Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 24 (8.6.1934)
- Date
- 1934-06-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT ■AllSSCHRElttllHO,, In der [fldiichen KulUwgemeinue in Linz gelangt die Stelle eines _ HANTORS, SCBOCnCTD ODODCK- SEHBEfABS and HCUOIONSLEBIIERS bis längstens 15. August 1934 zur Besetzung. Bewerber, die österreichische Staatsbürger sind, klang- ~ volle Stimme haben, musikalisch gebildet sind und entsprechende hebräische Kenntnisse besitzen, haben ihre mitZengnissen undLichtbild belegten, ausführlichen Offerten (Lebenslauf, Familienstand) bis längstens 15. Juni 1934 an das Präsidium obiger Gemeinde einzusenden. Gehalt nach Übereinkommen. Nur die zum Probevortrag Berufenen haben Anspruch auf Rückersatz der Reisespesen._ „Sendet arische Großmufferl" Im Zusammenhang mit dem jetzt in Deutschland für gewisse Stellen und Amtshandlungen verlangten Nachweis der arischen Abstammung sind bei der Anforderung von Urkunden usw. Stilblüten vorgekommen, von denen das „Heilbronner Tageblatt" eine besonders nette Auswahl veröffentlicht: ..Zum Zwecke der arischen Abstammung suche ich meine Großmutter, aber nicht die amtlich vorgeschriebene". „Zwecks allgemeiner .Umwälzung" brauche icb . den amtlichen Nachweis meiner Geburt," „Senden Sie mir bitte meine Geburt, Zweck ist die Eheschließung." „Nähere Ansahen kann ich nicht machen, da meine Mutter schon 1878 starb und mich als einziges Vermächtnis zurückließ." ..Sodann bitte icb Sie um geil. Auskunft, ob in den dortixen Sterberejjistern mein toter Großvater erscheint Er starb von 1821 bis 1850." „Senden Sie mir bitte meine arische Großmutter, sie ist schon 1871 verschieden." „Da icb arischer Abstammung bin, wollen Sie mir solches bescheinigen." „Ich bin arischer Herkunft, was ich zu beglaubigen bitte." „Mein Schwiegervater gibt an. arisch zu sein. Mündlich will man das nicht wissen, aber schwarz auf weiß kann man daran nicht zweifeln." Entsetzt schreibt dazu der Berliner „Tag": „Die harmlose Freude an diesen Stilblüten darf nicht über den ernsten Hintergrund hinwegtäuschen, der sich hier offenbart. Denn neben den offensichtlich nur sprachlichen und stilistischen Mängeln tritt in vielen dieser Aeußerungen doch auch eine erschreckende Unkenntnis der rassischen Grundbegriffe zutage." Ganz richtig. Die allgemeine Kenntnis der nationalsozialistischen Dogmen scheint nach diesen Beispielen nicht eben stark zu sein. Das Salonikier Wahlghetto abgeschafft. Die griechische Deputiertenkammer hat mit 108 gegen 60 Stimmen das neue Wahlgesetz angenommen, durch das die besondere Wahlkurie für Juden in Saloniki endgültig abgeschafft wird. Bei der Vorlage des Gesetzes erklärte der Berichterstatter der Kommission Abg. M. Craniotakis u. a., das neue Gesetz sei in der Absicht ausgearbeitet worden, Recht undSinn der Verfassung wieder herzustellen. Es sei nicht auf die Absicht zurückzuführen, eine bestimmte Partei zu begünstigen. Wenn es zutreffe, daß die Juden Salonikis eher der Regierung zuneigen, so sei es nicht minder richtig, daß die thrazischen Mohammedaner, deren Wahlkurie ebenfalls abgeschafft wurde, vorwiegend Oppositionsanhänger sind. Die Juden hätten nicht ganz 8000, die Mohammedaner über 16.000 Wähler. Das Gesetz gewährleiste somit durchaus gerechte Wahlen. Im Namen der venizelistischen Opposition erklärte der Abg. M. A. Melas, die Annahme des neuen Gesetzes wefde das Land in den Bürgerkrieg stürzen. Aus affer Wett Berlin. Seitens des Sportbundes im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der jetzt auf ein einjähriges Bestehen zurückblickt, wird mitgeteilt, daß der Sportbund heute 125 Sportvereine in ganz Deutschland mit weit über 120.000 Aktiven zählt und damit die größte jüdische Sportorganisation Deutschlands ist. Zürich. Der Direktor des Eidgenössischen Statistischen Amtes Dr. Carl Brüschweiter teilte auf der letzten Tagung der Schweizerischen Statistischen Gesellschaft mit. daß „die Juden nach der letzten Volkszählung mit 0,4 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung eine noch kleinere Minderheit bilden als vor 10 oder 20 Jahren. 