Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 23 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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seinem Lande und in der Welt bekundet Noch in aller Erinnerung sind die Worte, die Dr. Benes im Parlament zur Frage des Asylrechtes der Flüchtlinge aus Deutschland gesprochen hat: Es wird in der Zukunft unser Stolz sein, wie es seit Jahrzehnten und Jahrhunderten der Stolz der höchstkultivierten europäischen und Weltstaaten war, Englands, Amerikas, Frankreichs und der Schweiz, daß wir politischen Flüchtlingen ein Asyl gewähren. Es ist dies nur eine Selbstverständlichkeit für einen Staat wie die Tschechoslowakei, an dessen Entstehen unsere Emigration einen großen Anteil hat Es geht dies auch hervor aus der ganzen politischen und rechtlichen Struktur unseres Staates*." Die neuen europäischen Diktaturen. Bulgarien. Der Präsident des Konsistoriums der bulgarischjüdischen Gemeinden, Dr. Chaim Farchi, und der Präsident der bulgarisch-palästinensischen Handelskammer Dr. Said Mezan erklärten gegenüber dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, daß die Juden Bulgariens um ihre Zukunft nicht besorgt sind, da die neue bulgarische Regierung die jüdischen Kreise dahin informiert hat, daß unter dem neuen Regime die physische Sicherheit und die volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung der bulgarischen Juden garantiert seien. Lettland. Eine aus Riga in Warschau eingetroffene Persönlichkeit teilte der J. T. A. folgendes über die Position der Juden im neuen lettlandischen Regime mit: Der jetzige diktatorische Ministerpräsident Ulmanis, Führer der Bauernpartei, der nach der Proklamierung des lettischen Staates an dessen Spitze gestanden hat und jetzt zum achten Mal Ministerpräsident ist, pflegte sich auch auf die Minderheiten, unter ihnen auf die Juden, zu stützen, er unterhielt besonders freundliche Beziehungen zu dem Führer der Iettländischen Agudah, Deputierten Rabbiner M. Dubin. Wie sich die jetzige Regierung Ulmanis den Juden gegenüber verhalten wird, läßt sich heute noch nicht übersehen; Ulmanis selbst war nicht Antisemit, seinem jetzigen Kabinett aber gehören Personen an, von denen das lettiandische Judentum nichts Gutes erwarten kann. Der Vize-Premier S k u j e n e k ist als Gegner der Minderheiten und besonders der Juden bekannt, der Unterrichtsminister Prof. Adamowitsch ging bereits daran, die Schul-Autonomie der Minderheiten zu beseitigen. Von irgendeinem öffentlichen jüdischen Leben in Lettland ist jetzt nichts zu spüren, nachdem die Tätigkeit aller Parteien und Organisationen behördlich eingestellt ist Sämtliche jüdischen Zeitungen sind verboten worden. Einer Abordnung der arbeitslos gewordenen jiddischen Journalisten erwiderte Ulmanis, er wolle jeder nationalen Minderheit nicht mehr als eine Zeitung erlauben; die Juden müssen sich bis auf weiteres mit der russischen (!) Zeitung „Sewodnja" begnügen. Die Mitglieder des jüdischen Komitees für anti-deutschen Boykott wurden zur gerichtlichen Verantwortung gezogen. Angeklagt sind angesehene Führer des lettischen Judentums wie der misrachistische Sejm-Deputierte Rabbiner M. Nurok, der Agudah-Deputierte S. Wittenberg, der bekannte Schriftsteller und frühere ukrainische Minister W. Latzky-Bertboldi, Dr. W. Siew und mehrere Großkaufleute und Industrielle. Im allgemeinen herrscht unter der jüdischen