Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-05-25 · Heft 22 (25.5.1934) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 22 (25.5.1934)
Date
1934-05-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064525--19775-3084948
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

DIE WAHRHEIT ViUa Kurarzf Di. Locbel Hofgastein meinen Behandlun« jüdischer Belange seitens der Regierungsstellen. Er wiederhole die Argumente, die im dem letzten Statement der Exekutive der Jewista Agency zur Frage der Einwanderung niedergelegt sind und wies auf die besondere Gefahr hin. die sich aus der Einwanderungseinschränkung seitens der Regierung für den Jjschuw und die Zukunft des jüdischen Nationalheims ergibt Shertok klagte die Regierung an. daß sie die in dem Brief des britischen Premierministers MacDonald an den früheren Präsidenten der Jewish Agency Dr. Chaim Weizmann niedergelegten Grundsätze eklatant verletzt Und forderte den Jischuw auf. als Maßnahme des Selbstschutzes eine kämpferische Haltung einzunehmen. Shertok übte vernichtende Kritik an der Verteilung der Fonds der Palästina-Anleihe und bezeichnete' die Anleihe selbst als ein großes Unrecht gegen die Juden Palästinas, die die Hauptlast der Amortisation werden tragen müssen, wo doch die ganze Anleihe schon darum überflüssig ist weil die Regierung über Ueberschüsse von zweieinhalb Millionen Pfund verfügt. Berl Katznelson, Chefredakteur des „Davar", berichtete in Ausdrücken tiefster Empörung, daß gerade heute drei jüdische Streikposten in Kfai Saba, die vor jüdischen Plantagen standen, in denen Araberbeschäftigt werden, zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurden. Einer der Verurteilten ist Mitglied der Assefah. Auf Antrag Katznelsons beschloß die Assefah, eine Abordnung an den High Commissioner zu entsenden, um ihm die Protestgefühle der Assefah auszudrücken. (Siehe ..Palästina-Nachrichten".) In tiefer Trauer hörte die Assefah den Bericht des vom Waad Leumi nach Tiberias entsandten Mitglieds ihres Präsidiums, Almaliah an, der erzählte, daß die ganze Stadt Tiberias ein einzige! Sumpf sei, daß kein Geschäft offen ist, keine Nahrungsmittel zu haben sind und daß über 400 Wohnhäuser und Läden zerstört sind. Die Zahl der Obdachlosen wird auf 100Q geschätzt von denen nur 150 in das Meer,Baal Ness-Heim und 100 in das Schweitzer-Hospitar aufgenommen werden konnten. Man zählt 11 jüdische Tote. Araber und Juden aus der Umgebung senden Nahrungsmittel zur Stillung des augenblicklichen Hungers, aber für die Dauer wird eine konstruktive Hilfe notwendig sein. Almaliah forderte die Assefah auf, einen Aufruf an die Judenbeit in der ganzen Welt um. Höfe für die Einwohner der alten jüdischen Stadt Tiberias zu richten. Spezialhaus für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2. Bez., TaborsfraJSe Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden Telephon A 45-8-69 Dissimilation? „In den Armen liegen sich beide und weinen vor Schmerz und vor Freude." Diese beiden Affekte sind bei den Partnern, die wir heute im Auge haben, so verteilt, daß der eine den ganzen Schmerz, der andere die ganze Freude hat. Wir sprechen nämlich von den Zionisten und den Hitlerianern. Wie bekannt, ist den Jüdischnationalen im Dritten Reiche der Schmerz schmählicher Entrechtung genau so wenig erspart geblieben wie den Assimilanten. Die Nationalsozialisten ließen sich ihre Freude am Demütigen der Juden nicht durch mühevolle Differenzierungen der Objekte beeinträchtigen. Trotzdem sehen wir die beiden Verkörperungen angeblich einander extrem widersprechender Stimmen des Blutes einander brüderlich in die Arme sinken. Das wird ganz deutlich durch die Tatsache symbolisiert, daß jüngst ein Artikel des/ „Yölkuschen Beobachters" über das Problem der „Dissimilier u n g" von Juden und Nichtjuden in Deutschland die Runde durch die zionistische Presse machte, und zwar nicht etwa als Gegenstand ablehnender Polemik, wie es Naive von jüdischen Zeitungen, sobald sie sich mit nationalsozialistischen Geistesprodukten befassen, erwarten, sondern als kostbares Wohlverhaltungszeugnis für die eigene, gutjüdische Bravheit Und während der arische Partner der Verbrüderungsszene, von dem ihm allein im Dritten Reiche zustehenden Rechte auf Gedankenfreiheit Gebrauch machend, eifrig doziert, sehen wir den andern stumm, aber mit beredten Blicken um sich schauen, den