1920 bildeten die Juden mit 20.955 Seelen noch 0.54% der vier Miliionen-Bevölkerung der Schweiz. Kowno. Halbamtlich wird erklärt: In einer Meldung einer privaten Pariser Agentur wurde behauptet, daß die litauische Regierung diskriminierende Maßnahmen vorbereitet wonach die Juden in Litauen vom Handel ausgeschlossen werden; Diese Meldungen entbehren jeder Grundlage. (Ein Teil der ausländischen Presse meldete, daß die neue letttändische Regierung es sei, die gesetzliche Maßnahmen zur Ausstoßung der Juden aus dem Handel vorbereitet; ein Dementi seitens der letttändischen Regierung, ist bis jetzt nicht erfolgt.) — Die litauische Hauptstadt Kaunas (früher Kowno) ist eine der europäischen Städte, die seit Kriegsende am meisten gewachsen ist. Am 1. Januar 1934 hatte sie 102.750 Einwohner, und zwar 70 Prozent Litauer, 25 Prozent Juden und 5 Prozent Polen. Deutsche und Russen. RevaL Der Senat der Universität Dorpat hat den Antrag einiger antisemitischer Professoren, den Numerus clausus für Juden und die übrigen nationalen Minderheiten einzuführen, abgelehnt. Jerusalem. Aus Teheran eintreffende Nachrichten schildern das Los der aus Afghanistan nach Persien infolge der scharfen antijüdischen Politik der neuen afghanischen Regierung geflüchteten Juden als außerordentlich tragisch. Die persischen Behörden behandeln die Flüchtlinge ohne jede Schonung, so daß diese es nicht wagen, sich in den Straßen zu zeigen. Die Jewish Agency sandte 30 Zertifikate für afghanische Flüchtlinge, doch verweigert ihnen der englische Konsul in Persien Einreisevisen, weil sie über keine Heimat» Dokumente verfügen. New York. Im Hause der Jüdischen Kulturgesellschaft wurde eine Ausstellung der jüdischen Presse in Amerika veranstaltet. Ausgestellt sind etwa 1000 Tages-, Wochen- und Monatszeitungen, die in den letzten 64 Jahren, seitdem in New York die erste jüdische Zeitung zu erscheinen begonnen hat. herausgegeben worden sind. Woher stammt die Kol Nidre-Melodie? Professor A. Z. I d e 1 s o h n, Dozent für jüdische Musik an dem Hebrew Union Colleg in Cincinnati, veröffentlicht in dem Annual (Jahrbuch) 1931—32 dieser Anstalt eine umfangreiche Abhandlung über die Entstehung der Kol nidre-Melodie. Diese Abhandlung liegt nun in einer Sonderausgabe vor. Prof. Dr. Idelsohn, der in seinem epochemachenden zehnbändigen Werk „Hebräisch-Orientalischer Melodienschatz" das ganze Material der jüdischen traditionellen Musik wissenschaftlich erhellte, nachdem er sie in jahrzehntelanger Arbeit erforscht hatte und in ihren Ursprüngen aufdeckte, beleuchtet in dieser Schrift das Kol nidre-Gebet und seine Vertonung und kommt dabei zu staunenswerten Ergebnissen. Zunächst werden uns die verschiedenen textlichen Versionen des Gebetes vor Augen geführt, von seiner ersten Erwähnung durch Natronaj Gaon (um 860) über die ersten Veröffentlichungen durch Amram Gaon, Saadja Gaon, die Revisionen durch Rabbenu Tarn und durch Meir Rothenburg bis zu den im 19. Jahrhundert erfolgten Revisionen, an deren Ende die Textgestaltung des im Jahre 1929 erschienenen „Einheitsgebetbuch für die liberalen Gemeinden Deutschlands" steht. Die erste musikalische Anleitung bringt das Machsor Vitry im II. Jahrhundert. Doch weder