Bevölkerung Lettlands im Hinblick auf die Ungewißheit, was die Zukunft den Juden bringen wird, eine gedrückte Stimmung. Doch ist es nirgends zu antijüdischen Aktionen in der Oeffentlichkeit gekommen. Zur Minderheiten- und Judenfrage in Lettland haben zwei Mitglieder der neuen Regierung, der stellvertretende Ministerpräsident Skujeniek und der Kriegsminister General Balodis, wichtige Erklärungen abgegeben. Kriegsminister Balodis empfing eine Abordnung jüdischer Teilnehmer an den lettländischen Freiheitskämpfen und erklärte ihr gegenüber, die neue Regierung werde Antisemitismus nicht dulden. Der stellvertretende Ministerpräsident Skujeniek, der, wie erwähnt, keineswegs als Judenfreund gilt, sagte in einer Rundfunkansprache u. a.. die Regierung wolle die Minderheiten nicht unterdrücken und ihnen nicht das Leben verbittern. Es sei ihr Ziel, den lettländischen Vaterlandsgeist zu stärken und Gewähr dafür zu schaffen, daß alle Bürger, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses und der Nationalität, sich für die Verteidigung des Vaterlandes einsetzen, wenn Lettland bedroht sein sollte. Kinderheim Küb etm Semmerlng i erstklassig und streng rituell geführt, in eigener Villa mit großem Garten in sonniger! Lage. Pädagogische Aufsicht. Arzt im Hanse. : Billige Preise. Leitung: Frau HeleneKrau», ■ Auskunft: Tel A 45-1-65 ■ m IIIUIIHIIIIIIIIIIIIIIIIII»Ulillllillllllll»IHIIilllll»HII"""' Die Pogrom welle in Polen. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur bereits gemeldet hat, erschien am Freitag, den 18. Mai, eine Delegation der jüdischen Sejmdeputierten mit dem Präsidenten des jüdischen Parlamentsklubs Dr. Rosmarin und dem jüdischen Abgeordneten des Regierungsblocks Wyszicki an der Spitze beim polnischen Innenminister Pieracki, um den Minister um den Schutz der jüdischen Bevölkerung Polens vor den antisemitischen Angriffen, die in der letzten Zeit in Warschau, Bialystok, Wilna, Czenstochau und. in anderen Städten Polens von Mitgliedern der neu gegründeten radikalnationalen Partei gegen sie gerichtet werden, zu ersuchen. Die jüdischen Parlamentarier überreichten dem Innenminister ein Memorandum, in dem die antisemitischen Ueberfälle der letzten Zeit in ihrer ganzen Gefährlichkeit dargestellt werden. Innenminister Pieracki gab den jüdischen Abgeordneten die Versicherung, daß er entsprechend der von ihm im polnischen Sejm am 10. Februar 1934 abgegebenen Deklaration nach wie vor entschlossen sei. allen Erscheinungen des Rassenkampfes in Polen rücksichtslos entgegenzutreten. Wie die Blätter melden, ergab die Voruntersuchung gegen die in der Ortschaft Miedzylesie bei Warschau verhafteten 150 Mitglieder der radikal-nationalen Partei, die mit der Organisierung von anti-jüdischen Exzesseti in Warschau befaßt waren, daß 500 uniformierte Parteimitglieder am zweiten Pfingsttage einen Demonstrationsmarsch nach Warschau planten. Die Organe der politischen Partei setzen die Verhaftungen unter den Mitgliedern dieser Partei fort Insgesamt wurden bisher 380 Mitglieder der radikal-nationalen Partei verhaftet. Gegen alle diese wird die strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet werden. In Polnisch-Teschen an der Grenze gegen die Tschechoslowakei kam es am 23. Mai zu schweren London. Sir Robert Mond, Präsident des jüdischen anti-hitlerischen Boykott-Komitees in England (Jewish Representative Council for the