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Die Wahrheit · 1934-06-29 · Heft 27 (29.6.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 27 (29.6.1934)
Date
1934-06-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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.: •<--.- y^t-regj^ggtar (ME WAHRHEIT Seite 3 Die verbotene „Ordnung SS "- Die „geistige" Grundlage des Nationalsozialismus ist bekanntlich die Judenfrage. Sie bewegt, wenn man den Beteuerungen der Führer glauben darf, noch heute, trotz der so gründlich durchgeführten Entrechtung der deutschen Juden, die germanischen Gemüter zutiefst. Grund genug, wie man glauben sollte, diese Frage endlich einer gedeihlichen Lösung zuzuführen, also Ordnung in die Judenfrage zu bringen. Pikanterweise wurde jetzt aber gerade das bekannte Buch des gewesenen österreichischen Ministers Czermak „Ordnung in der Judenfrage" in Deutschland verboten. Wie unsere Leser wissen, haben wir dieses Werk nach seinem Erscheinen aufs heftigste bekämpft. Wir teilen durchaus nicht die Auffassung, die anläßlich seines Verbots in Deutschland merkwürdigerweise in der „Wiener Zeitung" vertreten wird, daß es die „gereiften Ansichten eines wirklichen Kenners der Judenfrage" enthält, sondern wiesen das strikte Gegenteil nach: Czermak steht sehr unter dem Einfluß der antisemitischen Ideologie, die nie und nirgends aus dem lebendigen Kontakt mit Juden und Judentum quillt, sondern in der totalen Verkennung all dessen, was wirklich die jüdischen Geister und Herzen beseelt, in völliger Ahnungslosigkeit von den seelischen Kräften, die dem jüdischen Leben seine tatsächlichen Impulse gibt, begründet ist. Hierin gleicht er den Antisemiten aller Richtungen einschließlich der nationalsozialistischen. Aber er zeigt sich doch wenigstens bestrebt, Ordnung in die Angelegenheit zu bringen, und dies läßt seine Schrift, wie sich zeigt, den Hitlerianern, die von einer solchen Ordnung nichts wissen wollen, als g e f ä h r 1 i c h erscheinen. „Sühne" für den Günzenhausener Pogrom. Die Justizpressestelle des Landgerichts Ansbach gibt bekannt: „Als Folge der Ausschreitungen in Günzenhausen am Abend des 25. März 1934 fand in der Zeit vom 11. bis 16. Juni vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Ansbach eine Hauptverhandlung wegen schweren Landiriedehsbrucb.es statt. Gegen 19 Angeklagte wurden Gefängnisstrafen von dreiMonatenbiszuzehnMonaten verhängt. Bei fünf Angeklagten erfolgte Freisprechung, bzw. Einstellung des Verfahrens. Die Hauptverhandlung hat zu der Feststellung geführt, daß die Ursache der beiden Todesfälle Selbstmord (!) gewesen ist." Mehr durften die Zeitungen in Deutschland über den Prozeß nicht berichten. Ueber den Pogrom selbst haben diese Zeitungen bisher kein einziges Wort verloren, die Tatsachen wurden streng geheim gehalten. Als nach den ersten JTA- Meldungen über den Pogrom zwei englische Journalisten sich nach Franken begaben, um etwas Näheres zu erfahren, wurden sie sofort in, H a f t g e n o m m e n, fünf Stunden lang festgehalten und dann fortgeschickt. Als einige Monate später der fränkische Gauleiter Streicher durchreisende englische Journalisten in Nürnberg empfing, sagte er ihnen, sie seien zwar im Reiche des „blutigen Zaren von Franken", aber doch sei hier „keinem Juden ein Haar gekrümmt worden". Es wird niemand kontrollieren können, ob die in Ansbach Verurteilten ihre Strafe absitzen werden; nach den Erfahrungen in Stettin — wo zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilte Nationalsozialisten kurz nach dem Urteil sogar befördert wurden — wird man daran zweifeln müssen. 