Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 22 (25.5.1934)
- Date
- 1934-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064525--19777-3084950- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sehe 6 DIE WAHRHEIT Aus der braunen Hölle. Oberst Oliver Locker-Lampson richtete im engöschen Unterhaus an den Staatssekretär für Inneres die Frage, ob er Schritte ergreifen wolle, um den Verkauf der Ritualmord-Nummer der vom Regierungsmitglied für Franken Julius Streicher in Nürnberg herausgegebenen Wochenschrift „Der Stürmer" in England zu verbieten, da eine Verbreitung dieses Pamphlets den Frieden stören könnte. Der Unterstaatssekretär für Inneres Douglas Hacking erwiderte, das Innenministerium habe Erkundigungen eingezogen und festgestellt, daß Exemplare der erwähnten Zeitschrift in England nicht öffentlich verkauft werden; sollte dies doch geschehen, so würde das Innenministerium erwägen, ob im öffentlichen Interesse irgendeine Aktion notwendig oder wünschenswert sei * Wie seitens des Komitees zur Wahrnehmung: der Rechte der Juden im Ausland (Joint Foreign Committee) mitgeteilt wird, hat der deutsche Botschafter in London Freiherr von Hoesch es abgelehnt, die bei» den Präsidenten des Committees, Neville Laski, zugleich Präsident des Board of Deputies of British Jews, und Leonard Q. Montefiore, zugleich Präsident der Anglo-Jewish Association, zur Entgegennahme einer Erklärung zu empfangen. Neville Laski' und Leonard G. Montefiore hatten dem deutschen Botschafter mitgeteilt, sie wollten ihm gegenüber der tiefsten Entrüstung und der grenzenlosen Verwunderung Ausdruck geben, die die Judenheit Englands angesichts der Wiederaufnahme der Ritualmord-Verleumdung durch den „Stürmer" empfindet: ferner wollten sie die Hoffnung der englischen Judenheit ausdrücken, daß die Reichsregierung Schritte ergreifen wird, um die weitere Verbreitung dieser so gemeinen Verleumdung des Judentums zu verhindern. * Die „Fränkische Tageszeitung" veröffentlicht einen Bericht übereinen öffentlichen Sprechabend, bei dem Stadtrat Fink das Thema „Politik der Wahrheit" behandelte und hierbei die Abhaltung eines internationalen Antisemiten-Kongresses im September ankündigte. Der Redner führte u. a. aus: „Wir können stolz sein auf unseren Gau Franken, der eine ganz besondere Pflanze (das stimmt!) im neuen Deutschland ist, die aber nie so igewachsen wäre, wenn sie nicht einen Gärtner gehabt hätte, der sich Julius Streicher schreibt Er hat den Kampf aufgenommen gegen den ewigen Lügner, gegen den Weltjuden. Heute schon jammert der Jude darüber, daß das Haus Israel «an afflen Ecken brennt, wir werden von Nürnberg aus noch Benzin darauf gießen, damit es noch besser brennt Wegen ihrer Hetze brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, denn sie hetzen ja auch ohne Ritualmordnummer des „Stürmers". Wenn wir hineinhorchen ins französische Volk, dann hören wir, daß es von einem Krieg nichts wissen will, nur der Jude und Freimaurer hetzt dort zum Krieg. Gegen diese Mächte der Finsternis hat der Nationalsozialismus den Kampf aufgenommen, es wird im September hier auf dem Platnersberg der 1. internationale Kongreß der Antisemiten aller Welt unter dem Vorsitz Julius Streicher tagen. Auf uns in Franken schaut die ganze Welt, wir haben einen Gauleiter, um den sie alle herumgehen wie die Katze um den heißen Brei." * Soeben wurde in Athen der diesjährige Olympische Kongreß beendet Auf Anfragen der amerikanischen und der englischen Delegation antworteten die Vertreter Deutschlands Dr. Lewaäd und Ritter von Halt, daß jüdische Sportler bei den Berliner Spielen ebenso gern gesehene Gäste sein werden wie alle anderen. Sie erklärten