Boykott of German Goods and Services), der eben von schwerer Krankheit genesen ist, begibt sich in diesen Tagen nach den Vereinigten Staaten, um mit Samuel Untermyer, dem Leiter der amerikanischen Boykott-Bewegung, zusammenzutreffen. kAAAAAAAAAAAAAA* I I Reizende Pension, im Betrieb, 16 Doppelzimmer, alle mit mächtigen Terrassen, direkt am Meer, mit allem Inventar, auch gegen Schillinge zu denkbar günstigsten Bedingungen zu verkaufen, vermieten oder verpachten, Betriebskosten minimal! Unter .Laurana bei Abbazia" antisemitischen Ausschreitungen der Radikal-Nationalen. Am 23. Mai abends griffen die Antisemiten eine Versammlung der Zionisten-Revisionisten an. Hierauf begann dm ganzen Stadtviertel eine Jagd auf Juden. Die Überfallenen Betharim stellten sich gegen 12 Uhr nachts auf dem Hauptmarkt den Huligans entgegen. Polizei trennte die Streitenden. Die abmarschierenden Huligans schlugen die Fensterscheiben in mehreren jüdischen Geschäften ein und demolierten die Drogerie des Juden Kurzberg. Am Tage darauf erfolgte ein Angriff auf zwei Synagogen, auf das Lokal der Zionistischen Organisation und auf einige jüdische Häuser. In allen diesen Gebäuden wurden sämtliche Fensterscheiben zertrümmert. Hierauf wurden das Haus des chaluzischen Kibbuz „Hanoar Hazioni" demoliert und die darin wohnenden Chaluzim mörderisch geschlagen. In Bialystok, das seit längerer Zeit Schauplatz immer wiederkehrender antisemitischer Exzesse ist, kam es wiederum zu einem schweren Ueberfall auf jüdische Spaziergänger in dem Stadtwäldchen, wobei der Weber Mendel Lubinski durch Schläge auf den Kopf und durch Messerstiche so schwere Verletzungen davontrug, daß er nach einer qualvollen Agonie seinen Verletzungen erlegen ist. Seine Braut, die ihn damals begleitete und bei dem Versuch, ihn zu schützen, ebenfalls durch Messerstiche schwer verwundet wurde, liegt bedenklich darnieder. Eine Anzahl anderer Juden, die bei dieser Gelegenheit überfallen und schwer verletzt wurden, wird längere Zeit das Bett hüten müssen. Der Tod Mendel Lubinskis hat in Bialystok einen niederschmetternden Eindruck gemacht; seine Bestattung gestaltete sich zu einer gewaltigen Trauerkundgebung der Bialystoker Judenheit. Viele tausende Personen schritten hinter dem Sarge. Die Redakteure der „Gazeta Warszawaska" Bielecki und Olszewski wurden wegen Aufhetzung der Studenten gegen den Dekan Prof. Handelsman, der auch tatsächlich von seinen Hörern brutal attackiert wurde, zu je vier Monaten Gefängnis verurteilt. Handelsman weigerte sich, einen Antrag auf Einführung des Arier-Paragraphen in die Universität zur Abstimmung zu bringen und wurde deswegen attackiert. Er selbst ist als Jude geboren, trat aber vor Jahren aus dem Judentum aus. Beziehet undverbFeitet Die RahFheit f 1 Kinder ins Gebirge! I i S DasaltrenommierteFerienheimWienerbntcka.d.MariazeUer- ■ : bahn, 800 m Seehöhe, unter Leitung der bekannten Pädagogin 5 EHy Roth wein, nimmt Kinder im Alter von 3—15 Jahren. S; Erstklassige Referenzen, mäßige Preise. Anmeldung Kinder- ._• : heimEllyRotwein,VII.,Mariahilferstr.72/17,Tel.B36-0-52! : : •■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■«■■■■■■■■■■■■■■■■■■•■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■* Der Arlosoroffmord- Prozeß. Der im Arlosoroffmord-Prozeß freigesprochene, aber im Zusammenhang mit der Untersuchung gegen Brith Habirjonim weiter in Haft behaltene Führer der