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Die Wahrheit · 1934-05-25 · Heft 22 (25.5.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 22 (25.5.1934)
Date
1934-05-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Der Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang über Oswald Menghin: Geist und Blut iAPäÄSTEON In seiner, am ersten Tage des Schwuothfestes im Seitensiettentempel gehaltenen ausgezeichneten Rede besprach der Oberrabbiner Dr. Feuchtwang die hohe kulturelle', soziale und religiöse Bedeutung des Dekalögs als unbestrittener und unübertroffener Grundlage des jüdischen Glaubens- und Volkswesens. An Hand biblischer, prophetischer und besonders talmudischer Lehren und Gesetze wurde gezeigt, wie die Thorah und der Talmud die großen Erzieher und Führer der Judenheit geworden waren auf ihrem Wege durch die Welt und Weltgeschichte. Der Deka log mit den sich daran schließenden religiös-sittlichen Geböten und Verboten hat die jüdische Gemeinschaft zu dem besonderen Gebilde gemacht, das, durch unerschütterliche Beobachtung des ethischen Monotheismus zwar einsam und allein, aber um so fester und treuer im Ansturm der feindlichen Mächte in der ganzen Welt und in allen Zeiten standgehalten, den fürchterlichen Verfolgungen der Vergangenheit von Seiten zahlreicher Völker und Konfessionen getrotzt hat und gewiß auch seine bis nun wohl behütete Wesensart aus den furchtbaren Gefahren der Gegenwart zu seinem eigenen Segen und zum Segen der Kultur retten wird. Denn Israel ist nicht der verlorene, sondern der erstgeborene Sohn des reinen Glaubens. Eine scheinbar unbesiegbare Phalanx von Gegnern, Feinden, Hassern und Verfolgern umringt die Judenheit und führt mit materiellen und geistigen Waffen nach den Vorbildern vergangener, längst überwunden geglaubter Zeiten des Altertums und Mittelalters Kampf und Krieg gegen Juden und Jüdisches. Im tosenden Zusammenbruch der sittlichen und wirtschaftlichen Welt sollen wir Juden das Opfer sein — und der Wiederaufbau und Neuaufbruch durch unseren moralischen und physischen Tod erfolgen; ein verzweifelter Versuch verzweifelter Menschen. In dem Kreis der in der ganzen Welt bestehenden und erstehenden Gegner sind die Vertreter des Rassenstandpunktes der Sturmbock, der an die Mauer der Weltjudenschaft herangebracht wird. Ein wahrer Taumel und Irrsinn ergreift Männer und Völker; aber der Wahnsinn wird allgemach zu ruhiger Methode und kaltem System. Die Wissenschaft stellt sich in den Dienst dieses Vernichtungfeldzuges und bedient sich unsauberer Mittel und vergifteter Waffen. Hier soll der Zweck die Mittel heiligen. Zu den zahllosen Angreifern der jüngst vergangenen Zeit gesellt sich nun ein Mann von größtem wissenschaftlichen Format, der ordentliche Professor der Wiener Universität, der daselbst Urgeschichte des Menschen lehrt, Oswald Menghin. In seiner vor kurzer Zeit erschienenen Schrift „Geist und Blut", Grundsätzliches um Rasse, Sprache, Kultur und Volkstum (1934, Verlag von Anton Schro 11 & Co., Wien), bespricht er im Schlußkapitel „Die wissenschaftlichen Grundlagen der Judenfrage". Die Schrift ist, wie von MengUin nicht anders zu erwarten war, ausgezeichnet und trotz der leichtfaßlichen, populären Darstellung bis auf das Schlußkapitel wohl wissenschaftlich einwandfrei, reich belehrend und auch für wissenschaftlich wenig Vorgebildete aufklärend. Warum aber versagt die moralische und wissenschaftliche Kraft im Schlußkapitel, das von den Juden handelt? Hier verfällt der große Gelehrte in den Jargon der wertlosesten G e i s t e s p ro d u k t e der judenfeindlichen Richtungen; unwillkürlich bedient er sich auch deren gefährlichen Methoden. Aus