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Die Wahrheit · 1934-06-15 · Heft 25 (15.6.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 25 (15.6.1934)
Date
1934-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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§eite 2 DIE WAHRHEIT Justizmord? Man erinnert sich noch des lähmenden Entsetzens, mit dem die Kunde von der Ermordung des palästinensischen Arbeiterführers A r I o s oroff vor Jahresfrist die gesamte Judenheit der ganzen Welt erfüllt hat. Judenmord ist in unseren Tagen leider nichts so Seltenes, daß ein Einzelfall eine so ungeheuere Erschütterung der jüdischen Zeitgenossen vollständig erklären könnte. Anderseits war auch die Bereitwilligkeit der planmäßig verhetzten Welt, für ungeklärte Verbrechen jüdische Täter verantwortlich zu machen, noch nie so groß wie heute, wo die Abwehr von Blutbeschuldigungen, sei es gegen das Gesamtjudentum, sei es gegen einzelne Juden, zur fast alltäglichen Aufgabe aller mit der Abwehr antisemitischer Vorstöße befaßten Kreise gehört und daher gleichfalls schon eine gewisse Abgestumpftheit der Gemuter gegen derlei Sensationen bewirkt hat. Aber im Mordfall Arlosoroff erschienen die beiden tragischen Situationen unlösbar miteinander verquickt: Ein Jude war ermordet worden und Juden wurden der Tat verdächtigt! t)iese Konzentrierung aktiver und passiver Juden-Katastrophen, noch dazu auf einem Boden, an den sich uralter religiöser und modern politischer Erlösungsdrang der Juden klammert, hat der Tragödie, die sich zu mitternächtlicher Stunde am Meeresstrand von Tel-Awiw geheimnisvoll abgespielt hat, ihr besonderes Gepräge verliehen und ihren die jüdische Psyche zu tiefst aufwühlenden Stachel sogar in dieser Zeit, in der so viel unschuldig vergossenes Judenblut zum Himmel schreit, vor dem Stumpfwerden bewahrt. Auch die Tatsache, daß die Mordbeschuldigung gegen jüdische Täter diesmal nicht von antisemitischer Seite ausging, sondern von Juden erhoben und von Juden geglaubt wurde, konnte diesem Stachel nicht nur nichts von seiner schmerzlichen Schärfe nehmen, sondern hat das Quälende dieses Erlebnisses für lalle jüdischen Zeitgenossen nur noch gesteigert. Man weiß, daß der Prager Zionistenkongreß nur knapp der Gefahr entging, an dieser Affäre zu scheitern. Aber auch weit über das nationaljüdische Lager hinaus hat sich an dem jüdischen Blute, das an jüdischen Mörderhänden zu klejben schien, namenlose jüdische Empörung entflammt Ja gerade in d e n jüdischen Kreisen, die das Judentum als sittlichreligiösen Faktor schätzen, hat die Verletzung unseres religiösen Sittengesetzes durch einen Brudermord Entsetzen hervorgerufen. Haben unzählige jüdische Generationen dem unseren Vätern geoffenbarten Sittengesetz nur darum mitten unter ihnen mißgesinnten Andersgläubigen unerschütterliche Treue bewahrt, damit jetzt in der Zufluchtsstätte solcher Juden, die die Assimilation an die europäische Geisteskultur scheuen, unter Preisgabe unseres ethischen Erbgutes eine Assimilation an die Unkultur blutig ausgearteter Methoden der europäischen Politik erfolgt? Zum Glück verloren diese Sorgen durch die Ergebnisse der kriminellen Untersuchung immer mehr an Aktualität Während, die zum „Killen" irgendeiner Persönlichkeit kommandierten Häkenkreuzler gar nicht fähig sind, das ihren Mordwaffen ausgelieferte Opfer geistig zu qualifizieren, daher gar nicht in der Lage sind, für ihre Tat mit intellektuellen Gründen einzustehen, und deshalb ihre ganze Verteidigung auf die Ableugnung ihrer Täterschaft hinauslaufen muß, ist der jüdischen Jugend in Palästina unbedingt so viel Intelligenz zuzutrauen, daß sie die Bedeutung der verschiedenen Parteiführer im Lande sehr gut abzuschätzen vermag. Die Revisionisten mußten wissen, daß Arlosoroff bei all seiner Begabung kein Träger origineller politischer Ideen war, die man durch Beseitigung ihres Propagators aus der Welt schaffen konnte, sondern daß ihm nur eine repräsentative Führerrolle zukam, die nach seinem Sturz automatisch an einen Nachfolger gleicher Gesinnung übergehen würde. Tatsächlich hat ja auch die palästinensische Arbeiterpartei durch den Verlust dieses persönlich hochgeschätzten Führers keinerlei Machteinbuße erlitten, wohingegen die