dieses noch Maharil (um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert) weiß von einer feststehenden Melodie zu berichten, sie geben vielmehr nur Vortragshinweise. Erst um das Jahr 1600 erfahren wir von einer fixierten Melodie, und zwar durch Mordechaj Jaffe aus Prag, der über die Inkongruenz der feststehenden Melodie mit dem damals üblichen Texte klagt. Durch diese Angaben ist die Entstehungszeit der Melodie festgestellt: sie stammt aus der Zeit zwischen 1450 und 1550. Ueber den Entstehungs ort war man bisher geteilter Meinung. Manche glaubten, besonders im Anfangsmotiv, Spuren von Zigeunermusik zu finden, andere hielten die Abstammung von byzantinischer Kirchenmusik für wahrscheinlich; vorwiegend aber war, durch den Textsinn veranlaßt die Annahme, die Entstehung im Kreise der Marannen zu finden. Prof. Idelsohn räumt durch scharfe analytische Untersuchung mit all diesen Irrtümern auf. Vor allem hält er die Tatsache für bezeichnend, daß die Melodie allen Sephardim gänzlich unbekannt und ausschließlich bei den aschkenasdschen Juden in Gebrauch ist, und zwar im Osten wie im Westen, bei Minhag Polen wie bei Minhag Aschkenas, Die Entstehung bei den Marannen müßte bei den Nachkommen der spanischen Juden doch unbedingt wenigstens eine Spur dieser Melodie aufweisen; aber die Rezitationsweisen des Kol nidre bei sämtlichen Zweigen der orientalischen Juden zeigen nicht die geringste Aehnlichkeit mit der uns so lieb und teuer gewordenen Melodie. Diese selbst beweist durch ihre Elemente, durch ihren Stil, daß sie ein Kind der aschkenasischen Synagoge ist, geschaffen im deutschen Süden. Sie gehört zu der Gruppe der sogenannten Missinai-Gesänge, die alle denselben Stil und, bis zu einem gewissen Grade, dieselben Elemente besitzen: die lose Form, die Vorrherrschaft der Motive und die Anwendung der gleichen Motive in verschiedenen Melodien. Dies alles sind aber auch Eigentümlichkeiten des deutschen Minnegesangs (11. bis 15. Jahrhundert). Und nicht nur in der Form, sondern auch im motivischen Inhalt zeigen die Missinai-Gesänge Anlehnung an den Minnegesang. Das Schlußmotiv des Kol nidre z. B., das als solches auch in Olenu und Owoß (an den hohen Feiertagen) verwendet wird, findet sich häufig, ebenfalls als Schlußmotiv, im Minnegesang. Immerhin bezieht sich diese Anlehnung nur auf den kleineren Teil der Motive; die Hauptquelle für die meisten ist die Singweise der Haphtarah. wie sie bei südwestdeutschen Juden gebräuchlich ist, für eine kleine Gruppe außerdem in der Rezitationsart der Estherrolle. Dadurch ist erwiesen: Der Komponist der Kol n i d r e - M e 1 o*d i e I e b t e w a h r s c h e i n- I--------------------------'*] ) Kinder ins Gebirge! 1 I Das altrenommierte FerienheimWienerbracka.d.Mariazeller-; : bahn, 800 m Seehöbe, unter Leitung der bekannten Pädagogin ■ Elly Roth wein, nimmt Kinder im Alter von 3—15 Jahren, i \ Erstklassige Referenzen, mäßige Preise. Anmeldung Kinder- ■ : heimEllyRotwein,VII.)Mariahilierstr,72/t7,Tel.B36-0-52 lieh in Mitteleuropa und scheint in der süd westdeutschen Tradition erzogen zusein. Die Broschüre bringt dann die ältesten bekannten Notationen durch Ahron, Beer (Berlin 1765—1821), L. Sänger (München), kopiert 1840 von Naunbourg, Lewandowski und Abr. Beer. In all diesen Versionen ist nur das Anfangsmotiv gemeinsam, während die übrigen Elemente in freier Form zusammengefügt sind. Diese „freie Form" (modal form) ist allen Missinai-Gesängen. eigentümlich. Dennoch wurde, wie die Bemerkung des Mordechaj Jaffe in Prag beweist, in manchen Orten eine bestimmte Reihenfolge und Ordnung der Motive festgelegt. . .. Die Melodie will nicht die buchstäbliche Bedeutung