranistischen Partei, jetzt vereinigt mit der Partei Dr. Lupus, sprachen sich der frühere Minister Dr. Sauciuc-Saveanu und die meisten anderen Redner für die Rechtsgleichheit aller Staatsbürger aus. Der neugewählte Präsident der Bezirksorganisation Dimitrie Moldova n erklärte, es sei ein Fehler, daß die Juden sich politisch separieren und eine jüdischnationale Partei bilden, sie täten besser, den im Lande bestehenden rumänischen Ordnungsparteien beizutreten. Das rumänische Volk ist tolerant gegenüber den Minderheiten. $ Der Distrikt Bukowina der ..Union rumanischer Juden" hat dem Ministerrat während seiner Tagung in Czernowitz ein Memorandum überreicht, in dem unter anderen der Standpunkt der Union zum Gesetze über Schutz der nationalen Arbeit präzisiert wird. Das Memorandum wendet sich gegen die von mancher Seite beabsichtigte Stellung der Juden unter die Kategorie „Fremde". Es heißt dann weiter: „Die Bukowinaer Juden zählen zu den Autochthonen des Landes. Ein Teil derselben leitet seine Abstammung von altdacischen Juden her. Selbst die Juden, die nach der österreichischen Okkupation aus West und Ost in die Bukowina kamen, sind seit 160 Jahren im Lande ansässig und haben zum Wachstum und Wohlstand des Landes beigetragen; ihre Nachkommen können keinesfalls als „Fremde" angesehen werden. Die Bukowinaer Juden sind beim Heimfall der Bukowina an das Mutterland Groß-Rumänien als Vollbürger in die neue staatliche Ordnung eingetreten und haben sich mit Liebe den Interessen des neuen Vaterlandes gewidmet." Das Memorandum befaßt sich auch mit der ökonomischen Lage der Juden in den Städten: „Unter der ökonomischen Krise, welche die Bukowina am härtesten betroffen hat, leiden die Juden am meisten. Die Bukowina ist das ärmste Land Rumäniens, und die Aermsten der Armen sind die Juden, insbesondere in den Städten, wo auch die Intellektuellen, von keinem Konvertierungsgesetz noch beschützt, vollständig verelendet sind. Es ist daher unerläßlich, daß ihnen das Recht auf Arbeit erhalten bleibe und alle die Härten, welche in dem Gesetzes-Projekt zum Schutz der nationalen Arbeit die bürgerliche Gleichheit gefährden könnten und zu: der Konstitution in Widerspruch stehen, eliminiert werden." Die Wiener Zionisten haben ein neues blau-weißes Steckenpferd. Das Tierchen heißt „Jüdisch-Kulture 11 er Elte r n b u n d" und wird in allen Wiener Bezirken vorgeritten. Aber schon die Namenl der Vorreiter müssen uns stutzig machen. Es findem sich da von den Kultusvorstehern Dr. Kl aber und Prof. Rath angefangen faslt lauter mehr oder minder gut bekannte zionistische Herrschaften. Der Zweck der Sache ist angeblich der, die jüdische Elternschaft zu sammeln, um sie für das Erziehungswerk der Kultusgemeinde zu interessieren. Das wäre ja ganz löblich, wenn es wirklich nur bei diesem Zweck bleiben' würde. Allein man kennt ja die Methoden der Jüdischnationalen, mit jeder gemeinnützigen Aktion ihre parteiischen Sonderlnteressen zu verquicken. Das ist auch hier der Fall. Schon die Art und We?se, wie den Eltern der Beitritt zu diesem Bunde durch die Lehrer ihrer Kinder „nahegelegt" wird, muß in der heutigen Zeit, da endlich die leidige Politik aus der Schule verschwinden soll, mehr als bedenklich erscheinen. Aber Jn der Wahl ihrer Werbemittel waren die Zionisten ja nie zimperlich. Und so nehmen sie auch keinen Anstand, die Kultusgemeinde und ihre Bezirkskommissionen für diesen doch nur privaten Verein einzuspannen, m der Seitensteittengasse finden dessen Ausschußsitzungen statt, von dort gehen seine zahlreichen kostspieligen Aussendungen hinaus, ohne daß bisher der Kultusvorstand zu der Aktion Stellung genommen und sie gebilligt hätte. Würde es noch eines weiteren Beweises für die vollkommene Einseitigkeit des Bundes bedürfen, so ist sie in einer bezeichnenden Aeußerlichkeät zu finden. Bei dem ersten Vortragsabend des Bundes im Hotel ConrJnerütal, dessen Besuch kaum überwältigend genannt werdein kann, prangte an der Stirnseite des Saales ein blauweißer Mögen David mit dem Bild von Theodor Herzl. Was diese Embleme in der Kundgebung einer angeblich neutralen Organisation zu suchen haben, müssen uns die Zionisten erst erklären. Solange aber all diese Merkwürdigkeiten nicht aufgehellt sind, ist Vorsicht am Platze, die — das sei den Machern des Bundes mit aller Deutlichkeit gesagt — insbesondere von den Unionisten beobachtet werden wird. * * Auf dem Gebiete des Schulwesens der Gemeinde scheinen auch andere parteipolitische Pläne geschmiedet zu werden, wobei man nicht recht

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