Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 26 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Der Bolschewismus der germanischen Rasse. Clausewitz definierte den Krieg als eine „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln". Hitler hält die Politik für eine Fortsetzung des Krieges mit — demselben Mitteln. In der Nachkriegsära, in der jede Gesinnung in Deutschland frei geäußert und verfochten werden durfte, wußten sich die damaligen Keimzellen der später gigantisch anschwellenden nationalsozialistischen Partei keiner anderen Argumentik zu bedienen wie die russischen Terroristen unter dem Zarenregime, das jedes freie Wort verpönte und der jeder legalen Betätigungsmöglichkeit beraubten Opposition die illegale Kampfesweise mit Bomben und Granaten förmlich aufzwang. All die Verschwörer gegen Erzberger, Rathenau und die anderen Opfer der „Feme" hätten genug Gelegenheit gehabt, sich und ihre Ansichten in der Oeffentliehkeit, in der Presse und auf der Parlamentstribüne, zur Geltung zu bringen. Wenn sie die blutige Methode des „Killföns" vorzogen, hatte dies senile Ursache darin, daß sie keine Ideen zu verkünden, sondern bloß Instinkte abzureagieren hatten. Unter dem Hakenkreuzbanner sammelten sich alle politischen Hysteriker, die nicht argumentieren, sondern toben, nicht bekehren, sondern vergewaltigen wollten, weil ihnen das Toben und das Vergewaltigen Befriedigung ihrer Bosheitskomplexe bot und nicht etwa, weil sie, wie jene Diplomaten, die für von ihnen entfesselte Kriege eine Entschuldigung suchen, an der Erreichung weitgesteckter politischer Ziele auf friedlichem Wege zweifeln zu müssen vorgeben. Hätten die Nationalsozialisten solch positive Ziele — kein Mensch könnte sie bei ihrer heutigen Machtstellung in Deutschland hindern, ihre Ideale, zumindest in der inneren Politik, zu verwirklichen. ' Was aber sieht die Welt mit Schaudern sich vollziehen? Die Hakenkreuzler haben, seit sie zur Macht kamen, ihre blutigen Methoden höchstens quantitativ, aber nicht qualitativ geändert. Man killt nicht mehr die «ine oder andere „Judensau", sondern wütet gegen das Gesamtjudentum. Die Henker sind nicht mehr Exekutivorgane einer geheimen Feme, sondern werden von der Staatsgewalt, besoldet und systematisch in den Dienst der politischen Rachsucht gestellt, wofür u. a. der jetzt mit zwei Todesurteilen abgeschlossene zweite Horst-Wessel-Prozeß ein grausiges Beispiel darstellt. Allerdings können Staatsbeherrscher nicht öffentlich mit den typischen Waffen von Geheimverschwörern operieren; deshalb wurde offiziell das Beil als das dem deutschen Gemüt entsprechendste Hinrichtungsinstrument erklärt. In der „Still und G'hoam" aber legten die Herren ihrer Leidenschaft für Bomben und Granaten keinen Zwang auf. Darf man mit solchen nicht mehr die eigenen Untertanen und „geehrten Wähler" mores lehren, so erinnert man sich dankbar'ües gütigen Geschicks, daß auch jenseits der Laridesgrenzen „geliebte Volksgenossen" leben, die man mit Dynamit zu „bekehren" suchen kann. Was tut's, daß Oesterreich das Vaterland des „Führers" ist, der ständig Vaterlandsliebe als die oberste Tugend des Rassegermanen feiert? Hitler liefert der Welt ein eigenartiges Beispiel seiner Vaterlandsliebe: Er schmuggelt ungeheure Mengen der gefährlichsten Sprengstoffe in seine teure Heimat und nützt den romantischen Hang, der für die Pubertätszeit charakteristisch ist, aus, um die Jugend zur VerÜbung sinnloser Attentate zu verführen. Man vergegenwärtige sich bloß die Tatsache, daß einer der vielen Anschläge der letzten Zeit in der Wiener Staatsoper stattfand, als gerade Wagners „Walküre", also eines der deutschesten aller deutschen Kunstwerke, zur Aufführung gelangte, um die ganze Hirnlosigkeit dieser angeblich von fanatischer Begeisterung für das Deutschtum getragenen Bewegung zu erkennen. Jeder Versuch, die nationalsozialistische Pest irgendwie intellektuell zu erfassen, ist zum blamablen Scheitern verurteilt. Und wenn sich die Führer darauf ausreden, daß ihnen der jetzige autoritäre Kurs in