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Die Wahrheit · 1934-05-25 · Heft 22 (25.5.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 22 (25.5.1934)
Date
1934-05-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT wesen, sondern auch eine verpaßte Gelegenheit, einen besonders markanten Zug\im Antlitz Nazi- Deutschlands beobachten zu können. Die englischen Journalisten wollten sich und ihren Lesern nichts vorenthalten, was das* Bild des Dritten Reiches vervollständigt, und so gingen sie zu Herrn Streicher. Und dort erlebten sie eine artige Ueberraschung. Sie mochten sich ihn als einen verbohrten Judenfresser vorgestellt haben, der die Methoden seines politischen Kampfes zu rechtfertigen suchen würde. Mochten diese Methoden anderen noch so widerlich erscheinen, ihm selbst mußten sie doch ohne Zweifel gefallen und er würde sicherlich mindestens den Versuch wagen, sie auch vor den anderen in ein gefälligeres Licht zu rücken. Aber zu ihrer größten Verwunderung geschah das gerade Gegenteil: AH das, was er an politischem Renommee genießt, wies Herr Streicher voll Entrüstung als — jüdische Verleumdung zurück. Er ein Judenfresser? Wie kann man nur so aufschneiden! Kurz, die Gäste hatten die peinliche Empfindung, daß sich der Mann vor den Ausländern dessen gar sehr schämte, was ihm von seinen Landsleuten als Verdienst angekreidet wird! Statt einer immerhin begreiflichen Verteidigung seines Systems leistete er sich dessen — Verleugnung! Um wieviel höher mochte da den vielgereisten Briten das sittliche Niveau primitiverer Gastgeber in ferneren Zonen bei einem Vergleich mit dem Nürnberger Nazi-Repräsentanten erscheinen: Von den Kopfjägern, Indianerhäuptlingen und Kannibalen, zu denen sie ihr Beruf gelegentlich geführt hatte, rühmte sich jeder seiner Moritaten, suchte sie in der Darstellung noch zu übertreiben, denn alle waren durch ihre von Erziehung und Milieu geprägte Mentalität der Ueberzeugung, daß sie mit den grausamen Bluttaten, mit denen sie prahlten, sich und ihrem Stamme Ehre gemacht hätten. Hier im Herzen Deutschlands aber lernten sie einen Mann kennen, der sich voll und ganz der Schändlichkeit seiner Taten, die ihm eine äußerlich glänzende Karriere gesichert hatten, bewußt war, der jedoch ihren Eindruck zu mildern bestrebt war und dabei nur vergaß, daß er das polare Gegenteil erreichte. Denn wer sich so verteidigt, der klagt sich an . . . * Wie aber ist folgendes zu verteidigen: Unter jenen, die es dem Gauführer von Franken ermöglichten, die Ritualmordnummer des „Stürmer" herauszubringen, die mit dazu beitrugen, dies grausigste Druckerzeugnis aller Länder, Sprachen und Zeiten in 130.000 Exemplaren zu verbreiten, befindet sich neben dem Kgl. Hofbräuhaus, München, die „Austria" Zigarettenfabrik in München, Tochtergesellschaft der Oesterreichischen Tabak-Regie. Die deutsche Tochtergesellschaft der Oesterreichischen Tabak-Regie hat durch eine ganzseitige Anzeige an bevorzugtem Platz die Verbindung zwischen dem „Jüdischen Mordplan gegen die nichtjüdische Menschheit" und ihrer „Dicken Sport zu Pfennig, Zigarette im Riesenformat aus edelsten Orienttabaken" hergestellt. Das Kgl. Hofbräuhaus weist zu Nutz und Frommen der Parole: „Hie nationalsozialistisches Ariertum — Hie jüdisches Verbrechertum" darauf hin, daß es den Versand in Fässern und Flaschen nach allen Ländern der Erde aufnimmt! Wir sind zwar der Ueberzeugung, daß die Reklame dieser Firmen an dieser Stelle ihre Wirkung verfehlt hat, denn wir können uns nicht denken, daß einem Menschen auf Erden, der die Ritualmordnummer des „Stürmer" gesehen hat, noch ein Glas Hofbräu, noch eine „Dritte Sorte", eine „Memphis" oder eine „Sport" der Münchner „Austria" schmeckt — bei jedem Schluck, bei jedem Zug müßte er sonst daran denken, was er in dieser Sondernummer des Herrn Streicher las und sah, jedes der grausigen Bilder müßte ihm wieder vor Augen treten, deren Klischierung diese Firmen bezahlten. Aber wir erlauben uns doch an die Oesterreichische Tabak-Regie die bescheidene Anfrage, ob ihr dieses offene Bekenntnis ihrer Münchner Tochtergesellschaft zu der Ritualmordpropaganda des Herrn Streicher bekannt war? Die deutsche Judenhetze geht weiter. Das auf den Druck des Auslandes hin erfolgte Verbot der Ritualmordnummer des „Stürmer" hat die systematisch von oben geleitete neue blutrünstige Judenhetze in Deutschland nicht im geringsten beeinflußt Der einflußreiche