Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 26 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ZZ£*?5:?>2^CiiaiS5E2sa^2ß DIE WAHRHEIT Seite 3 -fiW SEEFELD (TIROL) 1200 Meier Einzigartiger Höhenkurort, intensivste Höhensonne, Wintersport, Pension Geschwister Scheer, im Hotel Horialm, bekannt erstklassige Verpflegung, mäBige Preise, Fahrpreisermäßigung. Spezialhana für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Taborafiraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden _Telephon A 45-8-69_ eeeeaaeaaaaaeaeaa ■••■••*•••«•■«■•■««•» daß dieser Warschauer Stadtteil iudenrein gemacht werden soll. Sehr traurige Meldungen treffen aus Wilna ein. Dort wurden in einer Nacht sechs Juden in den Straßen niedergeschlagen und zum Teil sehr erheblich verletzt. Der jüdische Unteroffizier Bernstein, der am Tag vorher in Wilna durch Huligans in den Rücken gestochen wurde, ist seinen Verletzungen erlegen. Er ist in wenigen Tagen das dritte jüdische Todesopfer der Exzesse. Die Polizei von Bialystok verhaftete den Schuster ßronislaw Koziol. Mitglied der Radiktl-Natfonalen, unter der Beschuldigung, den Führer des „Bundes früherer lüdischer Frontsoldaten" Mendel Lubinski im Verlauf der antisemitischen Exzesse ermordet zu haben. Koziol hat bereit den Mord eingestanden. * Der Goebbels-Besuch in Polen. Am Tage des Eintreffens Goebbels in Polen fand in Lemberg eine spontane Trauer- und Protestzeremonie über die Verletzung der jüdischen •Gefühle durch den Besuch statt. Schlag 4 Uhr nachmittags ertönte in der ganzen Stdat wie ein einziger Sirenenlaut das Fallen der Rolläden in den Geschäften. Das ganze Leben stand still. In den Werkstätten wurde stumm die Arbeit niedergelegt, die jüdischen Fuhrleute und Chauffeure hielten ihre Gefährte an. Eine Stunde dauerte die Arbeitsruhe. Am gleichen Tage erschienen alle jüdischen Zeitungen mit einer weißen Seite, auf der einzig und allein die folgenden drei Losungen zu lesen waren: „Nieder mit dem Hitlerismus! Nieder mit der Rassenhetze! Schande über die Antisemiten!" Die restlichen Seiten enthielten fast ausschließlich Berichte über die Grausamkeiten des deutschen Nazismus. Sämtliche jüdischen Journalisten und Intellektuellen haben die ihnen zum Besuch der Goebbels-Vorlesung zugestellten Karten mit Ausdrücken des Protestes gegenüber den Veranstaltern zurückgeschickt. Am Tage des Goebbels-Besuches wurden in Warschau drei jiddische Tageszeitungen, „Moment" (zweimal), „Hajnt" (wegen des Artikels von Dr. Gottlieb „Die Gemeinheit triumphiert") und „Volkszeitung" verboten. Die Behörden haben für ganz Polen die Auflösung der Polnischen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, die ein der deutschen Nazi-Partei ähnliches politisches Programm entfaltete und eine blutrünstige Judenhetze betrieb, angeordnet Die Zugehörigkeit zu der aufgelösten Partei wird in Zukunft gerichtlich verfolgt werden. Die polnische fortschrittliche Presse kommentiert diesen Akt ironisch als ein „G a s t g e s c h e n k'* an Goebbels. Die Lüge der Nazi-Propaganda. Die Vertreterschaft der englisch-jüdischen Gemeinden, Board of Deputtes, befaßte sich in ihrer soeben in London abgehaltenen Sitzung mit dem Bericht des Joint Foreign Committee (Komitee zur Wahrnehmung der Interessen der auswärtigen Juden) über die Lage der Juden in Deutschland. In dem Bericht wird ausgeführt: Isolierte jüdische Protestaktionen sind in ihrer Wirkung beschränkt. Wir müssen uns auf die öffentliche Meinung Englands stützen, deren Haltung .gegenüber der deutsch-jüdischen