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Die Wahrheit · 1934-05-25 · Heft 22 (25.5.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 22 (25.5.1934)
Date
1934-05-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis cffeeer Nummer 40 Groschen Jüdische Hl* ttUrU In Deutschland «erboten t w Eirscbeiiif jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichisch er Juden'* und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 25. Mal 1934 Nummer 22 Die Sondernummer. Die Ritualmord-Sondernummer des „S t ü rm e r", die das bayrische Regierungsmitglied Julius Streicher zur Feier des 1. Mai herausgab, ist trotz amtlichen Exportverbots in einigen Exemplaren auch ins Ausland gekommen. Die Streichersche Vorreklame hatte versprochen, die Publikation werde im In- und Ausland größtes Aufsehen erregen. Streicher hat nicht gelogen. Kaum je hat ein Druckerzeugnis so viel Widerwillen und zornige Empörung in der Kulturwelt hervorgerufen wie diese Ritualmord-Nummer. Es gibt keine maßgebende Zeitung in der Welt, die diesem Widerwillen nicht in Leitartikeln und in dem Abdruck von Zuschriften angesehener Persönlichkeiten Ausdruck gegeben hätte. Die katastrophale Wirkung der Publikation im Ausland wird angedeutet durch die Erklärung eines amerikanischen Geistlichen, für ihn sei von nun ab Deutschland das Land Kürtens und Streichers. Der Eindruck wird bei allen ähnlich sein, die Streichers Ritualmord-Sondermimmer vor Augen bekommen. Sogar die „Frankfurter Zeitung" riskierte eine Lippe, indem sie feststellt, diese „Ritualmordnummer hat in Deutschland und, wie die Auslandspresse beweist, auch außerhalb der deutschen Grenzen das Aufsehen erregt, das nach ihrem Inhalt und ihrem Zweck zu erwarten war — Aufsehen und Entrüstung, die sich selbstverständlich keineswegs auf jüdische Kreise beschränken." An der Spitze der internationalen Protestbewegung schreitet die englische Presse. Die „T i m e s" bringen fast täglich Zuschriften führender englischer Persönlichkeiten gegen die Kulturschande Nazi-Deutschlands. Der Brief des Chief Rabbi des Britischen Reiches Dr. J. H. Hertz in den „Times" hat einen starken Widerhall gefunden. Nicht weniger das Schreiben des Erzbischofs von Canterbury, des Primas von England, Dr. Cosmo Gordon Lang. Der Erzbischof hat an den Chefredakteur der „Times" folgendes Schreiben gerichtet: „Sir, gestatten Sie mir, daß ich meinen eigenen Protest den Protestkundgebungen anfüge, welche Sie bereits gegen die in Deutschland erfolgte Veröffentlichung der Mainummer der von Herrn Julius Streicher, Reichskommissär von Ober-Franken, herausgegebenen Zeitschrift „Der Stürmer" in Ihrem Blatte gebracht haben. Obwohl die Versendung der Nummer außerhalb Deutschlands bezeichnenderweise verboten ist, habe ich doch Gelegenheit gehabt, ein Exemplar zu sehen. Die Sondernummer enthält eine Aneinanderreihung von Legenden und Lügen betreffend die angeblich jüdische Sitte des Ritualmordes, deren Haltlosigkeit ^nwuii«ininmnnn^^ 4^ VERWALTUNGEN J> SÄTZE - HYPOTHEKEN ^fr» KÄUFE - VERKÄUFE SZIL AG Yl BEH. AUT. SEISM. IX, ROTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 unzähligemale dargelegt wurde. Sie enthält weiter eine Anzahl schaudererregender und abstoßender Illustrationen. Es erscheint nahezu unglaublich, daß eine solche Publikation, die die schlimmsten Exzesse des mittelalterlichen Fanatismus in Erinnerung ruft, ineinemzivilisiertenLandezugelassen werden konnte; dennoch trägt die Ritualmordnummer des „Stürmer" den Namen eines hohen Beamten des Reiches. Es ist mir eine Genugtuung, zu wissen, daß die Gesamtheit unserer Mitbürger, wenn ihnen der Charakter dieser Publikation bekannt wäre, unsere Entrüstung teüen würde. Wenn den Behörden des Reiches daran gelegen ist, für sich selbst und ihren Staat die Achtung und das Wohlwollen der Bevölkerung Englands zu erringen, so mögen sie unverzüglich die Sondernummer des „Stürmer", die unter dem Namen eines der ihrigen erschienen ist, desavouieren und von der darin enthaltenen schändlichen Aufreizung zu religiösem Fanatismus und zu erneuten brutalen Verfolgungen abrücken." Dieses Schreiben des englischen Kirchenfürsten hat seine Wirkung getan. Auf Befehl des Reichskanzlers wurde, wie amtlich bekanntgegeben wird, die Sondernummer des „Stürmer", betitelt „Ritualmord-Nummer", w egen eines Angriffs gegen das christliche Abendmahl beschlagnahmt. Dies