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Die Wahrheit · 1934-05-11 · Heft 20 (11.5.1934) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 20 (11.5.1934)
Date
1934-05-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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A DIE WAHRHEIT Seite 5 Der Hohe Kommissar. Von Rudolf 01 d e n. Als Helfer für die deutschen Emigranten, jüdische und nicht-iüdische, hat der Völkerbund einen „Hohen Kommissar" eingesetzt, den Amerikaner James MacDonald, der vorher zu Hause Präsident eines großen und reichen Vereins für private Beschäftigung mit auswärtiger Politik gewesen war. Der Hohe Kommissar hat sein Bureau in Lausanne errichtet und im Dezember hat er eine Konferenz mit den Vertretern der fünfzehn Staaten absehalten, die sich an der Kommission beteiligt haben. Am Schluß der Konferenz versicherte er, er habe schon mit vielen Comites gearbeitet, aber noch nie mit einem, das solchen Opfermut und solche Begeisterung für das gemeinsame Werk aufbringe. Das war nach einer Diskussion, in der jeder einzelne der Staatenvertreter erklärt hatte, sein Land sei außerstande, Flüchtlinge aufzunehmen. Im Jänner fand wieder eine Konferenz, diesmal in London, mit den Repräsentanten der Organisationen statt, die an der Flüchtlingsfrage interessiert sind. Hier sagte MacDonald nicht ohne Bitterkeit, die Bereitwilligkeit, Mittel für die Flüchtlingsfürsorge herzugeben, habe sich wie mit einem Zauberschlag verflüchtigt, seitdem er sein Amt übernommen habe. Inzwischen hatten nämlich hinter den Kulissen Verhandlungen darüber stattgefunden, wie die Kosten für die Hohe Kommission selbst aufgebracht werden sollten, für ihre Gehälter, Büros, Reisen und dergleichen. Denn der Völkerbund hat den unverzeihlichen Fehler begangen, keinen Etat für dfe Instanz, die er geschaffen hat, zu bewilligen. Das überließ er den privaten Organisationen. Und die waren nicht wenig erschrocken, als sie hörten, daß allein die Betriebskosten zwanzigtausend Pfund im Jahr ausmachen sollten. Dann reiste MacDonald nach Amerika, wo eine Verwandte von ihm erkrankt war. Die Organisationen blieben mit dem neuen Problem, das sich zu den älteren unlösbaren gesellte, zurück. Es sind achtzehn Gesellschaften an der Hohen Kommission beteiligt. Die neun nicht-jüdischen scheiden bei der Finanzierung von vornherein aus. Unter den neun jüdischen gibt es nur zwei, die nicht Geld von den anderen brauchen: den „British Central Fund" und das „Jewish Joint Distribution Committee of America". Man hat nicht genau erfahren, wie die heikle Frage sich inzwischen weiterentwickelt hat. Nur so viel war in den Blättern zu lesen, daß der englische Fonds 3250 Pfund für diesen Zweck angewiesen hat. Die Amerikaner sollen bereit sein, die Summe auf zehntausend aufzurunden. Wo der Rest, die Hälfte herkommen soll, bleibt ein Geheimnis. Immerhin kehrte der Hohe Kommissar wieder nach Europa zurück. Unzweifelhaft ist hier und ntchf jensleits des Ozeans sein Arbeitsfeld. Er begab sich, bevor er dieser Tage in London wieder den „Verwaltungsrat" zusammentreten ließ, zunächst nach dem iniahen Osten, konferierte in Wien, Prag und Warschau. Hier entdeckte er, daß es für die Juden noch andere bemerkenswerte Probleme gebe, nicht nur das der deutschen Emigration. Er sagte: „So wichtig auch das FlüchtHngsproblem ist, es ist doch nur von geringerer Bedeutung, verglichen mit dem jüdischen Problem als ganzem. Es ist meine Ueberzeugung, daß die jüdischen Führer nicht nur die unmittelbare Flüchtlingsfrage, sondern auch die weiteren Ausblicke der Ostjudenfrage in Erwägung ziehen sollten". Der Warschauer Korrespondent der „Times", der das berichtet, nennt es „eine interessante Beobachtung". Dieser Meinung waren offenbar auch jene jüdischen Politiker, die sich schon Jahrzehnte lang ununterbrochen mit dem Problem befassen. Nun, es