Zeugen dieses erbaulichen Schauspiels zuzwinkernd: „Na, was sagt Ihr dazu — wie stehe ich jetzt da?" Die Antwort auf diese Frage sei den Zionisten nicht vorenthalten. Daß der Zionismus und der extreme Antisemitismus vielfach auf derselben Linie marschieren, ist für uns nichts Neues. Wir haben es oft genug publizistisch dargelegt und dadurch merkwürdigerweise dieselben jüdischnationalen Blätter, die diese Bescheinigung seitens des Hitler-Blattes mit Stolz quittieren, zu zornigem Widerspruch gereizt. Die Gleichartigkeit dieser Zielsetzung jüdischer und antijüdischer Politik beweist aber unter anderem auch die Mitteilung, die der magyarische Hakenkreuzler Graf Festeties dieser Tage im ungarischen Abgeordnetenhause unter dem Beifall seines Parteigenossen Meskö machte, daß auf seinem Gute jüdische Jünglinge, die nach. .Palästina auswandern wollen, in der Landwirtschaft unterrichtet werden. Ein Zufall fügt es, daß fast gleichzeitig aus Deutschland gemeldet wird, das Oldenburgische Staatsministerüum habe es abgelehnt, sein Einverständnis zu der Unterbringung von jungen Juden in landwirtschaftlichen Betrieben zu erteilen. Die Gegenüberstellung dieser beiden Meldungen beweist am besten, daß es den deutschen Nationalsozialisten nicht nur an dem Talent fehlt, selbst eine fruchtbare Judenpolitik zu inaugurieren, sondern auch an dem guten Willen, die ihnen von den Zionisten vorgeschlagenen Methoden einer alle Teile befriedigenden Lösung der angeblich brennendsten Frage, der Judenfrage, zu akzeptieren. Daraus ergibt sich, wie verlogen die von den deutschen Hakenkreuzlern immer wieder, auch in dem erwähnten, von der zionistischen Presse ziemlich widerspruchslos wiedergegebenen Artikel des „Völkischen Beobachters" aufgestellte Behauptung ist, der Nationalsozialismus habe in der Judenpolitik „völlig neue und revolutionäre Wege beschritten". In Wirklichkeit hat er sich der reaktionärsten Methoden bedient, um uralte Haßinstinkte wieder aufleben und sich rein zerstörend und verwüstend austoben zu lassen. Gegen die in Palästina eine „neue Heimat suchenden Juden wird das ganze arabische Volk mobil gemacht," indem man es durch Geldgeschenke an seine Führer materiell und durch Uebersetzung der „Protokolle der Weisen von Zion" ins Arabische geistig dem Nationalsozialismus gefügig zu machen sucht. Und dies trotz der paradoxen Tatsache, daß sich die Juden in Palästina als die besten Kunden des von denrübrigen' Juden der ganzen Welt boykottierten deutschen Ausfuhrmarktes entpuppten . . . Angesichts dieser Entwicklung der nationalsozialistischen Politik schienen sogar die natürlichen Berührungsflächen deutschvölkischer und jüdischnationaler Mentalität künstlich auseinander gehalten zu werden. Und doch gibt es, wie der eingangs erwähnte Artikel des „Völkischen Beobachters" zeigt, ein Schlagwort, das die Annäherung der scheinbar feindlich auseinanderstrebenden Extreme in die Wege leitet. Dieses Zauberwort heißt „Dissimilation". Um den Lesern des „Völkischen Beobachters" das Negativum „Dissimilation" verständlich zu machen, mußten sie erst über das Positivum „Assimilation" aufgeklärt werden. Und man muß sagen, daß die Aufklärung, die das Hitler-Blatt bietet, nicht nur für seine Gesinnungsgenossen, sondern auch für die Zionisten eine wirklich gute Lehre bedeutet. Die letzteren erfahren aus ihr, daß sie die Assimilation unter dem Schein, sie zu bekämpfen, bloß — verfälschen: „Der politische Zionismus selbst, wie ihn HerzI gepredigt und wie er in seiner klassischen Form im heutigen ,Revisionismus' wieder auflebt, war als System selbst assimiliert an die europäischen Nationalismen." Für den Nationalsozialismus stellen eben die Juden keine „Nation" wie die anderen mit deren kulturellen Ansprüchen dar, sondern ihr einziger Daseinszweck ist die Rolle des Prügelknaben für die Ariergesetzgebung: „Dissimilation — das ist die große Chance der deutschen Juden, durch den Aufbau einer eigenen Gefühls- und Vorstellungswelt von sich aus einer unfreiwilligen Situation einen Sinn zu geben, sie zu einer freiwilligen umzugestalten und ihr so den Diktatcharakter zu nehmen." Das heißt, die Juden in Deutschland müßten sich bemühen, innerlich und äußerlich zu jenen menschlichen Karikaturen herabzusinken, als die die antisemitische Propaganda seit jeher die Juden geschildert hat — sehr mit Unrecht, wie der „Völkische