Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 21 (18.5.1934)
- Date
- 1934-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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01E WAHRHEIT Seite 3 Das jüdische Palästina ist empört. le Können ihren f er wandten. Benannten and freunden in der Die Jewish Agency beanspruchte 20.100 Zertiiikate und erhielt — 5600. Seit Erscheinen des Passfield-Weißbuch es im Jahre 1930 (das kurze Zeit später durch den Briefwechsel zwischen Premierminister Ramsay MacDonald und dem damaligen Jewish Agency-Präsidenten Dr. Chaim Weizmann wirkungslos gemacht wurde) befand sich die palästinensische Judenheit nicht in einem solchen Zustand der Empörung gegenüber der englischen Regierung wie jetzt, da die englische Administration unbeschadet des akuten Mangels an Arbeiterhänden in Palästina nicht mehr als 5600 Chaluz-Einwanderungs-Zertifikate für die kommende sechs Monate-Periode bewilligt hat, wogegen die Jewish Agency an die Palästinaregierung ein durch viele Belege begründetes Ersuchen um Ausfolgung von 20.100 Zertifikaten für die kommende Halbjahresperiode gerichtet hat; die bewilligten 5600 Zertifikate sind demnach nicht viel mehr als ein Viertel der angeforderten Zahl. Verschärft wird die Stimmung der Empörung, namentlich in den jüdischen Arbeiterkreisen, dadurch, daß die Palästina-Regierung soeben eine Verordnung erlassen hat, wonach es Juden ausdrücklich verboten ist, Streikposten bei Unternehmungen zu stehen, in denen arabische Arbeiter beschäftigt werden. Durch diese Verordnung, über deren Auswirkungen wir in den heutigen „Palästina-Nachrichten" berichten, wird der gemeinsame Kampf aller jüdischen Parteien unter Führung des Waad Leumi für jüdische Arbeit in jüdischen Betrieben zu einem illegalen gemacht. Schließlich ist das ganze jüdische Palästina sich einig im Urteil darüber, daß die nun vom englischen Unterhaus beschlossene Zwei-Millionen-Pfund-Anleihe für Palästina und deren Verwendung, wie sie im englischen Weißbuch vorgezeichnet ist, einen weiteren Schlag gegen die Interessen de-s Palästina-Judentums bedeuten. Die Juden — so stellen die Zeitungen fest — werden die Last der Rückzahlung der Anleihe zu tragen haben, während sie im Ausmaß von höchstens 75.000 Pfund aus der Anleihe werden Nutzen ziehen können; der gesamte Rest wird direkt oder indirekt zugunsten der Araber verwendet, und zwar in der Form der Wiederansiedlung von Arabern und in der Aufführung von Regierungsbauten, bei denen ja hauptsächlich Araber beschäftigt sind. Besondere Erbitterung herrscht darüber, daß 250.000 Pfund für Wiederansiedlung angeblich dislozierter Araber — wo doch bereits amtlich zugegeben wurde, daß es Araber, die infolge jüdischen Bodenkatifes beschäftigungslos geworden sind, in kaum nennenswerter Zahl gibt — und 106.000 Pfund für den Bau arabischer Schulen verausgabt werden sollen. Am 8. und 9. Mai wurden in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa, sowie in allen größeren jüdischen Siedlungen, massenhaft besuchte Protestkundgebungen gegen die Maßnahmen der Regierung zur Einschränkung jüdischer Einwanderung und zur Verhinderung des Schutzes jüdischer Arbeit abgehalten. Eine vom Tel Aviver Stadtrat einberufene Protestversammlung gegen die Einschränkung der jüdischen Einwanderung, zu der über 2000 Personen erschienen waren und in der Vertreter aller Parteien hätten sprechen sollen, wurde dagegen unmittelbar vor Beginn behördlich aufgelöst. Die Besucher verließen den Saal unter Rufen gegen die Regierung und dem Absingen der Hatikwah. Ebenso wurden Protestversammlungen in Petach-Tikwah, Rechoboth, Herzlia und Kfar Saba behördlich mit der Begründung aufgelöst, daß der Polizei fünf Tage vorher die Kundgebungen hätten zur Kenntnis gebracht werden sollen. dowietUnion Reserviert für Höbelhaus zum Diana-Bad II., GredlerstraOe 10 Der Stadtrat von Tel Aviv hielt zum Protest gegen die Drosselung der Einwanderung eine außerordentliche Sitzung ab, in der die revisionistische Fraktion die Proklamierung der Arbeitseinstellung im ganzen Lande, Boykott von Post, Telegraph und Eisenbahn, sowie Verweigerung der Steuerzahlung beantragte. Frau Schoschana Persitz (Allg. Zionistin) unterstützte die Anregung