Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 25 (15.6.1934)
- Date
- 1934-06-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Ifltitomtm Wien Imf SeitenHtettengaMJe 2, Tel. U 28-1-S8 XL, Zentralfriedhol, «tti in i. Ör, TeL U1841-65 Raimund im »Dritten Reich" verfemt. Wenn man die Mehrzähl der aus Deutschland kommenden Filme sieht, erschrickt man über die Oede und die Einfallslosigkeit Es ist einfach unglaublich, wie rasch und gründlich man den deutschen Film durch die Gleichschaltung heruntergebracht hat Das Niveau kennzeichnet ganz besonders ein Brief, den dieser Tage eine Wiener Interessentengruppe von der Europa-Film A. G. in Berlin erhalten hat Es war der Europa-Film A, G. vorgeschlagen, Raimunds „Verschwender" zu verfilmen. Darauf kam folgender Bescheid: „Der Stoff des „Verschwender" von Ferdinand Raimund ist uns natürlich bekannt, aber wir wollen im Augenblick nicht auf diese Anregung eingehen, da uns Raimund als Nichtarier in Deutschland nicht geeignet erscheint und außerdem das Problem dieses Stoffes den augenblicklichen Intentionen nicht entspricht" Der Jude Raimund, der mit seinen Problemen den Intentionen des Dr. Goebbels nicht entspricht — das ist deutsche Geisteskultur im Dritten Reich. Goerings Adoptivvater — ein Jude. Wie die offiziöse französische Telegraphenagentur Havas aus Wien meldet, starb in Bauterndorf unweit von Innsbruck im Alter von 85 Jahren der Arzt Dr. Hermann von Epstein, der einer alten jüdischen Familie entstammte und Adoptivvater des preußischen Ministerpräsidenten Hermann'Goering gewesen ist Der Verstorbeneerfreute sich als Arzt und Philanthrop eines großen Ansehens. Amerika und die Berliner Olympiade. Das amerikanische Olympic Committee, das soeben in New York getagt hat, befaßte sich neuerdings mit der Frage der Teilnahme Amerikas an der Berliner Olympiade 1936. Ein endgültiger Beschluß wurde auch diesmal nicht gefaßt, sondern der Präsident des Committee, Herr Brundage, wurde ermächtigt nach eigenem Ermessen eine Entscheidung zu treffen, und zwar nachdem er im August dieses Jahres gelegentlich einer Deutschlandreise eine Untersuchung darüber angestellt haben wird, ob die vom deutschen Sportkommissaf Dr. Lewald auf der jüngsten Athener Tagung des Weltkommitees der Olympiade gegebene Versicherung, daß gegen die jüdischen Sportler in vollem Sinne fair play geübt wird, auch eingehalten wird. Diese Entscheidung des American Olympic Committee wurde auf Vorschlag des jüdischen Delegierten Ornstein angenommen, während der Antrag des Vertreters der deutsch-amerikanischen Sportler, Dietrich Wortmann, der für sofortige Erledigung der Frage eintrat, abgelehnt wurde. Ein verdienter Fußtritt In einer in Berlin abgehaltenen sehr stark besuchten Versammlung des Verbandes nationaldeutscher Juden schloß sich an die dem Thema „Nationaldeutschtum, nicht Alljudentum" gewidmeten Ansprachen von Herrn Rotenbusch und dem Verbandsvorsitzenden Dr. Max Naumann eine Diskussion, in der unter anderem verlangt wurde, daß das Hebräische aus dem Gotteshaus verschwinde. Gegen diese Forderung erhob der einzige nicht jüdische Redner des Abends,-Prof. Sandkuhl, Einspruch. Er erklärte, der jüdische Gottesdienst sei ein wunderbarer Kultus; die Kultur würde durch die Abschaffung des Hebräischen sehr viel verlieren. lieber Einladung des Jüdisch-Kulturellen Elternbundes wird Herr Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang am Donnerstag, den 21. Juni 1934, um 8 Uhr abends im Festsaale des Hotel „Continental" II., Taborstraße 6, einen Vortrag über das Thema: „Die Rolle der Eltern auf dem Gebiete der jüdischen Jugenderziehung" halten. ........--------------.