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Die Wahrheit · 1934-05-25 · Heft 22 (25.5.1934) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 22 (25.5.1934)
Date
1934-05-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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4 DIE WAHRHEIT Seite 9 Dr. Hans Bachrach praktiziert wieder in Badgastein, Lainerhaus. Arthur Schnitzler zum Gedenken* Die „Union österreichischer Juden" veranstaltete anläßlich des Geburtstages Arthur Schnitzlers am 15. Mai eine überaus eindrucksvolle Gedenkfeier, die ganz ausgezeichnet besucht war. Die sehr gut gelungene Veranstaltuneröffnete der Vizepräsident der „Union", Herr Dr. J. -T i c h o, mit der Bemerkung, daß es Pflicht der österreichischen Juden sei, des großen Dichters Schnitzler, der in erster Linie Jude, Oesterreicher und Wiener war, zu gedenken. Die gehaltvolle Festrede hielt Rabbiner Professor Dr. Karl Kupfer. Es gab weiters schöne Rezitationen aus Schnitzlers Werken; für den musikalischen Teil sorgte, feinfühlig am Klavier begleitet von Betty Le win, Herr Kurt Fuchsgelb durch wunderbare Violinvorträge. In der van Dr. Kupfer gehaltenen, sehr eindrucksvollen Festrede schilderte der Vortragende zunächst ausführlich Schnitzlers Jugend und seine Karriere als Arzt und Dichter und sprach dann über das Harmonische seines Wesens, seine Dichtkunst, die Romantik und die idealistische Richtung der Seelenschilderung und schließlich über die Behandlung seiner Werke im Dritten Reich. Ferner hörten wir von Schnitzlers Liebe zu Wien, das er so schön zu schildern wußte, und dessen bürgerliche Gestalten, die durch ihn eine poetische Bearbeitung erhalten haben. Auch in die Schwächen der Männer und Frauen erhielten wir Einblick. Er zeigte sich als Pessimist und als poetischer Verklärer des „Sterbens". Das Judentum erfährt bei ihm eine poetische Behandlung in der Novelle „Leutnant Gustl", im großen Roman „Der Weg ins Freie" (das einzige Buch, das im Dritten Reich nicht verbrannt wurde) und im Schauspiel „Professor Bernardi". „Der Weg ins Freie" behandelt die jüdischen Probleme durch die Debatten der Personen der Nebenhandlung. Abtrünnige und Glaubensieste erscheinen nebeneinander, man bespricht oft die Judenfrage, ohne jedoch eine richtige Lösung zu finden. Schnitzler verachtet die Renegaten und begeistert sich für die aufrechten Juden, die ihr Volk und ihre Religicn lieben. Er findet das Hauptübel darin, daß die Juden sich gegenseitig nicht respektieren, sich vielmehr ihres Judentums schämen und sich vor jedem Christen demütigen. Der Antisemitismus ist für die Massen wie ein Glauben. Er zieht die Massen an und werkt lähmend auf jeden Fortschritt Die einzelnen jüdischen Gestalten dieses Romans zeigen uns die vielfach differenzierten Gestalten des modernen Judentums. Im „Professor Bernhardi" haben wir eine blutige Satire auf den Antisemitismus. Das Rassengesetz wird dort aufgebauscht, wo es nicht hingehört. Der Held leidet und freut sich zuletzt, mit den katholischen Priestern in Sachen der Menschlichkeit eines Sinnes zu sein. Nunmehr wurde Schnitzler Spinoza an die Seite gestellt, weil Dichtung und Leben bei ihm eine Harmonie bilden. Als Jude konnte Schnitzler nicht beim Pessimismus bleiben und ist zuletzt noch Optimist geworden. „Er schreitet festen Schrittes und lächelnd vorwärts, dann steht er auf und legt'sich zur Ruh'..." So hat sich Schnitzler wie ein aufrechter