des Textes nachmalen, vielmehr seiner Intensian Ausdruck geben, dem, was das jüdische Gemüt bewegt, wenn es am heiligsten Tage des Jahres sicli seinem Gotte nähert. Sie singt von Zerknirschung, von Flehen um Vergebung, von Hoffnung auf Gnade und endlich von starker Zuversicht auf Gottes Erbarmen. Leon Kornitzer. Hamburg. Semeindeduomti. Auszeichnung. Dem langjährigen Leopoldslädter Bezirksrat und Kultusvorsteher Edmund Hoimann, Obmann des Allgemeinen Kranken- und Unterstützungsvereines „Montefiore", wurde vom Bundespräsidenten die Goldene Medaille für Verdienste verliehen. Die wohlverdiente Ehrung, die hier einem braven jüdischen Manne verliehen wurde, wird sicherlich in den weiten Kreisen, in denen er bekannt und beliebt ist, große Genugtuung hervorrufen. Auch unsere Redaktion gratuliert ihm auf das herzlichste und wünscht ihm noch viele glückliche Jahre ersprießlicher Wirksamkeit für die Allgemeinheit. Die Israel. Kinderbewahranstalt des Vereines „Wohlfahrt" veranstaltet am 9. Juni 1934 in den Räumen und im Prachtgarten des Institutes, II., Schiffamtsgasse 15, ein Gartenfest mit Vorträgen und Tanz. Erstklassiges Büfett. Einlaß ab 6 Uhr abends. Der Synagogen-Verein „Beth Israel" nach polnisch jüdischem Ritus. II., Leopoldsgasse, hielt am vergangenen Sonntag seine 52. ordentliche Generalversammlung ab. Präsident Dr. Landau eröffnete die Generalversammlung und begrüßte die Erschienenen auf das herzlichste, . insbesondere den Delegierten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Körner, sowie die Delegierten des Pazmanitentempels, Leenmann und Raschdow i t z. Schriftführer B u r i a n verlas nun den ausführlichen Jahresbericht der von allen Anwesenden mit großem Beifall aufgenommen wurde. Ueber Vorschlag der Revisoren wurde der Dank an den Vorstand für seine mustergültige Führung des Vereines einstimmig ausgesprochen und gleichzeitig das Absolutorium erteilt. Die Wahlen wurden per Akklamation angenommen und erscheinen die ausgelosten Herren wieder gewählt. Wr.-Neustadt. Anläßlich des Tages der Jugend iand im großen Tempel ein feierlicher Festgottesdienst für die jüdischen Schulkinder statt. Oberrabbiner Dr. H. Weiß hielt eine begeisternde Festrede, in welcher er die zahlreich erschienene Jugend zu heimattreuer Gesinnung und dankbarer Verehrung unseres hochgeschätzten Bundeskanzlers Dr. Dollfuß anspornte. Herr Oberkantor S c h u 1 h o f rezitierte einen Dankespsalm mit der Melodie der Bundeshymne. Dereindrucksvollen Feier wohnten seitens des Vorstandes Herr Kultusvorsteher-Stellvertreter Samuel Mandl und Herr Tempelvorsteher S. F r a n k 1 bei. Nach Beendigung der Feier marschierte die gesamte Schuljugend unter Führung des Lehrers H. Löwy zur allgemeinen Heldenfeier auf. Barmizwahfeier. Samstag, den 9. Juni 1934, vormittags, findet im Seitenstettentempel die Barmizwahfeier von 11 Knaben des Waisenhauses, XIX., Probusgasse, statt. Verlobung. Im Hause des beliebten Oberkantors des polnischen Tempels Emanuel F r ä n k e 1 fand letzten Montag die Verlobung seiner Tochter Alice mit Herrn Salo Herz aus Zürich statt. Die Redaktion der ..Wahrheit" entbietet aus diesem freudigen Anlasse der Familie Frankel die innigsten Glückwünsche. Trauung. Sonntag, den 10. Juni 1934, um 12 Uhr mittags, findet im Seitenstettentempel die Trauung des Fräuleins Else Kunstadt, Tochter des Ehepaares Olga und Eduard Kunstadt, mit Herrn Maximilian Hanf, Sohn des Herrn Jonas Hanf, statt. Silberne Hochzeit. Vergangenen Samstag* feierte Herr Ignatz G r e h e r, Chef des bekannten . Herren- Kleidersatons. I.. Adlergasse .1, und seine Gattin Ida das schöne Fest der silbernen Hochzeit und gleichzeitig das