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Die Wahrheit · 1934-05-18 · Heft 21 (18.5.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 21 (18.5.1934)
Date
1934-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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tÄPSÄSTüfllNI l HOTEL m ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang ihre Poesie entsprechen, wenn nicht für die eigene Person beobachten, so doch zum mindesten in der Oeffentlichkeit achten. Kein Zeichen von Takt ist es sicherlich, wenn Leute, die ihren Zusammenhang mit dem Judentum sonst gern betonen, sich öffentlich über das religiöse Volksempfinden hinwegsetzen und herausfordernd den Freigeist markieren. Alle diese Erscheinungen der jüdischen Gegenwart, auf die man nicht erst mit Fingern zu zeigen braucht, wiegen aber bei weitem nicht so schwer wie unser jüdisches Schulproblem. Ueber Ausschreitungen oder Unterlassungen Erwachsener kann sich nur unser jüdisches Empfinden empören. Sie „Gott entgegen" zu führen wird kaum noch möglich sein. Hingegen darf und muß man darauf bestehen, daß Schulen, die sich „jüdisch" nennen, in irgendeinem Maß und Grad die Lehre jüdischer Religion und Pflege jüdischer Tradition in ihr Programm aufnehmen. Wofür das Kind einst als gereifter Mensch sich entscheidet, das bleibt ihm überlassen. Die „jüdische" Schule aber hat den Zögling mit dem Judentum vertraut und es ihm möglichst lieb und wert zu machen. An dieser Stelle genüge die rein theoretische Forderung. Sie erfolgt aus der Erkenntnis, wie leicht die Unterordnung unter die höhere Einheit gemeinsamer religiöser Ueberzeugung entzweite Gemüter versöhnen kann und wie verhängnisvoll gerade weltanschauliche Zerfahrenheit und Zerfallenheit in den Kreisen des säkularisierten, entgotteten Judentums an der Uneinigkeit unter uns mitwirken und dadurch unsere Stellung nach außenhin schwächen. Wer das jüdische Leben in weitem Ausschnitt unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten imstande ist, wird immer wieder bedauern, daß gerade das positive Judentum sich an den entscheidenden Stellen viel zu wenig geltend. macht und darum sich nicht wundern darf, wenn es in wichtigen jüdischen Fragen ausgeschaltet und gar nicht berücksichtigt wird. Die Politik des Schmollwinkels und der unfruchtbaren Kritik hat sich auch hier nicht bewährt. Unliebsamen Erscheinungen — koste es, was es wolle — durch eigene Leistungen ein Gegengewicht bieten, das ist der einzig gangbare Weg zur Besserung. Wie in politischen, so gibt es auch in kulturellen Dingen oft nur eine Lösung: statt Bekämpfung des Gegners — Stärkung der eigenen Macht. Vergessen wir nie, daß jeder Zuwachs, den das positive Judentum zu verzeichnen hat, der jüdischen Gesamtheit zugute kommt! Lassen wir nie das gemeinsame Ziel aus dem Auge, unser Volk einig machen, wie es am Sinai — wajjichan — einig war! Führen wir wieder unser Volk, wie Mose es tat, „Gott entgegen" und damit dem Bruderfrieden! —d— ■ \ ein: i omni n y S Propaganda für Judenmord. Als sich nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland als erstes und wichtigstes Problem für die „sittlichen Erneuerer des germanischen Volkes" die Sorge geltend machte, wie man die zahllosen Parteigenossen führenden Ranges versorge, da wurde für den Herrn Goebbels ein eigenes Ministerium geschaffen, und zwar eines ganz eigener und neuer Art: ein Propaganda- Ministerium. So etwas hatte es bisher noch nie und nirgends gegeben. Nicht daß irgend ein Staat, seit es diesen Begriff überhaupt gibt, jemals darauf hätte verzichten können, bei anderen Staaten, hauptsächlich solchen, die mit der brutalen Gewalt des Schwertes nicht kleinzukriegen waren, mit friedlichen Methoden um Verständnis für seine Lebensbedürfnisse und Sympathie zu werben, also Propaganda für seine Interessen zu treiben; aber das wurde stets als eine so vitale Aufgabe jeder Volksgemeinschaft