Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 21 (18.5.1934)
- Date
- 1934-05-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ftptfr 4 DIE WAHRHEIT Streng rituell! 1040 m Seehöhe : Knrpcnslon ™ ««m Semmering Sämtliche Diätkuren Gesdiultes Pflegepersonal für Kinder ohne Begleitung Mäßige Vorsaisonpreise. Auskunft: Lehrer J. Eisenberg, Wien II., Große Pfarrgasse 8 Telephon A 45-4-92 oder A 48-3-30 T,'^«ijh.-.\ '^-^^^^^BiiffapM^a^MiMMiaaagjmcttgaii^ Sie wollen wirklieh keinen Frieden. Die vorwöchentliche Bethäuser-Versammlung im „Continental", die sich im wesentlichen mit der Forderung der Ägudah nach religiöser Neugestaltung der Wiener Kultusgemeinde beschäftigte, bot dem Präsidenten der Kultusgemeinde, Dr. Friedmann, das ihm geeignet erscheinende Forum, um gegen seinen neuen Kollegen im Präsidium, Vizepräsidenten Dr. Ticho, und dessen bekanntes Interview im „Morgen" zu polemisieren. Fürchtete Dr. Friedmann etwa, daß die Erklärungen Dr. Tichos: „Für mich ist das Judentum Religion und ohne Religion gibt es kein Judentum, jeder Jude, auch derjenige, der der strengsten Observanz angehört, muß sich in der Kultusgemeinde wolüfühlen . . . ." bei seinen orthodox eingestellten Zuhörern Verständnis und Sympathie erweckt haben könnten? Und hielt er es deshalb für notwendig, den klaren Ausführungen Dr. Tichos im „Morgen" die Deutung zu unterschieben, als ob dieser unter „Befriedigung aller religiösen Bedürfnisse der Judenschaft" nicht auch diePflegedesreligiösenUnterrichtes und der Fürsorge mit verstehen würde? Die Verdienste Dr. Tichos gerade auf dem Gebiete des Unterrichtswesens sind so bekannt, die von ihm als vieljährigen Obmann der Unterrichtskommission eingeleiteten und durchgeführten Reformen auf dem Gebiete der Bibelschulen und des Jugendgottesdienstes sind heute noch so wirksam, daß wirklich Mut dazu gehört, in einer öffentlichen Versammlung die Sache so darzustellen, als ob Dr. Ticho die Wirksamkeit der Kultusgemeinde einzig und allein auf die Pflege des Gottesdienstes eingeschränkt sehen wollte. Daß ihm dieser ganz besonders und in einem höheren Maße als anderen Herren am Herzen liegt, darf ihm wohl, wenn schon nicht von Nationaljuden, so doch von Orthodoxen hoch angerechnet werden. Einen geradezu drolligen Eindruck muß es auf informierte Kreise machen, ausgerechnet einem führenden Manne der „Union", dieser ältesten und einzigen jüdischen Abwehrorganisation Oesterreichs, gleichsam das Verständnis für die Verpflichtung zur Abwehr von rechtswidrigen Angriffen auf Juden und Judenschaft abzusprechen und in einem Atemzuge ausgerechnet Zionistenführer, die bekanntlich prinzipiell alle Abwehrmaßnahmen seit jeher als nutzlos ansehen und das einzige Heil in der allmählichen Auswanderung nach Palästina erblicken, als die wackeren Kämpen darzustellen. Präsident Dr. Friedmann legt in der weiteren Oeffentlichkeit, wie wir wissen, großen Wert darauf, als objektiver, über den Parteien thronender Präsident zu gelten, um so dem Achtung gebietenden Beispiel seiner nichtzionistischen Vorgänger auf dem Präsidentenstuhle nachzueifern. Er wird sich um den Glorienschein der unparteilichen Präsidentschaftsführung bringen, wenn er, um nationaljüdischen Beifallssturm zu erzeugen, die Versammlungsteilnehmer auffordert, an der Türe Dr. Tichos im Präsidium vorbeizugehen und bei seiner und seines nationaljüdischen Kollegen Türe anzuklopfen. Das allerdings brauchte er seinen Zuhörern nicht zu sagen, die, auch wenn es sich nicht um Schutz und Verteidigung gegen Unrecht" handelt, den Weg zu ihnen auch bisher fanden. Auch eine andere Bemerkung des Herrn Kultuspräsidenten Dr. Friedmann wird in eingeweihten Kreisen ein wenig Kopfschütteln verursachen. Nämlich die Bemerkung, daß Erklärungen in der Oeffentlichkeit bisher ausschließlich vom Gesamtpräsidium abgegeben wurden. Die einer solchen Bemerkung unterliegende Anschauung ist wohl im politischen Leben ganz neu. Dagegen ist sie nur zu sehr begründet, wenn es sich um Erklärungen eines Mitgliedes des Präsidiums, wie z. B. des Kultuspräsidenten handelt, die nicht für die Oeffentlichkeit, sondern für offizielle Stellen bestimmt sind. Sapienti