Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 26 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nor die Jüdlsdinafionalen dürfen sammeln! Wenn der Tiefstand politischer Sitten nicht so traurig und wenn es nicht besonders beschämend wäre, daß er gerade bei eiuer jüdischen Partei in die unverhüllte Erscheinung tritt, man könnte lächeln über das Bemühen der allgemeinen Zionisten, der „Union" anläßlich ihrer Geldsammlungen im Auslande eins aufs Zeug zu flicken. Gegenüber den sachlichen Feststellungen der „Union", die den Jüdischnationalen die Möglichkeit sachlicher Argumente entzogen haben, entblödet sich „Die Stimme" nicht, auf einen eben abgeführten Strafprozeß Bezug zu nehmen, indem sie von der ähnlichen Vereinbarung" spricht, wie sie seitens der „Union" mit dem berüchtigten Herrn P. getroffen wurde, der die reine Quelle, aus der die Jüdischnationalen ihre Informationen bezogen haben, darstellt „Die Stimme" verschweigt, daß die Arrangeure der Aktion, welche den Gegenstand des Strafprozesses gebildet hat, das einkassierte Geld zum großen Teile eingesteckt und für sich behalten haben. Herr P., der Informator der Jüdischnationalen, ist von der „Union" entlassen worden. Das war der allgemeinen zionistischen Partei bekannt, als sie die „einwandfreien" Darstellungen des Herrn P. begierig notierte und — natürlich „optima fide" — publizierte. Als die „Union" Herrn P. engagierte, wies er sich mit den besten Referenzen für seine langjährige Propagandatätigkeit durch eine erste Wiener Zeitung aus. Durch sein ganzes Auftreten und durch gesprächsweise Aeußerungen gab Herr P. zu erkennen, daß er Jude sei, und kefti Mensch konnte daran zweifeln. Herr P. galt als erstklassiger Propagandist und mit Rücksicht auf die guten Auskünfte und auf seine langjährige Tätigkeit nahm die „Union" keinen Anstand, mit ihm einen Vertrag abzuschließen!. Die „Union" sollte jederzeit berechtigt se&i, die Bestellung zu .widerrufen. Die „Stimme" wußte aber zur Zeit, als sie „die Informationen und das Material" von Herrn P. entgegennahm, daß er von der „Union" entlassen sei, daß er sich fälschlich als Jude ausgegeben; sie kannte auch die Gründe der Entlassung, sie wußte auch, daß Herr P. wegen angeblich widerrechtlicher Entlassung Ansprüche gegen die „Union" erhob. All das hinderte sie aber nicht, weil sie in ihrer blinden Parteiwut endlich eine Waffe gegen die verhaßte „Union" gefunden zu haben glaubte, sich zum Werkzeug des Herrn P. für die Durchsetzung seiner behaupteten Ansprüche herzugeben und seine „Informationen" zu veröffentlichen, statt, wie es der primitive Anstand erfordert hätte, ihm die Türe zu weisen. Mit ihrem ganzen Wortschwall kann „Die Stimme4' die Tatsache nicht verdunkeln, daß die „Union" sofort, als sie von den angeblichen Uebertreibungen des Herrn P. hörte, seine Rückberufung veranlaßte. Herr P. setzte sich gegen seine Zurückberufung zur Wehre, bestritt die Behauptungen, daß er bei den Sammlungen unrichtige Angaben gemacht habe, auf das entschiedenste und behauptete, in dieser Hinsicht von den Jüdischnationalen verleumdet zu werden. Die „Union" ließ aber nicht locker und bestand auf Einstellung der Aktion. Daß darüber und mit den Korrespondenzen zwischen Wien und London zirka zwei Wochen vergangen sind, daraus versuchen die „Stimme" und deren Hintermänner der „Union" einen Strick zu drehen. Tatsache ist aber, daß die „Union" sofort nach Bekanntwerden der angeblichen schriftlichen Beschwerden an Präsidenten Dr. Friedmann, deren Vorlage zur Prüfung durch die „Union" bezeichnenderweise von Dr. Friedmann verweigert wurde, Herrn P. zur Einstellung der Aktion aufgefordert hat In besonderer Aufmachung bringt „Die Stimme" in Ermanglung eines beweiskräftigen Materials eine Depesche der „Union*' an Herrn P.: „Friedmann und Löwenherz fahren derzeit nicht nach England". Weiß Gott, was „Die Stimme" mit dieser Zitierung einer harmlosen Depesche für Beweis gegen die „Union" zu liefern glaubt. Herr P. hat angefragt, ob es richtig ist, daß Herr Friedmann und Herr Löwenherz nach London reisen. Latauf ist Jim nach eingeholien Infon«tal:r«r.ej! die Antwort zuteil geworden, daß die Nachricht unzutreffend sei. Das ist