Revisionisten durch die unter dem Eindruck des Mordes auf dem Zionistenkongreß gefaßten Beschlüsse arge Nachteile in Kauf nehmen mußten. Der einzige Vorteil, den die Partei aus der Tat hätte ziehen können, wäre in dem zweifelhaften Wert eines demonstrativen Bekenntnisses zu ihr gelegen. Da von einem solchen Bekenntnisse auf revisionistischer Seite niemals die Rede war, erscheint es wenig stichhältig, die Partei mit dem Morde zu belassen. Esiisttraurig genug, daß die politische Spannung zwischen den jüdischen Parteien im Heiligen Lande eine solche Intensität erreicht hat, daß sie den Gedanken eines verbrecherischen Anschlages von Juden auf Juden überhaupt aufkommen ließ und diese Möglichkeit sogar fast plausibel gemacht hat. - Es ist das Verdienst des hervorragenden Verteidigers Horace Samuel, der mitten in den hochgehenden Wogen politischer Erregung kriminelle Kleinarbeit subtilster Art leistete, die Judenheit von dem Alpdruck, als der die Vorstellung eines jüdischen Brudermordes im Heiligen Land auf ihr lastete, befreit zu haben. Er erbrachte Alibibeweise für die Angeklagten und desavouierte das Agnoszierungstalent der Frau Arlosoroff, die als erste den Verdacht auf jüdische Täter gelenkt hatte. Man wies ihr nach, daß sie einige Juden, die sie angeblich als die Verbrecher „erkannt" hatte, bei späteren Begegnungen nicht wiederzuerkennen vermöchte, daß sie im mitternächtlichen Dunkel der Mordstunde unmöglich die Unrasiertheit Stavskys und das rote Stoffmuster des Anzugs von Rosenblatt wahrnehmen hatte können und daß die sonstige Personsbeschreibung, die sie von dem Attentäter entwarf, eher auf den Araber Abdul Medschid paßt. Von diesem Araber soll sogar ein Geständnis vorgelegen sein, das aber die Polizei ignoriert habe.... Und dieser wunde Punkt führt zu der Haltung der englischen Gerichtsbehörden, die das tragische Los der Juden zum autoritären Eingreifen in dieses jüdische Drama berufen hat. Die Mandatarmacht hat es bei früheren Mordaffären im Hei- PALESTINE&OR1ENT LLOYD die WELTORGANISATION^ PALÄSTINAREISEN HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Iigen Land an der wünschenswerten Entschlossenheit nur allzu oft fehlen lassen. Arabische Pogromisten und Einzelmörder begegneten meist erstaunlicher Milde bei den Regierungsbehörden. Auch die Ermordung Arlosoroffs bedeutete für die Engländer eine artige Verlegenheit, solange Araber als die Verbrecher in Betracht kamen. Um so elementarer erwachte der Rechtsfanatismus der Briten in dem Momente, als der Verdacht gegen jüdische Täter ausgesprochen wurde. Da zeigten sich die Justizbehörden plötzlich von dem unwiderstehlichen Eifer, ordentlich durchzugreifen, erfaßt, da nützten sie gierig die günstige Gelegenheit aus, der Welt zu beweisen, wie ernst es England mit seinen Pflichten als Mandatarmacht, die seiner Verwaltung unterstellten Gebiete zu Zucht und Ordnung anzuhalten, nehme. Aber dieser plötzliche Eifer der englischen Justiz fand einen mächtigen Damm an der ruhigen und zielbewußten Arbeit der Verteidigung. Der unter besonders sensationellen Umständen während des letzten Zionistenkongresses verhaftete Achi Meir mußte freigelassen werden und zuletzt blieben nur noch zwei Beschuldigte übrig: Abraham Stavsky und Zwi Rosenblatt. Auch deren Schuld war mehr als zweifelhaft Da fällte das Gericht ein „salomonisches" Urteil: Rosenblatt wurde freigesprochen und nur Stavsky zum Tode verurteilt. Wenn aber die englischen Behörden glauben, es auf diese Art allen recht gemacht zu haben, werden sie sich bald vom Gegenteil überzeugen müssen. Ein Justizmord wirkt immer aufreizend auf das Weltgewissen, auch wenn er auf rein kriminellen Indizien basiert Um so mehr, wenn politische Motive hineinspielen. Völlig unerträglich ist die Vorstellung, daß ein junger Jude unschuldig am Galgen baumelt, während der wirkliche Täter in einem verschwiegenen Schlupfwinkel des judäischen Gebirges von Hitlers ständig in Palästina sich herumtreibenden Sendboten schmunzelnd die „wohlverdiente" klingende Münze entgegennimmt.... vertretung für osterreich: REISEBÜRO CITr DR.J.H.KORNFR \ W.HEN,I.; KOHLMARKT 8 TtltfMON NS.U-26-4--29 Vor und nach der Urteilsverkündung. Der Hauplvertaidiser in dem Arlosoroff-Mprdprozeß, Rechtsanwalt Horace Samuel, hat