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Die Wahrheit · 1934-05-11 · Heft 20 (11.5.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 20 (11.5.1934)
Date
1934-05-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Jahrbuch für Israeliten, Wien 1865/66) schrieb er: „Hier in dieser neuen Judenfrage handelt es sich nicht für den Juden um ein größeres oder geringeres Maß von politischen Rechten, sondern um den ganzen Menschen, um sein innerstes Wesen, um seine weltgeschichtliche Ehre." Und nun fuhr dieser moderne Seher in seinen Auseinandersetzungen und Ratschlägen fort: „Vor allem wird ein Bund geschlossen werden, der für den ersten Moment unglaublich erscheint, aber vermöge der Logik der geschichtlichen Tatsachen nicht austleiben kann. Judentum und Christentum werden nämlich mit vereinten Kräften die naturgeschichtliche Feme der Semiten bekämpfen, da beide bei dieser Judenfrage gleichmäßig engagiert sind. Denn diejenigen einseitigen Lobredner der Arier und parteiischen Darsteller des Semitismus, welche das Judentum als Produkt eines untergeordneten Stammes angreifen, schonen auch nicht das Christentum, und während sie „den Gott der Juden" entthronen, reißen sie auch das himmlische Diadem von der Stirne dessen, welchen die Christgläut igen anbeten." Die Judenfrage war und ist auch jetzt nichts anderes als das Problem der Erhaltung des Schwachen neben dem Starken, der alle Diskreditierung und Diffamierung völkischer, religiöser, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art als Waffe benützt und Ein Mitarbeiter des „Morgen" hatte Gelegenheit, mit dem neugewählten Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Rechtsanwalt Doktor Josef Ticho, über sein Aktionsprogramm zu sprechen. Dr. Ticho erklärte dem Interviewer: „Für mich ist das Judentum Religion. Ohne Religion gibt es kein Judentum. Ich bin daher ein unbedingter Gegner jeder Konfessionslosigkeit. Ich erblicke in der Kultusgemeinde im Grunde des Gesetzes vom Jahre 1890 die Zusammenfassung aller Juden, damit autonom für die Befriedigung aller religiösen Bedürfnisse der Judenschaft gesorgt werden könne. Das ist der Aufgabenkreis der Kultusgemeinde; wenn sie über diesen ihr gesetzlich eingeräumten Wirkungskreis hinaustritt, betritt sie ein ihr fremdes Gebiet. Jeder Jude, auch derjenige, der der strengsten Observanz angehört, muß sich in der Kultusgemeinde wohlfühlen. Ich trete für die konservative Führung im Sinne unserer alten jüdischen Tradition ein. Wir wollen von unseren christlichen Mitbürgern, von denen wir uns lediglich durch selbst die Untergrabung uud Unterwühlung des Bodens des eigenen christlichen Glaubens nicht scheut, um das Objekt seines Angriffes sturmreif zu machen. Welche Lösung wäre demnach für die Judenfrage der Gegenwart vorzuschlagen? — Aufgabe ailer rechtlich denkenden Menschen, also auch jener, denen ihr Christentum nicht bloßes Lippenwerk bildet, und somit der führenden katholischen und evangelischen Persönlichkeiten ist es, sich selbst und die auf ihre Worte lauschenden Volksmassen nicht durch Diskussionen, Disputationen oder verlockende Beeinträchtigungen des ethischen Wertes des Judentums irrezuführen, sondern mit den Gekränkten und Bedrängten einen Bund zu schließen, um durch das Zusammenstehen eine geistige Macht hervorzurufen, an deren Mauer der Haß abprallen muß, und so die Judenfrage jener Lösung in Ehren zuzuführen, die in dem Bibelvers enthalten ist: „Fürchte nicht, Würrachen Jakob, Häuflein Israel, ich helfe dir, spricht , Adonai und dein Erlöser, der Heilige Israels" (Jesaia 41/14). die Religion unterscheiden, als vaterlandstreue Bürger dieses Staates, an dessen Aufbau wir gleichberechtigt und gleich verpflichtet mitarbeiten, angesehen werden. Die Union österreichischer Juden, der ich angehöre, steht unentwegt seit Jahrzehnten auf dem Standpunkt positiver religiöser Einstellung und unbedingter Hingabe an das Vaterland Oesterreich als Heimat, mit deren Boden und Geschichte die Juden seit mehr als einem Jahrtausend verwurzelt sind." Konzertdirektion OSKAR GRONNER (Kartenzentrale) I., Graben 28 Montag, den 14. Mai 1934, präzise V«8 Uhr abds - T Kleiner'i^Dnzerthatrasaal Vortragsabend Margarethe Bach Mitwirkend: Carla Zinner Karten in der KartenzentraleOskar Gronner, Wien I.. Graben 28, Tel. ü 22-4-45. Geöffnet von 9 bis 19 Uhr «■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■Ql ■ Neaeröffnniig!3S I iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiii ■ ■ Pension, Cafö-Restaurant orth.