der nackte Sachverhalt, alles andere gehört in das Reich der Phantasie. Unumstößliche Tatsache bleibt auch, daß kein einziger Spender sich veranlaßt sah, auch nur eine Anfrage an die „Union" zu richten. Die „Stimme" wagt es, die Ehrenhaftigkeit der „Union" anzuzweifeln. Wie unqualifizierbar dieses Vorgehen der „Stimme" und wie unberechtigt die daraus willkürlich abgeleiteten Schlußfolgerungen sind, ergibt sich daraus, daß die „Union" spontan allen ausländischen Spendern den Sachverhalt dargelegt und sie über die Verwendung der Gelder informiert hat. Auch daraufhin hat sich kein einziger der Spender veranlaßt gesehen, die „Union" aufzufordern, das Geld zurückzustellen oder es anderen Zwecken zuzuwenden. Den Jüdischnationalen sind wir keine wie .immer geartete Rechenschaft schuldig. Sie haben kein Recht, von uns irgendeine Aufklärung zu verlangen, uns zu kontrollieren oder uns Belehrungen zu erteüen. Sie mögen vor ihrer eigenen Türe kehren und angesichts der Tatsache, daß sie AVSSCHREIBIJIIO. In der JfidUchen Kultusgemeinde in Linz a. d. D. (Österreich) gelangt die Stelle eines KANTORS, SCBOCHET DBODEK. der aodi dal tokca ist, bi« längstens 15. August 1934 znr Besetzung. Bewerber, die stimmbegabt, musikalisch gebildet sind nnd entsprechende Kenntnisse u. Praxis im Hebräischen nachweisen können, haben ihre mit Zeugnissen nnd Lichtbild belegten, ausführlichen Offerte (Lebenslauf, Familienstand) bis längstens 15. Juli 1934 an das Präsidium obiger Gemeinde einzusenden. Gehalt nach Obereinkommen. Nur die zum Probevortrag Berufenen haben Anspruch auf Ersatz der Reisespesen. 5 isr. Konasaemeiode Noti sad. ■ f KONKURS I ■ In der Novisader Isr. Kultusgemeinde ■ ■ gelangt die Stelle eines BCliglOOS-, resp. He- ■ 5 braiSdllelircrS zur Besetzung. g ■ Von den Bewerbern wird gefordert: ■ ■ möglichst die jugoslawische Staatsbürgerschaft, ■ ■ vollständige Beherrschung derLandessprache, wie ■ auch Qualifikation zur Unterrichterteilung an den ■ JJ Mittelschulen. ■ ■ Absolventen eines Oberseminars werden ■ ■ bevorzugt. ■ 2 Bewerber wollen ihre Gesuche, nebst 9 ■ Nachweis der vorbezeichneten Erfordernisse, fer- ■ ■ ner ihres Alters, Familienstandes und bisherigen ■ 2 Wirkens an gefertigten Vorstand bis Ende Juni 5 ■ d. J. einsenden. ,. g " Novi Sad (Jugoslawien), am 4. Juni 1934. £ ■ Der Vorstand der Isr. Kultusgemeinde in Novi SadS^ ■ ■ L. Mandel Julius Frank ■ S Notär-Stv. Präsident ■ seit Jahr und Tag Millionen und Millionen den hiesigen Institutionen und Bedürftigen durch ihre Sammlungen für Palästina entziehen, mit ihren heuchlerischen Worten sparen, daß „viele Wiener jüdische Anstalten und Wohlfahrtsinstitutionen notleidend geworden sind". Wir wollen derzeit nicht die Frage aufwerfen, wieviel von diesen gesammelten Geldern für die Entlohnung der Inkassanten, für die Erhaltung des Beamten- und Organisationsapparates der zionistischem Landespartei in Oesterreich aufgewendet wird und welcher Prozentsatz tatsächlich den Zwecken des Wiederaufbaues Palästinas zugute kommt. Bei Untersuchung dieser Rechnung, dfe sehr am Platze wäre, würde den Jüdischnatioualen das heuchlerische Augen verdrehen vergehen. Polen wird infiziert. Jüdische Trauer um Pieracki. — Drei jüdische Todesopfer der antisemitischen Exzesse. Die Ermordung des Innenministers Bronislaw Pieracki, eines der Jüngsten und tatkräftigsten Mitglieder im polnischen Kabinett hat auch unter der jüdischen Bevölkerung aller" Richtungen in Polen Trauer ausgelöst. Obwohl die Mörder Pierackis und deren Hmtermänner noch nicht entdeckt sind, wird der Mord allgemein auf die hemmungslose Hetze der Radikal- Nationalen gegen den Minister zurückgeführt; die Antisemiten sahen in ihm diejenige Persönlichkeit in der Regierung, die die genügende Entschlußkraft hat, um der den Staat unmittelbar bedrohenden antisemitischen Wühlarbeit, die seit Wochen durch eine ununterbrochene Reihe von blutigen antisemitischen Ausschreitungen die Oeffentlichkeit nicht zur Ruhe kommen ließ, Herr zu werden. Die Oeffentlichkeit sieht in Pieracki einen Schicksalsgenossen des rumänischen Ministerpräsidenten Duca, dessen Ermordung ebenfalls von Antisemiten radikaler Richtung bewerkstelligt wurde. Vor