Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 20 (11.5.1934)
- Date
- 1934-05-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Eine Abschiedsrede ohne Abschied. s Wie wir bereits kurz mitgeteilt haben, versammelten sich kürzlich die Mitglieder des Zentralvorstandes und des Klubs der unionistischen Kultusvorsteher, um ihrem Präsidenten Dr. Jakob O r n s t e i n für seine bisherige aufopfernde Tätigkeit im Rahmen der „Union" zu danken und ihren neugewählten Ehrenpräsidenten zu ieiern. Die in überaus herzlichen warmen Worten gehaltene Ansprache des Vizepräsidenten Dr. T i c h o beantwortete Präsident Dr. Ornstein mit einer Rede, die wir, einem vielfach geäußerten Wunsche entsprechend, im nachfolgenden in breitem Auszuge wiedergeben. Präsident Dr. Ornstein sagte: Versammlungen, die nur meinem Lobe dienen sollen, verabscheue ich. Ich hätte auch heute mich gerne ferngehalten, aber bei der engen Verbindung, die zwischen mir und der „Union" besteht, schien es mir denn doch nicht richtig, mich bei diesem Anlasse, wenn er auch meiner Person vornehmlich gilt, zurückzuziehen. Ich bin also zu diesem feierlichen Leichenbegängnis erschienen (Heiterkeit und lebhafte Oho-Rufe). Der Veranstalter des Leichenbegängnisses tili ich selbst. Ich habe einen Fehler gemacht: Ich habe fünfzehn Jahre und noch darüber nach meinem sechzigsten Lebensjahre vergehen lassen, ohne mir zu sagen, daß der Moment für mich gekommen sei, der Zeit ihren Tribut zu zollen. Und nach einem bekannten Worte eines sehr bekannten Klinikers hätte ich mir das zu sagen gehabt. Unser sehr verehrter Vorsitzender, Herr Dr. Ticho, hat gesagt, daß ich bis heute die „Union" geleitet habe. Ich mußte mir in den letzten Jahren oft sagen, daß ich die Arbeitslast, welche aus einer Reihe anderer Beschäftigungen und Aemtern mir erwächst, nicht mit der Präsidentschaftsbürde, die die Leitung der „Union" mit sich .bringt, gut vereinigen kann. Aus dieser Erkenntnis nicht die entsprechenden Konsequenzen abgeleitet zu haben, muß ich mir vielleicht zum Vorwurfe machen, denn all dies zusammen hat meine Kräfte überstiegen: Ich habe die „Union" in der letzten Zeit nicht mehr geleitet. Gerade diese Tatsache hat mir schon lange die Erwägung nahegelegt, mich von der Leitung der „Union" zurückzuziehen und die Ehre der Führung derselben jüngeren Kräften zu überlassen. Dieser Erwägung .habe ich nunmehr mit meinem an den heutigen Vorsitzenden gerichteten Schreiben Rechnung getragen. Ich habe mir aufrichtig gesagt, daß ich in den schwierigen Zeiten, in denen die Juden heute leben, in diesen^ Sturm- und Drangzeiten, nicht mehr die Kampfnatur besitze, die mir früher eigen war, und daß ich jetzt, vielleicht spät, der Mahnung des früher erwähnten großen Arztes Folge zu leisten und mich zurückzuziehen habe. Erlauben Sie mir unter Freunden und Gesinnungsgenossen ein freies menschliches Wort: Es tut weh, es tut weh, wenn man sich sagen muß, nun sei die Zeit da. von einer Arbeit, der man sich mehr als ein Menschenalter gewidmet hat, zurückzutreten, wenn man erkennen muß, daß es Zeit sei, die Führung anderen zu überlassen. Ich danke herzlichst Ihnen allen, meinen Freunden, und danke besonders dem Vorsitzenden aufs innigste iür die herzlichen Worte, die er gefunden, für die Worte, die er nicht nur als Meister der Rede, sondern wahrlich als warmfühlender Mensch zu mir gesprochen hat. Empfangen Sie nochmals, Sie alle, meine sehr verehrten Herren, vielen, vielen Dank; den heutigen Abend werde ich nie vergessen.