angesehen, daß sie als das selbstverständliche Ziel jeder politischen Funktion galt und daß jeder Staatsdiener, vom höchsten bis zum niedrigsten, seine gesamte Amtsführung von der Rücksicht auf dieses propagandistische Ziel beeinflussen ließ. Auch die Deutschen sind bei dieser Methode, der bisher allgemein üblichen, nicht schlecht gefahren. Sie sind groß, mächtig und reich geworden — nur eines waren sie allerdings niemals sonderlich: nämlich beliebt. Man schätzte die Tüchtigkeit der Deutschen, aber man liebte sie nicht. Unter der reichen Fülle menschlicher Gaben hatte die Natur ihnen gerade die eine mißgönnt, die den Zauberschlüssel zum Herzen der Umwelt bildet: Grazie. Nicht allen Deutschen mangelte diese in gleichem Grade; aber die tragische Ironie der Geschichte brachte es mit sich, daß gerade der mit geistiger und seelischer Anmut am stärksten begabte deutsche Stamm, der österreichische, aus dem deutschen Staatsverbande hinausgedrängt wurde und just der mit Grazie am wenigsten ausgestattete zum repräsentativen Typus des Deutschtums avancierte: der preußische. Dieser geschichtliche Entwicklungsgang ließe es von Haus aus durchaus begreiflich erscheinen, daß sich just in Preußen-Deutschland das Bedürfnis nach einem speziellen Propaganda-Amt der Regierung fühlbar machte, und zwar besonders in dem Moment, in dem ein Oesterreicher die Zügel des Staatskarrens ergriff. Als Symptom kritischer Selbsterkenntnis hätte diese Gründung den Beginn eines wirklichen Heilungsprozesses bedeuten können. Ein deutsches Propagandaministerium, das seine Aufgabe weniger in der anrüchigen Reklame- Arbeit gerissener Marktschreier für minderwertige Waren erblickte als in planmäßiger Erziehung des gesamten Volkes zu einem für die Umwelt erträglicheren Menschheitstypus, der durch sympathischere Wesenszüge sich das Vertrauen verdienen kann, um das er wirbt — das hätte ein wirklich verdienstvoller Faktor im staatlichen Leben der Deutschen werden können. Was ist aber in Wirklichkeit geschehen? Der Oesterreicher Hitler hat zum Propagandaminister gerade jenen Mann aus seiner Umgebung gemacht, der den Typus preußischer Großmäuligkeit und durch keinen Schimmer geistiger oder körperlicher Anmut verklärter Brutalität am ausgeprägtesten repräsentiert. Zur Selbsterkenntnis soll er Preußen-Deutschland erziehen? Man höre seine Anstandsregeln, die er jungst an leitender Stelle seines „Angriff" den Lesern vorsetzte: Es wird da vor altgewohnter Frechheit und provozierender Selbstüberhebung gewarnt, deren üble Folgen vorausgesagt werden. Bescheidenheit wird mit viel Emphase empfohlen---aber wem? Etwa den preußischen Nationalisten, die durch die Inthronisierung des Hakenkreuzes das Mißtrauen der ganzen Welt und deren Antipathie gegen die skurrilen Offenbarungsformen des Teutonen-Chauvinismus aufs höchste gesteigert haben? Welch lächerliche Vermutung! Die Warnung gilt den deutschen Juden, dem bis zur Grenze des Möglichen entrechteten Judentum! Diesem Prügelknaben Hitlerscher Staatskunst gilt auch die gelegentlich der Eröffnung der Kampagne gegen die „Miesmacher" vorgebrachte Warnung des Propaganda-Ministers Goebbels. Früher hat er es bloß den anderen eingeredet, daß die Juden an allem Uebel schuld sind, jetzt erzählt er es den Juden selbst. Die anderen haben es freiwillig geglaubt, den Juden droht er unverblümt, daß sie daran werden glauben müs- ■z~n ... Es geht ihnen noch zu gut in Deutschland: „Sie flanieren wieder über den Kurfürstendamm, als wenn nichts geschehen wäre." Ja also, was ist denn nun eigentlich geschehen? Sprach man früher von Mißhandlung und Entrechtung der Juden, gleich protestierte das offizielle Deutschland gegen die — „Greuelmärchen". Jetzt droht der Propagandaminister ganz unverblümt mit neuen Greueln. Vor Entrüstung hat er ganz vergessen, daß diese angeblich nur Märchen sind . . . Worüber ist er aber so entrüstet? Die Antwort auf diese Frage enthüllt das ganze Debakel der Goebbelsschen „Propaganda". Während nämlich die meisten Beschuldigungen gegen die Juden sinn- und grundlos sind, hat Goebbels diesmal wirklich Ursache, bös zu sein. Es ist die Auswirkung des Weltboykotts gegen die deutsche Wirtschaft, die den Herrn Propaganda-Minister jetzt so in Harnisch brachte. Auch die Wiener III] ■ ■ ■ Pension, Cafe"-Restaurant orth.lj^ ■ BAD HALL: " Ob.