1 fJxh Am eufuedeu^ mit Munt Huna. JJj Das sagen alle unsere Kunden. «Ihre Möbel sind geschmackvoll und zeigen persönlichen _ Charakter. I Jto&eihaus nun &Uuta*!Bad m IL, Gredlerstraße Nr. 10—1 Minute vom Diana- ||[__ Bad — Femruf A 48-106 Wie das Gericht zu der zweifelsfreien Feststellung gelangte, daß die beiden Gunzenhausener Juden Rosenau und Rosenberg Selbstmord verübten, entzieht sich bei dieser Art des Verfahrens jedem Urteil. Tatsache ist, daß der junge Rosenau am Pogromtage an einem Gartenzaun erhängt und der alte Rosenberg mit tödlichen Stichwunden auf der Straße aufgefunden wurde. Daß die beiden gerade, während die gesamte jüdische Einwohnerschaft von Günzenhausen aus ihren Häusern geholt und durch die Stadt gehetzt wurde, sich öffentliche Schauplätze für den Freitod gewählt hätten, ist menschlichem Ermessen nach nicht anzunehmen. Schicksals tage der Juden in Danzig. Als vor einem Jahr in dem unter Völkerbundprotektorat stehenden Freistaat Danzig als Folge des Ausfalls der Wahlen zum Senat eine n ationalistische Regierung ans Ruder kam, versicherten die Leiter dieser Regierung, daß im Gegensatz zu der Praxis in Reichsdeutschland im Freistaat Danzig eine Dissimilierungund Entrechtung der jüdischen Bevölkerung nicht stattfinden werde. Diese Versicherung wurde in der Folge gegenüber jüdischen Institutionen und Persönlichkeiten Danzigs und des Auslandes wiederholt. Als Protektionsland des Völkerbundes kann Danzig eine Politik der Entrechtung und Unterdrückung einer Bevölkerungsminderheit auch nicht treiben. Heute, da der Danziger nationalsozialistische Senat sich anschickt, in großangelegten Festen und imposanten Umzügen, in Ansprachen und Erklärungen das Jubiläum des einjährigen Bestandes der nationalsozialistischen Regierung zu begehen, ist die Situation für diejüdischeBevölkerungwesentlich anders. Die vor einem Jahre den Juden gemachten bestimmten Versprechungen und Zusicherungen sind zu einem großen Teij nicht erfüllt worden. Dagegen haben «ich andere Vermutungen und Befürchtungen nur zu sehr bewahrheitet. Der Nazi-Gauleiter .Forster hält seit einiger Zeit bei jeder Gelegenheit iudenhetzerische Reden und der Senatsvizepräsident Greiser hat in einer öffentlichen Erklärung den wirtschaftlichen Boykott der Juden und andere anti jüdische Maßnahmen, unter Vermeidung des gesetzgeberischen Weges, angekündigt. Nun soll, wie das „Danziger Echo" erfährt, ein SchächtverbotinDanzig erlassen werden, das sich sowohl auf Großvieh als auch auf Geflügel bezieht. Unter der Judenschaft Danzigs hat sich deswegen eine große Erregung bemerkbar gemacht, insbesondere in den Kreisen der orthodoxen Juden und vor allem der polnischen Staatsbürger ist man über das angekündigte Verbot außerordentlich bestürzt, um so mehr, als im Hinblick auf die strengen Gesetze über die Lebensmitteleinfuhr die Deckung des Koscherfleischbedarfes aus dem Auslande auf Schwierigkeiten stoßen wird. Alles das gibt der jüdischen Bevölkerung Danzigs Anlaß, nicht ungetrübten Auges auf das vergangene Jahr zurückzublicken und mit einer gewissen Besorgnis in die Zukunft zu schauen. Der Harand-Prozeß. Im Prozeß des Wiener radau-antisemitischen Blattes „DerStürmer" contra Irene H a r a n d, in welchem seitens der Beklagten gegen die Ritualmordlüge und die „Protokolle der Weisen von Zion" ein Beweisverfahren auf breitester Basis durchgeführt werden soll, ist die nächste Tagsatzung mit Rücksicht auf das umfangreiche Material auf Anfang September, nach den Gerichtsferien, verlegt worden. BBZiebetBidwcFfiPCItctDIcfis&rbcitt 1 BAD HALL I 1 llilUIIIIU ■ Ober Österr. (Villa Mayerhofer) » 5 Pension, Cafe-Restaurant orth.1P3 g j A. BARSCHAK§ ■ aus Wien II., Gr. Schiffgasse 3 5 S Telephon A 46-4-39 ■ g Das Unternehmen steht unter Auf- ■ 2 sieht Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Babad. ■ ...