Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 24 (8.6.1934)
- Date
- 1934-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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te Vor geschlossenen Türen! In einer alten Mussaferzählung wird von einem simplen Dorfmann berichtet, der sich eine vom Rabbiner in der Stadt gehörte Mahnung, man müsse mit dem Nebenmenschen Mitleid haben, so sehr zu Herzen nahm, daß er fortan das Wort immer im Munde führte. Als einmal nachts ein müder und halberfrorener Wanderer Einlaß flehend an seine Türe klopfte, wiederholte der Gute immer und immer wieder, man müsse Mitleid haben. Aber er öffnete nicht die Türe. Denn, so dachte er, lasse ich den Armen ins Haus, so hörte ja sein Leid und somit auch mein Mitleid auf; man müsse doch aber Mitleid haben . . . Das Mitleid der Welt mit uns Juden erinnert sehr stark an Jenes gute Herz hinter den geschlossenen Türen des Dorfhauses. In Zeitungen und Versammlungen, zuweilen auch in den Parlamenten, zeigen die Völker rührend viel Mitleid mit den Hunderten und Tausenden, die, von Haus und Hof vertrieben, über die Grenze gehen und verzweifelt an die Pforten ihrer Länder pochen. Geöffnet wird nicht, die Wirte sorgen dafür, daß das Mitleid nicht ausgeht. Wenn man die Schwierigkeiten in Betracht zieht, die die Grenzbehörden der meisten Länder neuerdings den jüdischen Emigranten machen, wenn man die armen Menschen sieht, wie sie die Konsulate belagern und von Amt zu Amt laufen, im Hangen und Bangen um das Visum oder das Zertifikat, erhalten angesichts dieses wartenden Elends all jene schönen Redensarten in der Presse und den Parlamenten der Welt von dem Mitleid mit den Heimatlosen ihren eigenen Wert, den eines Bekenntnisses zum Mitleide, das praktisch zu nichts verpflichtet. Wie groß erst die Enttäuschung, wenn wir von dieser Anklage auch das stolze Albion nicht ausnehmen können, das große England, das von Cromwell bis Balfour eine Linie der Toleranz und strikten Gerechtigkeit einhielt; und doppelt schmerzlich zu erleben, daß es nun auch die Türe zu Palästina immer mehr und mehr verriegelt, daß der Spalt, durch den bisher noch die Menschen ohne Raum in den Raum ohne Menschen irgendwie durchschlüpfen konnten, immer enger und enger wird. Zu all diesen Maßnahmen kommt aber jetzt noch eine, die allen früheren die Krone aufsetzt und die, wie wir hoffen, auch noch ein wenig das Weltgewissen, sofern dieses noch hie und da eine Instanz haben sollte, beschäftigen muß. Wir meinen die letzthin unter all den anderen drakonischen Einwanderungsbestimmungen veröffentlichte Maßnahme, daß den sogenannten Staatenlosen, auch den Besitzern von Nansenpässen, das Touristenvisum gänzlich versagt und somit der Weg nach Palästina vollends versperrt sein soll. Die Staatenlosen, Menschen, die ohne Heim und Halt sich als blinde Passagiere durch die Welt schlagen, sie waren seit dem Kriege und seit der Neuordnung der europäischen Karte, die ihnen ohne jegliches Verschulden die Heimat und das Staatsbürgerrecht genommen hat, eine Zeitlang Gegenstand des Mitleides der Welt. Im Reiche Gottes ist schließlich jeder, der Menschenantlitz trägt, irgendwie und irgendwo heimatberechtigt und hat Anrecht auf ein bescheidenes Plätzchen an der Sonne, die über alle Grenzen hinaus das Weltall beleuchtet So dachte in großer schöner Menschlichkeit Nansen, der geniale Nordpolfahrer, der die Welt aus der Vogelperspektive sehr klein und zusammengehörig sah. Aus seiner Initiative entstanden die sogenannten Nansenpässe, die den Staatenlosen immerhin so etwas wie einen Heimatsschein in ihrer Heimlosigkeit sicherten. Es war eine kleine Lösung, aber immerhin eine Lösung. Nansen lebt nicht mehr, und seine große Idee schrumpft zu einem leeren Akzeptbogen zusammen, der