Situation von dem Haß des Engländers gegen jede Art Verfolgung bestimmt ist. Vor allem muß der Lüge der Nazi- Propaganda, als ob die Judenverfolgung eJn.Akt. der. Selbstverteidigung sei, entgegengetreten werden. Die Möglichkeit zur Wiederaufrichtung der Gerechtigkeit in Deutschland ist aus zwei Richtungen zu erhoffen: erstens indem Deutschland einsieht, daß die Judenhatz sich nicht bezahlt macht, sondern nur Deutschlands geistige Isolierung vervollständigt; zweitens, indem das deutsche Volk zur Einsicht gelangt, daß der ganze Bau des Antisemitismus auf Lügen basiert, daß der Arier-Paragraph ein kapitaler Blödsinn ist. daß Stammbäume auf den Vieh- und Pferdemärkten gut sein mögen, nicht_gber im menschlichen Bereich. Gibt es Anzeichen für eine solche beginnende Einsicht? Nachdem der letzte Jude aus öffentlicher Position vertrieben wurde, hält man es immer noch für nötig, einen Feldzug gegen die Miesmacher und Kritikaster zu führen: vielleicht sieht das deutsche Volk endlich ein, daß die These von der Verantwortung des Juden für Deutschlands ganzes Unglück eine Lüge ist. Bei Erörterung der Frage der Verfolgung der jüdischen Kinder in Deutschland erklärte Leonard G. M o n t e f i o r e, es würde mindestens eine Millon Pfund erfordern, wollte man für die 60.000 jüdischen Kinder in Deutschland jüdische Schulen schaffen. Dr. Israel Feldman erstattete den Bericht des Palästina-Komitees und schilderte die ern- IW Cafe Pension Cchstein Semmering sten Gefahren, die sich aus der Einwanderungspolitik der Mandatarmacht für das jüdische Nationalheim ergeben. Die Hauptbasis der Entwicklung, die landwirtschaftliche Koionisation, sei dadurch gefährdet. Für Tausende deutscher Juden, denen Palästina die einzige Hoffnung ist. sind die Tore faktisch geschlossen. Nevüle L a s k i wurde zum Präsidenten wieder-, Lionel Cohen an Stelle des ausgeschiedenen Lord Rothschild zum Vizepräsidenten neu gewählt. Kein antisemitischer Kars in Lettland. In einem dem Rigaer Vertreter der Jüdischen TelegraphenTAgentur gewährten Interview äußerte sich der neue Vize-Innenminister Bersin über die 'grundsätzliche Stellung der neuen Re^ierun« Ulmanis zur jüdischen Bevölkerung und über die im Zuge der politischen Neuordnung durchgeführten Maßnahmen, von denen auch jüdische Einrichtungen betroffen wurden. Vize-Innenminister Bersin ist eine neue Erscheinung am politischen Horizont. Erst vor kurzem wurde er, kaum dreißigjährig, von der größten bürgerlichen Partei Lettlands, dem Bauernbund, ins Parlament entsandt. Von allem Anfang an wußte er sich in seiner Fraktion eine überragende Stellung zu schaffen und wurde wiederholt bei der Behandlung schwieriger politischer Probleme von seiner Partei zum Generairedner bestimmt. Er gehört auch zu den maßgebenden Führern des nationalen Wehrverbandes, der heim Umschwung eine so große Rolle gespielt hat. Im Verlauf seines Gesprächs mit dem Vize-Minister stellte der JTA-Vertreter Fragen betreffend die der jüdischen öffentlichen Meinung Lettlands derzeit besonders naheliegenden Probleme. Auf die Frage, ob das Wiedererscheinen der jüdischen Presse gestattet werden soll, antwortete der Vize-Minister Bersin. daß bereits eine Konzession für eine neue jüdische Tageszeitung erteilt wurde. Außerdem beginne das Wochenblatt der Allgemeinen Zäonisten Lettlands „Unser Land" wieder zu erscheinen und wenn sich dfe Notwendigkeit zur Herausgabe einer zweiten jüdischen Tageszeitung ergeben sollte, werde die Regierung dem keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Doch habe sie ein