Nazi-Führer F. C. H o 11 z überschreibt Nr. 20 der von ihm herausgegebenen weitverbreiteten Wochenschrift „Fridericus" mit dem Riesentitel „Mord- Juden!" und führt im Text aus, daß bedeutende Männer wie Herder und Theodor Fontane den Ritualmord wissenschaftlich und dichterisch behandelten und daß der ungarische Graf Andrassy behauptet hätte, daß der Ritualmord von TiszaEszlar erwiesen sei. Holtz denunziert eine große Reihe führender jüdischer Männer der Wissenschaft und der Wirtschaft als „schädlich", erklärt, daß die Juden den Bauernstand vernichten, die Arbeiterschaft ausbeuten, daß die jüdischen Aerzte das Volk vergiften usw. Er nennt eine Reihe jüdischer Aerzte bei Namen und wirft ihnen vor, daß sie christlichen Kindern Syphilisserum einspritzten. Er schließt: „Der Jude ist die Gefahr, ist der Feind. An dem Juden sterben die Völker und ihre Kultur. Wenn das Volk die Juden erst wirklich kennt, dann wird für die Juden in Deutschland kein Platz mehr sein. Das möge das Weltjudentum, auf dessen Beistand die deutschen Juden pochen, sich einfür allemal merken." Wilhelm Kube, der einflußreiche Gauleiter der Kurmark, schreibt im „Märkischen Adler" vom 20. Mai: „. .. Was Pest, Schwindsucht und Syphilis für die Menschheit gesundheitlich bedeuten, das bedeutet das Judentum sittlich für die weißen Völker. Darum ist die Judenfrage eine internationale Frage, die gemeinsam von allen Kulturvölkern gelöst werden muß! Der Pestträger muß ausgemerzt und isoliert werden. Wie der Weltkrieg ein abgefeimtes Wrerk der Juden und Freimaurer war, so sffid die heutigen Krisen, die die Ruhe der Welt immer wieder erschüttern, ebenfalls ein Werk des Judentums. Die zwei Millionen deutscher Toter kommen ebenso auf das Schuldkonto Judas wie die zehn Millionen Toter der anderen Völker der Welt, die am großen Kriege teilnahmen. Daran sollten die Mütter der Welt immer denken, wenn sie einen Juden sehen oder von ihm hören .. . Der Jude ist die personifizierte Verneinung, der Deutsche ist die gottgewollte und gotthedingte Schöpfungskraft." In diesem Tone geht es auf vier Spalten weiter. Kube fordert die Unfruchtbarmachung von Juden und Ariern, die eine Mischehe ein- „F AMILIEN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wien II., A8pernbriickepqa88e 2_Tel. R 43-500 Durch Monatsbeiträge von S 1 bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töohter und Söhne Au8StBttungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Robe Versicherungssummen. 3. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. VolleGarantieder Lebensversicherungsgesellschaft »Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENSCHÜTZ" wird von der Wiener Knltnsgemetade befBrwortet gehen. Er spricht vom „Sauherdenton", der in den früher jüdisch geleiteten Theatern im Reiche herrschte, und fährt fort: „Wenn diese krummnasigen Theaterhuren männlicher und weiblicher Anatomie heute nicht überwiegend in Prag, Wien usw. säßen, sollte man sie noch nachträglich sterilisieren und einsperren. Die Sau suhlt im Most, der Jude in dem, was er ,Kunst' nennt!" Kube erklärt, im „Geiste" des Reichspropagandaministers Doktor Joseph Goebbels zu sprechen, und gibt den Jagdruf aus: „Sau tot!" Der Brand-Artikel Kubes schließt: „Wir beobachten jeden Eurer Schritte. Wir lesen Eure Zeitungen, Zeitschriften und Briefe. Wir kennen Eure Beziehungen im In- und Auslande. Wir passen auf! Mit uns spielt Ihr nicht 9. November 1918. Eher spielen wir mit Euch Babylon oder Zerstörung Jerusalems. Und die Welt wird immer hellhöriger. Mehr als Euch frechem Geschmeiß lieb ist! Seid und ward Ihr international verbunden, um die nordischen Völker dieser Männererde zu betrügen und gegeneinander zu hetzen, so sind wir bereit, Euch international an die Kette zu legen, wie es der Hyäne und den stinkenden Coyoten gebührt!" » « * Ein Nachwort. Das offizielle Deutsche Nachrichtenbüro meldet: In der palästinensischen (nur in der palästinensischen?) Presse sind in der letzten Zeit Notizen erschienen, nach welchen angeblich für die allernächsten Tage ein erneuter Judenboykott in Deutschland inAussichtgenommen sei. Das Reichsministerium für Propaganda und Volksaufklärung erklärt amtlich, daß diese Meldungen frei erfunden und keinerlei neue Maßnahmen gegen die in Deutschland lebenden Juden in Aussicht genommen sind. „Kein Interesse mehr für Emigranten"? Hat der „Völkische Beobachter" recht? Der in Rom weilende Hochkommissar