die Staaten zu nichts verpflichtet und die Heimatlosen zu nichts berechtigt. Gerade den Staatenlosen wird von den meisten Ländern die Einreise verweigert, auch von solchen Ländern, die Staatsbürger anderer Länder ohne weiteres über die Grenze lassen. Und der Grund? Den Fremdbürger kann man, wenn er lästig wird, ausweisen, den Staatenlosen nicht, so läßt man ihm lieber gleich nicht herein. Das den Staatenlosen seinerzeit vom Nansenkomitee besonders zugedachte und zuerteilte Privileg, nicht lieblos in die düstere Leere hinausgestoßen zu werden, wird ihnen jetzt zum Verhängnis. Man sieht, nicht die Gesetze sind gut oder schlecht, sondern die Menschen, die sie handhaben, sind es. Man kann, wie in diesem Falle, eine große Wohltat in ein Unheil für das Objekt der Wohltat umbiegen. So tun es die meisten Staaten. Aber nun kommt England, England, das zu allen Zeiten wahres Verständnis für die Tragik des jüdischen Volkes hatte wie für die Not aller Enterbten, in der Welt, und wendet jene Doktrin auch auf die staatenlosen Palästinaauswanderer an, verwandelt ihren Paß, mit dem ihnen der große Nansen den Weg durch die Welt und das Leben ein wenig erleichtern wollte, in einen Uriasbrief, der sie just an die Stelle bannt, wo sie dem Lebenskampf erliegen müssen. Das Palästina-Mandat verpflichtet England, ein „nationales" Heim für die Juden in Palästina aufzurichten. Dieses nationale Heim in Palästina mag noch so wenig bieten können: denen wenigstens müßte es zur Heimat werden, die nirgends in der Welt kraft eigenen Rechtes ihr Haupt auf einem Fleckchen Erde niederlegen können! Der Ausschlußstaatenloser, das heißt heimatloser Juden von der Einwanderung nach Palästina ist ein Faustschlag ins Gesicht der $EMMERIN6, Pension Hirsch.Fßrstenhof ■mnmnmmmmnsmmmmm Pensionspreise im Juni von S 12— inklusive aller Steuern. elementarsten Menschlichkeit, widerspricht aber auch dem Geist und Sinn des Mandats. Wir meinen, daß sich hier eine Aufgabe für den vom Völkerbunde eingesetzten Flüchtlingskommissär und das ihm beigegebene Beratungskomitee auftüt. Sie werden nicht umhin können^ bei %derfcgejhandlung der Flüchtlingsfrage sich auch'dem Problem der Staatenlosen zuzuwenden; Und wir zweifeln keinen Augenblick, daß der Flüchtlingsoberkommissär, ein vornehmer Amerikaner, im Einvernehmen mit der englischen Regierung und dem Völkerbunde gerade diesen Teil — nicht der kleinste Bezirk im weiten Reiche des Flüchtlingselends — so regelt, wie es im Sinne des großen Nansen gelegen hat, als er den Heimatlosen mit seinen Pässen wenigstens einen kleinen papierenen Halt zu sichern glaubte. Parallel damit muß allerdings das Bestreben mit aller Kraft fortgesetzt werden, den Staatenlosen, die durchwegs aus Polen, Rumänien, Litauen oder Lettland stammen, oft nur durch Versäumnis im gegebenen Augenblicke die Option verpaßt haben und so um ihren Paß und ihr Bürgerrecht gekommen sind, wieder den Anschluß an die alte Heimat zu erwirken. Die polnische Regierung hat wiederholt ihre Neigung bekundet, solche Staatenlose, die in Polen geboren sind und nie aufgehört haben, sich als polnische Staatsbürger zu fühlen, in den polnischen Staatsverband wieder aufzunehmen. Hier wäre ein Weg, die große Schar der Haltlosesten unter den Heimlosen wesentlich zu vermindern. Aber zu allernächst muß das Gewissen Englands, das in der Geschichte noch nie lange geschlafen hat, geweckt werden. England muß einsehen, daß es besonders mit der Staatenlose nk 1 a u s e 1 seinem ganzen Emigrantengesetz und der von ihm inspirierten Einwanderungspolitik der Palästinaregierung den MakelderLieblosigkeit aufdrückt. Wer ist bodenständig? Ein merkwürdiges Fest wird diesen Samstag in Nazi-Deutschland gefeiert. Ein jüdisches Fest. Sein Schauplatz wird Worms sein, wo