^E^ ■ BAD HALL: Ob.-Österr. (Villa Mayerhofer) 5 Ä- Barschak & Co. f aus Wien II., Gr. Schiffgasse 3 ■ Telephon A 46-4-39 ■ Das Unternehmen steht unter Auf- 5 sieht Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Babad 5 Eine Emigranten-Tragödie. In Prag ist Freitag abend der aus Deutschland emigrierte 48jährige Breslauer Rechtsanwalt Dr. Ludwig F ö r d e r bei einem Spaziergang in Begleitung seiner Frau ohnmächtig zusammengebrochen. Er wurde von der Rettungsstation in das nahegelegene Polizeikommissariat gebracht und dort wieder zum Bewußtsein gerufen. Der Polizeäarzt stellte jedoch fest, daß nicht nur Dr. Förder, sondern auch seine Frau Zeichen einer plötzlichen geistigen Störung zeigen und ließ das Ehepaar in eine Nervenheilanstalt einliefern. Die Mitteilung über die Einlieferung von Dr. Förder und Gattin in eine Nervenheilanstalt hat in den Kreisen der Prager jüdischen Emigration, zu deren prominentesten Persönlichketten Doktor Förder zählt, aber auch in den Kreisen der Prager jüdischen Gesellschaft Erschütterung hervorgerufen. Wie wir erfahren, handelt es sich bei dem Ehepaar nicht um geistige Störung, sondern um einen Nervenzusammenbruch; seine zahlreichen Freunde hoffen, daß Dr. Förder und Frau bald wiederhergestellt sein werden. Doktor Förder galt im deutschen Judentum als eine Führerpersönlichkeit von hohen Qualitäten. Innerhalb des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dessen Hauptvorstand er angehörte, führte er jahrelang die Opposition, die für eine Zusammenarbeit mit der Jewish Agency im praktischen Aufbau Pialästinas eintrat. Als einer der hervorragendsten deutschen Strafverteidiger trat er in mehreren großen politischen Prozessen, so u. a. in dem berühmten Schweidnitzer Reichsbanner-Prozeß, erfolgreich auf. Die Judensehaft und Österreich. Das Programm des neuen Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Dr. Ticho. Feuilleton „Wenn man es nur liest ..." Von Scholem A1 e c h e m. „Scholem Alechem!" „Alechem Scholem!" „Von wo kommen Sie?" „Von Warschau." „Und was sind Sie da?" „Ich bin eine jüdische Zeitung." „Wie heißen Sie?" „Jüdische Volkszeitung. Und Sie, woher kommen Sie?" „Woher soll ich kommen? Aus Jehupez (Kiew)." „Und was sind Sie?" „Was soll ich sein? Ich bin ein jüdischer Schriftsteller." „Wie heißen Sie?" „Scholem Alechem." „Scholem Alechem? Dann gebührt ihnen doch ein Scholem Alechem!" „Alechem Scholem!" „Na, und was machen Sie, Herr Scholem Alechem?" „Was.soll man machen? Man schreibt." „Was schreibt man?" „Was so!! man schreiben? Was man sieht, das schreibt man." „Und was haten Sie von Ihrem Schreiben, das Sie da schreiben?" „Was soll man davon haben? Leiden hat man, Bauchschmerzen. Herzattacken. Schimpf und Schande. Angstzustände, Ohnmächte ..." „Ist das alles?" „Ihnen vielleicht nicht genug?" „Ich meine . . ." „Ansehen und Ehre? 0 — maßlos viel. Kein Schriftsteller auf der Welt genießt so viel Ehrungen wie ein jüdischer Dichter." „Meinen Sie das tsnst?" „Was denn sonst? Im Spaß vielleicht? Gucken Sie sich nur einmal an, was bei uns auf unseren Jubiläen alles los ist: Glückwünsche von Verehrern, von heißen Verehrern und einfach so von treuen Lesern überströmen einen geradezu. Sie kommen von der ganzen Welt: Von Kasrilenke, von Tuneiadewke, von Tetrewez, von Scholesch-Sudes'schok und woher nicht? Und dann die Berichte über Jubiläumsfeiern, die der Schriftsteller selbst den