ungefähr einem Monat hat Pieracki den bei ahm erschienenen jüdischen Parlamentariern erklärt, er halte an seiner im Februar im Parlament abgegebenen Erklärung gegen Rassen- und Religionshaß fest und werde rücksichtslos jeden Versuch, Rassenkonflikte im Lande heraufzubeschwören, unterdrücken. Freilich waren die jüdischen Repräsentanten der Ansicht, daß, wenn Pieracki weniger zögernd und abwägend vorgegangen wäre, sondern versucht hätte, mit einem Schlag die radikale Wühlarbeit zu unterdrücken, er noch heute am Leben gewesen wäre; denn nichts ermutigt die destruktiven Elemente mehr, als wenn man ihnen gegenüber eine abwägende Taktik anwendet. Die Ermordung Pierackis hat denn auch den Ministerpräsidenten Kozlowski, der Pierackis Portefeuille übernahm, veranlaßt, schärfstens gegen die Radikal-Nationalen und die ihnen verwandten Gruppen vorzugehen. Eine Reihe von Haussuchungen bei Radikal-Nationalen, Schließung ihrer Klubs und Verhaftung ihrer Führer haben die Aktionskraft dieser Gruppe gelähmt Nunmehr geht die Regierung daran, Konzentrationslager für Teilnehmer an Exzessen einzurichten. An dem nationalen Begräbnis von Minister Pieracki nahmen offiziell der Präsident der Warschauer Jüdischen Gemeinde Mazur. der Präsident des Gemeinderates Trokenheim und die Mitglieder des Vorstandes der Gemeinde teil. Der Jüdische Parlamentsklub, das Zentralkomitee der Agudas Jisroel, der polnische Rabbinerverband und die Führer der jüdischen wirtschaftlichen Verbände haben an den Ministerpräsidenten Prof. Kozlowski Trauerkundgebungen gesandt, in denen dem Schmerz der polnischen Judenheit über den tragischen Tod des Ministers Pieracki Ausdruck gegeben wird. * * * Wie schon mitgeteilt, hat das Präsidium der Warschauer Jüdischen Gemeinde beim Regierungskommissar wegen der Vorfälle im Warschauer Stadtviertel Povonzek interveniert und „beruhigende Zusicherungen" erhalten. Ueber die Vorfälle selbst durfte die Presse nicht berichten; das Bulletin der Jüdischen Telegraphen-Agentur, die ein die Vorfälle betreffendes Kommunique* der Warschauer jüdischen Gemeinde verbreitet hat, wurde konfisziert. Nunmehr bringt die „Gazetta Polska" einen Bericht über die Vorfälle in Povonzek, der folgende Einzelheiten enthält: Am Freitag abends überfielen 30 mit <3ummi- Knüppeln, eisernen Stäben und anderen Schlagwaffen bewaffnete Personen die Bibliothek „J. L. Perez", schlugen die Fenster ein und brachen die Fensterrahmen heraus. Hierauf drangen sie in die Bäckerei von Leib Salzmann ein und demolierten dieselbe. Der Hauseigentümer Jecheskiel Dolman wurde durch Schläge mit eisernen Stäben auf den Kopf so schwer verletzt, daß er trotz schneller medizinischer Hilfe noch in der Nacht im Hospital seinen Verletzungen erlegen ist. Die Exzedenten demolierten dann die Wohnung der Frau Channah Jeruchanowicz. Hernach wollten sie den Brüder des getöteten Dolmän zwingen, sie in seinem Taxi in unbekannter Richtung zu fahren. Als' er sich weigerte, ihrer Aufforderung Folge zu leisten, schlugen sie ihn nieder und flüchteten in der Richtung des -Militärfriedhofes. Auf dem Wege dahin demolierten sie die Wohnung des Juden Seidman. Das Polizeikommissariat entsandte ein Auto mit einer Polizeiäbteilung, die elf Teilnehmer an. den Exzessen verhaftete und die demolierten Lokale photographierte. .Einige der Verhafteten wurden wegen Mangels an Beweisen freigelassen. Die Bestattung des getöteten Jecheskiel Dolman geschah ohne jedes Aufsehen, nur die Familienangehörigen fanden sich am Ehrengrabe ein, das die jüdische Gemeinde dem Toten widmete. Ein Polizeikommissär mit einer großen Polizeitruppe bewachte die Zeremonie. Eine neue Wendung in dieser tragischen Lage der jüdischen Einwohnerschaft sind1 Massenkündigungen jüdischer Wohnungsinhaber seitens katholischer Hausbesitzer, die unter 4em Druck der antisemitischen Hetzer erfolgt sind. Die katholischen Hausbesitzer i« der Vorstadt Targuwek haben die Kündigungen durch die Drohung unterstrichten, daß, wenn die Wohnungen bis Ende Juni nicht geräumt werden, die Hausbesitzer für das, wias dann mit den Mietern geschehen wiird. die Verantwortung ablehnen. Da in Targuwek alle Häuser in christlichen Händen sind, so bedeutet dies,