-----.---------.----------......P......--------* i Kinderheim | Küb am Semmering j; erstklassig und streng rituell geführt, in; : eigener Villa mit großem Garten in sonniger S 5 Lage. Pädagogische Aufsicht. Arzt im Hanse. : ■ BilligePreise.Leitnng:FrauHeleneKratui, ■ Auskunft: Tel A 46-1-65 ■ ■ s!'••■••»•■••■••••••■••••••••••»••••••■••••••■••••••••••••••■••■■•"•■■** Die Ortsgruppe Neubau der „Union österreichischer Juden" hielt kürzlich ihre diesjährige Vollversammlung ab, die besonders gut besucht war. In derselben erstattete Herr Reg.-Rat Doktor Lenk ein Referat über das Wirken und die Ziele der „Union" und verwies*» insbesondere darauf, daß die Vereinigung ihre Mitglieder stets zur Betätigung ihres Judentums, aber auch zur treuen Pflichterfüllung als österreichische Staatsbürger dem Vaterlande gegenüber und zur Liebe zum österreichischen Volke anhielt. Der neue Bezirksausschuß faßte als ersten Beschluß, im Bezirke eine kostenlose Beratungsstelle für Rechts-, Wöhlfahrts- und Wirtschaftsangelegenheiten für Mitglieder zu schaffen. Auskünfte bis auf weiteres: jeden Montag abends zwischen 548—^9 Uhr im Cafe Kandtof, VII., Kaiserstraße 61. Mitglieder des Ausschusses der Bezirksorganisation Neubau: Obmänner: Dr. Stefan B r i c h t, Dr. Oskar, Gottfried, Hugo Großmann; Schriftführer: Julius Alt, Otto Salus; Kassiere: Arthur Grab, Siegfried Reismann; Kontrolle: Josef Beermann, Adolf Schneider, Vorstandsmitglieder: Siegfried Flener, Architekt Louis Friedländer," Samuel Neufeld, Obermedizinalrat Dr. JHeinrich RÄe g e r, Karl Sachs, Dir. Dagoberi Stein, Leo Terner, Josef Ungar, Komm.-Rät Julius Z ei sei. Gemeindedkronik. New York. Das Jüdisch-Theologische Seminar in New York hat dem Ehrenpräsidenten des Joint Distribution Committee Felix M. Warburg, und dem Szegediner Oberrabbiner und Mitglied des ungarischen Oberhauses Dr. Immanuel Lbew in Anerkennung ihrer Rolle als geistige Führer ' des Judentums ehrenhalber zu Trägern eines akademischen Grades in jüdischer Literatur ernannt. Bei der Promötionsfeier hielt der Präsident des-Semi^rsspräche, in der er die hohen Verdienste Felix M. Wärburgs um die Pflege jüdischer Wissenschaft in Amerika, Europa und Palästina und die hohen wissenschaftlichen Leistungen Immanuel Loews würdigte. Cafetier Josef Müller gestorben. In der Nacht vom 12. auf 13. Juni ist Cafdtier Josef Müller gestorben. Ein aufrechter Jude, ein in des Wortes schönster Bedeutung guter Mensch ist für immer von uns gegangen, Abgesehen von seinem bekannten Wohltätigkeitssiriri. galt seine größte Sorge jenen kleinen, unglücklichen Kindern, denen die Sonne einer glücklichen Kindererziehung nicht leuchtet. In der Kinderbewahranstalt in der Schiff amtsgasse, in der mehr als 100 Kinder unter 6 Jahren während des Tages in Licht, Luft und Sonne sich tummeln dürfen, Kinder, die sonst in feuchten, ungesunden Wohnungen armer Eltern allen Gefahren der Erkrankung ausgesetzt wären, sah man fast täglich den wie einen Vater von den Kindern geliebten Josef Müller. Wenn er die Räume der Anstalt betrat, dann stürzten die Kleinen ihm entgegen und in den strahlenden Gesichtern dieser Kinder konnte man sehen, welch edles Herz in Josef Müllers Brust schlug. Als nach den Jahren der Inflation die Kinderbewahranstalt unterzugehen drohte, fanden sich einige beherzte Männer, unter ihnen der edle Verstorbene, die mit übermenschlicher Kraft dieses der Liebe dienende Werk der- Zukunft zu erhalten suchten. Es ist diesen wackeren Männern gelungen. Die Kinderbewahranstalt erfüllt heute noch ihre heilige Pflicht im Dienste jüdischer Kindererziehung. Man konnte zu Josef Müller kommen, wann man wollte, man fand