Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 21 (18.5.1934)
- Date
- 1934-05-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis c&eser Nummer 40 Grostiien In Deutschland verboten! Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden'* und den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 18. Mal 1934 Nummer 21 Gott entgegen! Schowuaus-Gedanken. Basiere Didi auf and billig Unter Blitz und Donner in Feuer und Rauch gehüllt, ein bebender Berg. Zu seinen Füßen eine Menschenmasse auf der Wanderung. Hinter ihr Knechtschaft, Haß und Verachtung auf fremder Erde. Vor ihr Freiheit auf eigener Scholle. So empfingen unsere Väter die Gottesbotschaft am Sinai. Und heut' nach 3000 Jahren stehen ihre Enkel wiederum auf einem Vulkan. Ueber ihnen in Nacht gehüllt ein Himmel, an dem fast der letzte Stern ihnen freundlichen Lichtes erloschen ist. Nur Blitze unversöhnlichen Hasses durchzucken das Dunkel. Tausendfach dröhnt das Echo des rollenden Feindesgoldes, das allerorten zu ihrer unentrinnbaren Vernichtung Werkzeuge werben will. In Trümmern liegt eine Welt des Lichtes, mit 4em Schweiß und Blut Unzähliger im Zeichen der Sinai-Worte dem Chaos abgerungen. Gegen den Träger dieses Lichtes, den Prometheus der Geistesgeschichte, verschwört sich übermächtiger Ungeist. Einig steht gegen uns Juden, was sonst unter sich Feind ist. Und dieser Haß zieht uns voraus bis in das Land, das schon unseren Vätern am Sinai das Ziel ihrer Hoffnung und Sehnsucht war und das jetzt manchen von uns letzte Chance, die letzte Station auf unserem weiten Weg durch die Geschichte scheinen will. Doch das, was unseren Vätern damals am Sinai gegeben wurde zugleich mit der Gottesbotschaft, gegeben durch die seelische Erschütterung, die wie ein elektrischer Schlag die Seelen aller zusammenschloß, das Gefühl unauflöslicher Gemeinschaft — jetzt in der schwersten Schicksalsstunde, die uns je beschieden war, jetzt fehlt es uns. Heut', da über Sein oder Nichtsein des Judentums entschieden wird, heut' stehen wir wieder dort, wo uns Mose fand, als er das erstemal hinausging zu seinen Brüdern: „Und siehe, zwei hebräische Männer zankten miteinander." Der Stock des Sklavenvogtes schwebte über ihnen. Was konnte sie ihm noch verächtlicher machen, wenn nicht dieser Bruderstreit unter den hämischen Augen ihrer Hasser und Verächter? Wahrlich, wechselvoll genug, mehr als die jedes anderen Volkes, ist unsere jüdische Geschichte. Aber welches Motto paßt für sie in jedem Wandel, an jedem wichtigen Wendepunkte so wie jenes Wort: „Und siehe, zwei Hebräer zankten miteinander"? VERWALTUNGEN ^# SÄTZE- HYPOTHEKEN^Sfr KÄUFE - VERKÄUFE SZI LAGYl BEI. AOT. SEISAL IX., ROTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 Was tat damals am Sinai Mose, um diesen Bruderzwist, der seit Urbeginn an der Wurzel unseres Volkstums nagt, zu überwinden, um aus der befreiten Sklavenmasse ein freies, seiner selbst bewußtes und in dem Gefühl der Gemeinschaft geeintes Volk zu schaffen? „Und heraus führte Mose das Volk Gott entgegen aus dem Lager und sie stellten sich hin unten am Berge." „Aus dem Lager führte sie Mose heraus." Aus dem „Hause der Knechtschaft" hatte er sie herausgeführt in die Freiheit. Und nun führte er sie heraus aus dem Herd des Zwistes in die Einigkeit. Heraus aus dem Lager, in dem sie geteilt waren in Stämme, Gruppen und Parteien, „ein jeder bei seinem Fähnchen", heraus aus der Eigenbrötelei, aus der Sonderstellung, dem Separatismus, hinaus „Gott entgegen". Dem Gotte entgegen, vor dem sie alle ohne unterscheidende Marken und trennende Zeichen „unten am Berge", einfach als Volksgenossen, der eine wie der andere in Erwartung des Gotteswortes „sich hinstellten", ohne vorgeschriebene Aufstellung nach Stamm und Stand und Stellung, alle als