sogar, daß jüdische Athleten ins deutsche olympische Team eingereiht werden, falls sie die nötigen Limite erreichen werden. Der Ehrenpräsident des American Jewish Congress Dr. Stephen S. Wise und der Präsident des Congress Dr. Bernard Deutsch richteten an die amerikanischen Mitglieder des Olympischen Komitees telegraphisch die Anfrage, wie sich die Erklärung der deutschen Vertreter im Olympischen Komitee, Staatssekretär Dr. Lewald und Ritter von Halt, betreffend die Gleichberechtigung der jüdischen Sportler mit der letzten Sportpalastrede des Reichsministers Dr. Goebbels, wonach Juden nicht den Anspruch erheben dürfen, a I s gleichberechtigt und gleichwertig behandelt zu werden, vereinbaren lasse. Wise und Deutsch fordern die Durchführung einer unparteiischen Untersuchung über die faktische Lage in Deutschland, bevor sich die amerikanischen Sportler entschließen, an der Berliner Olympiade teilzunehmen. # Der ungarische Komponist Bela Bartok. der nicht Jude ist. hat sich geweigert, seinen deutschen Verlegern ein Zeugnis über die Abstaimmung seiner Großeltern, das von ihm verlangt worden war. einzureichen. * Der preußische Justizminister hat endlich eine Verfügung getroffen, durch welche jede Diskriminierung der Juden aufgehoben und der Jude dem Deutschen vollständig gleichgestellt wird. Ein Erlaß des preußischen Justizministeriums bestimmt nämlich, daß jüdischen Häftlingen in preußischen Gefängnissen das bisher eingeräumte Privileg, sich auf eigene Kosten rituell zubereitete Speisen holen lassen zu dürfen, entzogen wird. In Hinkunft müssen jüdische Häftlinge dieselbe Gefängniskost essen wie die Deutschen. Die neue Privat-Telephonnummer unseres Chefredaktears Oskar Hirschfeld lautet von nun ab R 49-7-75 Es beschämen Deutschland. Holland: Die Zweite Holländische Kammer hat das vom katholischen Minister van Schaik eingebrachte und begründete Gesetz, wonach die Aufreizung zu feindlichen Gefühlen gegen gewisse Teile der Bevölkerung unter Strafe gestellt wird, mit großer Mehrheit angenommen. Minister van Schaik unterstrich in seiner Rede die von den Interessen des Staates aus gebotene Notwendigkeit, energisch gegen die Verbreitung judenhetzerischer Broschüren und Reden vorzugehen, und wies darauf hin, daß namentlich im letzten Jahre die antisemitische Literatur in Holland sehr zugenommen hat. Amerika: Präsident Roosevelt hat an die in Washington tagende Jahreskonferenz der United Synagogue of America eine Botschaft gerichtet, in der er es als wünschenswert bezeichnet, daß die PrinzipienderGerechtigkeitunddes Wohlwollens immer wieder verkündet und als Mittel, Verständigung, gegenseitige Sympathie und allgemeine Einigkeit herbeizuführen, dauernd gefördert werden. Im Mittelpunkt der Konferenz stand eine große Ansprache Senator Wagners, der zu einer gemeinsamen Anstrengung zwecks Bekämpfung der Intoleranz überall in der Welt und Sicherung des Weltfriedens aufrief. Die Goebbels-Mark rollt. Fortdauernde antijüdische Unruhen in Polen und Rumänien. Der Regierungskommissar für Warschau veröffentlicht eine Warnung, die die gegenwärtige Situation beleuchtet. Der Kommissar erklärt, daß Agitatoren das Gerücht verbreiten, daß die Juden einen Christen getötet haben. Diese Agitatoren besuchen sogar Privat Wohnungen und Geschäfte. Der Kommissar erklärt, daß dieses Gerücht vollkommen grundlos sei, er appelliert an die Einwohner der Residenz, auf diese „niederträchtige Provokation", die Haß unter die Warschauer Einwohner säen will, nicht hereinzufallen, sondern die Verbreiter sofort der Polizei zu übergeben. Der Führer des jüdisch-nationalen Sejm-Klubs Dr. Rosmarin und der Führer des orthodoxen jüdischen Sejm-Klubs