ist klar, daß sich in ein neües Arbeitsgebiet jeder erst einarbeiten muß. Daß MacDonald eine Minute lang nachdenklich verweüte, als er in seiner Einarbeitung die „weiterem Ausblicke" entdeckte, ist nicht überraschend. Ueberraschend aber ist zweierlei. Erstens, daß er im Verlauf seiner bisherigem Tätigkeit noch nicht bemerkt hat, was schon lange vor ihm in Erwägung gezogen worden ist. Zweitens, daß er Lust verspürt, das Feld seiner Interessen noch auszuweiten. Wer die bisher völlig unbeantwortete Frage nach dem Schicksal der deutschen Flüchtlinge, der jüdischen wie der nichtjüdischen, in ihrer ganzen Ausdehnung übersieht, der wundert sich, daß James MacDonald noch auf neue Lasten begierig ist. Die Flüchtlinge selbst wiederum, die zum Beispiel noch immer nicht einmaf zu richtigen Ausweispapieren gelangt sind, werden ein dringliches Bedürfnis danach empfinden, daß der Hohe Kommissar seine ganze Tatkraft den Sorgen widme, die sein Auftrag ihm anvertraut: ihren Sorgen. („Neues Tagebuch", Paris). Auf der Tagung des vom Völkerbund eingesetzten Verwaltungsrates zur Regelung der Frage der deutschen Flüchtlinge in London erstattete der Hochkommissar James MacDonald einen sehr eingehenden Bericht über die gegenwärtige Situation der deutschen Flüchtlinge und teilte mit, daß beträchtliche Geldmittel dringend erforderlich seien, um die Notlage der Flucht- Caic Pension Echsfein Semmering linge lindern und ihre Umschichtung und Seßhaitmachung betreiben zu können. Die Zahl der Flüchtling & aus Deutschland, fuhr James MacDonatd fort, habe sich gegenüber derjenigen vom Dezember 1933 nicht vermindert; sie beträgt immer noch 60.000 bis 70.000. Der jüdinerzu. rraaeniiellbää! Tatzmannsdorij (Ourgenianä) | Mineral-, Moor- und natürliche Kohlen- 5 säure-sprudelbäder. Billiger Pensionspreis S S inklusive Heilbäder. — Auskünfte und Prospekte: Kur-J ■ direktion oder Kurkommission, Bad Tatzmanns-3 idorf, Surgenland, und in allen Fremdenverkehrsbüros.! Zwei rituelle Restaurants. \ sehe Exodus aus Deutschland geht nun geordneter und nicht mehr panikartig, wie zu Anfang, vor sich. * Der Academie Assistance Council, dessen Vorsitzender Lord Rutheriord ist, berichtet, daß 178 aus Deutschland vertriebene jüdische Gelehrte Gelegenheit erhalten haben, ihre Forschungsarbeit an englischen Universitäten fortzuführen. Der Council dankt dem Central British Fund der englischen Juden für seine großmütige Spende von 2500 Pfund zugunsten jüdischer und nichtjüdischer Gelehrter. „Daily Telegraph" widmet dem Bericht einen Leitartikel, in dem ausgeführt wird: Was die Flüchtlinge aus Flandern, die Hugenotten aus Frankreich zur Hebung der englischen Textilindustrie taten, das werden die Opfer des modernen Fanatismus in Deutschland zur Hebung gewisser Zweige der Wissenschaft, besonders der Chemie, in England tun können. Lord Rutherford teilt in einem Schreiben an die „Times" mit, daß einige der verbannten jüdischen Gelehrten bereits auf englischem Boden mehrere bemerkenswerte und auch praktisch auszuwertende Entdeckungen gemacht haben. Strickers Konzessionen. Der Ruhm der „Reichspost" und des „Neuigkeits-Weltblattes", die, von jeder Sachkenntnis unbeschwert, sich in den innerjüdischen Hauszank einmengen, ließ die Redaktion der extrem deutschnationalen „Wiener Neuesten Nachrichten" nicht ruhen. Auch'sie meldeten sich in diesem Streite zum Wort und um ihre antisemitischen Freunde von der christlichsozialen Seite noch zu übertrumpfen, taten sie es gleich zweimal an einem Tag, im Morgenblatt durch die ausführliche Wiedergabe einer Stelle aus einem Artikel einer jüdischen Zeitung, im Abendblatt gar mit einem eigenen Leitartikel. Man wird leicht erraten können, aus welchem jüdischen Blatte die Zitierung vorgenommen wurde, man wird ebenso leicht erraten können, für welche jüdische Gruppe in dem erwähnten Leitartikel des deutschnationalen