--- Es ist selbstverständlich das Schicksal des älter und immer älter werdenden Menschen, daß er der Erinnerung leben muß, daß er sich anklammern muß an manches Schöne, Liebe und Gute, das er im Leben gefunden. Und (von tiefer Rührung ergriffen fuhr der Redner fort) ich habe im Leben manch Schönes, Liebes und Gutes geiunden, ich habe aber auch manche Bitternis durchleben müssen. Und wenn ich nun hier vor Ihnen, meinen Freunden, des Gewesenen gedenkend, spreche, so erinnere ich mich an die Gefährtin meines Lebens, die mir der Tod so frühzeitig genommen . . . (Für einige Minuten herrschte volle Stille im Saale, die Ergriffenheit des Redners hatte sich aller Anwesenden bemächtigt, kein Auge bliet trocken) . . . Aber ich habe doch als Ersatz für dieses kostbare Gut, wenn man hier von einem Ersatz sprechen darf, in diesen Jahren, da ich so allein stehe und allein durch die Welt wandere, manche Freundschaft und Liebe gefunden, manche Anhänglichkeit und Dankbarkeit. Ich danke allen, die hier versammelt sind, und allen Freunden im weiteren Kreise der Außenwelt, daß sie mir geholfen haben, dieses Leben der Einsamkeit zu tragen, und daß sie mir gezeigt haben, daß icli denn doch Werte besitze^, die mir ermöglicht haben, manche dieser Werte in den Dienst unserer jüdischen Sache zu stellen. Entschuldigen Sie, meine verehrten Herren, wenn ich vielleicht etwas zu sentimental, zu elegisch geworden bin, aber es gibt dieses eine in meinem Leben, an das ich oft denken muß, das mich elegisch macht und traurig stimmt. Sie, meine Herren, werden mich verstehen, Sie werden es mir nicht verüteln. wenn ich mich nicht beherrschen konnte und in dieser Versammlung, die heute zu meinen Ehren veranstaltet wurde, vor Ihnen meinen innersten Menschen gezeigt habe. Eine so große Vereinigung wie die „Union", die nicht nur ein Verein zur Abwehr und zum Schutze sein will, sondern, wie wir es wünschen und hoffend die Führung im Wiener Judentum innehaben wird, bedarf einer zielsicheren, kraftvollen Leitung. Gerade aus dieser Erwägung heraus habe ich das einzig Richtige getan. Denn, wenn ich auch gewiß — und ich danke Gott dafür — mich noch immer meiner vollsten Gesundheit, von meinem Augenleiden abgesehen, erfreue, wenn ich auch noch immer tatbereit und tatkräitig bin. ein Führer, ein Kämpfer kann ich nicht mehr sein. Dieser heutige Abend erleichtert mir dieses Zurückziehen von der Leitung, die Erinnerung daran wird mir immer zur Freude gereichen. Wenn ich auch von der Rede unseres Vorsitzenden manches abziehen will, was auf das »MiimniiimmmumuMHim Küchen, Abwaschtische, Vorzimmer Beste Bezugsquelle für Weichholzmöbel. Besichtigen Sie mein MusterlagerrfiBDINAN» WOHN. Il.yfoborstraßc Nr. 22 Telephon-Nummer R 40-7-14 Konto unseres jahrelangen Umganges miteinander zu setzen ist, so muß ich doch zugeben, daß manche Eigenschaften, deren er in so anerkennenswerten Worten gedachte, tatsächlich vorhanden sind und daß ich sie genützt habe im Dienste unserer Gemeinschaft Ich darf mir sagen, ich habe nicht umsonst gelebt, ich habe nicht umsonst gearbeitet. Sehen Sie: Ich muß mir sagen, wenn ich auch Widerspruch damit erregen schreiben mit Liebe, mit rührenden Szenen, mit atemraubender Spannung, kurz, einen richtigen Roman." „In sechs Teilen mit einem Prolog und einem Epilog? Mit wildhysterischen, unwahrscheinlichen, unbeholfenen Szenen, wie sie nicht gewesen sind und nicht sein werden? Etwa: Ein Kleinkinderlehrer aus Neswisch hat romantische Gefühle für das Dienstmädchen Rebekka, er schreibt heiße Briefe, und sie singt