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Die Wahrheit · 1934-06-15 · Heft 25 (15.6.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 25 (15.6.1934)
Date
1934-06-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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"TBS ,- *^S^,'£>' <Sj Ssg^PäS ^J^sT"*;?"," T'.~X-C DIE WAHRHEIT Seite 3 Keine Illusionen bei Emigrationsprojekten l i Die Verschlechterung der Lage der Juden in aller Welt hat in letzter Zeit gewisse unerquickliche Erscheinungen auf publizistischem Gebiete gezeitigt. Aehnlich wie in den verflossenen Jahrhunderten, da im Augenblick höchster Not irgendein „Messias'' erstand und Erlösung versprach (Sabbatai- 7wi, Rubeni, Molcho u. a. m.), wartet uns jetzt die Tagespresse fast zu jedem Frühstück mit irgendeinem Auswanderungsland auf, das mit einem Schlage womöglich alle notleidenden Juden der Welt aufnehmen solle. Nachdem es sich gezeigt hat, daß man in Palästina auch nicht einen Bruchteil der vielen Millionen Juden, deren Existenz unterhöhlt ist, unterbringen kann und der ewige Kampf um jedes Zertifikat die hochgehenden Wellen der Hoffnung stark abebben ließ, will man nun, weniger auf dem Boden der Realitäten als mit Hilfe der Phantasie, immer neue Gebiete entdecken, die ihre Tore für eine jüdische Masseneinwanderung öffnen sollen. Wohl ist es richtig, daß jedes der jetzt oft genannten Immigrationsländer eine ungleich größere Masse von-Juden aufnehmen kann als Palästina, das mit internationalpolitischen und wirtschaftlich-strukturellen Problemen allzu sehr belastet ist; wohl trifft es zu, Öäß die Aufnahmefähigkeit Biro-Bidschans, der Krim oder Angolas ein Vielfaches der Kapazität Palästinas darstellt,--— doch darf man nicht vergessen, daß der Kampf um Palästina schon mehr als eine Generation dauert und die Juden der Welt schon eine Unmenge von geistigen und materiellen Kräften für die Urbarmachung und Gewinnung dieses Landes geopfert haben, während für die Besiedlung der anderen Territorien so gut wie noch, gar nichts geleistet wurde und man hier einem Neuland gegenübersteht, das man erst entdecken muß. Die psychologischen Auswirkungen derartiger Sensationsmeldungen der Tageszeitungen müssen für die verzweifelten jüdischen Massen verheerend sein. Immer wieder weiß eine neue Zeitung zu berichten, daß hinter verschlossenen Türen „außergewöhnlich wichtige Beratungen und Konferenzen mit großen Staatsmännern" stattfinden, die die Ansiedlung von Juden in diesem oder jenem Land zum. Gegenstand, haben; poclen und Geld sei schon vorhanden* und man brauche nur noch die kurze Zeit abzuwarten, bis die prominenten Herren ihre Beratungen beendet haben. Bisweilen nimmt dieser Presserummel das Aussehen eines großen Jahrmarktes an — um kurz darauf bald wieder ganz zu verstummen. Tausende von Menschen sehen sich schon am Bahnhof mit gepackten Koffern, die Züge zu ihrer Auswanderung abwartend, in ihrem Geiste haben sie schon die Fährkarten in der Hand — um dann nur allzu rasch zu erfahren, daß es doch wieder nur eine Illusion war. Wir haben schon des öfteren in unseren politischen Betrachtungen darauf hingewiesen, daß der Zionismus mit seiner Aufpeitschung des Wandertriebes und der Negierung der Seßhaftigkeit den Juden keinen guten Dienst erweist. Die Großzüchtung der Galuthidee, die Einhämmerung der Ansicht, daß die europäischen Heimatländer für die Juden nur eine Durchzugsetappe auf!dem