scheinbarer, objektiver, lobender Anerkennung und Würdigung jüdischen Wesens wächst, wie organisch, Verurteilung und Abweisung. Ziel und Resultat des kurzen Judenkapitals sind: „Die Aufnahme des Judentums in das Deutschtum würde bei dem gegebenen Stand der beiderseitigen Wesenheiten zweifellos die Gefahr einer Abänderung des deutschen Volkscharakters nach sich ziehen..." Diese These ist offenmesreligion von einer Widerstandskraft sondergleichen. Aus diesen Voraussetzungen ist das Ghetto zu erklären mit allem, was drum und dran hängt, der Talmudismus, die Kahalorganisation, die Verachtung alles Nichtjüdischen." Hier haben wir die gefährlichen Fußangeln! Auf das „Drum und Dran", auf „Talmudismus und Kahalorganisation" kommt es an!! Das sind die Giftpfeile der „Protokolle", eines Gelehrten vom Range Menghins unwürdig! Das ist nicht mehr Wissenschaft. Kennt Herr Professor Menghin den Talmudismus; hat er sich ein lebendiges, sogenanntes Talmudjudentum angesehen? Ich wünschte, er hörte und sähe hier in diesem Gotteshause an diesem Tage des Festes des Empfanges der Thorah diese betende Gemeinde, hörte die Verlesung der Thorah und hörte auch meine bescheidenen, erklärenden Worte! „Ausgeburten des ungebrochenen Ghettogeistes sind Formalismus (im Kult, in der Kunst, im Recht) und Intellektualismus (Rationalismus, Relativismus, Atomisierung); sein ureigenstes Erzeugnis der Talmudismus." Das sind leichtfertig hingeworfene Worte und Begriffe, Schlagworte, deren Zweck der Schlag ist. In diese Kategorie gehört auch die Behauptung, daß „Sartentum" für das Judentum charakterologisch sei. Obzwar nun Menghin an dem Standpunkt festhält, daß das Geistige über das Körperliche Macht hat, daß ferner Rasse, Volkstum, ja selbst Sprache nicht unbedingt und scharf begrenzbare Erscheinungen seien, und sich bemüht, auch dem Judentume gegenüber diesen Standpunkt zu wahren, wird er im Gebrauch seiner Mittel ungerecht. Daß innerhalb der Judenheit selbst keine Einigkeit über die einzuschlagenden Wege besteht, ist nicht zu I HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang leugnen. Ich wende mich keinesfalls gegen den Wiener Gelehrten, weil er die Judenheit als besondere Volksindividualität kennzeichnet. Ich bekämpfe und verwerfe die Mittel, deren er sich bedient. Wenn er für die Begründung des neu entflammten Kampfes zwischen dem deutschen Volke und dem Judentume nur den Weg anerkennt, den die Zionisten zu gehen entschlossen sind, so sagen wir ihm: Die Wahl ist unsere Sache. Zwang und Vergewaltigung, gepaart mit Entrechtung und Knechtung dulden wir nicht. Kein Wort der Verurteilung findet Menghin für die Schaudtaten der deutschen Nationalsozialisten. „Jedes Volk hat nicht nur das Recht, sondern auch die sittliche Pflicht, sein Volkstum zu verteidigen." Zugegeben. Sind da alle Mittel der Gemeinheit und Gewalt gestattet? Darüber schweigt Menghin. Wir Juden Oesterreichs werden und wollen in tiefster Glaubenstreue und in Treue gegenüber unserer großen Geschichte, allertreueste Oesterreicher sein und bleiben. Ein Mann wie Menghin sollte aber wissen, daß so glänzend geschriebene Schriften, wie die seine, die so gefährliche wissenschaftlich unbeweisbare Thesen enthalten, vergiftend wirken können. Sie finden in den Massen vorbereiteten Boden. Wir sind aber dessen gewiß, daß die tiefe Gläubigkeit und Gerechtigkeit der führenden Stellen alles Uebel abzuwehren imstande sein werden. Englands Palästina-Politik. Der Generalstreik der jüdischen Bevölkerung von Jerusalem, Tel-Aviv und Haifa wegen der Einwandcrungsbeschränkungspolitik der Regierung begann am Mittwoch mittags und dauerte bis 17 Uhr. Alle Laden und Flabriken waren geschlossen. Während des