süße Lieder. Später fährt der Kleinkinderlehrer nach Paris und kommt nach neun Monaten als Baron, als Millionär zurück, trifft seine Geliebte in der Küche bei Ephraim Schkontize, einem Mörder und einem Banditen, duelliert sich mit ihm auf dem Korridor. Ephraim will den Kleinkinderlehrer in zwei Hälften spalten, aber der rennt zum Gouverneur, holt ihn aus dem Bett, bringt ihn mit drei Gendarmen an den Tatort. Wie Ephraim ihn sieht, packt ihn die Angst, er nimmt ein Messer und ersticht sich. Rebekka, die Köchin, fällt in Ohnmacht und singt dabei auf deutsch ein so rührendes Lied, daß Steine in der Wand Tränen vergießen könnten." „Fertig? Sind Sie schon zu Ende? Nein, man braucht keine Neswischer Kleinkinderlehrer, die nach Paris fahren und Gouverneure, die aus dem Bett geholt werden, Wucherer, die sich erstechen und Dienstmädchen, die rührende Lieder singen, sondern man braucht einfach einen Roman, einen jüdischen Roman, ein Liebesverhältnis, aber ein jüdisches Liebesverhältnis. Verstehen Sie mich?" „Ich verstehe. Warum soll ich nicht verstehen? Sie wollen, daß ich Ihnen aus dem Leben heraus schreibe, aus dem wirklichen jüdischen Leten. Sie wollen, daß ich mit allen Fasern schreibe, mit Blut, aus der tiefsten Tiefe des Herzens. Sie wollen jenes Schreiben,, das einen Gesundheit kostet, das einen vor der Zeit alt macht, einem das Gesicht zerfurcht und die Haare grau macht. — Das wollen Sie, ja? Meinetwegen, warum nicht? Wenn man nur ..." „Wenn was?" „Gar nichts." „Ab£r, Herr Scholem Alechem, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich halbe Sätze nicht leiden kann. Mit mir müssen Sie einfach reden. Sagen Sie, was bedeutet Ihr: Wenn nur? . . . Vielleicht Geld?" „Wer-redet von Geld?" „Also, was dann? Ehre?" „Wer denkt daran?" ..Also, was sonst? Wenn nur . . .?" „Wenn man es nur liest . . ." Kunstpolitik im Hitler versprach bekanntlich, das deutsche Volk nicht nur politisch und materiell, sondern vor allem auch seelisch einer neuen Blüte zuzuführen. Politisch und materiell bedeutet die Regierung Hitlers ein schweres Fiasko für Deutschland. In außenpolitischer Beziehung mußte der Osaf vielfach darüber noch weit hinausgehen, was er seinen Vorgängern als Verrat am deutschen Interesse und an der deutschen Ehre vorgeworfen hatte. Trotzdem ist die deutsche Handelsbilanz seit seiner Machtergreifung passiv geworden, weil seine jedem menschlichen Empfinden hohnsprechende Innenpolitik zu einem Wirtschaftsboykott der gesamten Kulturwelt gegen Nazi-Deutschland geführt hat. Und daraus ergab sich ein katastrophaler Niedergang der privaten Wirtschaft wie der Staatsfinanzen. In politischer und in materieller Beziehung sieht also das deutsche Volk seine düstersten Träume durch die rauhe Wirklichkeit, seitdem es „erwacht" ist, unheilvoll übertroffen. Dafür wird die Welt allerdings durch so manchen Lichtblick auf die moralische Entwicklung der deutschen Seele unter dem siegreichen Panier des Hakenkreuzes erfreulich entschädigt. Sehr fraglich ist es jedoch, ob auch die Nazibonzen über die Art dieser „Entschädigung" erbaut sind. Denn es zeigt sich, daß gerade die. markantesten Beispiele der vom Nationalsozialismus bewirkten Charaktergröße einzelner deutscher Männer und Frauen n i c h t i m Einklang, sondern in heftigster Opposition zur herrschenden Geistesrichtung zutage getreten sind. Zunächst waren es die christlichen Theologen beider Kirchen, die mit Ein- AMHITIEOTAti gedenket der toten MUTTER Dqgienlsdics IJill,III!!lil!IIIIIII!lilll KflniüsHcm Man achte auf