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Die Wahrheit · 1934-05-11 · Heft 20 (11.5.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 20 (11.5.1934)
Date
1934-05-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Villa Kiirarzf Dt. I © e t> e I Hofgastein Schaft beantwortet. Aus der Zuschrift, in der er diesen Entschluß der Genossenschaft mitteilte, erfährt man, daß seine Gattin ihm nahegelegt hatte, sich zur Rettung seiner Karriere von ihr scheiden zu lassen — jedenfalls auch ein Beweis seltener Opferbereitschaft Aber der Mann, der ohne seine bewährte Partnerin nicht einmal die Bretter, die die Welt bedeuten, betreten will, lehnt den Gedanken, auch in der wirklichen Welt die Gemeinschaft mit ihr aufzugeben, noch viel energischer ab. Ihm ist eben sein Künstlertum wichtiger als die künstlerische Karriere und da echtes Künstlertum nur ein gesteigerter Ausdruck echten Menschentums ist, hat er jenes bewährt, indem er dieses bekundete. Jeder, der für menschliche Größe, erprobt in einer Stunde schwerster Entscheidung, Verständnis hat, wird in dieser Entscheidung einen markanteren Prüfstein für Bassermanns Künstlertum schätzen, als wenn dieser eine neue Bühnenrolle noch so glänzend kreiert hätte. Kann man den nationalsozialistischen Führern ein solches Verständnis zubilligen? Bassermann tut es. Er schreibt in seinem erwähnten Briefe, die deutsche Regierung müßte ihn als einen traurigen Charakter einschätzen, wenn er unter den geschilferten Umständen andere Konsequenzen zöge. Er übersieht aber dabei, daß gerade den „traurigen Charakteren" die Sympathie der Regierung gehört, ja daß der „traurige Charakter" geradezu die Basis des nationalsozialistischen Aufbauwerkes bildet. Wie hätte sich Hitlers Rassenpolitik in der Praxis durchsetzen können, wenn die arischen Angestellten und Beamten, wenn die arischen Wissenschaftler und Künstler so viel Charakter aufgebracht hätten, die Usurpierung von Stellen, aus denen Juden schuldlos und mit offenkundiger Rechtsverletzung verjagt worden waren, entschieden zu verweigern? Schuldner, die nach Hitlers Machtergreifung ihren jüdischen Gläubigern die Zahlung einstellten, Streber, die ihrer amtlichen Karriere zuliebe ihre bis dahin glückliche Ehe mit Enkelinnen jüdischer Großeltern brutal auflösten, „Rechtsbeflissene", die sich mit Eifer der verwaisten Klientel jüdischer Advokaten und Notare bemächtigten, Aerzte und — Kurpfuscher, die den Mangel eigener Patienten aus dem gewaltsam unterbundenen Zulauf, dessen sich die jüdischen Größen der Heilkunde erfreut hatten, wettzumachen suchten, Wissenschaftler, die entrechtete jüdische Kollegen von Weltruf am Katheder, Musiker, die solche am Dirigentenpult abzulösen nicht unter ihrer Würde fanden — das sind die Ehrenmänner, auf deren Schultern die sittliche Größe des Hitler-Regimes ruht. Wie soll da eine Einfühlung in die seelischen Triebkräfte vornehmer Künstlernaturen in Betracht kommen? Wenn die Nazibonzen überhaupt imstande sind, zu begreifen, daß es so etwas gibt, muß es ihnen als ein noch überflüssigerer Ballast für den Bürger des Dritten Reiches erscheinen als das allzu viele Lernen, vor dem Hitler bekanntlich die Studenten wiederholt gewarnt hat... Bassermann gereicht es sicherlich zur Ehre, von der eigenen Charakterlauterkeit auf die der anderen zu schließen. Wie aber die Machthaber des Dritten Reiches sein Verhalten in Wirklichkeit beurteilen, hätte er aus dem ziemlich analogen Falle eines anderen deutschen Bühnenkünstlers zu erkennen vermocht, der erst jüngst Aufsehen erregte. Eine der mimischen Stützen der Ufa-Filmerzeugung war bis vor kurzem Hans A1 b e r s. Den Wächtern der deutschen Geistes- und Rassenreinheit im Gebiet der Kunst machte es nichts aus, daß dieser ausgezeichnete Darsteller germanischer Männlichkeit sich in der Auffassung seiner Rollen von einer jüdischen Kollegin beraten ließ, die, bis zu Hitlers Machtergreifung selbst eine gefeierte Filmschauspielerin, seit ihrer Kaltstellung durch die Weisheit der nationalsozialistischen Gesetzgebung ihr Künstlertum nur noch als Inspiratorin ihres ras- „FAMILIEN SC NUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienftirsorge Wien II., A8pernbrückenqa88e 2_Tel. R 43-500 Durch Monatsbeiträge von S 1 bis 10 kann man bei nns sicherstellen: Studienbeiträge für Töchter und Söhne AuBStattungsbelträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hobe Versicherungssummen. 3. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft «Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENSCBUTZ" wird von der Wiener Kultmgemeinde befürwortet sisch bevorzugten Kollegen zur Geltung brachte. Diese Rolle hat man ihr merkwürdigerweise „oben" nicht mißgönnt, obwohl ihr starker Einfluß auf die Darstellungsart ihres-Freundes sicherlich eine nicht zu unterschätzende „jüdische Gefahr" für den deutschen Charakter der betreffenden Filme bildete. Dieser Gefahr wurden sich die Gralswächter der rein germanischen Kunst erst bewußt, als Albers jüngst seine treue Regisseurin und Mitarbeiterin geheiratet hat. Seitdem ist,'|eine Position bei der Ufa unhaltbar geworden. Der Künstler, der durch seine Verkörperung deutscher Mannestreue im Film beliebt geworden ist, hat sich plötzlich unbeliebt gemacht, indem er diese germanische Tugend auch im Leben zur Anwendung zu bringen wagte . . . Das ist die „Kunstpolitik" des Dritten Reiches! Dr. Hugo S p i e g 1 e r. ISpezialhaus für Wolle und Strickgarne ■ Moritz Nagel I Wien, 2. Bez., Tabor&traße Nr. 17 I Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden I _Telephon A 45-8-69 1 Trennungstendenzen, die sich bei der Agudah wieder einmal regen. Man kann ein Freund der religiösen Richtung der Agudah sein, ohne deren Absonderungs- und Trennungstendenzen zu billigen. Und gerade derjenige, der, wie das zitierte Blatt sigt, die Einstellung Dr. Tichos in der „Union" und im Kultusvorstande kennt, begeht eine be- .wußte Irreführung der öffentlichen Meinung, wenn er den Unionisten Dr. Ticho mit derartigen Trennungstendenzen in einem Atem nennt. In ihrer Angstpsychose wittert die „Neue Welt" jetzt eine«* „scharfen" antizionistischen Wind in der „Union". Und sie unterschiebt, daß der „zu nachgiebige Herr Dr. Ornstein deshalb vom Präsidentenstuhle weichen mußte und daß dafür Herr Reg.-Rat Dr. Oppenheim wieder in die Leitung eingezogen ist". Der Antizionismus unseres Dr. Ornstein ließ nie etwas zu wünschen übrig, in dieser Beziehung war er wahrlich niemals zu nachgiebig. Und was Herrn Dr. Oppenheim betrifft, so brauchte dieser nicht wieder in die Leitung einziehen, da er niemals ausgeschieden war. Wir beneiden die Herren wahrlich nicht um ihre Phantasie und um ihre politische Kombinationsgabe, aber auch nicht um ihr — gelinde gesagt — schlechtes Gedächtnis. Den Beweis für die Richtigkeit der Herrn Reg.-Rat Oppenheim in den Mund gelegten Worte werden sie sich wohl schenken. Richtig ist allerdings, daß Herr Reg.-Rat Oppenheim gelegentlich einer Budgetdebatte betonte, die Wiener Judenschaft müßte gegenüber einer jüdischnational geführten Kultusgemeinde die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Die Notwendigkeit hiezu ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen sicherlich nicht gegeben. Schon deshalb nicht, weil die jüdischnationale Mehrheit heute gar nicht daran denkt und imstande ist, ihr jüdischnationales Volksgemeindeprogramm durchzuführen. Um das allgemeinen Wahlrecht und die anderen Verheißungen aus den Jahren 1919 bis 1932 ist es recht still geworden. Und wenn es weiterhin davon so stille bleiben sollte, dann wird auch Dr. Ticho keinen Anlaß finden, die Zusammenarbeit im Kultusvorstand weniger reibungslos als bisher zu gestalten. Ein besonders gelungener Scherz der „Neuen Welt" ist es, Herrn Dr. Oppenheim als angel> liehen Propagandisten einer separaten „liberalen Gemeinde" in die neue Leitung einziehen zu lassen — Arm in Arm mit Dr. Ticho, dem „intimen Freunde der Agudah". So, nun sind wir quitt, hoffentlich wenden sich auch nunmehr unsere nationaljüdischen Freunde ernsteren Problemen zu. Rund um die Demi: In unserer letzten Nummer haben wir die Versuche jüdischnationaler Preßorgane, die