geschah am 18. Mai, 18 Tage lang also konnte das Sudel werk ungehindert verbreitet werden. Man geht nicht fehl, wenn man annimmt, daß die Beschlagnahme unter dem Druck der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt, die ihrem tiefen Abscheu über die jedem Kulturgefühl hohnsprechende Verunglimpfung des Judentums Ausdruck gegeben hat, erfolgt ist. Es widerstrebte offenbar Hitler, der auf das Protesttelegramm der Reichsvertretung der deutschen Juden keine Antwort erteilte, den Anschein zu erwecken, alsobineinerjüdischen Sache nachgegeben würde; deshalb wird ein „Angriff gegen das christliche Abendmahl" vorgeschoben, von dem kein Leser des „Stürmer" etwas merkte. Das Uebelste aber ist der verlogene Kniff, mit dem im A u s 1 a n d e die Beschlagnahme ausposaunt wird. In der fürs Ausland bestimmten Fassung der Meldung wird nämlich die Ausrede mit dem Abendmahl überhaupt nicht erwähnt. Dort muß man also glauben, die Beschlagnahme sei doch wegen der Pogromhetze erfolgt. Zur Verlogenheit fügt dieses Doppelspiel der Meldungen also noch die Feigheit — und die ist nun freilich das echte Muttermal eines Systems, dessen Ideal die Ausrottung von Wehrlosen ist. * Damit scheint die mehr als sonderbare Angelegenheit der „Sondernummer" erledigt. Aber es wäre nützlich, dieses Dokument auch in englischer, französischer, spanischer und holländischer Uebersetzung erscheinen zu lassen, samt den Zeichnungen, in denen Herr Streicher illustrieren ließ, wie die Juden Kinder und Frauen schlachten und das Blut der Ermordeten saugen. Rasiere DIA gut und MlHg Oesterrelcliisdies Q uailtäts f aDrthal Ueberau erhältlich Das Maiheft des „Stürmer" enthält etwa ein Dutzend solcher Illustrationen. Vom Text nur eine Probe aus der Titelseite, die unter der Ueberschrift „Das M ö r d e r v o 1 k" steht: „Der Verdacht, in dem die Juden stehen, ist der des Menschenmordes. Sie werden bezichtigt, nicht- Jüdische Kinder und nlchtiüdische Erwachsene an sichzu Iocken, sie zu schiachten und ihnen das Blut abzuzapfen, dieses Blut in die Mazzen zu verbacken und auch sonstige abergläubische Zauberei damit zu treiben. Sie werden bezichtigt ihre Opfer, besonders die Kiuiier. dabei furchtbar zu martern und zu foltern und während dieses Foiterns Drohungen, Flüche und Verwünschungen gegen die Nichtjuden auszustoßen." Nicht weniger als vierzehn Blatt sind dem Nachweis gewidmet, daß diese Bezichtigungen richtig sind. Drei Seiten füllt eine Liste von „131 Ritualmorden, die bekannt und der Nachwelt schriftlich überliefert wurden". Darunter Mordfälle aus den letzten Jahren, aus 1928, 1929 und 1932! Daß die Juden fortgesetzt Ritualmorde begehen — freilich so geschickt, daß die meisten Fälle unbekannt bleiben — weist Streicher durch angebliche Zitate aus „Talmud- und Thoragesetzen" nach, die „den Juden vor 3000 Jahren gegeben wurden und auch heute noch gelten". Eines dieser vor 3000 Jahren gegebenen Gesetze, das Streicher zitiert, lautet folgendermaßen: „Es ist ein Gebot, die Leugner der Thora zu töten. Zu den Leugnern der Thora gehören auch die Christen." (Coschen hamischpat 425 Hagah, 425, 5). Es wird den meisten Lesern des Herrn Streicher nicht auffallen, daß demzufolge schon etwa 1100 Jahre vor Christi Geburt den Juden geboten wurde, die Christen zu töten. Die Leser, an die Streicher appelliert, werden sich dafür an die autoritative Versicherung halten, daß „das Judentum nichts anderes ist als organisiertes Verbrechertum" und an die Erklärungen: „Der Jude ist ein geborener Sadist und Mörder . . ." „Die Juden sind Verbrecher und Mörder und Teufel in Menschengestalt." * Den Mann, der so zum Pogrom hetzt, anderseits aber gleißnerisch erklärt, die Judenfrage könne nicht durch Gesetzlosigkeiten gelöst werden, freut es besonders, daß man ihn den „blutigen Zaren von Franken" nennt. Er sprach davon gelegentlich eines Besuches, den ihm jüngst englische Journalisten in Nürnberg abstatteten. Diese englischen Pressevertreter kamen nicht deshalb nach Nürnberg, weil sie sich von der Persönlichkeit Streichers angezogen fühlten, sondern in Ausübung eines Berufes, der ihren persönlichen Neigungen oft bitteren Zwang auferlegt. Streicher ist nun einmal eine offizielle Persönlichkeit mit Amtscharakter, ihn zu ignorieren wäre also nicht bloßeine Verletzung der für Gäste gebotenen Höflichkeit ge-

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