Zeitungen gibt! Und die Morgenfeiern und die Bankette und die Toaste! Und dann die Baumspenden, die dabei für die Arbeiter in Palästina gegeben werden!" „Nein, nicht das meinte ich, ich meinte . . ." „Verdienst? Geld? Soviel Sie wollen. Wenn man ein bißchen Zeit hat und kann nebenher noch Lehrer sein oder Kramer oder Makler oder Heiratsvermittler oder einfach so ein Unterstützungsempfänger, und wenn man dabei noch ein bißchen von Haus zu Haus gehen kann, für die Drucklegung seines Buches sammeln . . . was meinen Sie. ein jüdischer Schriftsteller — ist doch keine Kleinigkeit. Ein jüdischer Schriftsteller ist ein gesicherter Mensch." „Was soll das heißen: gesichert?" „Nun, er ist sicher vor beiden Welten, vor dieser und der künftigen. Er ist sicher davor, Brot zu haben, gesund zu sein, gute Freunde zu haben, Frauen und Kinder usw." „Mir scheint. Herr Scholem Alechem. Sie reden schon nur noch mit Galgenhumor und mit Galle. Lassen Sie das. Es paßt nicht für einen jüdischen Dichter, der für das Volk schreibt, so auf die Juden zu schimpfen. Ein Jude muß im Gegenteil mit allem vorlieb nehmen und dreimal am Tage sagen . . . Garn su Ietowa? *— .Auch dies zum Guten?" „Natürlich. Denn was wäre, wenn wir auch das nicht einmal hätten? Wie hätten wir vor der Welt ausgesehen, wenn wir auch noch dies einzige Umkleidungsstück fortgeworfen hätten? Haben wir denn irgend etwas anderes, womit wir uns sehen lassen könnten, als eben unsere Literatur?" „Sie mögen vielleicht recht haben." „Was heißt vielleicht? Sicher! Aber wollen wir lieber von fröhlicheren Dingen sprechen." „Davon, wann ich Jahrzeit habe?" „Nein, nicht das. Ich habe da eine kleine . . ." „Eine kleine Bitte? Soll wohl irgend jemanden in der Zeitung lächerlich machen?" „Gott behüte! Ich habe da für Sie ein kleines Geschäft." „Eine Partie?" „Nein . . . und vielleicht doch, vielleicht wirklich eine Partie." „Wer ist der Junge und wer ist das Mädchen?" „Er ist aus Jehupez und sie aus Warschau." „Ein bißchen weit. Wie heißen sie?" „Sie heißt .Jüdische Volkszeitung' und er — Scholem Alechem. Na, gefällt Ihnen die Partie?" „Kein schlechter Gedanke, wenn_nur . . ." „Wenn nur — was?" „Gar nichts." „Reden Sie doch keine halben Sätze. Ich kann das nicht leiden. Sagen Sie, was Sie drückt!" „Was soll mich drücken?" „Ich will, da ich eine jüdische Zeitung bin und Sie ein jüdischer Dichtet* daß Sie schreiben und ich drucke." „Was soll ich schreiben?" „Feuilletons, zum Lachen." „Lachen? Ich möchte lieber weinen." ..Gut, gut. Sie können ruhig weinen, die Hauptsache — daß die Leser lachen. „Verstehen Sie?" „Ich verstehe. Warum soll ich nicht verstehen? Sie wollen, daß ich mich verstelle, zum Bajazzo mache, zum Purimspieler, zum Piccolo, zum Hanswurst, nur um das Publikum beim Lachen zu halten." „Aber. Wer redet denn von Bajazzo und Purimspieler und Hanswurst? Ich möchte nur gern, daß Sie schreiben, was eine Spitze hat oder ein Spitzchen, mal streichelt und mal sticht, kurz, daß es den Leuten gefällt. Und dann will ich, daß Sie mit unseren Jüdchen sich ein tißchen aussprechen, so in ihrer Sprache. Daß Sie ihnen sagen, sie seien solche und solche und wiederum anderseits sone und sone . . . Das heißt: Sie sollen ihnen das Leben verkürzen, aber nobel, fein, vornehm. Verstehen Sie?" „Ich verstehe. Warum soll ich nicht verstehen? Sie wollen, daß ich mit ihnen das spiele, was man Katz und Maus nennt? . . . Meinetwegen, warum nicht, wenn nur . . ." „Wenn was?" „Gar nichts." „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich halbe Sätze nicht leiden kann. Reden Sie doch, was drückt Sie?" „Wer hat Ihnen gesagt, daß mich etwas drückt? Fällt mir gar nicht ein. Kurz, und was wollen Sie noch?" „Ja, und dann möchte ich, daß Sie ihnen Schilderungen geben." „Zum Gähnen?" „Nein, ich meine, Geschichten erzählen . . ." „Damit sie leichter einschlafen?" „Nein. Ich möchte, daß Sie einen großen Roman

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