Proteststreiks-„Igm es in Tel- Aviv zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei, als diese versuchte, die Demonstranten zu zerstreuen. Dabei wurden 40 Personen verletzt. Auch in Jerusalem ereigneten sich Zwischenfälle. Aber Sokolow ist optimistisch, die Assefah weniger Unmittelbar vor seiner Abreise mit Flugzeug nach Südafrika, wo er die Leitung der diesjährigen Keren Hajessod-Kampagne übernimmt, äußerte sich der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency Nahum Sokolow ih'~ einem Gespräch mit einem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur über einige aktuelle Fragen der zionistischen und Palästina-Politik, wobei er feststellte. 1. daß die Gerüchte, die zionistische Exekutive bereite die Herausgabe eines gegen englische Palästina-Politik gerichteten „Blau-Weiß-Buchs" vor. grundlos sind; 2. daß die Meldungen über die Möglichkeit einer Vereinigung Palästinas mit Transjordanien jeder Grundlage entbehren; 3. daß die Möglichkeit besteht, eine größere Zahl von Zertifikaten zu erlangen, falls die Exekutive an höhere Instanzen appellieren werde und 4. daß die Reise Emir Abdullahs nach London mit jüdischen Interessen nichts zu tun hat. Kuchen, Abwaschtische, Vorzimmer Beste Bezugsquelle für Weichholzmöbel. Besichtigen Sie mein Musterlager FERDINAND HOHN. II., TohorsfraflC Nr. 22 bar das Movens für die Abfassung des ganzen Buches Telephon-Nummer R 40-7-14 gewesen. Die Aufnahme des Judentums in das Deutschtum will ich nicht diskutieren. Auch nicht über die wissenschaftliche Berechtigung der Feststellung einer besonderen spezifischen Rassenmischung bei den Juden, die den Nordrassen (nordisch und fälisch) besonders wesensungleich und deshalb fremd und gefährlich ist, will ich sprechen. Das ist das Menghin ureigenes Gebiet, auf dem er kompetent ist. Wie aber stellt er diese Wesenheit des Judentums dar? Hier schöpft er nicht aus ersten, sondern aus zweiten und dritten Quellen, hier bin ich kompetent als Jude, wie er auf seinem Gebiete als Christ. Ich verwahre mich bei dieser Gelegenheit gegen den Anwurf. die Kanzel für politische Zwecke zu mißbrauchen. Es ist meine sittliche Pflicht als Oberrabbiner von Wien, beabsichtigte oder unbeabsichtigte Beleidigungen des Judentums zurückzuweisen. Menghins Charakterisierung des Wesens der Judenheit steht nämlich nicht auf höherem Niveau als die Gobineaus, Chamberlains, Eisenmengers, Rohlings, ja selbst die Ausdrucksweise der „Protokolle der Weisen von Zion" fehlt nicht in seiner Terminologie. In einem Atem wird gesagt: „Wie immer man es historisch-ethnologisch zergliedern mag, es bleibt der Weltkampf um den Monotheismus, es bleibt das außerordentlichste Ereignis der Geschichte, wenn man das Dunkel und die Weltverlorenheit seiner Anfänge und die Größe seiner letzten Auswirkungen im Christenrum beleuchtet. Das im Judentum schlummernde religiöse Genie war sein Glück und sein Fluch, seine Macht und sein Fall. Es führte schließlich zur Bildung einer Stam- „Die Nachrichten über ein geplantes Blau-Weiß- Buch", erklärte Sokolow, „schießen sehr weit übers Ziel hinaus. Die Exekutive ist nicht gesonnen, unter irgend welchen Umständen irgend welche gegen die englische Regierung gerichtete „Bücher" herauszugeben. Was wir wahrscheinlich tun werden, wird sich darauf beschränken, eine Broschüre zu veröffentlichen, in der das gesamte uns vorliegende statistische Material über jüdische Einwanderung nach Palästina zusammengestellt werden soll; damit soll jedermann Gelegenheit geboten sein, das Probtem der jüdischen Emigration nach Palästina zu studieren." „Ueber trieben", fuhr Sokolow fort, „sind auch die Meldungen, daß irgend welche Verhandlungen mit dem