gegen die Verurteilung Abraham Stavskys zum Tcde Berufung eingelegt. Das Urteil machte auf alle im Gerichtssaal Anwesenden einen außerordentlichen Eindruck und wurde von der Zuhörerschaft mit ergriffenem Schweigen aufgenommen. Nach der Verlesung des Urteils schrie Stavsky auf: „Ich bin nicht schuldig!" Seine Mutter rief: „Er ist unschuldig!" Stavsky wurde hierauf gestattet, noch eine Erklärung abzugeben. In äußerst erregtem Tone erklärte er: „Ich weiß von nichts. Als der Mord geschah, schlief ich in Jerusalem im Turgeman-Hotel. Dies ist ein Akt der Provokation seitens der lüdischen Arbeiterpartei und - der Palästinaregierune gegen mich. Ich bin völlig unschuldig. Ihr Richter tragt die Verantwortung für mein Leben und für das Leben meiner Eltern. Diejenigen, die hier falsch geschworen haben, werden ein schuldbeladenes Gewissen haben. Ich glaube, daß britisches Gerechtigkeitsgefühl in England Euch lehren wird, was es heißt. Unschuldige zu verurteilen! Ihr habt hier ein Urteil gegen die Ehre eines ganzen Volkes, nicht gegen die meine, gefällt, denn ich bin unschuldig." Nach diesen Worten fiel Stavskys Mutter dem Verurteilten mit einem Aufschrei um den Hals. Mit großer Mühe konnten Polizeibeatnte die beiden trennen. Unter einer Bewachung von sieben Polizisten wurde Stavsky aus dem Saal geführt Der freigesprochene Rosenblatt wurde gesondert abgeführt, jedoch ohne daß ihm vorher die Handschellen abgenommen worden wären. Das Plaidoyer des Hauptverteidigers im Arlosoroff- Mordprozeß R. A. Horace Samuel war das längste, das jemals vor einem palästinensischen Gericht gehalten wurde. Der Verteidiger, der seine Ausführungen am Mittwoch, den 6. Juni, mittags, begonnen hatte, beendete diese am 8. Juni, dem Tage der Urteilsfällung, um 11 Uhr vormittags. In der Schlußsitzung am 8. Juni forderte der Verteidiger in einem rhetorisch ungemein wirksamen Appell Dn das Gericht die Freisprechung beider Angeklagten. Ich verlange, sagte er, daß beide Angeklagten freigesprochen werden, weil kein Motiv für diesen Mord vorliegt. Dies war kein politischer Mord. Ich fordere vom Gericht den Freispruch, weil die Personsbeschreibung des Täters nicht auf Stavsky paßt, weil Rosenblatt nicht orientalische Tracht trug, weil Frau Sima Arlosoroff seinerzeit dringend verlangt hat, daß ihr zur Identifizierung des Täters Photographien von Arabern vorgelegt werden, weil sie den Polizisten Scharmeister ermächtigt hat, an die Jaffaer Polizei zu telephonieren, Araber hätten ihren Gatten erschossen. Ich verlange vom Gericht, beide Männer freizusprechen, weil die Identifizierung Stavskys unvorschriftsmäßig vorgenommen wurde, weil die Identifizierung Rosenblatts in irregulärer Form erfolgte. Ich verlange den Freispruch beider, weil in der ganzen Arbeit der Spurensucher keinerlei Beweis liegt, weil ihre Aussagen uneinheitlich sind. Ich verlange, daß das Gericht d'ie Angeklagten freispricht, weil das ganze Ideritiiizierungsverfahren nicht korrekt war und weil man vor der Vornahme der zweiten Spureusuche die Schuhabdrücke Stavskys den Spurensuchern gezeigt hat Ich verlange, daß das Gericht beide Angeklagten freispricht, weil Stavskys Alibinachweis durchaus wahrheitsgemäß und spontan erfolgt ist, weil Rosenblatt am Mordabend zweifellos in Kfar Saba war, was auch aus dem Protokoll der ,dort abgehaltenen Versammlung hervorgeht, und weil Abdul Medschid fünfmal ein nachdrückliches Geständnis abgelegt hat. Ich behaupte, daß beide Angeklagten unschuldig sind. * . Stellt den Bruderkampf ein! Oberrabbiner Kook hat den folgenden Aufruf erlassen: An alle Parteien in Palästina und im Auslande! Ich halte es für meine heilige Pflicht, von Euch allen zu verlangen, daßLlhr Euch — besonders nach diesem Urteil — mit dem rechten Geist des Friedens und der Geduld wappnet und in der Hoffnung, daß unser Recht triumphieren wird, den mörderischen Bruderkampf einstellt. Urlaub vom Arierrum. Aus dem „Prager Tagblatt": „In Marienbad waren am Samstag vor Pfingsten zwei Sonderzüge aus Regensburg und Nürnberg (der Stadt Streichers) eingetroffen. Am Abend konnte man den Großteil der Reichsdeutschen im ausverkauften Kino sehen, wo Elisabeth Bergner als Katharina zu sehen war." i

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