palästinensischen Jung-Revisionisten Abba Achi-Meir hat im Gefängnis von Akko, wohin er aus Jerusalem gebracht worden war, den Hungerstreik nach viertägiger Dauer auf Aufforderung des Oberrabbiners Kookabgebrochen. Oberrabbiner Kook hatte an Achi-Meir durch die Gefängnisbehörden die Mahnung gerichtet, den Streik zu beenden, da Selbstmord dem jüdischen Gesetz widerspreche. Achi-Meir hat durch seinen Rechtsanwalt eine Haftbeschwerde unmittelbar an den High Commissioner gerichtet. Wegen der Inhafthaltung ihres Führers veranstalteten die palästinensischen Revisionisten stürmische Demonstrationen, in deren Verlauf es zu ernsten Zusammenstößen kam. Am Donnerstag, den 24. Mai, wurde Achi- Meir aus dem Gefängnis von Akko nach Jerusalem gebracht, um als Zeuge im Mordfall Arlosoroff auszusagen. Er wurde dem Gericht in Ketten vorgeführt. Er sah nach dem Hungerstreik sehr bleich und angegriffen aus, so daß das Gericht ihn aufforderte, sitzend auszusagen. Er lehnte dies jedoch mit dem Bemerken ab, daß er nicht denselben Stuhl benützen wolle, auf dem „die größt'e Lügnerin" (er meinte Frau Sima Arlosoroff) gesessen hat. Sein geschwächter Gesundheitszustand nötigte Achi-Meir dennoch, von der Erlaubnis des Gerichtes Gebrauch zu machen und sich auf den Stuhl zu setzen. Generalstaatsanwalt Trusted befragte Achi-Meir zunächst über seine Ansichten betreffend Gewaltanwendung zu politischen Zwecken. Achi-Meir sprang vom Stuhle auf und rief, die Arme über der Brust gekreuzt: „Ich möchte wissen, wie Sie als. englischer Patriot denken würden, wenn England in Gefahr wäre!" Im weiteren Verlauf des Kreuzverhörs sprang Achi-Meir wiederum auf und schwor bei der Bibel und bei allem, was ihm heilig sei, daß er dem Polizeinspektor Goffer ganz bestimmt erklärt habe, er habe Stavsky am Mordabend um 7 Uhr in Jerusalem gesehen. Wenn Goffer, schrie er, das Gewissen dazu hat, möge er meine Aussage bestreiten. Auf eine Frage des Vorsitzenden Richter Corrie erklärte Achi-Meir, er bekenne sich zum Legionsgedanken Jabotinskys und zu der Auffassung, daß sich die Jugend im Kriege opfern müsse; individuellen Terror aber lehne er durchaus ab. Auf die Frage Trusteds, warum er mit Stavsky ein Zimmer geteilt habe, erwiderte Achi-Meir, er habe dies wegen des Wohnungsmangels in Tel Awiw getan. Während ich mit Stavsky zusammenwohnte, fuhr Achi-Meir fort, verbanden uns drei Dinge: Erstens eine monatliche Miete von 70 Piastern, die wir gemeinsam zahlten; zweitens Partei-Interessen; drittens unsere Bemühung, Herrn Hyamson (Direktor des Einwanderungsdepartements der Regierung. Die Red.) nachzuhelfen, Juden nach Palästina zu bringen; aber in unserem Falle illegal Die Hoffnung der Freunde Achi-Meirs, daß der Prozeß in Sachen Brith Habirjonim bald stattfinden wird, wodurch Achi-Meirs Haft eine zeitliche Grenze gesetzt sein würde, scheint sich nicht zu erfüllen. Wie berichtet wird, wird der Brith Habirjonim-Prozeß erst nach Beendigung des Arlosoroff mord-Prozesses stattfinden können, da eii: Teil der Akten des Birjonim-Prozesses vom Gericht, das in der Mordsache Arlosoroff zu urteilen hat, angefordert worden sind. In der Gerichtsverhandlung am 25. Mai kündigte der Verteidiger Horace Samuel an, da!! er die Vorführung der Entlastungszeugen in eine* Woche abzuschließen gedenke. Das Urteil wärt somit Anfang Juni zu erwarten. Es sollen nocl; 47 Entlastungszeugen zur Vernehmung gelangen.