Interesse daran, daß der scharfe Kampf, der bisher innerhalb der jüdischen Kreise ' geführt wurde, Glicht wieder auflebe: sie werde dies auch nicht zulassen. Auf die Frage nach dem Zeitpunkt der Wiederzulassung der Tätigkeit der politischen Parteien, einschließlich der . zionistischen Partei, antwortete der Vize-Minister, dies werde erst nach Aufhebung des Ausnahmezustandes in einem halben Jahr der Fall sein können. Auf die weitere Frage, ob auch den Zionisten- Sozialsten die Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit gestattet werden würde, wurde die Antwort erteilt, die Möglichkeit dieser Erlaubnis bestehe unter der Voraussetzung, daß die Ziorästen-Sozialisten sich nicht mit sozialistischer Propaganda, sondern ausschließlich mit zionistischen Angelegenheiten befassen. Wenn übrigens in ausländischen Blättern von der Verhaftung von 300 jüdischen Persönlichkeiten die Rede gewesen sei. so habe man in diesen Berichten nur eine Kleinigkeit, nämlich eine NuH, an die Zahl_der tatsächlich Verhafteten angefügt. Auch in manchen jüdischen Zeitungen des Auslands, sagte der Minister, seien vollkommen haltlose Gerüchte über die politische Lage in Lettland im atigemeinen und über die Lage der Juden im besonderen erschienen. Gerade die jetzige Regierung habe der antisemitischen Hochflut einen Damm gesetzt. Dank den getroffenen strengen Maßnahmen sei diese Bewegung, die vor der Machtübernahme durch die jetzige Begierung sich stark ausbreitete, zum Stillstand gekommen; Nirgends hätten sich Gewalttaten ereignet Mögen auch die neuen Gesetze den Interessen des einen oder anderen abträglich sein, so müsse man sich vor Augen halten, daß die Pfhcht dem Staat gegenüber höber stehe als das Interesse des Einzelnen. Von Verhaftungen, die speziell Juden betroffen hätten, zu sprechen, sei lächerlich, denn auch prozentuell seien mehr Letten als Juden verhaftet worden. Die politische Neuordnung, schloß der Minister, ist vom ganzen Volk mit Begeisterung aufgenommen worden. Beweis hiefür sind die zahlreichen Begrüßungen, die täglich nicht nur aus verschiedenen lettischen Kreisen, sondern auch seitens der Minderheiten, darunter auch der Juden, einlaufen. * "i Die Polizei verhaftete in Riga zahlreiche Mitglieder der verbotenen extrem rechten Organisation „Perkontruste" (Hakenkreuz) wegen u n g e- Benn. rrauenbelüKMl Tafzmannsdorfi (Daraenland) Minerai-, Moor- und natürliche Kohlen-! säuresprudelbäder. Billiger Pensionspreis: •inklusive Heilbäder. — Auskünfte und Prospekte: Kur-' direktion oder Kurkommission, Bad Tatzmanns-; dorf, Bargenlaad, und in allen Fremdenverkehrsbüros.j Zwei rituelle Restaurants. ''»»•aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaakf setzlicher Kollek t i v t ä t i gkei t. Auch der Führer der Organisation, Gustav Celminsch. wurde verhaftet. Die Partei ahmte in Lehre und Taktik die d e u tschen Nationalsozialisten nach. Die Führer wurden wegen umstürzlerischer Tätigkeit angeklagt: in Anbetracht des Ausnahmezustandes drohen ihnen hohe Strafen. Um Stavskys Unschuld, Die von der sozialistischen Histadruth Haowditn und dem revisionistischen Zentralkomitee Palästinas an die jüdische Bevölkerung erlassenen Aufrufe, nach dem Urteil im Arlosoroff-Prozeß Ruhe und Ordnung zu wahren, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Von einigen kleineren Zwischenfällen abgesehen, ist es nirgends zu Ruhestörungen gekommen. Wie aus revisionistischen Kreisen mitgeteilt wird, ist der freigesprochene Rosenblattinder Nacht vom 8. zum 9. Juni aus Jerusalem in einem