das älteste jüdische Gotteshaus Deutschlands steht. Die Synagoge ist nicht wehiger als 900 Jahre alt. Dieses Jubiläum wird von den Wormser Juden im Rahmen eines Weihegottesdienstes feierlich begangen werden. Interessant wird die Festschrift sein, die aus Anlaß dieses Jubiläums herausgegeben wird. Sie befaßt sich mit der Geschichte der Wormser Gemeinde und ihrer Synagoge. Eine 900jährige Geschichte! BÄPöÄSTIIIINI IHOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Neunhundertjährige jüdische Geschichte in Deutschland! Das sind rund 300 Jahre mehr als die Zeit, deren sich das Preußentum mit seiner ganzen Geschichte rühmen kann. Schon dreihundert Jahre war die Wormser jüdische Gemeinde und ihr Gotteshaus alt, als das Preußentum von den deutschen Rittern aus Wendentum und Borussentum erst geschmiedet wurde. Das Preußentum, an dessen Traditionen der Nationalsozialismus so aufdringlich in die Welt hinausschreit. Man könnte aus Anlaß des Wormser jüdischen Jubiläums interessante Betrachtungen anstellen über den Begriff der Bodenstäridigkeit und die Konsequenzen, die man in Deutschland für die verschiedenen Bevölkerungsteile aus der Bodenständigkeitstheorie ziehen müßte. Vielleicht käme man dabei auch zu bemerkenswerten Feststellungen über die Beweggründe des nationalsozialistischen Tobens gegen das „Undeutsche". Dazu gehört bekanntlich in Deutschland neben dem Judentum auch der deutsche Katholizismus. Nun, beide scheinen den Nationalsozialisten zu bodenständig zu sein, und wenn sie sie ausrotten, dann erst können sie selbst sich als wirklich bodenständig fühlen. Wenn die Katholiken, die auf eine mehr als tausendjährige Bodenständigkeit zurückblicken können, und die Juden, die immerhin auch schon vor 900 Jahren in einer deutschen Stadt ein Gotteshaus hatten, nicht mehr da wären, dann könnte man auch schon mit 600 Jahren bodenständig sein! In Preußen haben vor zwei Jahren eine Reihe von Gemeinden Tausendjahrfeiern veranstaltet. Sie waren — damals gab es noch keinen Nationalsozialismus — aufrichtig genug, diese Veranstaltungen rein wendisch aufzuziehen. Einige von ihnen haben erst bei dieser Gelegenheit ihre Namen germanisiert. Machnow wurde zu Machnau, Glindow zu Glindau. Aber die Juden sind es, die als „undeutsch" und lästige Zuwanderer auf den letzten Platz in Deutschland rücken müssen. Kreis Hersbruck ist judenfrei — triumphiert in dicken Lettern die „Fränkische Tageszeitung" vom 26. Mai. Darunter steht folgende Meldung: „Am Donnerstagnachmittag, 5 Uhr, erfolgte auf dem Anwesen des von Hersbruck weggezogenen letzten Juden die Hissung der Hakenkreuzfahne. Damit ist der Kreis Hersbruck von Juden endgültig gesäubert. Mit Befriedigung und Stolz nimmt die Bevölkerung davon Kenntnis, weiß sie doch, daß sie dieses Reinemachen in allererster Linie ihrem Kreisleiter Pg. Sperber zu verdanken hat, der in Tausenden von Versammlungen auf die Judengefahr hinwies, bis das Volk die Wahrheit erkannte und der letzte Jude den Kreis verließ." Das große Ereignis, das keines Kommentars bedürfte — es sei denn die Feststellung, daß der Kreis Hersbruck aus 36 Dörfern mit 22.000 Einwohnern besteht —, wird von dem Strdcher-Biatt in einem ausgewachsenen Leitartikel besonders kommentiert, und zwar unter dem stolzen Titel: „Ein historischer Augenblick." Es heißt dort unter anderem: „Verleumdung und üble Mache ist es, wenn in ausländischen Blättern erklärt wird, die Juden würden bei uns hinausgejagt oder sie würden so lange gequält, bis sie es nicht mehr aushalten können. Alles Verleumdung, alles Lüge!" Der „letzte Jude" des Kreises Hersbruck hat demnach offenbar nur aus Reiselust sein Anwesen verlassen oder um dem Pg. Sperber, dem Helden von Hersbruck, einmal eine Ansichtskarte aus der Fremde schicken zu können.