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Die Wahrheit · 1934-06-01 · Heft 23 (1.6.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 23 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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gigfe*toä* DIE WAHRHEIT Seite 3 99 Finstersten Tagen entgegen. u Unter der Ueberschriit „Die deutschen Juden gehen finstersten Tagen entgegen" teilt der Londoner „Daily Expreß" in einem zweispaltigen Artikel auf Qrund spezieller, in Berlin eingeholter Erkundigungen mit, daß die Hitler-Regierung einen Plan zur Beschlagnahme jüdischen Eigentums in Deutschland zwecks Kompensierung des durch den anti-deutschen Boykott im . Ausland der deutschen Wirtschaft zugefügten Schadens ausarbeitet. Am schlimmsten, teilt „Daily Expreß" weiter mit, sei die Lage in den Provinzen, wo jüdische Kinder von ihren Spielkameraden boykottiert werden, die Bauern den jüdischen Geschäftsleuten keine Schulden zurückzahlen, Kunden daran gehindert werden, jüdische Geschäfte zu betreten und SA-Leute vor Kinos jüdischer Besitzer Posten stehen und die Besucher verwarnen. Während auf diese Weise sein Geschäft abstirbt, muß der Jude, sogar der verarmte jüdische Arzt und Anwalt, seine Pflicht gegenüber dem Staate in dem gleichen Maße wie früher erfüllen. Not undElend wachsen unter den Juden. Die wirkliche Tragödie beginnt erst, wenn die Ersparnisse aufgebraucht sind. Ihrer wirtschaftlichen Existenz und ihrer Bürgerrechte beraubt, geschmäht, verachtet, bleibt — so schreibt „Daily Expreß" — vielen deutschen Juden nichts andere übrig, als dem unmenschlichen Rat des Beamten zu folgen: „Das Beste, das Ihr tun könnt, ist, zu sterben." Das neue Anschwellen der Judenhetze gibt den Dieben einen Freibrief, in jüdische Wohnungen einzudringen und jüdisches Eigentum sich anzueignen. „Daily Expreß" ist kein pro-jüdisches Organ, sondern pflegt dem Hitler- Regime objektiv gegenüber zu stehen. Seine Mitteilung wirkte in London sensationell. Der berühmte Anthropologe Professor G. E 1liot Smith erklärte einem Mitarbeiter der großen Londoner Tageszeitung „News C h r onicle" u. a. folgendes: Wenn die Nationalsozialisten in Deutschland ihre Judenverfolgung fortführen, wie der jetzt erneute Ausbruch des Antisemitismus anzeigt, so bedeutet dies nationalen Selbstmord für Deutschland. Mag es im allgemeinen, fügte Prof. Smith hinzu, den Grundsätzen der Anthropologen nicht entsprechen, sich in politische Kontroversen hineinziehen zu lassen, so halten wir Wissenschaftler es in diesem Falle für unsere Pflicht, gegen die kraß unwissenschaftlichen Behauptungen der Nazis betreffend Rasse als Faktor in der Kulturentwicklung zu protestieren. Völlig willkürlich ist die Anwendung des Wortes „arisch" im Sinne von nichtjüdisch; barer Unsinn ist es, wenn der Berliner „Fridericus" in seiner Mai-Ausgabe erklärt, daß an den Juden die Völker und ihre Kulturen sterben. Die Juden spielten eine hervorragende Rolle bei der Einführung der griechischen Kultur in das damals barbarische Europa. Dagegen spielten die Nordlinge keinerlei kulturelle Rolle, bevor die Zivilisation im Westen begründet war. Alle Rassen sind unentwirrbar miteinander vermischt, am g e m i s c h t e s t e n ist die nordische Rasse. Auch die Juden sind eine gemischte Rasse. Fortschritt hängt von Rassenmischung ab. Prof. G. Elliot Smith nimmt auch in einem Brief an die „Time s" zum deutschen Rassenprinzip Stellung. Er verweist auf den kürzlichen Entscheid des Breslauer Landgerichts, wonach eine Ehe zwischen Arier und Jüdin mit der Begründung für ungültig erklärt wird, daß „nach dem heutigen Empfinden Rasse eine persönliche Eigenschaft" sei, und erklärt es als eine Pflicht der Gelehrten, gegen die Benutzung solcher willkürlicher Mutmaßungen zu richterlichen Akten zu protestieren. Prof. G. Elliot Smith ist Präsident des