-Österr. (Villa Mayerhofer) 5 [ Ah Barschak & Co. £ ■ aus Wien II., Gr. Schiffgasse 3 ■ ■ Telephon A 46-4-39 ■ 5 Das Unternehmen steht unter Auf- 5 5 sieht Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Babad S ■ ' ■ «■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■0 „R e i c h s p o s t" anerkennt, daß die antisemitischen Drohungen Goebbels nur ein Einbekenntnis des Zusammenbruchs der nationalsozialistischen Regierungskunst bedeuten. Der deutsche Propaganda-Minister will die Juden im Ausland zwingen, deutsche Waren zu kaufen, indem er den deutschen Juden Vergeltung für das Gegenteil androht. Eine feine „Propaganda" — made in Germany! Die Juden der ganzen Welt nehmen mit tief« gehender Empörung und Erschütterung an dem betrübenden Schicksal ihrer reichsdeutschen Glaubensgenossen Anteil — aber sie werden der „Propaganda" des Herrn Goebbels nicht auf den Leim gehen. Die deutschen Juden sind ohne Schuld in der Gewalt einer Regierung, deren Programm der Pogrom ist. Das ist ein unsagbar trauriges und bestimmt unverdientes Los. Es wäre aber der größte Irrtum, wenn die Auslandjuden dieses Los durch Entgegenkommen gegenüber den Forderungen des Herrn Goebbels mildern zu können meinten. Sie würden den Reklamechef Hitlers nur zu immer unverschämteren Zumutungen ermuntern. Seine Aufgabe ist es ja nicht, die angeblichen Ursachen des Antisemitismus aus der Welt zu schaffen, sondern im Gegenteil immer neue Gründe zur Entfachung des Judenhasses zu ersinnen, um die täglich wachsende Erbitterung des deutschen Volkes über die sich katastrophal zuspitzenden wirtschaftlichen und sozialen Zustände im Dritten Reiche von den wirklich Schuldtragenden, die in den Ministerien sitzen, auf Unschuldige abzulenken. Diese traurige Beschäftigung heißt in der neudeutschen Amtssprache — „Propaganda". Die „Union" zur Einheit der Kultusgemeinde. Der Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur erhielt von der „Union österreichischer Juden" folgende Erklärung: „Die Leitung der Union österreichischer Juden nimmt zur Frage der Aufrechterhaltung der Einheit der Kultusgemeinde, worüber in einzelnen Schichten der Judenschaft Wiens eine lebhafte Kontroverse im Gange ist, nach wie vor folgende prinzipielle Stellung ein: Die Union steht auf dem Boden der Einheit der Kultusgemeinde. Für sie ist auch in dieser Beziehung maßgebend das gegenwärtig geltende sogenannte Judengesetz vom Jahre 1890, gemäß dessen § 2 in jedem Kultusgemeindesprengel nur eine Kultusgemeinde bestehen kann für alle Israeliten, die in diesem Sprengel ihren ordentlichen Wohnsitz haben. Es ist nach § 1 dieses Gesetzes Aufgabe der Kultusgemeinde, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen und die für diesen Zweck gebotenen Anstalten zu erhalten und zu fördern, daß alle ihr angehörenden Juden, selbstverständlich auch die der strengsten Observanz, sich: in ihr wohlfühlen können. Dies war und ist die Einstellung der „Union". Alle gegenteiligen, in der parteipolitischen Propaganda der letzten Tage aultauchenden Behauptungen entbehren jeder Grundlage. Die Bemühungen der „Union" waren und sind darauf gerichtet, den Fortbestand des Gesetzes vom Jahre 1890, das die Autonomie und die Steuerhoheit der Kultusgemeinden Oesterreichs gewährleistet, zu sichern, und sie stellt mit freudiger Genugtuung fest, daß die in diesen Tagen publizierte neue Verfassung Oesterreichs diesen ihren Bestrebungen Rechnung trägt."

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