ihn immer hilfsbereit für die Kleinen. Die Sorgen der Geschäftsführung hielten ihn nicht ab, seinem Liebeswerk zu dienen, und wenn er sich zu .entscheiden hatte, ob Dienst an seiner Familie, in seinem Geschäfte oder Dienst an den Kindern, dann entschied er stets zu Gunsten dieser Kleinen. Den Dank für diese Tätigkeit suchte Josef Müller nicht Das lachende Gesicht jedes einzelnen Kindes war ihm die schönste Bezahlung. Die Lücke, die Josef Müller im Vorstande der Kinderbewahranstalt zurückläßt, wird schwer ausgefüllt werden können; denn es wird selten einen Menschen geben, der in dieser Weise seine materielle und ideelle Kraft dem Dienste der Wohltätigkeit widmete. Aber nicht nur auf dem Gebiete der Wohltätigkeit stellte Josef Müller seinen Mann. Er diente auch als Mandatar der „Union" der Wiener Kultusgemeinde. Jahrelang war er Mitglied der Bezirkskommission für den 9. Bezirk. Mit Eifer und Fleiß widmete er sich auch diesen Agenden, denn er wußte, daß die Gelder, die von der Judenschaft auf dem Altar der Kultusgemeinde niedergelegt werden, dazu zu dienen haben, um Not und Elend unserer Glaubensbrüder zu lindern. Freitag, um 11 Uhr vormittags, werden wir diesen edlen Menschen auf dem Zentralfriedhof (IV. Tor) zur letzten Ruhe begleiten. Dr. Ernst Feldsberg. Eine besonders erhebende Feier war eine Barmizwah, die vergangenen Samstag im Stadttempel stattfand. Nicht ein Knabe allein trat da zum erstenmal vor I Kinder ins Gebirge! I ■ »! DasaltrenommierteFerienheimWienerbrucka.d.Mariazeller- E bahn,800 mSeehöhe,unterLeitungderbekanntenPädagogin ■ Elly Rothwein, nimmt Kinder imAlter.von 3—15 Jahren. S Erstklassige Referenzen, mäßige Preise. Anmeldung Kinderf : heimEllyRötwein,VII.,Mariahilleritr.72/17,Tel.B36-0-S2 g die Thora, sondern neun Knaben waren es, die aufgerufen wurden. Sie verbindet ein gemeinsames Ge^ schick. Frühzeitig haben sie beide Eltern, oder einen Elternteil verloren, aber edle Menschen haben für sie gesorgt und sie nicht untergehen lassen; Im Waisenhaus in der Probusgasse fanden sie das Heim wieder, das ihnen ein trauriges Geschick zerstört hatte; dort wuchsen sie zu gesunden braven Kindern auf. Auch eine gut jüdische Erziehung wurde ihnen dort zuteil, von der sie bei dem Festakte im Stadttempel ein schönes Zeugnis ablegten. Zahlreiche Festgäste wohnten der seltenen Feier bei. So sah man mehrere Kultusvorsteher, insbesondere Dr. J. Ornstein. den Großpräsidenten der B. B.-Logen Primarius Professor Dr. Braun, die Bethausvorstände mit dem Präsidenten Dr. E. Münz an der Spitze, viele Vorstandsmitglieder des Waisenvereines, der unter der umsichtigen Leitung des Herrn Kultusvorstehers Dr. P. Raumann so edle Arbeit leistet. Die Barmizwanten selbst, die von ihrem bewährten Präfekten Dir. Dr. Löwenfeld geleitet wurden, begleiteten zahlreiche Kinder aus dem schönen Institut Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang hielt eine prachtvolle Festrede, in der er, ausgehend von der Erzählung der Kundschafter, die Knaben ermahnte, das Neuland, das sie nun aufsuchen, als aufrechte Menschen, gute Juden und treue Staatsbürger zu betreten. Die inhaltlich wie rhetorisch gleich gediegene Rede löste starke Begeisterung aus. In die kantoralen Funktionen teilten sich die Oberkantoren Fischer und M a t y a si die gleich dem ausgezeichneten Chor unter Leitung des Herrn Kurt Fuchsgelb ihr Bestes gaben, um die Feier, die alle Anwesenden sehr bewegte, äußerst würdig zu gestalten. Barmizwahfeier. Der allseits geschätzte Bemaus? Vorsteher Leopold Deutsch und seine Gattin Irma führten am 9. d. M. ihren Erstgeborenen Fritz im Tem-. pel, XXI., Holzmeistergasse 12. zur Barmizwah. Unter