Polizei-Auto nach seinem früheren Aufenthaltsort Kfar-Saba gebracht worden. Die nächtliche Heimbeförderung Rosenblatts wurde zur Vermeidung etwaiger Kundgebungen angeordnet Rosenblatt hat aber Kfar-Saba wieder verlassen, nachdem dort handgeschriebene Plakate angeklebt wurden: „Wie lange wird der Mörder Rosenblatt durch die Straßen unseres Kfar-Saba gehen dürfen?" Frau Sima Arlosoroif begab sich ins Ausland. Der Gerichtshof, der über Stavsky und Rosenblatt urteilte, setzte sich aus den Richtern Corrie, Plunkett, Ali Hasna und Joseph Moses Valero zusammen. Valero, der Jude ist. wair — wie aus dem der Presse zugegangenen Gerichtsentscheid hervorgeht — gegen Stavskys Verurteilung. Der aschkenasische Oberrabbiner Palästinas K o o k hat eine Weltbewegung zwecks Intervention zugunsten Stavskys eingeleitet. In seiner Eigenschaft als Oberrabhiner sandte er mehr als 100 Telegramme an jüdische Großgemeinden in aller Welt a.i Oberrabbiner und an führende Persönlichkeiten in Europa und Amerika: die Telegramme haben folgenden Inhalt: Stavsky ist unschuldig und ein rechtschaffener Mensch. Kämpfet mit aller Kraft für den Sieg) der Gerechtigkeit! Kook sandte ein Sondertelegramm an den Erzbischof von Canterbury in England mit folgendem Wortlaut: „Ueber den unschuldigen Abraham Stavsky ist hier am Freitag ein Todesurteil verkündet worden. Ich beschwöre Sie. mit aller Kratt für die heilige Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Ehre Englands, die mir kostbar ist. zu kämpfen!" Der aschkenasische Oberrabbincr Kook. der sephardische Oberrabbiner Jacob M e i r. das p a 1 ä s t inensischeRabbinat als solches und zahlreiche prominente Rabbiner des Landes haben ein Marofest erlassen, in dem es u. a. heißt: Wir alle bezeugen in der tiefen Sicherheit unseres reinen Gewissens vor Gott und Menschen, daß Abraham Stavsky an der Ermordung Dr. Arlosoroifs völlig unschuldig ist Das Urteil gründet sich auf äußerst schwache Indizien, und es ist nur Einilüssen von außen zuzuschreiben, daß ein Teil des Gerichts sich bereit fand, diese Indizien anzuerkennen. Die uns in allen ihren Aspekten bekannte absolute Wahrheit las in diesem Falle bei der Minderheit, die gegen das Urteil stimmte, weil sie in ihm einen Spruch sah, durch den unschuldiges Blut vergossen werden soH. Wir dürfen nicht schweigen. Alle diejenigen, in deren Herzen ein Funke göttlichen Geistes glüht, Juden wie Nichtjuden. bindet die Pflicht, gegen diese schreckliche Sünde zu protestieren und alles, was in ihrer Macht steht, zu tun, um diesen Justizmord zu verhüten und das Opfer, den schuldtosen Abraham Stavsky. zu retten, auf daß ihm unverzüglich seine Ehre und seine Freiheit wiedergegeben werden." In einer Wiener Protestversammlung gegen das gegen Stavsky gefällte Todesurteil, in der Oberbaurat Stricker der Hauptredner war, wurde ein Schreiben des Oberrabbiners von Wien Dr. Feuchtwang verlesen, in dem der Oberrabbiner erklärt er habe m Uebereinstimmung mit den palästinensischen Rabbinern Kook, Aronson und Uziel die Empfindung, daß eine nähere Untersuchung die Unschuld aller drei im Arlosoroffmord-Prozeß Angeklagten an den Tag bringen werde. Beterad. Laut Bericht des Statistischen Amtes gab es bei der Volkszählung im Jahre 1931 in Jugoslawien unter einer Gesamtbevölkerung von etwa 14,044.000 Seelen rund 78.000 Juden. Autoris. Rabbiner (österr. Bundesbürger) in Anstellung, der zugl. musik. geb. Kantor, Schochet Ubodek ist, sucht stelle. (Ev. probeweise über Feiertage). Gefl. Anträge unter Chiffre: „M. T. 38" an die Red. d. Blattes.