Jude zur Ruhe gelegt: denn sein Begräbnis war einfach, jüdisch strenggläubig. Er glaubt an eine bessere Zukunft, an die Jugend und spricht vor seinem Tode diese Worte aus: „Es scheint mir überhaupt, daß jetzt wieder ein besseres Geschlecht heranwächst." (Der einsame Weg.) Seinen Glauben an die Zukunft, an den Fortschritt, .an die Mission des jüdischen Volkes und an die beseligende Kraft der Jugend wollen wir als sein Vermächtnis dankbarst annehmen. Die Anwesenden folgten diesem Vortrag mit großem Interesse und wird dieser Abend allen in guter Erinnerung bleiben. Freilassung und Außerverfolgungsetzung der drei Angeklagten und begründete dies wie folgt: 1. Mit Ausnahme der Aussage von Frau Arlosoroff, die behauptet, Rosenblatt als einen der Mörder zu erkennen, hat keiner der Anklagezeugen etwas Gravierendes gegen Rosenblatt aussagen können. 2. Alle Aussagen der Anklagezeugen gegen Abraham Stavsky stehen auf sehr schwachen Beinen. 3. Gegen AbbaAchi-Meir liegt überhaupt keinerlei irgendwie stichhaltige Aussage vor; es sei unvorstellbar, eine Person unter Mordbeschuldigung in Haft zu behalten, nur weil sie vor einem Jahre zwei Tagebuchnotizen angefertigt hat oder Manuskripte hergestellt hat, die nicht veröffentlicht wurden. Das Gericht zog sich zur Beratung zurück und verkündete hierauf den Beschluß, dem Antrag des Verteidigers hinsichtlich Achi- Meirs stattzugeben und ihn außer Verfolgung zu setzen; hinsichtlich Stavskys und Rosenblatts beschloß das Gericht, den Prozeß gegen diese weiterzuführen, da der bisherige Verlauf der Gerichtsverhandlung genügend starke Belastungen gegen sie erbracht hat. Achi-Meirwurde aber nichtgleich freigelassen, sondern wegen seiner Führerschaft im verbotenen Brith Habirjonim in Haft behalten. Da ein Antrag, ihn gleich den anderen Birjoniten gegen Erlag einer Bürgschaft von 25 Pfund freizulassen, vom Gericht zurückgewiesen wurde, trat.Achi-Meir in den Hungerstreik ein. Es wurde nun an das Oberste Gericht appelliert. Der Arlosoroffmord- Prozeß. Seit fast fünf Wochen wird in Jerusalem der Prozeß gegen die des Mordes an Arlosoroff beschuldigten drei Revisionisten verhandelt, ohne daß bisher trotz der überaus langen Voruntersuchung und des minutiösen Prozeßverfahrens selbst Licht in diese dunkle Affäre gekommen wäre. Im Gegenteil, genau 11 Monate nach dem Mord an dem hervorragenden Zionistenführer hat das Gericht beschlossen, einen der drei Angeklagten, den Führer der revisionistischen Jugend AbbaAchi-Meir, der wegen Anstiftung zum Morde unter Anklage stand, freizulassen und das Verfahren gegen ihn einzustellen. Das Gericht faßte diesen Beschluß am 16. Mai, als das Verhör mit den von der Anklage geführten Zeugen beendet worden ist. Am Schluß des Verhörs stellte der Verteidiger Horace Samuel den Antrag auf 29 Tote in Tiberias. Nach den bisherigen Feststellungen sind bei der ersten Ueberschwemmung von Tiberias 29 Personen, unter ihnen neun Juden, umgekommen. Ein Jude wird noch vermißt, ein Jude starb im Hospital, so daß sich die Z a h 1 d e r j ü d ischen Opfer auf elf erhöhte. Bei dem cSit Pc n sVön Semmering ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■UN zweiten Wolkenbruch waren Menschenleben nicht zu beklagen. Weit mehr als 100 Verletzte, unter ihnen etwa 30 Schwerverletzte, sind in Spitalsbehandlung. Unter den jüdischen Toten sind zwei sephardischeRabbiner, der 70jährige Mosche Yifrach und seine Frau, sowie Rabbi