Antisemitenblattes Partei ergriffen wird. Stricker im besonderen widerfährt die hohe Auszeichnung, die Ergüsse seiner „Neuen Welt" in den „Wiener Neuesten Nachrichten" wiedergegeben zu sehen, die Jüdischnationalen im allgemeinen dürfen sich darüber freuen, daß ihre Einstellung dem Geschmack der Rassenantisemiten entspricht, weil sie nach Ansicht dieser Urteutonen „die gesündere und moralischere" wie die der Assimilanten ist. Wir gönnen den Herren diesen Triumph so sehr, daß wir keine Trauer darüber empfinden, daß in dem „Nationaljuden und Assimilanten" überschriebenen Leitartikel des Antisemitenblattes die letzteren sehr schlecht wegkommen. Dieser erste Teil des Aufsatzes ist schon deshalb für uns uninteressant, weil wir das Geschimpfe gegen die bösen Assimilanten, das er enthält, fast wortwörtlich in jedem besseren jüdischnationalen Blatte zu lesen gewohnt sind. Dafür ist um so bemerkenswerter der Schlußpassus dieses Artikels. Da heißt es nämlich: Die Bewegung der nationalen Juden wird man deshalb zu begrüßen haben, weil die Nationaljuden eingesehen haben, daß das jüdische Problem exi- . stiert und weil sie von sich aus der Vermischung und Vermanschung zwischen Juden und Ariern entgegentreten, die auch wir bekämpfen. Nur sollten die Zionisten in Ihren Blättern darauf verzichten, im Geifern gegen den Antisemitismus, den ja die Assimilanten hervorgerufen haben, und gegen das deutsche Volk ständig die Konkurrenz mit den Assimilationsjuden aufnehmen. Es mag das aus geschäftlichen Gründen für diese Blätter, die nur von Juden gelesen werden, nützlich sein, der nationaljüdischen Bewegung wird es nicht dienen. Ja, es besteht die Gefahr, daß dieses Treiben auf spätere Auseinandersetzungen in der Judenirage einen schweren Schatten werten könnte." Da hat es Herr Stricker! Die guten Beziehungen, die er zu den Deutschnationalen unterhält und die sich würdig seinen ebenso guten Verbindungen zu Kunschak und der „Reichpost" anreihen, werden getrübt durch sein „Geifern gegen den Antisemitismus", wo er doch, geht es nach den „Wiener Neuesten Nachrichten", nur gegen die bösen Assimilanten „geifern" sollte. Hält er sich nicht an dieses Rezept, dann wird das auf die „späteren Auseinandersetzungen einen schweren Schatten werfen". Was heißt „spätere Auseinandersetzungen"? Das ist doch eine Aufforderung zu gemeinsamem Tanz. Und prompt antwortet Stricker auf diese zarte Aufforderung. Tun ihm die „Wiener Neuesten Nachrichten" die Ehre der t e i I w e i s e n Wiedergabe eines seiner Artikel an. so revanchiert er sich — großzügig wie er schon ist — durch Reproduktion des ganzen Aufsatzes des deutschnationalen Blattes. Aber einverstanden ist er mit diesem Artikel mcht — sagt er. Denn er lehnt Konzessionen an den Antisemitismus entschieden ab — sagt er. Wer lacht da? Oerseibe Herr Stricker, der bereit war, mit Herrn Dr. Czermak, der von uns Juden behauptete, daß nur ein Teil unserer Liebe Oesterreich gehört, der uns auf wirtschaftlichem Gebiete in die gebührenden Schranken verweisen und uns kulturell ausschalten will, derselbe Herr Stricker also, der bereit war, mit diesem Herrn Dr. Czermak über eine „Verständigung von Volk zu Volk" zu verhandeln, ja diese Bereitschaft auch durch die „informative Aussprache" bewies, an der Vertreter seiner „Judenstaatspartei" und waschechte Antisemiten teilnahmen, derselbe Herr Stricker lehnt auf einmal Konzessionen an den Antisemitismus ab. Hat er ein so schlechtes Gedächtnis oder glaubt er, daß wir es haben? Das unsere ist Gott sei Dank so gut, daß wir ihm diese Konzession an den Antisemitismus, die da schamhaft mit „Verständigung von Volk zu Volk" umschrieben wurde, nicht so bald vergessen werden. Die neue Privat-Telephonnuaimer unseres Chefredakteurs Oskar Hirscbteld lautet von nun ab R 49-7-75 BSP**

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