Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 26 (22.6.1934)
- Date
- 1934-06-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT „DIE KUNSTSPIELE" WIEN I., RIEMERGASSE 11 / TEL. R 22-2-41 Österreichische Schauspieler aus Deutschland* „Die Fünfer-Truppe" (Berlin) Leitung: Walter Grün spielen: Mittwoch, den 27. Juni 1934-, abends s'/> Uhr X. Y. Z. Spiel zu Dreien in drei Akten von Klaband ' Regie: Hans Gross Die Arbeltsgemeinschaft will auch weiterhin Theater-Abende veranstalten und hofft auf rege Beteiligung. Preise der Plätze: S 1.—1 l.äOi 2.—( 2.50 Telephon A 41-4-24 ÄPöÄSTEDINI IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang „Die Stimme" wehrt sich gegen den Vorwurf der mangelnden Objektivität in der Personalpoliiik . der Gemeinde mit der unrichtigen Behauptung, daß die „Union" „Generationen von Familien durch Anstellung in der Kultusgemeinde versorgt hat". Nicht ein einziges Beispiel wird „Die Stimme" dafür zu erbringen vermögen. Trotz dieser Provo- Die Auswirkungen der von Kardinal Faulhaber in München im Dezember vorigen Jahres gehaltenen Predigten: 1. über den religiösen, 2. sittlichen, 3. sozialen und 4. ewigen Wert des alten Testamentes haben trotz Ablauf des ersten Halbjahres keine Abschwächung, sondern eher eine Steigerung erfahren. Der unglaublich heftige Widerspruch, den die Aufforderungen des Kardinals „Halten wir das alte Testament in Ehren!" „Wirken wir, mit Gottes Gnade, das alte Testament für uns selber zu erfüllen" in antireligiösen oder, genauer gesagt, in heidnischen Kreisen Deutschlands ausgelöst hatten, war wie eine Flut, deren wirkungslose Umbrandung erst die Unerschütterlichkeit des Felsens bezeugt. Diese vier Ansprachen, an und für sich Kunstwerke homiletischer Rhetorik, wie auch von tiefgründigem biblischen Wissen erfüllt, werden sicherlich einen noch von Zeit zu Zeit steigenden Einfluß auf die Gedankenwelt der katholischen Gläubigen, wenn nicht auch der evangelischen, ausüben. In welcher Hinsicht aber ergibt sich nun die Würdigung derselben jüdischerseits, und zwar von dem allgemeinen, nicht etwa vom temporär politischen Standpunkteaus? Ein kurzer Rückblick möge dieser Stellungnahme vorangehen. Während des ganzen Mittelalters galt in den Klöstern die Devise: „Lege biblia, relege biblia, repete biblia: Lies die biblischen Bücher, lies nochmals die biblischen Bücher, wiederhole wieder die biblischen Bücher." Die Kirche hatte nie gegen das alte Testament irgend welche Aversionen, im Gegenteil, dieses war Gegenstand ihrer besonderen Verehrung; sie betrachtete dasselbe als den Grundstein, auf welchem sie ihr eigenes Bekenntnis aufbaute. In allen noch so heftig geführten Disputationen und Diskussionen, mündlich oder schriftlich, zumal in Spanien, finden wir keinen einzigen Angriff gegen das alte Testament, aus welchem vielmehr Argumente herausgeholt wurden, um die Entstehung des Christentums zu beweisen. Die Bibel war überdies für die christliche Welt nicht bloß das Werk des Kultus, sondern auch das einer nachahmungswerten Kultur. Einige Belege seien hiefür angeführt Als Heinrich I. (919—936) daran ging, Städte in Deutschland zu gründen, nahm er hiefür als Beispiel das Vorgehen «Nehemias (Neliertüas, Kap. 11) bei der Wiedererbauung Jerusalems an. Oliver Cromwell, Lordprotektor Englands, belegte seine Krieger mit hebräischen Namen der Bibel. König David und die Makkabäer galten immer als leuchtende Vorbilder für alle jene Herrscher, die auf Heldentum Anspruch erhoben. Luther, der die Einheit des Christentums in Mitteleuropa zertrümmert hatte, fühlte sich persönlich hingezogen zu den Werken, namentlich den Psalmen des alten Testamentes, das er ins Deutsche übersetzte. Und so schrieb er wörtlich über den Psalm 118: „Es ist mein Psalm, den ich lieb habe. Wiewohl der ganze Psallter und die heilige Schrift gar mir auch lieb ist, als die mein einziger Trost und Leben ist. so bjri ich doch