Wyszlicki erschienen beim Minister des Innern P i e r a c k i und übergaben ihm ein Memorandum, welches Daten und Protokolle über Ueberfälle auf Juden und auf jüdische Geschäfte und Wohnungen seitens der Mitglieder der neugegründeten Radikal- Nationalen Partei enthält. Es wurde auch darauf hingewiesen, daß das nunmehr als Tageszeitung erscheinende Organ der Radikal-Nationalen, „Sztafeta", eine blutrünstige anti-jüdische Hetze führt und in Massen unentgeltlich in den Straßen verteilt wird. Es kam auch zur Sprache, daß die Juden der Warschauer Vorstadt Mokatow unter einem unbeschreiblichen Terror leben. Die Radikal- Nationalen fallen, wo sich nur die Gelegenheit ergibt, über Juden her und schlagen sie blutig. Die Fensterscheiben in jüdischen Wohnungen und Geschäften werden eingeschlagen. Das Lokal des zionistischen Vereins in Mokatow wurde demoliert. Mehrere Juden, unter ihnen der Ortsrabbiner von Mokatow, wurden erheblich verletzt. Jüdische Geschäfte wurden demoliert, Waren zerstört. Der junge Chaim Weber wurde am Kopf schwer verletzt und in den Kanal geworfen, ein vorbeigehender Soldat errettete ihn vor dem sicheren Tode. Auch aus der Provinz laufen Meldungen über antisemitische Ausschreitungen der Radikal-Nationalen ein. Die Organe der politischen Polizei haben in Miedzylesie bei Warschau eine Geheimversammlung der Mitglieder der Warschauer radikal-nationalen Partei aufgedeckt; in der Versammlung wurden Pläne zu neuen antisemitischen Exzessen entworfen. 150 Teilnehmer dieser Geheimversammlung wurden verhaftet und auf Lastautos in das Untersuchungsgefängnis in Warschau eingeliefert. Bei den Verhafteten wurden Flugzettel vorgefunden, in denen die Bevölkerung Warschaus zu antisemitischen Exzessen aufgefordert wurde. * Die Union rumänischer Juden hat dem rumänischen Innenminister eine Beschwerde überreicht, in der auf die in letzter Zeit vorgekommenen antisemitischen Ausschreitungen in verschiedenen Gegenden des Landes und insbesondere auf einen Ueberfall auf die jüdischen Passagiere eines Zuges auf der Strecke Czernowitz—Jassy, bei dem auch der J a ssyer Oberrabbiner Wahrmann schwer mißhandelt wurde, hingewiesen wird. . Die Gemeinde Jassy schloß sich dem Protest an. Der Präsident der Union rumänischer Juden, Dr. Wilhelm Fildermann, hat der Regierung ein neues ausführliches Memorandum betreffend die allgemeine Lage der Juden in Rumänien übergeben. Ein deutscher Jude als zweifacher Lebensretter. Der preußische Ministerpräsident hat dem praktischen Arzt Dr. med. Carl Blumenthal- Barby aus Berlin-Treptow, die Rettungsmedaille am Band verliehen. Am 22. Jänner vorigen Jahres hat Dr. Blumenthal-Barby, ein „feiger Jude", unter erschwerten Umständen zwei Personen aus dem Sakrower See vor dem Toide des Ertrinkens errettet. | Kinder ins Gebirge! j DasaltrenommierteFerieDheim'Wienerbrucka.d.Mariazeller- ■. Z bahn,800 mSeehöhe, unter LeitUDgderbekarjntenPädagogin 5; Elly Rothwein, nimmt Kinder im Alter von 3—15 Jahren. s\ Erstklassige Referenzen, mäßige Preise. Anmeldung Kinder- ■ I heimEllyRotwein,VII.)Mariahilferstr.72/17lTel.B36-0-S2! 5 Eine Bibliothek der „Verbrannten**. Am 10. Mai wurde in Paris eine deutsche Bibliothek der auf Befehl der Hitlerregierung verbrannten Bücher feierlich eröffnet. An der Spitze des Ausschusses, der die Anregung zur Gründung dieser Bibliothek gab, stehen der französische Schriftsteller Andre Gide, weiter Heinrich Mann, Romain Rolland und der englische Schriftsteller H. G. Wells. An der Gründung der Bibliothek arbeiteten zahlreiche Schriftsteller, Politiker, Verleger und französische, englische, deutsche- (Emigranten) und Schweizer Intellektuelle tätig mit. Die Bibliothek enthält alle