sat. . .. Wo alles haßt,kannStricker allein nicht lieben. Er muß natürlich auch die Serie seiner Angriffe gegen die „Union" und deren neuen Vizepräsidenten in der Kultusgemeinde fortsetzen. Auch er will seinen Lesern weismachen, als ob Dr. Ticho kein Interesse für die Nöte der Juden hätte, sondern nur einzig und allein für die Aufrechterhaltung des Gottesdienstes. Er verargt Herrn Dr. Ticho auch die Bemerkung, daß wir österreichischen Juden der „Union" uns lediglich durch die Religion von unseren christlichen Mitbürgern unterscheiden. Er unterschlägt natürlich dabei, daß diese Bemerkung im Zusammenhang mit der Forderung nach Gleichberechtigung als Bürger dieses Staates gemacht wird, und greift zu dem abgebrauchten Ulk, zu fragen, ob denn wirklich Herr Dr. Ticho und ein deutscher Aelpler aus Vorarlberg ganz gleich seien — bis aufs Gebetbuch. Herrn Baurat Stricker dürfte vielleicht bei seinen Spaziergängen durch Wien nicht entgangen sein, daß auch zwischen einem christlichen Wiener Anwalt und einem Vorarlberger Aelpler noch einige Unterschiede bestehen. Ja daß sogar zwischen einem jüdischen Oberbaurat aus Wien und einem alten Bauern aus dem Emek noch einige deutliche Unterschiede zu finden sind und daß da erst nach längerem Zusammenleben eine Assimilation eintreten würde, davon könnte sich Herr Stricker in Palästina selbst überzeugen. Aber wie soll denn der Herausgeber der „Neuen Welt" auf den Gedanken kommen, daß Religion nicht gleichzusetzen ist mit — Gebetbuch? Juden, denen das Nationale, das Völkische im Judentum das wesentliche Element bedeutet, können nur schwer begreifen, daß religiöse Menschen gerade durch ihr religiöses Leben und Fühlen ihre ganze Prägung erhalten. Nicht das Gebetbuch, Ihr Herren Nationaljuden, ist es allein, das uns „Union"-Juden von den Nichtjuden scheidet, sondern es ist die jüdische Prägung, entstanden aus Religion, Tradition und Erziehung----Und wer's nicht fühlt, der wird es nie erjagen. Villa Kurarxl Dr. Loebel Hofgastein Nach dem Plan der Sowjetregierung soll Biro- Bidschan mit seinem reichen Waldbestand und seinen wertvollen Bodenschätzen nicht allein als Ackerbauland, sondein auch als Industrieland aufgebaut, ja das metallurgische Zentrum des russischen Fernen Ostens werden. Ein System von landwirtschaftlichen Kollektiven und staatlichen wie genossenschaftlichen Fabriksbetrieben ist bereits in Biro-Bidschan errichtet. Lieber die Zahl der jetzt dort ansässigen Juden war in der letzten Zeit nichts Genaues verlautbart worden; jedenfalls stützt sich das gesamte neue Aufbauwerk in Biro-Bidschan vornehmlich auf jüdische Kräfte. Biro-Bidschan — autonome jüdische Sowjetrepublik. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion und der Rat der Volkskommissäre haben mit einem Dekret, das von dem Präsidenten der Sowjetunion Kalinin, sowie von Stalin und Motolow unterzeichnet ist, das j üdische Kolonisationsland Biro-Bidschan in Sibirien mit sofortiger Wirkung zur autonomen unabhängigen jüdischen Sowjetrepublik mit eigener Regierung ausgerufen. In dem Dekret heißt es, daß die jüdische Sowjetrepublik Biro-Bidschan als gleichwertiges Mitglied in den Bund der Sowjetrepubliken eintritt. Sie erhält ein eigene Regierung und bildet eine eigene Armee in der vorläufigen Stärke von 7500 Mann unter der Leitung des Generals der Roten Armee Rappaport. Die Regierungssprache in der neuen Republik ist jiddisch. Biro-Bidschan erhält eigene Briefmarken und eine eigene Währung. In dem gleichzeitig von der neugebildeten Regierung von Biro-Bidschan veröffentlichten Erlaß, der sich u. a. gegen die zionistischen Elemente in Biro- Bidschan wendet, werden die Einwohner aufgefordert, in der neuen Sowjetrepublik Biro-Bidschan gegen den Zionismus zu kämpfen. Fast die gesamte sowjetrussische Presse nimmt in längeren Ausführungen Stellung zu der Proklamierung des Distriktes Biro-Bidschan zu einem autonomen jüdischen Gebiet als Glied der großen Reihe der Sowjetrepubliken, die in der Sowjetunion vereinigt sind. Die Betrachtungen der sowjetrussischen Presse sind auf einen Ton gestimmt: die Schaffung einer jüdischen Sowjetrepublik ist ein historisches Ereignis für Rußland wie