sonderlich an diesen Psalm geraten, daß er muß mein heißen und sein, denn er sich auch redlich, um mich gar oft verdient und mir aus manchen großen Nöten (geholfen hat" Goethe, der bekanntlich von sich behauptete, er sei weder Idealist, noch Materiaist, sondern Realist, hatte gerade für das „Heldische" im alten Testament Vorliebe. Daß auch sonst die Dichtkation wollen wir auch heute noch nicht mit Details aufwarten. Wir wollen nur für die Zukunft warnen, derartige Methoden des Nepotismus und Protektionismus zu beobachten. Zum Schlüsse verliert „Die Stimme" jede Besamung und kreischt, daß es nicht mehr anzuhören ist. Wir haben nicht von der vaterländischen Gesinnung der Jüdischnationalen, sondern von unserer eigenen gesprochen. Religion und Liebe zu unserem angestammten Vaterlande Oesterreich ist die Devise der „Union österreichischer Juden" seät ihrer vor nahezu fünfzig Jahren erfolgten Gründung. Wr werden auch in Hinkunft nicht die Erlaubnis der jüdischnationalen Zionisten einholen, wenn wir uns auf unser altes Programm, das jetzt zu neuen Ehren gekommen ist, berufen. kunst, zumal die deutsche, ihren Stoff gerne aus der Bibel holte, bedarf wohl nicht des Beweises. Der Wandel in der Einstellung des intelligenten Teiles des deutschen Volkes zum alten Testament begann mit dem scharfen Einsetzen der negierenden Bibelkritik von evangelischer Seite in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Von Julius Wellhausen, dessen Hypothesen-, Konjekturen- und Korrekturenmethode den lebenden Leib der Heiligen Schrift in einen zerstückelten Kadaver zu verwandeln suchte, bis Friedrich Dahlitzsch! mSt seinar „großen Täuschungf zieht sich dieselbe Linie, und Gelehrte, die Bedenken trugen, mit Hacke und Schaufel an das neue Testament heranzutreten, wühlten um so mehr hemmungslos in den Grundfesten der hebräischen Bibel. Oberrab3ner Dr M. Güdemann, der ein genauer Kenner jener Tendenzen gewesen ist, meinte, daß gewisse Gelehrte das Judentum als Folie benützen und zur Erhöhung der christlichen Lehre sich bemühen, das Judentum hinabzudrücken, so daß Adolf Harnack die ungeheuerliche Behauptung aufstellen konnte, daß die „Bergpredigt nur in lockerem Zusammenhang mit dem Judentum stehe" (Dr. M. Güdemänn, Das Judentum in seinen Grundzügen, Seite 87). Zu diesem Vorgehen der Bibelkritiker gesellte sich bald noch ein anderes Moment hinzu. Da jede Scheu nicht bloß vor dem hohen religiösen Gehalt, sondern auch vor dem unvergleichlich geistigen Monumentalwerke der Bibel von den) eigenen Erklärern und Forschern hintangehalten und verscheucht wurde, unternahm man bald den Versuch einer Diskriminierung des alten Testamentes, um durch Vergleiche mit anderen ethischen Systemen die Sittenlehre der Bibel als minderwertig zu bezeichnen. Auf diesem Gebiete spielten sich auch die literarischen Kämpfe der letzten Jahrzehnte ab. Kein geringerer als der große, neuzeitliche Religionsphilosoph und Kantforscher Hermann Cohen widmete der Abwehr eine ganze Anzahl von Schriften. Mit den Angriffen gegen die Ethik des alten Testamentes ist aber auch die katholische Kirche mitbetroffen worden, da das moderne Heidentum diese in der Weise bekämpft, daß es die Urquelle, aus der das Christentum floß, nämlich die hebräische Bibel, zu trüben versucht. Es darf als ein historischer Wendepunkt bezeichnet werden, daß die katholische Kirche ihr bisheriges passives Verhalten verließ, durch einen ihrer ersten geistigen und geistlichen Führer zur Aktivität überging, und vor der ganzen Welt für die hebräische Bibel Zeugnis ablegte. Es ist wohl selbstverständlich, daß Kardinal Faulhaber von seinem Standpunkte aus bei aller Verehrung des alten 'Testamentes manches an demselben auszusetzen hat und namentlich gerne eine Grenzscheide ziehen möchte zwischen dem vorchristlichen Judentum und den talmudischen Schriften des nachchristlichen Judentums. Ohne in eine Auseinandersetzung mit