Beobachter" jetzt indirekt selbs^ zugibt, wenn er gesteht: „Wir können die Juden nicht anders, nicht jüdisch machen. Das ist ihre Aufgabe." Der Erfüllung dieser Aufgabe, einen von den Antisemiten stets als naturgegeben erklärten Zustand künstlich herbeiführen, um der judenfeindlichen Gesetzgebung nachträglich „einen Smn zu geben", soll die jüdische Schule durch Pflege der hebräischen und jiddischen Literatur dienen. Diese nationalsozialistische Auffassung von der Bestimmung der jüdischen Schule macht die jüngst in Deutschland getroffenen offiziellen Maßnahmen zur völligen Ausschließung jüdischer Jugendlicher vom Besuch der mittleren und höheren Schulen und das Verbot von Neuaufnahmen in die von den jüdischen Gemeinden selbst erhaltenen mittleren und höheren Schulen verständlich. Die jüdische Jugend soll nicht mehr an der höheren allgemeinen Bildung teilhaben, sondern von einer „eigenen Gefühls- und Vorstellungswelt" erfüllt werden, die aber nicht dem stolzen Traum der Zionisten von einer Renaissance des jüdischen Volkes in dem unseren Urvätern gelobten Lande entspricht, sondern der von der antisemitischen Phantasie geborenen untermenschlichen Lebensnorm von Ghettojuden, die, wie sich der „Völkische Beobachter" euphemistisch ausdrückt, „die äußere Grenzziehung des Arierparagraphen mit der inneren Grenzziehung der Dissimilation beantworten würden". Das Hitler-Blatt gesteht offenherzig, daß es eine solche Zielgebung der Dissimilation begrüßen würde. Soll man von den Zionisten etwa dasselbe glauben? Wir können uns hiezu trotz dem widerspruchslos und offenkundig mit einem gewissen Stolz erfolgten Abdruck des völkischen Artikels in der jüdischnationalen Presse nicht entschließen. Wir haben den Kampf der Zionisten gegen die Assimilation immer als einen vorschnellen und überflüssigen Abbruch der geistigen Brücke zwischen der noch keineswegs rechtlich vollkommen gesicherten Heimstätte in Palästina und der realen Heimat in Europa gebrandmarkt. Immerhin kann man begreifen, daß junge Menschen, die sich zur Auswanderung ins Heilige Land rüsten, alte Bindungen leichtfertig unterschätzen. Sie wollen neue Menschen in einer neuzuschaffenden Welt werden. Hitler aber verlangt von ihnen Dissimilation bei gleichzeitiger Fesselung an Deutschland. Er kann die Juden nicht entbehren, da sie die einzigen Objekte sind, an denen er sein vielpunktiges Programm durchführen konnte, und er weiß, daß sein Freund Göbbels auch in der Zukunft Prügelknaben braucht, wenn die Enttäuschung des deutschen Volkes über die Nichterfüllung der sonstigen Verheißungen sich einmal zu entladen drohen wird. Vielleicht werden die mißtrauisch Gewordenen dann auch Httlers Judenpolitik, die einzige äußerlich erfolgreiche, auf ihre innere Berechtigung überprüfen. Um dieser Ueberprüfung standzuhalten, braucht er Juden, die der antisemitischen Vorstellung entsprechen. Deshalb sollen sich die deutschen Juden „dissimilieren". Hitler befolgt die Taktik eines ^Polizisten, der einen ihm unsympathischen Menschen zum Diebstahl verleitet, um ihn nachher einsperren zu können. Wollen die Jüdischnationalen in diese Falle gehen? Können sie in einem Moment, in dem ihnen der Präsident ihrer eigenen ■ Weltorganisation Assimilation an die Araber zwecks besserer Eingliederung in Asien empfiehlt, glauben, durch Dissimilierung der in Deutschland bleibenden Juden eine bessere Eingliederung im Dritten Reiche zu erzielen? Mag der „Völkische Beobachter" Recht haben mit der Behauptung, daß die Emanzipation der Juden nicht aus judenfreundlichen, sondern aus doktrinären Gründen erfolgte — kann dies für Juden ein Grund sein, aus doktrinären Gründen eine Politik brutalster Judenfeindschaft zu sanktionieren? Keine Judensiedlung in Ostafrika. Der Konservative Hall-Caine fragte im englischen Unterhaus den Kolonienminister, ob er den ihm von jüdischen Führern in Ostafrika CKenya) unterbreiteten Plan der Ansiedlung von 1000 deutschjüüSschen Familien in B r i tisch-O s tafrika geprüft habe. Der Kolonienminister Sir Philip Cunüliffe-Lister erwidert: Mir wurde ein solcher Plan nicht unterbreitet Prajj. Der Schutzverband deutscher Schriftsteller in der Tschechoslowakei hat den bekannten blinden Dichter Oskar Baum zu seinem Präsidenten gewählt. Oskar Baum, der Jude ist ist auch ein hervorragendet Gestalter jüdischen Lebens.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.