die ^ct, ttesdl. Navke „HYQ1EM. KÖNIGS1ICHT' und Name Schalz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasse 3 Telephon R 33*1-87 Erhältlich in allen einschlägigen besseren Geschäften werde, meine Tage sind gezählt, das ist ja des Menschen Los, es werden wahrscheinlich nicht viele Jahre vergehen und ich werde nicht mehr an einem Tische mit Ihnen zusammensitzen, aber die wenigen Jahre, die mir vielleicht noch beschieden sind, die werden verschönt bleiben durch den Rückblick aui mein Leben, sie werden verschönt sein durch manche Anerkennung, durch manche Freundschaft, durch manche Treue, die ich um meiner Lebensarbeit willen geiunden habe. Ich möchte jedem von Ihnen die Hand drücken zum Zeichen des Dankes und ich tue es mit Worten, die vom Herzen kommen und — Worte, die vom Herzen kommen, die gehen zum Herzen. Dies erwarte ich von limen allen. Wenn ich heute meinen Abschied von Ihnen vorbereite, so ist nicht gemeint, daß ich mich von Ihnen trenne. Ich trete nur zurück von der Führung, zurück von der Leitung. Ich will eben nur mehr ein Soldat in der „Union" sein, ein Soldat, der auch aui diesem Platze seine Pflicht eriüllen wird. So ruie ich Ihnen heute kein Lebewohl zu, ich scheide nicht von Ihnen, ich bleibe in Ihren Reihen und werde in Ihre Mitte immer wieder kommen, so oft es mir möglich ist. so oft mein Alter es mir erlaubt, das mir nun gebietet, die Leitung in andere Hände zu legen. Aber der „Union" werde ich die Treue bewahren, ich werde sein, was ich bis heute war: Ein treuer Diener des „Unions"- Gedankens, ein treuer Diener des Volkes, dem wir alle entsprossen sind. Dieser prachtvollen Rede unseres Präsidenten, die wiederholt von lebhaften Zustimmung- und Beifallskundgebungen unterbrochen wurde, folgten langandauernde begeisterte Ovationen als ein Zeichen der Treue, Liebe und des Dankes der Versammelten für ihren Führer und Lehrer Dr. Ornstein. Dritten Reiche. satz ihrer Stellungen, ja ihrer leiblichen Freiheit und Gesundheit ihre Treue zu den vom Nationalsozialismus bedrohten jüdischen Grundlagen ihres Glaubens bekundeten und so einen Heldenmut bewiesen, dem die militärisch gedrillten und zu zünftigen Heroen emporgelobten Braunhemdenscharen nichts annähernd Gleichwertiges an die Seite zu stellen haben. Den Priestern folgten die Künstler. Unter diesen wie jenen sind es freilich nur einzelne, die sich moralisch auf der Höhe der Situation zeigen. Denn so wie der Katholik Hitler in dem protestantischen Pfarrer Müller ein willfähriges Werkzeug seiner kirchlichen Reformpläne fand, das er der Mehrheit der evangelischen Geistlichen als Reichsbischof oktroyieren konnte, und so wie auf katholischer Seite dem mutigen Widerspruchsgeist des Erzbischofs von München in der Hitler-Anbiederung seines Amtsbruders von Freiburg ein unerfreuliches Gegenstück erstand, so steht auch im Reiche der Kunst einer kleinen Schar wirklicher Repräsentanten seelischer Größe eine Mehrzahl einst überschätzter, im Moment ernster Prüfung schmählich versagender Opportunisten gegenüber, die wir unseren Lesern schon wiederholt angeprangert haben. Heute benützen wir einen aktuellen Anlaß zur Betrachtung der sympathischeren Kehrseite der Medaille. Dieser Anlaß ist die sensationelle Affäre des berühmten Schauspielerehepaares Bassermann. Der große Tragöde hat die Zumutung, zum ersten Male seit einem Menschenalter ohne seine — jüdische — Gattin aufzutreten, mit dem Austritt aus der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger und der Niederlegung seiner Ehrenmitglied-