Samgeh. Der Bürgermeister von Tiberias schätzt die Zahl der durch die Wolkenbruch-Katastrophen obdachlos Gewordenen auf 5000 Seelen und den Schaden, einschließlich der unbrauchbar gewordenen Straßen, auf 100.000 Pfund. Sämtliche jüdischen Gemeinden Palästinas sandten Lebensmittel und Kleidungsstücke an die vielen Hunderte aller Mittel entblößter Opfer der Katastrophe. Die Jewish Agency hat einen Delegierten nach Tiberias entsandt, um den Umfang der Not festzustellen und Vorschläge für Hilfe zu machen. Der britische Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister sandte ein Telegramm an den High Commissioner Sir Arthur Wauchope, in welchem er bittet, der schwer betroffenen Bevölkerung von Tiberias seine Sympathie und sein Beileid auszusprechen. Der High Commissioner besuchte Tiberias und stellte den Opfern Regierungshilfe in Aussicht. nerz- □. ir^aaeniieiüiadl Tdtzmannsdorfl tvantenlan«» Mineral-, Moor- und natürliche Kohlen- säuresprudelbäder. Billiger Pensionspreis! g inklusive Heilbäder. — Auskünfte und Prospekte: Kar-3 Sdirektioa oder Kurkommission, Bad Tatzmanas-§ Sdorf, Burgenland, und in allen Fremdenverkehrsbüros.» Zwei rituelle Restaurants. hundert Juden, jetzt soll es deren dort schon 7500 geben, und, wohlgemerkt, das sind die ersten Pioniere! Die Zahl der Siedler wird sehr rasch anwachsen viel rascher als in Palästina, was auch im Interesse Palästinas läge. Jetzt, wo für die Juden einzig und allein nur Palästinas Tore offen sind, jetzt kann die englische Regierung ganz willkürlich die Einreise beschränken oder ganz hemmen, je nachdem es in ihre Araberpolitik paßt, jetzt können sich die Effendis aufs hohe Roß setzen und mit gut gemimtem Widewillen ihre Böden zu Wahnsinnspreisen verkaufen oder die Herren arabischen Politiker unentwegt gegen die Balfour-Deklaration Sturm laufen. Wird aber der Zustrom nach Biro-Bidschan anschwellen, dann wird sich meines Erachtens das Bild im Nu ändern. Sowohl die englische Regierung, als auch die Araber werden augenblicklich eine andere Stellung zur Judenimmigration einnehmen. Die englische Regierung, den Russen einen großen Kolonisationserfolg mißgönnend, wird ganz anders wie bisher weiterhin nur eine projüdische Politik befolgen. Die Araber hinwiederum, befürchtend Biro-Bidschans Attraktion auf die Juden in der Welt könnte zu groß werden und infolgedessen Palästina wieder veröden, werden sich hüten, sich noch länger auf den feindlichen, vielmehr werden sie dann sich auf den stammesver wandtschaftlichen Standpunkt umstellen und mit den Juden einträchtig am Aufbau Palätinas mitwirken. Wenn dann sowohl in Palästina, als auch in Biro- Bidschan von Juden eine gewaltige, die ganze Welt in Erstaunen setzende Aufbautätigkeit entfaltet werde*, wird, dann werden überall, auch in Polen, in Rumänien, in Ungarn, den Nazi-Agitationen zum Trotz, die Juden ganz anders als bisher gewertet werden. Biro- Bidschan kann einen Wendepunkt im jüdischen Martyrium bedeuten! Mit vorzüglichster Hochachtung Ihr ergebener Th. E h r e n s t e i n. * * * Das amerikanische Komitee zur Ansiedlung deutscher Juden in Sowjetrußland hielt in New York eine Kundgebung ab, in der die Hoffnung ausgesprochen wurde, daß die Regierung der Sowjetunion, die soeben das Land Biro-Bidschan im fernöstlichen Sibirien als autonome jüdische Sowjetrepublik proklamiert hat, dieses Land weitherzig dendeutschjüdischen Flüchtlingen öffnen wird. Das Komitee