von der Hitlerregierung verbrannten, zensurierten oder konfiszierten Bücher von Lessing angefangen bis zu den zeitgenössischen — hauptsächlich jüdischen — Schriftstellern, weiter Bücher der im Ausland lebenden deutschen Emigranten (bisher über 20.000 Bücher) und schließlich Schriften über den Hitlerismus. Palästina-Nachrichten. Aus soeben veröffentlichten Statistiken geht hervor, daß infolge der Drosselung der jüdischen Einwanderung und des damit verbundenen Mangels an jüdischen Arbeitskräften eine fortschreitende Verdrängung jüdischer Arbeiter aus den für sie bestimmten Arbeitsplätzen durch Araber vor sichgeht. In Tel Aviv sind derzeit nicht weniger als 1500 arabische Arbeiter beschäftigt. In Haifa beträgt die Zahl der arabischen Arbeiter, die jüdische Arbeitsplätze besetzt haben, über 700. ebenso groß ist dte Zahl der von Arabern besetzten jüdischen Arbeitsstellen in Jerusalem. Die Zahl der Araber, die in jüdischen Orangenplantagen an Stelle von Juden beschäftigt werden, wird mit 7000 angegeben. Unter Hinzurechnung der etwa 3000 städtischen Arbeitsolätze sind somit rund 10.000 für Judenbestimmte "Arbeitsplätze derzeit von arabischen Arbeitern besetzt. Trotzdem nimmt ein Teil der arabischen Presse die Forderung nach Berücksichtigung jüdischer Arbeit in iüdischen Unternehmungen zum Anlaß einer scharfen Kamoagne, wobei einzelne Blätter, wie die „Arab Federation", sich sogar dazu versteigen, für den Fall des Beharrens der Juden auf ihrer Forderung mit Unruhen ähnlich denen des Jahres 1929 zu drohen. In den letzten Tagen hat High Commissioner Sir Arthur Wnuchooe in Begleitung des Mitgliedes der Palästina-Exekutive Mosche S h e r t o k eine Reihe jüdischer Siedlungen besucht, wobei er sich hauptsächlichfür die Eingliederung von Neueinwanderern aus Deutschland >n das Siedlungswerk interessierte. In den von ihm besuchten jüdischen Kolonien sprach der High Commissioner zwar mit den Kolonisten über ihre persönliche wirtschaftliche Lage, ließ sich jedoch nur auf nebensächliche Dinge ein und vermied es, auf ihre Bitte, mehr jüdische Einwanderer - ins Land zulassen, zu antworten. Als ihm in einer Kolonie eine Petition um Verstärkung der Einwanderung überreicht wurde, antwortete er scharf abweisend: ..Ich habe kein Interesse, mich mit irgendjemand in eine Debatte über jüdische Einwanderun? einzulassen. Ich habe über diese Sache schon genug mit Herrn Shertok gesprochen." Die von der Assefath Haniwcharim gegen die Verurteilung von drei jüdischen Arbeitern, die in Kfar Saba vor jüdischen Orangenoflanzungen. in denen arabische Arbeiter beschäftigt werden. Posten gestanden haben, bei der Regierung erhobenen Vorstellungen sind erfolglos geblieben. Die drei Arbeiter wurden am 17. Mai in das Jerusalemer Gefängnis eingeliefert, nachdem sie sich geweigert hatten, eine Wohlverhaltungserklärung für ein halbes Jahr zu unterzeichnen und eine Kaution für Wohlverhalten zu hinterlegea Inzwischen hat sich die Lage in bezug auf Verwendung" von arabischer Arbeit in Kfar Saba; verschärft. Die Zahl der jüdischen Pflanzer, die arabische Arbeitskräfte beschäftigen, ist auf sieben gestiegen. * In Jerusalem sind die sterblichen Reste des 1891 in Odessa verstorbenen Verfassers der „Autoemanzipation" und ersten Präsidenten des Odessaer Palästina- Komitees Dr. Leo Pinskers eingetroffen. Die Wiederbeisetzung soll in besonders feierlicher Weise stattfinden. Die Exhumierung der Gebeine Pinskers auf dem Odessaer Friedhof mußte heimlich erfolgen. Das Revisionistische Zentralkomitee Palästinas hat der Ständigen Mandatskommission des Völkerbundes die revisionistische Petition durch Vermittlung des High Commissioner von Palästina zugeleitet.