betreffend Steuerverweigerung. Die Sprecher der Histadruth- Fraktion warnten vor allzu radikalen Beschlüssen, ohne daß vorher die Billigung der Exekutive der Jewish Agency eingeholt werde. Es wurde ein Unterausschuß zur Prüfung der Anträge eingesetzt. Palästina-Anleihe vom Unterhaus angenommen. In der Sitzung des Unterhauses am 11. Mai wurde das Ermächtigungsgesetz zur Ausgate einer Zwei- Millionen-Pfund-Anleihe für Palästina einmütig angenommen. Der Abstimmung ging eine lebhafte Debatte voraus, in der außer den für die Ausgabe der Anleihe maßgebenden Gründen auch Fragen der allgemeinen englischen Palästina-Politik und Fragen des Jüdischen Nationalheims zur Sprache kamen. Der Minister für die. Kolonien. Sir Philip Cunliffe-Lister begründete die Vorlage mit dem Hinweis darauf, daß die Finanzlage Palästinas und damit die Sicherheit der Anleihe jetzt unvergleichlich besser sei als bei der 1926 aufgenommenen Anleihe. Man erwarte, daß der Ueberschuß Palästinas im Finanzjahr 1933/34 etwa eine Million Pfund betragen werde. Die Aufgaben der Anleihe seien Aufgaben einer gesunden Entwicklung; die Palästina-Regierung habe die Auswahl derart getroffen, daß die geplanten Arbeiten in hohem Maße ertragbringend sein würden. So seien z. B. 210.000 Pfund für die Errichtung eines Oeloocks und Planierungsarbeiten in Haifa vorgesehen. Nach dem mit der Petroleumgesellschaft abgeschlossenen Vertrag werde dieses Oeldock im Jahr mindestens 30.000 Pfund einbringen. Auch das Jerusalemer Postamt mit Telephon-Zentrale werde die Kosten seiner Errichtung und seiner Erhaltung aufbringen. Mit Hilfe der zu gewährenden landwirtschaftlichen Kredite würden viele Landwirte aus den Händen der Geldverleiher befreit werden. Weitere Ausgaben seien für Brunnenbohrungen, Erforschung von Wasservorkommen und Verbesserung der Wasserversorgung vorgesehen. Zwei Drittel der Anleihe für die Araber, ein Drittel für die Juden. _ Man habe, bemerkte Sir Philip, die Ansicht geäußert, daß all diese Dinge mehr den Arabern als den Juden zugute kommen würden. Ihm liege eine auf der Basis der Bevölkerungsteile und Gebiete, die voraussichtlich von der Anleihe profitieren durch 1W TORGSIN ü (Warenhäuser in allen Städten der UdSSR) alle gewünschten Lebensmittel» Bekleidungsaegenstäntfe und Bedarfsartikel spesenfrei ausfolgen lassen. Bestellungen, Auskünfte und Preislisten in der Handelsvertretung der UdSSR, Wien /., Wallnerstraße 9. Tel. U 21-5-55 Einige Preise (umgerechnet in österr Schillingen zum gegenwärtigen Kurs) Mehl. 1 kg von S 0.19 bis 1.19; Reis 1 k von S 0.47 bis 0.85; Würfelzucker, 1 k S 1.32; Honig in Dosen, 1 kg S 1.66; Tee butter in Dosen, 1 kg von S 2.13 bis 3 56; Herrensocken. 1 Paar S 0.47 bis 4.75 Damenschuhe. 1 Paar S 17.75 bis 26.10; Herrenschuhe. 1 Paar S 19.70 bis 24.90.. würden, angestellte Berechnung vor; er sei dahin informiert, daß die Ausgaben aus der Anleihe zu zwei Dritteln den Arabern, zu einem Drittel den Juden zugute kommen würden. Wedgwood nennt die Palästina-Regierung die antisemitischste im Empire. Colonel 'Josia Wedgwood erklärte: „Die Palästina-Regierung ist nicht bemüht, das Land durch Bevölkerungsvennehrung zu entwickeln und den Gedanken des Jüdischen Nationalheims zu fördern. Statt dessen ist sie zu der ausgesprochen antisemitischsten Regierung im ganzen britischen Reich geworden." (Zwischenruf Lord Wintertons: „Gefasel"!) „Es ist sehr wohl bekannt, daß während das anti-nationalsozialistische Braunbach von der Palästina-Regierung verboten worden ist. eine Flut der übelsten Dokumente der antijüdischen Hetze der Nazis in Palästina verbreitet werden darf. Die Haltung der Regierung gegenüber der Einwanderung von Juden aus Deutschland könne nur damit erklärt werden, daß die Beamtenhierarchie der Palästina- Regierung die deutschen Juden nicht mag. Diese Beamten beriefen sich darauf, daß den palästinensischen Juden die Juden aus Deutschland nicht willkommen seien und daß sie vollkommen damit zufrieden seien, daß man die Einwanderer aus Deutschland nicht zuläßt" Ein weiterer Beweis für die Parteilichkeit der Regierung, erklärte Wedgwood, seien die wundervollen Nebenstraßen, die von den Hauptstraßen zu den Dörfern, aber nicht zu jüdischen Dörfern, führen. Schließlich