verpflichtete sich zur Mitarbeit an der Aufbringung der notwendigen Siedlungsfonds und entsendet demnächst eine Kommission von Sachverständigen unter Führung von Prof. Dr. John Madden von der Universität New York nach Moskau und Biro-Bidschan, die mit der Sowjetregierung und den mit der Siedlungsaktion direkt sich befassenden Behörden Verhandlungen im Interesse der Flüchtlinge führen wird. Biro-Bidschan. Auf Ihre kürzlich an mich gerichtete Frage, wie ich über Biro-Bidschan denke, beehre ich mich Ihnen folgendes mitzuteilen: Zunächst glaube ich, daß es ein großer Fehler ist, diese neugegründete jüdische Republik im fernen Osten ins Lächerliche zu ziehen. Ich meinerseits verspreche mir davon in nicht ferner Zeit ein Nachlassen der jetzigen großen Spannung in der Judenfrage, nicht nur da und dort, sondern in der ganzen Welt, einseht i.e Blich Palästina! Zu bedauern ist nur, daß nun auch viele bürgerlich gesinnte, jetzt aber leider entwurzelte Juden in Biro Bidschan dem Bolschewismus in die Arme getrieben und gewaltsam zur Irreligiosität und zum Antizionismus werden verhalten werden. Aber davon abgesehen, wird sich Biro-Bidschan für das gesamte Judentum als recht heilsam erweisen. Als vor einigen Jahren Heller sein Buch „Der Untergang des Judentums" veröffentlichte und darin Biro- Bidschan ausführlich behandelte, gab es dort erst einige Revisionistischer Angriff auf das Warschauer Palästina-Amt. Eine Gruppe von mehreren hundert Mitgliedern des Brith Trumpeldor drang, wie die J. T. A. meldet, dieser Tage in das Warschauer Palästina-Amt ein und forderte kategorisch die Wiedereinsetzung des Brith Trumpeldor in die Rechte als Empfänger von Zertifikaten für die Einwanderung nach Palästina. Die Beamten wurden aufgefordert, zum Protest gegen die Entrechtung der Betharim durch die Exekutive die Arbeit einzustellen. Als ein Teil der Beamten dieser Aufforderung nicht Folge leistete, wurden sie zur Arbeitseinstellung gezwungen. Hierbei kam es zu einer Schlägerei, bei der ein Beamter schwer am Auge verletzt wurde, so daß dessen Sehvermögen gefährdet ist. Daraufhin verließen die Demonstranten das Lokal. Die Führer der Betharim forderten die Leitung des Palästina-Amtes auf, telegraphisch von der Exekutive das Urteil des Kongreßgerichtes in der Frage der Bethar-Zertifikate anzufordern. Sie erklärten, daß die Arbeit des Palästina-Amtes so lange gestört werden wird, als bis nicht den Revisionisten ihr Recht aut kollektive Zertifikate zuteil geworden ist. Die Demonstranten marschierten hierauf in Reih und Glied in ihre Quartiere zurück. Das Palästina-Amt erklärt, daß keinerlei Akt von Terror und physischer Gewalt es verhindern wird, seine Arbeit gemäß den Weisungen der übergeordneten legalen zionistischen Instanzen zu führen. Keiner, der sich in Zukunft an Ueberfällen auf das Palästina-Amt beteiligen wird, wird als Alijah-Kandidat in Betracht kommen. Gegen das Mitglied des Plenums des Palästina-Amtes Eisik Rembo. der an dem Ueberfall führend beteiligt war, wurde ein entsprechendes Verfahren eingeleitet Die Exekutive der Jewish Agency hat in einem Telegramm an das Warschauer Palästina-Amt dessen Verhalten während des revisionistischen Ueberfalles auf das Amt gebilligt; insbesondere den Ausschluß des revisionistischen Vertreters aus dem Palästina-Amt und den Beschluß, den Fall dem Kongreßgericht zu unterbreiten. H .M Jmr

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