großen vor zweitausend Jahren angetretenen Wege von Palästina nach Palästina darstelle, führt zwangsläufig dazu, daß wir den Bod.e$ unter uns verlieren und unsere Kraft zur Erkämpfung einer Existenz in den Staaten, in denen wir sind und in aller Zukunft bleiben müssen, erlahmt. Der „Mensch unterwegs", dieses falsche Ideal, das der Zionismus geprägt hat, erweist sdch als eine verhängnisvolle Erbschaft aus dem Ghetto. Unsere Arbeit muß aber darauf gerichtet sein, durch die wirtschaftliche Produktivierung und Gesundung des Judentums den Ghettotyp des „ewig wandernden Juden" zu vernichten und an seine Stelle den seßhaften Juden zu setzen. Wir sind weit davon entfernt, die überragende Wichtigkeif der Ausfindigmachung neuer Emigrationsgebiete für die Juden außerhalb Palästinas zu unterschätzen. Im Gegenteil: wir begrüßen es, wenn wir hören, daß sich proletarisierten jüdischen Massen die Möglichkeit neuer Existenzgründung in diesem oder jenem Land ergibt. Neben der Verwurzelung in den Staaten, in welchen die Juden wohnen, wird immer ein gewisses Auswanderungsventil erforderlich sein, um den Druck, welcher auf den mit Juden übervölkerten Gegenden lastet, zu mildern und ihn nach anderen Gebieten minderer Depression abzuleiten. Man darf sich aber nicht aus der Tatsache herausdebattieren, daß die Judenfrage nicht dort existiert, wohin man einige tausend jüdische Menschen verpflanzt, sondern in den Ländern, wo sie in Millionenmassen wohnen, woraus sich von selbst der Primat der wirtschaftlichen Verwurzelung und Produktivierung der Juden auf ihrem Heimatboden ergibt. Wir sind überzeugt, daß Angola, Biro-Bidschan und die Krim kein Bluff bleiben werden, wie dies die zionistische Presse glauben machen möchte, daß sich dort vielmehr starke jüdische Kräfte konzentrieren, die mit unvergleichlich geringeren Mitteln und viel rascher das Aufbauwerk vollbringen werden, als dies in Palästina möglich ist — wir möchten aber nicht in die Art der Zionisten verfallen, die bisweilen hochtrabende Ziffern für die Palästinaemigration in alle Welt hinausschmettern, himmelhoch jauchzend von 40, 50, ja oft 100.000 Auswanderern jährlich sprechen, um dann sofort wieder, zu Tode betrübt, England anzuklagen, daß es nur 5000 Zertifikate freigibt Wir möchten es vermeiden, falsche Illusionen zu wecken und schon die „bevorstehende Lösung der Judenfrage" zu verkünden, wie sie von den Wortsprechern Palästinas immer wieder proklamiert wird. Wir dürfen den Blick für die Realitäten nicht verlieren, vor allem aber nicht den Boden unter uns ins Wanken ge- BAD HALL! Ober-Österr. (Villa Mayerhof er) ■ Pension, Caf6-Resfanrantorth."i^3 » a. barschakI aus Wien II., Gr. Schiffgasse 3 Telephon A 46-4-39 Das Unternehmen steht unter Auf- M sieht Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Babad. ■ ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■5 S ■ 8 raten lassen. Jede Auswanderung in Länder, die jüdischen Menschen eine Existenz ermöglichen, soll und muß die Unterstützung der ganzen Weltjudenheit finden — aber man beginne mit dem „Generalangriff" erst dann, wenn dieses Auswanderungsland nicht mehr in der Phantasie, sondern schon in der Welt der Realitäten fest verankert erscheint. M WORMS. Zur Neunhundertjahr-Feler der Synagoge. Wenn in diesen Tagen die deutschen Juden in ernster und würdiger Weise das 900jährige Bestehen der Synagoge von Worms feierten, dann dari das Judentum weit über die