übte Colonel Wedgwood eine merkwürdige Kritik am palästinensischen Erziehungssystem. Die jüdischen Kinder würden in einer absolut unbekannten Sprache, die man die hebräische nenne, unterrichtet Alle diese Kinder seien schrecklich begierig, englisch zu lernen, behauptete er. Sie wollen englisch lernen, um nach Amerika gehen zu können. Man vermittelt ihnen aber kein Englisch, mar. gibt ihnen den Koran oder den Talmud. Den Zustrom billiger arabischer Arbeitskräfte aus den Gebieten jenseits des Jordans müsse er bedauern. Die Volkszählung habe in den letzten Jahren gezeigt, daß die arabische Bevölkerung sich viel stärker vermehrt als die jüdische. Die einzige Aussicht, Palästina zu einem jüdischen Land zu machen, bestehe darin, jüdischen Arbeitern die Einwanderung zu erlauben und daraui zu achten, daß sie nicht durch minderwertige Arbeitskräfte verdrängt werden, denen Löhne gezahlt werden, von denen ein Jude nicht leben könnte. „Gebundene Hände". Der Konservative Lord W i n t e r t o n. früherer Unterstaatssekretär für Indien, erklärte: Wenn jemals eine Nation in Ehren versuciit habe, ihre Versprechungen zu erfüllen, so sei es England gewesen; Colonel Wedgwood wisse, daß die Hände der Regierung durch die 1917 und später den Arabern gegebenen Versprechungen gebunden sind. Diejenigen, die gegen die Palästina-Verwaltung Anklagen erheben, vergäßen diese Verpflichtungen. Die Rede Colonel Wedgwoods bedauere er. Unterstützung der rivalisierenden Forderungen der Zionisten und der Araber würde es unmöglich machen, Palästina zu regieren. Zum Schluß wandte sich der Redner entschieden gegen die Auffassung Colonel Wedgwoods, daß die Paiästi'na-Reigierung pro-arabisch sei. Dies sei ein sehr ernster Vorwurf gegen die Verwaltung Palästinas durch einen Mann, der in Südafrika erfolgreich eine Verwaltung geführt habe. Es sei nicht richtig, daß Geld nur für arabische und nicht für jüdische Dörfer verwendet werde. Ebenso unrichtig sei es, daß die Juden im Erziehungswesen zurückgesetzt würden. Wenn die Entwicklung und Prosperität Palästinas anhalten sollen, dann müsse diese Entwicklung auf der Grundlage guter Beziehungen und gemeinsamer Arbeit beider Volksstämme vor sich gehen. Als Anwort auf die Ausführungen Lord Wintertons erklärte der jüdische Deputierte Barnet J a n n e r, eine Schedule von 5600 Zertifikaten ist lächerlich; sie ist eine Gefahr für Juden wie für Araber: denn der jüdische Einwanderer bringt dem Lande Prosperität, die beiden Rassen zugute kommt. Die Zionisten sind bestrebt, beide Teile der Landesbevölkerung zusammenzubringen, dies wird durch Verfügungen von Menschen gestört, die die Lage nicht verstehen, sowie durch politische Intriganten, denen es nicht gestattet sein sollte, sich in die Angelegenheiten jener einzumischen, die aktiv den Boden bearbeiten. Jewish Agency oder die jüdischen Siedler wollen keinem einzigen Araber Schaden zufügen, sondern im Gegenteil dem ganzen Lande helfen. Das jüdische Volk in Palästina will aber nicht von Barmherzigkeit abhängen, sondern wünsche eine Verwaltung, die ihnen ihre menschlichen Rechte sichert. Man kann nicht die jüdische Gemeinschaft in der Welt zu sehr überlasten, denn diese Gemeinschaft trägt im Zusammenhang mit der in Deutschland vor sich gegangenen und noch andauernden unzivilisierten und unmoralischen Aktion eine genug schwere Bürde. Es sei nicht nur notwendig, in Palästina gerecht zu sein, es sei auch notwendig, öffentlich zu demonstrieren, daß Gerechtigkeit geübt wird. Es wäre nützlich zu wissen, wie viele Nazi-Agitatoren seit Jahr und Tag Juden und Araber in Palästina gegeneinander aufhetzen. Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister antwortete im Schlußwort den oppositionellen Rednern. Verlängerte Legislatur-Periode der Berliner Gemeindekörpersebaften. Um die Fortsetzung der aufbauenden Arbeit der Gemeinde zu ermöglichen und um Auseinandersetzungen in einem Wahlkampf zu vermeiden, hat die Berliner Repräsentantenversammlung in ihrer Sitzung vom 8. Mai dem Antrag des Gemeindevorstandes zugestimmt, die Mandatsdauer der Repräsentantenversammlung und des Vorstandes um zwei Jahre, demnach bis Ende 1936, zu verlängern. Der Beschluß ist mit 34 gegen 3 Stimmen gefaßt worden.