Ziele, Palästina mit Transjordanien zu vereinigen, derzeit im Gange sind. Alle diese Meldungen stammen aus der arabischen Presse und sind nicht ernst zu nehmen." — „Welche Bewandtnis aber hat es mit der Reise Emir Abdullahs nach London?" fragte der JTA-Vertreter. „Die Reise des Emirs", erwiderte Sokolow, „steht vermutlich mit rein internen transjordanischen, nicht aber mit palästinensischen Problemen in Zusammenhang. Wahrscheinlich wird sich der Emir bemühen, in London eine Anleihe für Transjordanien zu erwirken. Seine Besprechungen in London dürften sich wohl auf die angesichts der wirtschaftlichen Notlage in Transjordanien zu ergreifenden Maßnahmen beziehen, möglicherweise werden sie auch einen politischen Charakter insofern tragen, als bei ihnen die verschärfte Lage auf der arabischen Halbinsel und ihre Rückwirkungen auf das an das Wahabitenreich grenzende Transjordanien zur Sprache kommen könnten. Keinesfalls handelt es sich um Erörterung eines Planes zur Vereinigung Palästinas mit Transjordanien." Schließlich äußerte sich Sokolow auf eine Frage des Interviewers über die ungenügende Berücksichtigung der jüdischen Forderungen anläßlich der Festsetzung der letzten Arbeiter-Einwanderungs-Schedule. „Ich bin der Meinung", sagte Sokolow, „daß für uns noch nicht alles verloren ist. Wir können an höhere Instanzen appellieren, um mehr Zertifikate zum Ausgleich zwischen der Zahl der angeforderten und der der bewilligten zu erlangen." Im Anschluß hieran stellte Sokolow fest, er habe während seines Aufenthaltes in Palästina beobachtet, daß in letzter Zeit die städtische Kolonisation auf Kosten der Ansiedlung auf dem flachen Lande zu sehr in den Vordergrund gerückt wordei sei. Anläßlich der bevorstehenden Kampagne in Südafrika werde er mit besonderem Nachdruck auf die Notwendigkeit hinweisen, den jüdischen Besitzstand in ländlichen Gebieten zu vergrößern. * Am Dienstag, den 15. Mai, wurde die neue Session der Assefath Haniwcharim (Deputierten-Versammlung der organisierten palästinensischen Judenheit \Knesseth Jisrael") eröffnet. Die revisionistische Fraktion, die zweitgrößte in der Assetah, die am Tage vorher ihren Exodus ankündigte, blieb auch schon der Eröffnungssitzung fern. Der High Commissioner Sir Arthur VVauchope sandte an das Präsidium der Assefah ein Begrüßungsschreiben, in dem er der Taigung Erfolg wünscht. Der Vorsitzende der Assefath Haniwcharim, der Histadruth-Fiihrer Ben Zwi, gab in seiner Eröffnungsrede einen Ueberblick über die Ereignisse der letzten zwei Jahre, seitdem die Assefah zuletzt getagt hat, und unterstrich insbesondere, daß in dieser kurzen Periode die jüdische Bevölkerung Palästinas um 40 Prozent zugenommen hat, während gleichzeitig die Politik der Regierung gegenüber dem Jüdischen Nationalheim und den Bedürfnissen des Jischuw sich verschlechtert hat. Die Zahl der Juden, sagte Ben Zwi, die bei den Eisenbahnen, bei Post und Telegraph und in der Polizei beschäftigt sind, hat sich bedeutend verringert. Die Regierung verweigert den Juden eine angemessene Unterstützung ihrer lebensnotwendigen Institutionen aus dem Staatsbudget. Das Mitglied der Zionistischen Exekutive und, neben Ben Gurion, Leiter des Politischen Departements der Exekutive der Jewish Agency. Mosche Shertok, gab in einer zweistündigen Rede einen Ueberblick über die politische Situation. Seine Ausführungen machten sehr tiefen Eindruck auf die Versammlung. Er übte schonungslose Kritik an der Politik der M andia ta rma ch t u!nd> der PaJästi na- Regie r u n g in der Frage der jüdischen Einwanderung, der Beschäftigung von Juden an Regierungsunternehmungen, sowie der a 11 g e-

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