£ Die Narretei der Judenverfolgung. J. L. G a r v i n, der berühmte englische Publizist, führt im „Observe r" u. a. aus: Lassen wir alle Betrachtungen über Ethik und Humanität beiseite: dieVerfolgungder Juden ist schon vom wirtschaftlichen Standpunkt eine Narretei, die weitreichende Folgen für Deutschland haben wird. Das heutige Deutschland verdankt seinen Reichtum zu einem sehr großen Teil den Juden; Spanien verarmte, als es seine Juden austrieb. Kein wirklich großer Mann war Antisemit: weder Cromwell, noch Napoleon, noch Bismarck. Judenhetze ist Luxus, und wie jeder Luxus unfruchtbar und kostspielig. Nur wenn Hitler sich in dem jetzigen Kampf der Richtungen in Deutschland für Vernunft und Stabilität und gegen Konvulsionen und Extremismus entscheidet, wird er seine Basis konsolidieren und das Vertrauen des Auslandes zu Deutschland wieder festigen. Tut er dies nicht, dann wird niemand Vertrauen zu dem Bestand seiner Macht haben, dann bröckeln die Fundamente unter seinen Füßen ab. Totgeschwiegen—in denTod getrieben. Vor ein paar Tagen ging durch die ausländische Presse die Nachricht des Deutschen Nachrichtenbüros, daß der Bootsbauer Max Gränberg e r in Altmünster am Traunsee seinen 95. Geburtstag gefeiert hat. Da der Greis im Jahre 1864 gemeinsam mit dem damaligen Kadetten Hindenburg die Schlacht bei Oeversee mitgemacht hat, habe der Reichspräsident seinem ehemaligen Kriegskameraden sein Bild mit seiner eigenhändigen Widmung übersand t. Selbstverständlich hat das Deutsche Nachrichtenbüro diese Nachricht auch an die deutschen Zeitungen gegeben. Zwei Stunden später jedoch verbreitete das Deutsche Nachrichtenbüro auf Anordnung des Propagandaministeriums an die Blätter folgende Mitteilung: „Ein Kriegskamerad des Reichspräsidenten wird hiermit zurückgezoge n." Keine deutsche Zeitung durfte diese Nachricht veröffentlichen, weil inzwischen das Propagandaministerium feststellte, daß der Kriegsheld aus dem dänischen K r i e g. e i n Jude war. 4 Der Kapellmeister Heidenreich von der Berliner Staatsoper war bisher noch nicht entfernt. Eines Tages entdeckte man, daß Heidenreich kein reiner Arier sei und setzte ihn ab. Die Entlassung wurde Heidenreich Mitte Juni in der Form mitgeteilt, daß eines Morgens am Eingang der Staatsoper ein Anschlag hing: „Herrn Kapellmeister Heidenreich ist das Betreten der Staatsoper verboten!" Heidenreich ging nach Hause und erschoß sich. Der Jude muß weichen. Die französischen Aerzte zweier großer Krankenhäuser in Montreal sind jüngst in den Streik getreten, weil ein jüdischer Arzt, Dr. Rabinowitsch, an einem der Spitäler engagiert worden war. Um den Prieden zu wahren, erklärte Dr. Rabinowitsch, daß er auf seinen Posten verzichte. Daraufhin haben die Aerzte den Streik abgebrochen. Sie erklärten, sie werden sich auch in Zukunft weigern, mit einem Juden zusammenzuarbeiten. Der Aerzte-AnsschuB der Stadt Montreal veröffentlicht eine Erklärung, in der der Streik der antisemitischen Aerzte als „Desertion" scharf verurteilt wird. Warschau. Rabbi EMeser Awimelech Rokeacb. der Wunderrabbi von Radom, ein Mitglied der berühmten Rabbiner - Dynastie von Kozenitz, eines Zweiges der Beizer Dynastie, ist gestorben.

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