für die Juden und die jüdische Kultur; ein Ereignis, das sich besonders aus der Düsternis der heutigen Welt, durch die eine ungeheure Welle des Antisemitismus geht, viele europäische Länder überflutend, lichtvoll heraushebt Die Schaffung der jüdischen Republik geschah durchaus im Rahmen der allgemeinen Nationalitätenpolitik der Regierung der Sowjetunion. Fortdauernd antisemitische Unruhen in Polen. Die traditionellen Feiern des Lag Baomer-Festes der jüdischen Jugend in Polen sind infolge H u 1 i g a n- Angriffe auf die Festzüge in einigen Städten blutig verlaufen. Zahlreiche jüdische junge Leute wurden verletzt. Die Huligans rekrutierten sich aus dem radikal-nationalen Lager. In einer Reihe von Städten gelang es der jüdischen Jugend, die Huligans zurückzudrängen. Sehr ernst waren die Ueberfälle in B i a 1 y s t o k, wo die antisemitischen Exzesse seit einiger Zeit sich fast täglich wiederholen. Im Stadtwalde wurde der Festzug der jüdischen Schuljugend überfallen, wobei mehrere jüdische junge Leute, auch kleine Kinder, verletzt wurden. Spät abends wiederholten sich die Exzesse im Innern der Stadt. In einigen von Juden bewohnten Gassen sammelte sich die Bevölkerung zum Widerstand. In anderen Stadtteilen wurden ein jüdisches Mädchen, dann ein jüdischer junger Mann bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen. Besonders schwer waren die Exzesse in der Alten Gasse und in der Artilleriegasse, wo die Juden sich zur Selbstwehr sammelten. Frühmorgens wurden die jüdischen Schächtbeamten auf dem Wege zum Schlachthaus überfallen und schwer mißhandelt. Einem Schüler des Hebräischen Gymnasiums wurden die Zähne ausgeschlagen. Insgesamt etwa 30 erheblich verletzte Juden wurden in die Spitäler gebracht. Eine jüdische Abordnung begab sich der Reihe nach zu den maßgebenden polnischen Behörden und ersuchte um Schutz, der ihr zugesagt wurde. In Lodz überfielen die Huligans einen Lag Baomer-Festzug im Logesziniek-Walde. Zehn Juden wurden mit Messerstichen verletzt. Die Stoßtruppen der Radikal-Nationalen Partei veranstalten in letzter Zeit fortwährend in vielen polnischen Städten, insbesondere in Warschau wiederum antisemitische Exzesse. Infolge dieser unaufhörlichen antisemitischen Ausschreitungen, die seit der Gründung der Radikal-Nationalen Partei erfolgen, hat der Sejm-Deputierte Mendelson im Namen des Jüdischen Klubs beim Innenminister P i e r a c k i vorgesprochen und Schutz der jüdischen Bevölkerung Polens gefordert. Der Innenminister versprach, die zur Verhütung weiterer Ausschreitungen notwendigen Maßnahmen zu treffen. Die polnische Regierung beabsichtigt, ein allgemeines Uniformverbot für politische Organisationen zu erlassen und vor allem die Uniform der Radikal-Nationalen (Braunes Hemd, schwarze Hose und braune Mütze) zu verbieten. Wolkenbrüche über Tiberias. Der alte Teil der biblischen Stadt Tiberias am Galiläischen Meer (See Genezareth) mit dem Markte wurde durch einen am Sonntag mittags niedergegangenen Wolkenbruch in Trümmer gelegt und von riesigen Wassermassen überschwemmt. 24 Einwohner, hauptsächlich Juden, kamen ums Leben; mehrere hundert Familien sind obdachlos. Die Bevölkerung wurde vollkommen von der Katastrophe überrascht und konnte fast nichts von ihrer Habe retten, die von den Fluten fortgeschwemmt wurde. Viele Häuser wurden durch Steinlawinen verschüttet und zerstört. Das Wasser stand in einzelnen Straßen 2 Meter hoch. Kurze Zeit nach den Begräbnisfeierlichkeiten für die durch den Wolkenbruch ums Leben gekommenen 24 Einwohner von Tiberias gingen über die Stadt neuerliche starke Regengüsse nieder, die wiederum Todesopfer forderten. Die Zahl der hiebei ums Leben Gekommenen ist noch nicht bekannt, doch befürchtet man, daß vor allem mehrere Kinder ertrunken sind. Die verzweifelte Bevölkerung hat nunmehr den Stadtteil gänzlich geräumt und wurde in den höher gelegenen Gebieten untergebracht. Es wird der Ausbruch einer Epidemie befürchtet. Tiberias zählt gegenwärtig 9000 Einwohner, davon sind 6000 bis 7000 Juden. Dr. Leo Werdesheim, langjähriger Kurarzt in G1 e i c h e n b e r g, hat in „V i 11 a C h a r 1 o 11 e nburg" wieder die Saisontätigkeit aufgenommen.