vor kurzem von dem Royal Anthropological Institute und dem Institute of Sociology eingesetzten Ausschusses zur Sammlung von Material über den Beitrag der Rassen zum Aufbau der Zivilisation. * Eine erschütternde Episode, die beweist, wie furchtbar die Martermethoden des Dritten Reiches oft auf den einzelnen Menschen wirken, wird Prager Zeitungen aus dem Urwaldreich Streichers, aus Franken, berichtet. In Ansbach gibt es noch eine Montessori-Schule, in der unter arischen Schülern sich auch noch einige nichtarische befinden. Eines Tages, nach Schluß des Unterrichts, verließ die Lehrerin mit einem zehnjährigen jüdi- 3xh Aui zufrieden- MtU Jjfvt&t 5vuna. Das sagen alle unsere Kunden. Ihre Möbel sind geschmackvoll und zeigen persönlichen Charakter. Jü&ethous zum X)'uuta=!Bad IL, Gredlerstraße Nr. 10—1 Minute vom Diana- _ Bad — Fernruf A 48-106 sehen Mädchen an der Hand das Klassenzimmer, als plötzlich ein SA-Mann in voller Uniform vor ihr auftauchte. Er war der Vater einer Schülerin, der sich bei der Lehrerin über sein Kind erkundigen wollte. Als das kleine jüdische Mädchen den SA-Mann sah, begann es am ganzen Leibe zu zittern, riß sich von der Hand der Lehrerin und warf sich weinend dem SA-Mann zu Füßen. „Ich bin eine Jüdin, bitte tun Sie mir nichts!" rief sie schluchzend und vor Angst bebend. Der SA-Mann blickte wie e r s t a r r t auf das Kind vor sich, wandte sich dann um und weinte! Wortlos ging er weg." Hitler, der Initiator des Jadenboykotts, Der deutsche Reichspropaganda-Minister Dr. Joseph Goebbels hat ein neues Buch erscheinen lassen: „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei. — Eine historische Darstellung in Tagebuchblättern." Er erzählt darin, daß er am 26. März 1933 bei A d o 1 f H i 11 e r in Berchtesgaden geweilt hat, um zu beraten, was gegen die „Greuelpropaganda" des Auslandes zu unternehmen sei. Hitler hatte ihn zu sich berufen. Goebbels erzählt: „Er hat sich oben in der Einsamkeit der Berge die ganze Situation reiflich überlegt und ist nun zum Entschluß gekommen: Wir werden gegen die Auslandshetze nur ankommen, wenn wir ihre Urheber oder doch wenigstens Nutznießer zu packen bekommen. Wir müssen also zu einem groß angelegten Boykott aller jüdischen Geschäfte in Deutschland schreiten. Vielleicht werden sich dann die ausländischen Juden eines Besseren besinnen, wenn es ihren Rassegenossen in Deutschland an den Kragen geht." Damit hat Goebbels autoritativ festgestellt, daß der Reichskanzler Hitler persönlich den Plan zu dem Judenboykott gefaßt hat, der Anfang April 1933 in einer Weise durchgeführt wurde, die die Welt mit Entsetzen erfüllte, was die deutsche Regierung zwang, den Boykott schnell abzublasen; seitnerzu. rraoenheiiBadl Talzmannsdorfi CBunfeniand) Mineral-, Moor- und natürliche Kohlen-j säuresprudelbäder. Billiger Pensionspreis j inklusive Heilbader. — Auskünfte und Prospekte: Kur-3 direktion oder Kurkommission, Bad Tatzmannsdorf, 3ureenland, nnd in allen Fremdenverkehrsbüros. L ■ 6 > £ Zwei rituelle Restaurants. | Deutschland erfunden worden ist, um einen Vorwand für den beabsichtigten Judenboykott zu haben. „Keine besondere jüdische Situation in Oesterreich!" die her wird er nicht weniger intensiv, aber hinter den Kulissen der offiziellen Politik geführt. In welchen Formen Hitler von Anfang an den Boykott zu führen gedachte, kann man daraus ersehen, daß er seinen besten Freund Julius Streicher zum Reichkommissär für den Boykott ernannte. Zu bemerken ist noch, daß der angegebene Vorwand für den Boykott, die Greuelpropaganda im Ausland, gar nicht vorhanden war: diese war eine Erfindung des „Völkischen Beobachters" und der übrigen nationalsozialistischen Presse, sowie des Gleichschaltungseifers des „Berliner Tageblatts", die das deutsche Volk mit Nachrichten über Greuelpropaganda fütterten, die es gar nicht gab. Die — übrigens