Oesterreich die Möglichkeit eines Kampfes mit geistigen Waffen geraubt hat, so ist darauf mit dem Hinweis auf die Tatsache zu antworten, daß die ersten und entsetzlichsten Terrorakte der Hakenkreuzler gerade zu der Zeit stattfanden, als dje Nationalsozialisten ihr parlamentarisches Debüt in Oesterreich, und zwar im Gemeinderat der Stadt Wien, in mehreren Landtagen und im Bundesrate feierten. Nicht der Verlust dieser Mandate hat sie zum Terror gezwungen, sondern umgekehrt: ihr Terror hat ihnen die Aberkennung der Parlamentsfähigkeit eingetragen und in weiterer Folge die Beseitigung des Parlamentarismus überhaupt angebahnt. Es ist eine unerlaubte Verwechslung von Ursache und Wirkung, wenn die Hakenkreuzier den autoritären Kurs in Oesterreich als den Provokator bezeichnen, an dem sich ihre Mordlust entflammt. Denn die österreichische Regierung sah sich zum erstenmal zur Ergreifung diktatorischer Maßnahmen damals gezwungen, als es galt, die Bevölkerung vor der braunen Mordpest zu schützen. Während alle anderen Parteien, sie mögen aus noch so revolutionärem Geiste geboren gewesen sein, mit der Eroberung der parlamentarischen Tribünen ihre Sturm- und Drangzeit überwunden hatten, schien der Nationalsozialismus von dem Ehrgeiz besessen, der verblüfften Welt zu beweisen, daß mit seinem Einzug in die öffentlichen Körperschaften Deutschlands und Oesterreichs seine Flegeljahre keineswegs ihr Ende erreicht haben. Wie denn auch? Der Parlamentarismus setzt ein gewisses Mindestmaß geistiger Werte voraus, die zur Diskussion gestellt werden können. Die politische Hysterie, als deren Organisation sich die nationalsozialistische „Partei" entpuppte, kann nicht diskutieren und hat auch nicht den Drang darnach. Hysterie muß — das gehört zu ihrem klinischen Krankheitsbild — toben, schreien, schlagen — nur dann ist sie in ihrem Element. Nichts kennzeichnet diese pathologische Einstellung des Nationalsozialismus besser als die paradoxe Tatsache, daß sein Hang zur Gewalttätigkeit gerade dann zunimmt, wenn man seinen Vertretern Gelegenheit gibt, ihren Standpunkt in informativen Aussprachen mit anderen Politikern in kultivierten Formen zum Ausdruck zu bringen. So haben uns die letzten Wochen, in denen die inzwischen bei Venedig tatsächlich zustandegekommene Zusammenkunft Hitlers mit Alussolini angeregt und vorbereitet wurde, eine auffallende Steigerung der antisemitischen Hetze in Deutschland und eine unerhörte Zunahme der Hakenkreuzverbrechen /m^Oesterreich beschert —; für jeden, der Wohnzimmer S 270— bestehend aus 1 Kasten, Stürig Vollbau, 1 Lotterbett, 1 runden Tisch und 2 Fauteuils. FERDINAND KORN, II, Taborstrafle Nr. 22 sich von dieser Zusammenkunft eine Wendung zum Besseren im Sinne einer Pazifizierung der innen- und außenpolitischen Methoden des Dritten Reiches hoffte, ein böses Omen! Man ist daher gar nicht überrascht, daß die Ergebnisse dieser an sich sensationellen Konferenz in undurchdringliches Dunkel gehüllt bleiben. Wahrscheinlich ist überhaupt nichts Wesentliches herausgekommen, weil die Erzielung eines praktisch wertvollen Ergebnisses die zielbewußte Zusammenarbeit zweier Praktiker voraussetzt, aber nicht eine in noch so betont „herzlichem Geiste" abgehaltene Plauderstunde zweier Männer, von denen zwar der eine, der Italiener, sich als hervorragender Mann der Tat und einer produktiven Aufbaupolitik bewährt hat, während auf der anderen Seite bloß wieder die klinischen Symptome der Hysteräe zum Vorschein kamen: Aufgeregtes Schreien nach Schutz und Hilfe, ohne die Fähigkeit, ja auch nur den Willen, die eigenen Fehler, die den schutzbedürftigen Zustand herbeigeführt haben, abzustreifen. Es hat natürlich nicht an Versuchen gefehlt, den Sinn der Konferenz, über den sich die Teilnehmer ausschweigen, von außen hineinzudeutein. So hieß es, daß die Zusammenkunft der beiden Faschistenführer der Abwehr der bolschewistischen Gefahr in Europa galt. Doch diese Auffassung wurde recht kräftig vom Fürsten Starhemberg desavouiert, der — pikanterweise ausgerechnet in Braunau, dem Geburtsort