Grenzen Deutschlands hinaus an diesem Gedenktag Anteil nehmen. Denn das Gotteshaus in Worms ist das älteste in Europa, das vom hohen Mittelalter in unsere Zeit hineiinragt und die lange Reihe von Jahrhunderten seiner hohen Bestimmung gedient hat. Der Gemeinde zu Worms kommt aber darüber hinaus 3xk JUm zufriedenmit JJUe* $vuna- , Das saaer^alle unsere Kunden.?; i! * tMbe\ sind geschmackvoll und zeigen persönlichen Charakter. '1 //., Gredlerstraße Nr. 10—1 Minute vom Diana- Bad — Fernruf A 48-106 JiMeifiaus zum T)iana-!Bad z- ■J noch besondere Bedeutung zu: sie ist nicht nur eine der ältesten jüdischen Niederlassungen Europas überhaupt, sondern sie hatte auch viele Jahrhunderte geistige und politische Führung inne. Das hohe Alter der Kehillo wird durch den wunderbaren stimmungsvollen Friedhof erhalten, auf dem einzelne Steine, deren Inschriften noch zu entziffern sind, weit über ein Jahrtausend alt sind. Die fromme Ueberlieferung will sogar wissen, daß schon bei der Zerstörung des zweiten Tempels in Worms eine jüdische Gemeinde bestand, und als im Jahre 1635 von der Wormser Judenschaft allzuhohe Steuern gefordert werden, schrieben sie klagend dem Kaiser: „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als daß wir unsere Häuser, die wir seit 1700 (!) Jahren in der genannten Stadt innegehabt haben, verlassen und mit leeren Ranzen in die Verbannung ziehen müssen." Die Synagoge selbst ist vor genau 9 Jahrhunderten, im Elul 4794 vollendet worden: das kinderlose Ehepaar Jakob und Rahel, von deren Opfersinn noch heute Inschriften zeugen, hatten den Bau vollendet. Heute zerfällt das Gotteshaus in vier Teile: den Betraum der Männer mit der angefügten kleinen „Raschi-Kapelle", dem später angebauten, rechtwinklig zum Hauptraum stehenden Frauenbetraum und einer Vorhalle hierzu. Die Männersynagoge ist zweifellos der älteste Teil des Gotteshauses. Bauplan und Stil, selbst einzelne Ornamente der Synagoge stimmen in erstaunlicher Weise mit der des berühmten Domes, der St Andreas- und der zerstörten Johannes-Kirche zu Worms, überein und der Gedanke, daß die Hand eines Meisters diese Gotteshäuser alle gefügt hat, drängt sich auch dem Laien auf. Ueber die Bau-Etappen werden wir durch verschiedene Inschriften und die Unterschiede im Stil — die Männersynagoge ist noch romanisch, der Betraum der Frauen ist schon gotisch! — belehrt: 1213, fast zwei Jahrhunderte erst nach. dem Hauptbau wurde der Frauenbetraum angefügt Die Veränderungen, die von späteren Jahrhunderten am Bau angebracht worden sind, konnten das einheitliche uralte Ganze nicht wesentlich verändern. 1615 haben die Wormser Bürger in schrecklicher Weise den Bau verwüstet und bei der französischen Besetzung der Stadt 1689 wurde der heilige Raum als Pferdestall benutzt Die bekannte „Raschi-Kapelle" ist 1624 an den alten Raum angefügt worden und nur eine unbewiesene Legende behauptet, daß der große Lehrer Raschi tatsächlich an dieser Steile sein Lehrhaus gehabt hat. Historisch bewiesen ist nur, daß früher hier eine Jeschiwah bestanden hat und daß Rabbi Salomon Jitz^haki (Raschi) wirklich aus seiner Heimat Troyes in Südfrankreich nach der berühmten Gemeinde am Rhein gezogen kam, um dem Talmudstudium zu obliegen. Die Stadt Worms hat den großen Gelehrten durch eine „Raschi-Straße" und ein „Raschi-Tor" zu ehren gewußt. Auf dem uralten Friedhof von Worms sind viele große Gelehrte und Lehrer Israels zur letzten Ruhe