gar nicht jüdisch geleiteten — ausländischen Zeitungen brachten nichts anderes als die Kundgebungen der neuen nationalsozialistischen Regierung zur Judenfrage, sowie die Aeußerungen der nun offiziell gewordenen nationalsozialistischen Presse, freilich auch Meldungen über wirklich vorgekommene entsetzliche Greuel, die sich aber auch in der damals noch nicht so scharf zensurierten deutschen Presse widerspiegelten; dies alles wirkte sehr alarmierend auf das gesamte Ausland. Allgemein gab die ausländische Presse der Ansicht Ausdruck, daß die „Greuelpropaganda" in Besonders interessant für die Sprache, unsere Diplomaten im Ausland führen, ist eine Erklärung des neuen österreichischen Gesandten in Washington an die JTA. Herr G. L. P r o c h n i k, der neue österreichische Gesandte in Washington, erklärte bei seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur u. a.: So etwas wie eine besondere jüdische Situation gibt es in Oesterreich nicht. Oesterreich war von je ein Paradies für Juden, denen dort stets eine liberale Behandlung zuteil wurde. Sie sind dort Professoren, Künstler, Musiker; sie haben ein größeres Maß an wichtigen Positionen inne, als es ihrem zahlenmäßigen Verhältnis zur Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Wohl gibt es in Oesterreich einen Antisemitismus, aber er hat auf die Regierung keinen Einfluß. Was die nationalsozialistische Propaganda betrifft, so wird diese konsequent von der Regierung bekämpft, die die Situation völlig kontrolliert. Von dieser Richtung her sind Unruhen nicht zu befürchten. Ueber die Zukunft der Juden in Oesterreich äußerte sich Gesandter Prochnik optimistisch. Die Juden, sagte er, werden die Positionen, die sie inne gehabt haben, weiter behalten. Die neue Verfassung ändert nicht den Status der österreichischen Juden. Ein Eindringen der Nazis in Oesterreich ist nicht zu befürchten. Auch werde es keinen Anschluß Oesterreichs an Hitler-Deutschland geben. Hinsichtlich der wirtschaftlichen Situation in Oesterreich äußerte sich der Gesandte dahin, daß man — von einem bescheidenen Gesichtspunkt aus — von einer bemerkenswerten wirtschaftlichen Besserung in den letzten neun Monaten sprechen könne. Zwei Festtage der Tschechoslowakei. Zum vierten Male ist in der Vorwoche Thomas Garrigue Masaryk zum Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, an deren Spitze er seit 16 Jahren steht, für weitere sieben Jahre gewählt worden. Die Wiederwahl Masaryks, die in der Tschechoslowakei eine Selbstverständlichkeit war, wird in jüdischen Kreisen überall in der Welt mit Genugtuung begrüßt werden. Dieses hervorragenden Denkers und Staatsmannes Gefühl für Gerechtigkeit brachte ihn oft dazu, sich angegriffener Juden anzunehmen und gerechte jüdische Forderungen zu unterstützen. Im Polnaer Prozeß gegen Hilsner trat er scharf gegen den Ritualmordglauben auf und wies als Abgeordneter des österreichischen Reichsrates und in Reden außerhalb des Reichsrates, sowie in Broschüren die Haltlosigkeit der Anklage und der Ritualmord-Legende im allgemeinen nach, auch warnte er davor, das Volk mit antisemitischen Lügen zu vergiften. Als er während des Weltkrieges im Ausland für die Idee eines tschechoslowakischen Staates warb, verschaffte ihm die Erinnerung an seine Haltung im Polnaer Prozeß die Sympathie der Juden insbesondere in England, Frankreich und Amerika, die ihn in seinen Bestrebungen unterstützten. Das tschechoslowakische Volk feierte am 28. Mai den 50. Geburtstag seines Außenministers Dr. Edouard Ben es", der neben Präsident Masaryk einen hervorragenden Anteil an der Gründung des tschechoslowakischen Staates und seiner Befestigung in der internationalen Welt gehabt hat. Dr. Edouard Ben es" hat von je ein tiefes Verständnis für die jüdischen Bestrebungen in IfiS^w^Z:

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