großer Teilnahme der Freunde des Hauses legte der junge Fritz Zeugnis ab von' der echt jüdischen Erziehung, die ihm zuteil geworden. Rabbiner Dr. M: R ose n m a n n würdigte in einer erhebenden Ansprache die Tätigkeit des Elternpaares, die treu den Traditionell der Großväter s. A. Benny Deutsch und Heinrich Blatt, wie auch, der geschätzten Großmutter Frau Antonia Blatt, ihr Haus in echt jüdischem Geiste führen. Bei der Gratulation im Elternhause waren an hundert Personen anwesend, u. a. Herr Rabbiner Dr. Rosen mann mit Gemahlin, Herr Obmann -Gabriel D u k e s mit - vielen Bethaüsvorständem Der Barmizv wah hielt "eiiie prächtige Rede." in der er "sich "seiner Pflichten iür das Judentum bewußt erklärte. Ferner hielten gehaltvolle Ansprachen Herr Rabbiner Dri M: Rosenmann, Herr Obmann Gabriel Dukes, der Nestor und Führer unseres Bezirkes, sowie Herr Lehrer Bergher. Die ganze Feier verlief in vorbildlich jüdischem Geiste. Emil F a n t o. Trauung. So viele Festgäste hat der Stadttempel wohl schon lange nicht gesehen wie anläßlich der am Sonntag, den 10. d. M. stattgefundenen Trauung des Fräuleins Else Kunstadt, Tochter des 'Ehepaares Eduard und Olga Kunstadt, mit Herrn Maximilian Hanf, Sohn des Herrn Jonas Hanf. Bis weit in dem Vorraum standen die Erschienenen, die durch ihr Kommen ihre herzliche Anteilnahme an der schönen Feier beweisen wollten. Insbesondere brachten alle Gefühle der Sympathie dem Brautvater Herrn Eduard Kun^ Stadt entgegen, der in der Wiener Kauhnannswelt, wie auch in weitesten Wiener jüdischen Kreisen eine große Rolle spielt Er ist seit Jahren, von der „Union" delegiert, eifriges Mitglied der Bezirkskommission I, von der zahlreiche Mitglieder der Trauung beiwohnten. Auch viele prominente Angehörige der B. B.-Logen waren erschienen, ferner vom Präsidium der Kultusgemeinde Präsident Dr. D. Friedmann und Vizepräsident Dr. J. Ticho, außerdem sah man die Vereinigung der „Old Fellows" sehr stark vertreten. Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang hielt an das Brautpaar eine herzliche Ansprache, in der er es ermahnte, dem mur sterhaften Beispiel der Eltern zu folgen, die die ihnen von ehrwürdigen Vorfahren überkommene jüdische Tradition im Hause gepflegt und hochgehalten haben. Oberkantor H. Fischer versah mit starker Chor- und musikalischer Begleitung die kantoralen Funktionen in gediegener Weise. Den zahlreichen Gratulanten schließt sich auch die Redaktion der „Wahrheit" an. Der Allgemeine Kranken- und Unterstützungs- Verein „Montefiore" veranstaltete anläßlich der Verleihung der Goldenen Medaille für Verdienste um die Republik Oesterreich an seinen langjährigen Obmann, Herrn Edmund Hofmann, am 7. d. M. im Saale des Hotels Stefanie eine Festsitzung, die einen sehr erhebenden Verlauf nahm. Es waren dem überaus beliebten Ausgezeichneten zu Ehren so viele Festgäste erschienen, daß der große Saal die Anwesenden nicht fassen konnte und der Nebenraum herangezogen werden mußte, um die große Festtafel zu verlängern. Unter an^ deren waren erschienen: In Vertretung der Kultusgemeinde Dr. Jakob Ornstein, Rabbiner Prof. Dr. J. M. Bach, Prof. Dr. Hugo Stern, in Vertretung der ..Union" Reg.-Rat Dr. M. Lenk, für die Chewra Kadischa Vizepräsident Paul Schwarzstein. Deputationen des Vereines ..Nächstenliebe" und des I. Wiener Gewerbevereines, in Vertretung der Genossenschaft der Tapezierer Obmann Komm.-Rat Nerwart und Sekretär Stanek, Chefredakteur Oskar Hirschfeld, Oberkantor G. M a r g u I i e s sowie der Gesamtvorständ des Kranken- und Unterstützungs-Vereines und des Waisenvereines „Montefiore". Die Festgäste wurden von Vorstandsmitglied Wagner herzlichst begrüßt.