beigesetzt worden: besonders bekannt ist die Gestalt Rabbi Meir von Rothenburg („Mahram"), der jahrelang von Kaiser Rudolf gefangengehalten wurde und dessen Leichnam 1307 erst 14 Jahre nach seinem Tode begraben wurde. Gegen hohes Lösegeld hatte ihn der fromme Süßkind Wimpfen aus Frankfurt ausgelöst, um nach kurzer Zeit neben dem großen Lehner beigesetzt zu werden. Eine der ältesten Thorarollen der Wormser Gemeinde soll von „Mahram'^ im Gefängnis verfertigt worden sein. Worms, schon vor Jahrhunderten als „Ir woem b'Jisroel" bekannt muß stets nicht nur eine wohlhabende, sondern auch eine besonders fromme Kehilloh gewesen sein. Die lange Reihe der überragenden Gelehrten, die dort als Rabbiner wirkten, die erlesene Ausstattung der Bet- und Bade-Häuscr, die vorbildliche und edle Art des Synagogenschmucks und das umfangreiche Minhag-Buch der Gemeinde beweisen dies überzeugend. Eine kurze Geschichte beweist den Ruhm des Synagogengesanges: 1496, an einem Werktag, wurde die Gemahlin Maximilian I.. die Königin Blanka zu einem Besuch des heiligen Hauses verlockt durch die Schönheit der herausdringenden Melodien und erst im vorhergegangenen Jahr hatten der Pfalzgraf Philipp und sein Sohn dem Gottesdienst gelauscht. Auch die Memor- und Historienbücher nennen unter den vielen Märtyrern viele Kantoren. Besonders eigenartig mutet es uns an, wenn wir das Lob der Stimmen der Vorsängerinen hören; die Frauen aber konnten dem Hauptgottesdienst nicht folgen, weil ihr Betraum fast vollkommen abgetrennt war, und so ist diese Erscheinung erklärlich! Zwei Stunden — das beweist die Frömmigkeit der alten Gemeinde — sollen einmal zwei Gemeindemitglieder um die Ehre, zur Thora aufgerufen zu werden, gestritten haben; der Kehillah blieb schließlich nur der Auszug in einen anstoßenden Lernraum übrig, um Gebet und Vorlesung vollenden zu können. Die Rechtsstellung der Wormser Gemeinde war vielen Wandlungen unterworfen und hing oft von. der Gnade des regierenden Fürsten ab. Mit der übrigen Stadt hatten die Wormser Juden dem Kaiser Heinrich IV. (1056—1106) gegen den Papst Gregor VII. die Treue geleistet und er hat sie durch Privileg und Schutz entlohnt; stets hingen die Juden in Worms in zäher Treue am Herrscherhaus. Die Institution des Wormser „Reichsrabbiners" ist von besonders hohem Interesse; beweist sie doch klar die große Bedeutung dieser Gemeinde. Der König selbst hat ihn 1407 zum „Hochmeister" über die Juden im ganzen Reich eingesetzt und er hatte ihnen Recht zu sprechen und durch Richtspruch und Bann von ihnen rechtzeitige Steuerzahlung zu erzwingen. Bei den entsetzlich schweren und zahlreichen Lasten jener Zeit für den Reichsrabbiner eine schwere und undankbare Aufgabe. Eigenartig war die Art der Selbstverwaltung der Juden zu Worms: der Bischof hatte den von der Gemeinde gewählten zwölfköpfiigen Judenrat zu bestätigen und zu beeidigen und aus seiner Mitte auf Lebensdauer einen ..Judenbischof" zu ernennen. Für Rechtsstreitigkeiten der Juden untereinander war dieses Gremium durchaus autonom; die Institution des „Judenbischofs" ging von Monat zu Monat auf ein anderes Ratsmitglied über und so wurde Unabhängigkeit der Rechtssprechung garantiert Rabbi M. Gensheim im 16. Jahrhundert war einer der berühmtesten ..Judenbischöfe". Bei wiederholten schrecklichen Metzeleien haben unzählige heldische Männer und r f n!H M Bgg?«Sf:!;'£

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