Demission Dr. Ornsteins und die Wahl Dr. Tichos zum Vizepräsidenten der Kultusgemeinde zu verschiedenen! Verdrehungen und Unterstellungen zu benützen, so entschieden zurückgewiesen, daß .sowohl „Stimme" als „Neue Welt" es scheinbar für das Beste halten, endlich ihre Polemik einzustellen. Sollte diese unsere Vermutung zutreffen, so sind wir damit sehr zufrieden, denn wir Unio- .nisten sind es sicherlich nicht, die es auf Zank jmd Streit im jüdischen Lager abgesehen haben. Doch bekanntlich kann auch der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Und so möge auch „der böse Nachbar", der in der letzten Zeit wieder besonders in der „Neuen Welt" herumrumorte, seine nervöse Aengstlichkeit wegen der Wahl Dr. Tichos ablegen. Die „Neue Welt" fürchtet, daß es „von nun ab um die Ruhe und relativ reibungslose Zusammenarbeit im Gemeindevorstande weniger gut bestellt sein wird". Die „Neue Welt" hat schon recht, denn, wer, wie das Blatt sagt, „die Einstellung Dr. Tichos in der JJnion' und im Kultusvorstande kennt", der weiß, daß er ebenso wie in der Vergangenheit auch künftig kraftvoll und energisch für die Interessen der österreichischen Judenschaft eintreten und den Standpunkt der „Union" — unbekümmert um das Geschrei und das Getue der anderen, das auch in der „Massenversammsion Dr. Ornsteins. lung" von durch Subventionierungen verlockten kleinen Bethausvereinen zum Ausbruch kam, — zur Geltung bringen werde, daß er ebensowenig wie in der Vergangenheit so auch nicht in der Zukunft zu allem Ja und Amen sagen werde, was von der Gegenseite kommt, wenn er der Anschauung ist, daß es unseren österreichischen Glaubensgenossen abträglich sei. Es wird durchaus nicht an der „Union" und dem neuen Vizepräsidenten der Kultusgemeinde liegen, wenn die Zusammenarbeit im Gemeindevorstand weniger reibungslos vor sich gehen sollte. Die „Neue Welt" behauptet, Herr Dr. Ticho sei „ein streitbarer Antizionist und, was von ebenso großer Bedeutung sei, ein intimer Freund der trennungsorthodoxen Agudah, die gerade jetzt einen heftigen Kampf gegen die Judengemeinde führe". Es ist richtig, Dr. Ticho ist ein streitbarer Antizionist, wenn Antizionist sein bedeutet ein Gegner sein jüdischnationaler Landespolitik in unserem Heimatlande Oesterreich, ein Gegner sein parteiegoistischer Einstellung und Handlungsweise bei Angelegenheiten, die rein sachlich objektiv und gerecht behandelt werden müssen. Die „Neue Welt" geht auch nicht fehl, wenn sie den neuen Vizepräsidenten einen „Freund der Agudah" nennt, doch die Katze kann nicht das Mausen lassen und die „Neue Welt" scheinbar nicht ihre Leidenschaft zu kleinen Giftspritzern und Verleumdungen. Deshalb bringt sie die Freundschaft Dr. Tichos für die Agudah so nebenbei in Verbindung mit den Jüdische Kolonisationspläne. Die Londoner Zeitung „Daily Herald" veröffentlichte kürzlich eine Mitteilung, daß die Ansiedlung von 5 Millionen Juden in der portugiesischen Afrika-Kolonie Angola geplant sei. Der portugiesische Minister für die Kolonien wendet sich in einer Erklärung gegen diese Mitteilung. Die portugiesische Regierung werde Vorschläge betreffend jüdische Massensiedlung niemals in Betracht ziehen. Einzeleinwanderung nach Angola und andere Kolonialgebiete werde sie jedoch in jeder Weise erleichtern und ermutigen. * Hochkommissar James MacDonald wird demnächst mit dem kanadischen Premier, Herrn B e n n e 11, eine Besprechung über den Plan einer Ansiedlung deutsch-jüdischer Flüchtlinge in Kanada haben. 4c Der Präsident der Libanon-Republik gab der Presse eine offizielle Erklärung, daß jeder Jude, der legal nach dem Libanon einwandert,wiIi 1 kommen isfcundBoden in jedem Umfange erwerben kann. Die Erklärung des französischen Hochkommissars für Syrien und Libanon, wonach der Verkauf von Boden an Juden und Ausländer nicht gestattet ist, beziehe sich auf Boden direkt an der Grenze gegen Palästina, nicht aber auf Boden außerhalb des Grenzdistrikts. Nach der letzten Statistik zählt Syrien 2 Millionen Einwohner, unter ihnen 21.730 Juden.

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