diesem auch als Gelehrter hochstehenden Dignitär der katholischen Kirche uns einlassen zu wollen, nur an einem einzigen.Beispiel bewiesen, welch schweres Unrecht auch von dieser geschätzten Seite dein Tal-- mud zugefügt wird. In der 2. Predigt spricht Kardinal Faulhaber von der Sittenlehre des alten- Testamentes und meint: „Der schwerste Vorwurf gegen die alttestamentliche Sittenlehre ist der Vorwurf der Lohnmoral. Das 4. Gebot sei abzulehnen, weil es auf den Lohn des Wohlergehens und langen Lebens spekuliere. Vor 4 Wochen haben die deutschen Christen am Sportplatz in Berlin aufgefordert, die Landeskirche müsse sich „vom allrten Testament und seiner'jüdischen Lohnmoral" frei machen. Es ist wahr, die Frommen des alten Testamentes erwarten sich als Lohn für ihre Frömmigkeit auch irdische Segensgüter. Es ist aber nicht wahr, wie man sagt, daß das 4. Gebot aJs kaufmännisches Abrechnen mit Gott den Kindern eingeimpft und eine undeutsche Lohnsucht großgezogen werde. Gewiß wäre es ein Hochstand der Sittlichkeit, aus reiner Liebe zu Gott ohne jede Hoffnung auf Barzahlung oder Zukunftswechsel die Wege der Tugend wandeln." Nun schlage man den verkannten, verlästerten, geschmähten und auch von Kardinal Faulhaber ungnädig behandelten Talmud auf, u. zw. den kleinen Traktat, „Sprüche der Väter" genannt. Da lesen wir (K. I. 3): Antigonos, ein Mann aus Socho, empfing die Lehre von Simon, dem Gerechten. Dieser pflegte zu sagen: Seid nicht wie Knechte, welche den Herrn bedienen, um einen Lohn zu empfangen, sondern seid wie Knechte, welche den Herrn bedienen ohne die Absicht, einen Lohn zu empfangen, und die Frucht Gottes sei über euch." — Ist ein selbstloserer Idealismus irgendwo gegeben? — Ist nicht gerade hier im Talmud der „Hochstand der Sittlichkeit erreicht? — Ein Fürst der katholischen Kirche hatte die Kraft unter schwierigsten Umständen aufgebracht, nicht bloß für die hebräische Bibel, sondern auch für die jüdische Religion öffentlich ein Wort einzulegen, indem er einen Ausspruch des Kardinals M a n n i n g anführte, den dieser seinerzeit an die Juden Englands gerichtet hatte: „Ich würde meine eigene Religion nicht verstehen, wenn ich für die Ihrige keine Ehrfurcht hätte." Darum sei der Vorwurf nicht erweitert, daß der Talmud, aus dessen Mitte Hillel und Rabbi Gamliel hervorgingen, von ihm nicht ganz glimpflich behandelt wird. Es sei aber das Wort eines „kleinen" Propheten in Erinnerung gebracht, welches lautet: „Denn alle Volker mögen gehen ein jedes im Namen seines Gottes, wir aber wollen gehen im Namen Adonais, unseres Gottes, ewig und immerdar. Der »Stürmer" vor Gericht. An die Schriftleitung der Jüdischen Wochenschrift „Die Wahrheit", Wien IL In Vertretung des Herrn Hans Novak, Eigentümer und Herausgeber der Zeitschrift „Der Stürmer", fördere ich Sie mit Bezug auf den Artikel „Der Stürmer vor Gericht" auf Seite 2 der Nummer 23 der Jüdischen Wochenschrift „Die Wahrheit" vom 1. Juni 1934 gemäß §23 PG. um Aufnahme nachstehender Entgegnung auf: ' ""' Sie schreiben, „daß ich in meiner Eigenschaft als Vertreter der Klage des Hans Novak gegen Irene Harand zu Beginn meiner. Ausführungen erklärt hätte, gegen die Zulassung des Wahrheitsbeweises nichts einzuwenden, später aber doch den Richter gebeten hätte, nur meinen Klienten Hans Nolvak einzuvernehmen, welcher bereit sei, als Zeuge vor Gericht zu bestätigen, daß er an die Beschuldigungen geglaubt habe, als er die Artikel veröffentlichte." Diese MltteBhing &t unwahr, wahr ist vielmehr, daß ich mäch ausdrücklich mit Durchführung des Wahrheitsbeweises auf breitester Basis zwecks Widerlegung des gegnerischen Vorbringens ausdrücklich und ohne iede Einschränkung einverstanden erklärt hatte. . Hochachtungsvoll Rechtsanwalt Dr. Fritz HauenschiW Kardinal Faulhabers vier Predigten über die hebräische Bibel (das alte Testament) und das Judentum. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann.