Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 25 (15.6.1934)
- Date
- 1934-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Dlt UUrheir In Deutschland verboten I Brschesnt jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden* Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.913 50. Jahrgang Wien, 15. Juni 1934 Nummer 25 Die Herrschaft der Jüdischnationalen in der Kultusgemeinde. Was die längste Zeit vorauszusehen war, ist nunmehr eingetreten. Die jüdischnationalen Mandatare in der Kultusgemeinde haben die Maske fallen lassen. Seit dem Ausgange der letzten Kultuswahlen, der den Jüdischnationalen durch die damalige Interesselosigkeit des Wiener Judentums und durch eine veraltete Wahlordnung, die den Ausländern das Wahlrecht in diese altehrwürdige österreichische Gemeinde ermöglicht, die Majorität gebracht hat, streben die Jüdischnationalen danach, sich in der Gemeindeverwaltung für die Dauer festzusetzen und womöglich alle das Schicksal der Gemeinde und ihrer Institutionen und Anstalten bestimmenden Mandate in ihre Hand zu bekommen. Vorerst hielten sie es für richtig, die Krallen einzuziehen, und deshalb schlössen sie mit den Vertretern des assimilierten Judentums, mit den Mandataren der „Union", unmittelbar nach der „Machtergreifung" ein Abkommen, wohlgemerkt für die ganze Funktionsdauer des gegenwärtigen Kultusvorstandes, wonach die acht Mandate, des Vertreterkollegiums der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, in welchem die eigentliche Verwaltungsarbeit geleistet wird, paritätisch zwischen Unionisten und Zionisten aufgeteilt werden sollten, so daß die Majorität der Jüdischnationalen nur durch die Besetzung zweier Mandate im Präsidium gegen ein Mandat durch die „Union" zum Ausdruck kam. Dagegen verzichtete die „Union" für die gleiche Zeit, also für die Funktionsdauer des gegenwärtigen Kultusvorstandes, auf die Besetzung der Obmannstelle der Schulkommission, die acht Jahre hindurch Herr Doktor Josef Tic ho in hervorragender Weise leitete, und verpflichtete sich, dem auf vier Jahre zu wählenden Präsidenten der Gemeinde auch ihre Stimmen zu geben. Durch diese Art der Lösung der Frage geschah es des öfteren, daß der objektiv sein sollende Präsident der Gemeinde, Herr Dr. Desider Friedmann, bei Meinungsverschiedenheiten zwischen seinen Parteigenossen und den Mandataren der „Union" dirimieren mußte. Herr Dr. Friedmann tat dies nun trotz seiner wiederholten Versicherungen, daß er, bekleidet mit den Insignien des Präsidenten der Kultusgemeinde, in seiner Funktion als Präsident alles Parteimäßige abgestreift habe, in der Weise, daß er sein Votum für seine jüdischnationalen Parteigenossen in die Waagschale warf. Dieses Dirimieren zugunsten seiner Parteigenossen in Personalfragen usw. ist nun offenbar dem „unparteiischen" Präsidenten der Gemeinde, Herrn Dr. Friedmann unangenehm geworden. Ent- 4» VERWALTUNGEN SÄTZE - HYPOTHEKEN KÄUFE - VERKÄUFE »fr SZILÄGYI * •X., ROTENLÖWENG. 3 BEH. ABT. SEISAL TEL. A 10-5-60 gegen der feierlich getroffenen Abmachung, hat die jüdischnationale Partei die durch die Februarereignisse und durch die Wahl des Mitgliedes des Vertreterkollegiums, Herrn Dr. Ticho, zum Vizepräsidenten der Gemeinde erfolgte Veränderung in der Zusammensetzung des Vertreterkollegiums zum Anlasse genommen, um Herrn Dr. Friedmann von der Last einer etwa notwendigen Stellungnahme im Vertreterkollegium zu befreien. Die jüdischnationale Majorität hat sich geweigert, die durch das Ausscheiden der „Werktätigen" frei gewordenen vier Kultusvorstandsmandate, dem Gesetze und dem Statut entsprechend, durch die nachrückenden Kandidaten der „Union" zu besetzen. Wäre diesem Verlangen Rechnung getragen worden, dann würden ftn Kultusvorstand 17 Jüdischnationalen 15 Unionisten gegenüber gestanden sein. Den Unionisten versuchte man klarzumachen, daß es nicht schicklich sei, die Erbschaft der „Werktätigen" anzutreten. Was geschieht aber nun? Die Jüdischnationalen wollten ohne Rechtstitel im Vertreterkollegium unter vollständiger Mißachtung der getroffenen Vereinbarungen sowohl das Mandat der Poale-Zionisten, als auch das der „Werktätigen" erben. Nach fruchtlosen wochenlangen Verhandlungen boten die Jüdischnationalen knapp vor der letzten, für Montag, den 11. d. M., anberaumten Plenarsitzung des Kultusvorstandes für das Vertreterkollegium „entgegenkommenderweise" das Verhältnis von 4 :3 an, wozu noch überflüssigerweise eine Statutenänderung notwendig gewesen wäre. Der Klub der unionistischen Mandatare lehnt dieses Angebot ab, beharrte vielmehr auf der Einhaltung der seinerzeit getroffenen Abmachung und kündigte für den Fall der Verletzung dieser Vereinbarung seitens der Jüdischnationalen zunächst die Niederlegung der Mandate im Vertreterkollegium und in den Kommissionen an. Unbekümmert um diese Folgen haben die Jüdischnationalen in der erwähnten Plenarsitzung die drei freien Plätze im Vertreterkollegium mit ihren Leuten besetzt, so daß also dieses Kollegium sich aus zwei Unionisten und — sechs Jüdischnationalen zusammensetzen würde. Dieser Vergewaltigung gegenüber gab es nur eine Antwort: Es muß der in der Oeffentlichkeit verbreitete Schein, als ob die Unionisten heute in der Lage wären, die Kultusgemeinde entscheidend mitzuverwalten, und dafür die Mitverantwortung tragen, beseitigt werden. Daher hat der Klub der unionistischen Kultusvorsteher beschlossen, zunächst alle Funktionen im Vertreterkollegium und in den Kommissionen zurückzulegen und sich ausschließlich auf die Kontrolle der von den Jüdischnationalen geführten Verwaltung, für die sie von nun ab auch nach außenhin allein die Verantwortung zu tragen haben, im Plenum und im Präsidium zu beschränken. Schon bisher war es schwer, für die Bevorzugung der jüdischnationalen Parteigenossen in Verwaltung, Fürsorge, Unterricht usw. die Mitverantwortung zu tragen. Um in dieser ernsten Zeit den Frieden aufrecht zu erhalten, wurde vieles hingenommen und geduldet, was vielleicht besser im Interesse der jüdischen Gemeinde und der antijüdischnationalen österreichischen Judenschaft hätte abgelehnt und öffentlich verurteilt werden sollen. Nun haben die Jüdischnationalen den Frieden gebrochen. Wir nehmen die Kampfansage an und werden nicht ruhen und rasten, bevor nicht den Vertretern der assimilierten, religiös und vaterländisch eingestellten Judenschaft jener Einfluß auf die Verwaltung eingeräumt wird, der ihnen gebührt. RasiercDidigof und billig Oesferrelchlsdies Quailfats rabrllfat Ueberau erhältlich Ein goßer Musiker — ein kleiner Mensch. Richard Strauß beging am 11. Juni seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß sei daran erinnert, daß dieser heute größte deutsche Komponist, der als Sohn eines armen Hornisten seine Laufbahn begann, stets sehr stark von Juden gefördert worden war. Dennoch hat Richard Strauß nach Durchbruch, des Hitler-Regimes sich beeilt, dem Nazismus seine Reverenz zu bezeugen, weshalb er mit allen seinen bisherigen jüdischen Freunden gebrochen hat. Richard Strauß hat nicht nur in seinen Entwicklungsjahren, sondern auch in seiner Glanzzeit fast nur mit Juden verkehrt. Beim Berliner Großkoniektionär David Levin hat er viele Jahre kostenlos gewohnt und gegessen, und zwar keineswegs als mittelloser Student, sondern als Gatte einer Tochter des Brauermillionärs Pschorr und als hochbezahlter Dirigent der Staatsoper. Seine „Elektra" hat er Levin gewidmet. Auch die Küche eines wohlhabenden jüdischen Kapellmeisters stand ihm jahrelang zur Verfügung. Sein Sohn verheiratete sich mit einer Prager Jüdin, einem Fräulein Grab. Aus dieser Ehe stammt ein Sohn, mit dem sich Strauß in der „Berliner Illustrierten Zeitung" abbilden ließ. Im Dritten Reich weiß man wohl nicht, daß Strauß' Enkel ein Judenstämmling ist. Strauß verkehrte in Berlin mit Theodor Wolff, Georg Bernhard und Alfred Kerr. Mit Max Reinhardt stand er auf ausgezeichnetem Fuß, der Jude Hugo v. Hoffmann st h a 1 hat ihm die Texte zu seinen Opern geschrieben und seine Balletts arrangiert.