Hitlers — den Nationalsozialismus als den „Bolschewismus der germanischen Rasse" bezeichnet und gegen ihn zu energischester Selbstwehr der Bevölkerung — mit dem Ochsenziemer! — aufgefordert hat. Seite 3 j BAD HALL] S niiiiiiniiiii.iniiiiiii'ii.....iiiiiiiniiii.iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiniiiiiiiiiiitiFiijiii.....iiiiiiiiiiiiiii | S Ober-Österr. (Villa Mayer hofer) ■ 5 Pension, Cafe-Restaurant orth.""iE?5 g I A. BARSCH AK \ m aus Wien II., Gr. Schiffgasse 3 ■ 5 Telephon A 46-4-39 S g Das Unternehmen steht unter Auf- ■ g sieht Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Babad. ■ liiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiHiiiinain Daß diese Aufforderung seitens eines österreichischen Ministers noch tagelang nach der von Hitler in Venedig angeblich abgegebenen Erklärung, Oesterreich fortan in Ruhe lassen zu wollen, für notwendig gehalten wurde, beweist am besten die absolute Wertlosigkeit solcher Konferenzen angesichts der Unverbesserlichkeit des Nationalsozialismus. Trotzdem ist die Situation nicht ganz hoffnungslos. Denn es zeigt sich, daß die verbohrte Halsstarrigkeit der Führer, ihre sinnlose Brutalität den von ihnen in jedem Sinne des Wortes Angeführten die Augen zu öffnen beginnt. Je weniger sich die Hakenkreuz-Bonzen selbst geneigt zeigen, Vernunft anzunehmen, desto deutlichere Anzeichen wiederkehrender Denkfähigkeit gewahrt man in den zwangsweise von „oben" her mit dem Rassenwahnsinn vernebelten deutschen Untertanen-Gehirnen. Es ist sicherlich ein nicht zu unterschätzendes Verdienst des Nationalsozialismus, wenn ein ohne Zweifel rechts eingestellter Intellektueller öffentlich die Frage zur Diskussion stellt, ob man einem Max Reinhardt, einem Sonnenthal das Deutschtum absprechen darf. Daß dies just in der „Reichspost" (Sonntagsbeilage vom 17. Juni) geschieht, entbehrt für uns Oesterreicher nicht eines besonderen Reizes. Wichtiger ist aber die Tatsache, daß der Autor dieser skeptischen Kritik der nordischen Edelblutdoktrin ein Leipziger, also ein Bürger des Dritten Reiches ist. Man erkennt daraus, daß die äußere Gleichschaltung die innere Kritik keineswegs beseitigt, sondern im Gegenteil vielfach erst geweckt und gar manchen über Fragen nachzudenken veranlaßt hat, die er früher wohl rein vorurteilsmäßig zu beantworten pflegte. Wie weit dieser Geist der Kritik im Dritten Reich schon um sich gegriffen hat, zeigt die letzte Rede von Hitlers bisher getreuestem Knappen und Wegbereiter von Papen. Dieser hat jüngst einer offenbar lang verhaltenen Bitterkeit die Zügel schießen lassen und sich alles vom Herzen geredet, was er auf diesem gegen den nationalsozialistischen Terror lasten fühlte. Der jetzt im Gange befindlichen, im Wesen judenhetzerischen „Anti-Miesmacheraktion" hält er entgegen: „Nicht durch Drohung gegen hilflose Volksteile, sondern nur durch eine vertrauensvolle Aussprache mit dem Volke kann die Zuversicht gehoben werden." Aehnliche Töne vernimmt man sogar von dem einstigen Mitbegründer der nationalsozialistischen Partei Otto Strasser, der in seiner Prager Zeitung eine längere Ausführung über die Judenfrage mit dem Ruf schließt: „Der Antisemitismus ist tot — es lebe die völkische Idee!" Soweit an solchen seelischen Wandlungen die Entrüstung über die sinnlosen Sprengstoffattentate der Hitler-Jugend teil hat, kann man diesen trotz ihren Schrecknissen etwas Gutes nicht absprechen. Sie rufen der heutigen Generation das Tolstoi-Wort aus „Krieg und Friede" in Erinnerung: „Die entscheidenden Wendungen der Geschichte werden nicht durch Pulver bewirkt, sondern von solchen, die das Pulver erfunden haben." Wenn sich dieses Dichterwort bewahrheitet, dann haben von der geschichtlichen Entwicklung wir Juden ohne Zweifel mehr zu erwarten als die Hakenkreuzler . . . Für sehr nette,, intelligente Frau mittleren Alters wird eine Stelle zu älterer Persönlichkeit als Gesellschafterin oder Stütze, eventuell auch in frauenlosen Haashalt gesucht Referenzen stehen zur Verfügung. Lea Gerstmaun, X.. Reumannplatz 11/11.