des Völkerbundes für die deutschen Flüchtlinge James G. Mac- Donald hielt durch das Telephon eine Ansprache an die im Hotel Commodore zu New York versammelten Leiter des New Yorker Appells für Hilfe an die deutschen Flüchtlinge. Die Juden New Yorks haben es bekanntlich übernommen, zu den drei Millionen Dollar, die in diesem Jahre für Hilfe an die deutschen Juden aufgebracht werden sollen, ihrerseits 1,200.000 Dollar beizusteuern. James MacDonald führte in seiner Ansprache aus: Die Frage, die uns heute beschäftigt, ist: B es s e r t sich die Lage der Juden in Deutschland? Ich wollte, ich könnte mit einem „ja" antworten, aber — leider —* ich kann es nicht. Wenn Sie — 4000 Meilen von uns entfernt — die Leiden der vielen Tausende hilfloser Männer, Frauen und Kinder, die wegen ihrer Rasse, Religion oder politischen Ueberzeugung verfemt sind, in dem Maße nachfühlen könnten, wie wir es hier tun, so würde Ihre Antwort sofort so lauten, daß alle Gelder gesichert werden müßten, die notwendig sind, die ohne ihre Schuld Verelendeten in die Lage zu versetzen, sich anderswo ihr Leben aufzubauen. Die Lage vieler hunderter Aerzte, Anwälte und Professoren verschlimmert sich von Tag zu Tag, die Flüchtlingshilfskomitees können die notwendige Summe nicht aufbringen, das Genfer Komitee z. B. wird bald seine Arbeit einstellen müssen, wenn nicht sehr schnell Hilfe aus Amerika kommt. Die Mittel der Pariser Komitees erschöpfen sich infolge des andauernden Zustroms von Flüchtlingen. Wien steht unter dem Druck der Tragödie der letzten Wochen und vor drohender Zukunftsperspektive. Der Jüdischen Gemeinde fehlt es an Geld, den Flüchtlingen zu helfen; sie ist auf Hilfe von außen angewiesen. In Prag, das, was die Zahl der Flüchtlinge anbetrifft, gleich hinter Paris rangiert, arbeiten die jüdischen Organisationen in voller Harmonie miteinander. Eine Jüdin leitet das Hilfswerk für die Nichtjuden. An Tragödien ist auch hier kein Mangel, und die jüdische Gemeinschaft benötigt Hilfe, um ihre Arbeit fortsetzen zu können. In Warschau ist die Lage der Flüchtlinge verzweifelt, die verarmte jüdische Gemeinde kann wenig für sie tun. Die jüngeren Emigranten wünschen glühend, nach Palästina zu gehen. Alles, was die Aufmerksamkeit Palästinas steigert, hilft das Flüchtlingsproblem lösen. In Kopenhagen und in Stockholm tun die Komitees ihr Aeußerstes für die Flüchtlinge, aber ihre Geldquellen sind bald erschöpft. Die Regierung in Holland stellte ein Bodenareal zur Fachausbildung der Flüchtlinge in der Landwirtschaft zur Verfügung; es ist dies ein Musterunternehmen, dem andere folgen dürften. In Brüssel und in Antwerpen sind die Komitees aktiv. Hochkommissar MacDonald! wandle sich wieder der deutsch-jüdischen Tragödie zu, schilderte den niederschmetternden Eindruck, den Julius Streichers Pogrom-Nummer des „Stürmer" auf unvoreingenommene Menschen macht, gab einen Querschnitt durch den bildlichen und textlichen Inhalt des Pamphlets, das er „abscheulich" und „tierisch" nannte und das seiner Ansicht nach dazu angetan sei, nur triebhaft lebende Menschen zu sinnloser Gewalt aufzustacheln, und nannte das Ganze ein nicht zu überbietendes Höchstmaß rassischer und religiöser Aufhetzung, die sich seit langer Zeit gegen unschuldige und hilflose Menschen richtet Unter diesen Umständen, sagte er, sollte Amerika jede mögliche Anstrengung machen, um die jüdischen Institutionen in Deutschland zu halten. MacDonald teilte noch mit, daß in England der Central British Fund sich seinem Ziele — 200.000 Pfund in diesem Jahre aufzubringen — nähert, und daß man in Europa dem Ergebnis der S a m m 1 u n g in Amerika mit bangem Interesse entgegensieht; handelt es sich doch nicht allein um Hilfe, sondern um die "Sicherung fundamentaler Menschenrechte. MacDonald schloß: Vor einigen Tagen erschien im „Völkischen Beobachter" ein Artikel über die Arbeit des Hochkommissars unter dem Titel: „Kein Interesse mehr für Emigranten." Dies — rief Mac¬ Donald — bedeutet eine Herausforderung an Sie, der wir nur durch eine weitherzige Antwort auf die an Sie gerichteten Appelle wirksam begegnen können. * Das schweizerische Zentralkomitee für jüdische Flüchtlingshilfe in Zürich teilt der JTA mit, daß es gezwungen ist, ab 15. Mai d. J. seine Büros zu schließen und die Arbeit weitestgehend einzuschränken, da die Mittel des Zentralkomitees erschöpft sind.

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