Brüder vor dem Gott der Väter. Treffpunkt der Feinschmecker Cafe-Restaurant FETZER bei der Schwedenbrücke Im Lager, jeden Augenblick gewärtig feindlichen Angriffs, da mußte soldatische Ueber- und Unterordnung, da mußte strenge Einteilung und Unterscheidung herrschen. Aber der Jude, von Kindheit auf feindlichem Ueberfall ausgesetzt und auf Abwehr eingestellt, wendet die Waffen gar leicht statt gegen den Feind gegen den Nachbar im eigenen Lager. Deshalb tut gerade ihm doppelt not, daß man ihn aus dem Lager heraus Gott entgegenführe, ihn an heiligen Zeiten alle scheidenden Zeichen ablegen und sich nur als Glied der Gemeinde jedem anderen gleich fühlen läßt, wie es Mose tat am Sinai. * * * Und was verkündete Gott dem versammelten Volke? „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich aus Aegypten geführt, aus dem Hause der Knechte." Das heißt: Lerne aus der Geschichte! Aegyptens Volk ist in Kasten zerklüftet. Wo Kasten und Klassen gegeneinanderstehen, kann es leicht sein, daß die eine gegen die andere es mit dem äußeren Feinde hält, daß die eine oder die andere Gruppe die Solidarität mit ähnlichen Gruppen im Auslande über das gemeinsame Wohl des eigenen Volkes stellt. Dazu wurdest du aus Mizraim geführt, daß du die Zerklüftung des Aegyptenvolkes meidest und wahrest Einigkeit und Frieden in deinem Volke. Oestcrrcichlsclies QoaiHäfe f abrikai Ueberau erhältlich Wie augenscheinlich lehrt dies unser Schema Jisroel! Der erste Abschnitt ist in der Einzahl gehalten — „d u sollst Gott lieben", „d u sollst seine Gebote einschärfen deinen Kindern" usw. Der zweite wendet sich an das Volksganze: „Ich werde euch Regen geben zu seiner Zeit" usw. Wenn jeder von euch seine Pflicht tut, werdet ihr als Gesamtheit Segen daraus ernten, wenn nicht, Unheil. Auf Gedeih und Verderb halte restlos treu zu deinem Volke! Das Geschlecht, das den Turm zu Babel gebaut, so sagen unsere Weisen, wurde nur zerstreut, aber nicht vernichtet. „Weil sie in Liebe unter sich zusammenhielten", vermochte keine Macht der Welt sie zu vernichten. Das Volk von Sodom und Gomorrha hingegen schwand von der Erde, weil es unter sich uneins war. Der Talmud betont: Unser zweites Heiligtum sank in Trümmer, obwohl Thora, Gottesdienst und Wohltun damals blühten. Weshalb? Weil unbegründeter Bruderhaß das Volk entzweite, „und der wiegt alle anderen Sünden auf". Und heut', da keineswegs „Thora, Gottesdienst und Wohltun", sondern nur der Bruderhaß in voller Blüte steht, ist es da nicht erst recht geboten, das Volk „Gott entgegen" zu führen und vor ihm und in ihm zu einen? „Gott entgegen?!" Damit rühren wir an einen der wundesten Punkte des Judentums in unserer Zeit. Wir sind nicht nur zu großem Teil ein Volk ohne Raum, sondern zu noch weit größerem ein Volk — ohne Gott. Das Judentum ist gewiß nicht auf den öffentlichen Gottesdienst beschränkt. Noch immer ist aber doch das Gotteshaus der Ort, an dem sich alles, was sich zum Judentum bekennt, ohne Unterschied der Parteien und der gesellschaftlichen Schichtung zusammenfinden kann. Wie immer der einzelne sich zur positiven Religion stellen mag, er bekundet seine Zugehörigkeit zum Judentum, wenn er sich im Gotteshause blicken läßt. Von Heuchelei kann nicht die Rede sein, wo keinerlei Zwang vorliegt. Es ist schlimmstenfalls nichts weiter als eine Konzession an die altehrwürdige Gemeinschaft, deren heiligste Gefühle man dadurch ehrt. Zumal wenn man durch Rang und Stellung ein gutes Beispiel zu geben in der Lage ist. Wer es unterläßt, dürfte jedenfalls nicht darauf Anspruch erheben, als wahrer Freund seines Volkes zu gelten. Das Judentum beruht zum guten Teil auf Tradition. Sie ist in Brauch und Sitte verankert und lebendig. Wer sein Volk Bebt, kann nicht anders, als diese Ueberlieferungen, die schon durch