Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 20 (11.5.1934)
- Date
- 1934-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis (fieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die tÜanrhcit In Deutschland verboten E .«« »»' Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgememde Wien iimumnnuuuiniiiniiitiiiiiiMiiHiinHniiiuiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiJt Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 SO. Jahrgang Wien, 11. Mal 1934 Nummer 2a Worin besteht die Juden frage? Rasiere Dkh gut und billig Eine Betrachtung. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Der Stellungnahme zu diesem gewaltigen Problem, das gegenwärtig Freund und Feind in Atem hält und viele Schriften hervorgerufen hat, müßte zunächst die Beantwortung zweier Hauptfragen vorangehen. Die eine lautet: Ist der Judenhaß inhärent, wie dies mancher unserer Feinde (Lagarde) behauptet, d. h. wohnt die Veranlassung zur Feindschaft biologisch dem Judentum inne gleichwie bestimmte Eigenschaften gewissen Chemikalien anhaften, so daß, wo der Jude erscheint, sich gegen ihn von selbst Animosität regt. Ein Gang durch die Geschichte könnte uns darüber am besten Aufschluß geben. Diese besagt, daß viele der hervorragendsten Herrscher, die zugleich geistige und schöpferische Exponenten ihrer Lander gewesen sind, dem Judentum und der Judenheit Sympathien entgegenbrachten. So Cyrus, der Begründer des gewaltigen persischen Staates, Alexander der Große, der Schöpfer des mazedonischen Weltreiches, Julius Cäsar, der Inaugurator einer neuen Epoche, Karl der Große, Oliver Cromwell, Napoleon. Sie alle behandelten Juden und Judentum wohlwollend, was kaum der Fall gewesen wäre, wenn sie in denselben auf eine Haß hervorrufende Wesensart gestoßen wären. Bezeichnenderweise waren alle obgenannten geistigen und politischen Giganten — arischen Ursprungs und das Judentum, außer etwa zur Zeit Cyrus, bereits talmudisch eingestellt. Nun kann der Einwand erhoben werden, daß es möglicherweise einzelne Personen gewesen seien, die, durch irgendwelche egoistischen Interessen beeinflußt, mit den Juden gerne in Kontakt standen, daß aber die Volksmassen sich immer abweisend gegen das Judentum verhalten hätten. Auch gegen diese Vermutung sprechen die Zeugnisse der Geschichte. Die Juden haben nie eine Mission ausgeübt, noch weniger hat das Judentum Versuche unternommen, mit dem Schwerte Völker zu seinem Glauben zu bekehren, und dennoch sind sichere Fälle vorhanden, die für die Anziehungskraft der jüdischen Lehre und des jüdischen Wesens aussagen. Im talmudischen Zeitalter war es die assyrische Provinz Adiabene, die den jüdischen Glauben annahm. Knapp vor der Entstehung des Christentums war die Küste des Mittelländischen Meeres von jüdischen Gemeinden besät, deren Mitglieder zahlreich aus dem Heidentum hervorgegangen waren und sich zur jüdischen Lehre bekehrt hatten. Im 5. und 6. Jahrhundert sind in Arabien viele heidnische Stämme zum Judentum 4^ VERWALTUNGEN SÄTZE — HYPOTHEKEN ^fr» KÄUFE - VERKÄUFE SZILAGYI BEH. ABT. SENSAL IX«, ROTEN LÖWEN G. 3 TEL. A 10-5-69 übergetreten. Im 8. Jahrhundert nahm das große Tatarenvolk am Schwarzen und Kaspischen Meere, die Chasaren, die jüdische Lehre an, und schließlich entstand selbst im vorigen Jahrhundert in Ungarn, Polen und Rumänien die Bewegung der Sabbatianer; ein Beweis, daß das Judentum seine Anziehungskraft auf christliche und rein arische Kreise auszuüben vermag. Ist somit die Frage, ob das Judentum als solches Haß hervorruft, bestimmt negierend zubeantworten, so drängt sich nunmehr die zweite Frage auf, ob das Judentum allein der Gegenstand der Verfolgung gewesen ist? Auf diesem Gebiete kann uns eine völkerpsychologische Untersuchung Dienste leisten. Tatsächlich kann über die Beziehungen der Menschen, Völker und Staaten untereinander seit Urbeginn der Satz gelten: Homo homini lupus. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf"', oder um es präziser zu fassen: die Menschheit wird vom odium alieni, von dem Haß gegen das Andere, beeinflußt. In der vorgeschichtlichen Zeit kämpfte ein Klan gegen den anderen ohne Rücksicht darauf, ob sie beide demselben Volke, demselben Lande angehörten. Später ergaben sich besondere differentiae speeificae, die den Haß hervorriefen und schürten. Im Mittelalter bis über die Schwelle der Neuzeit hinein waren sie zumeist religiöser Art. Der Dreißigjährige Krieg, der Völker derselben Art und oft derselben Sprache im Kampfe gegeneinander zur Schlachtbank führte und Deutschland fast in eine Wüste verwandelte, war die lodernde Fackel des Menschenhasses, an minimalen Unterschieden ritueller Natur entzündet, gleichwie die Scheiterhaufen gegen Juden und Ketzer ohne besonders zwingenden Grund ad majorem dei gloriam errichtet wurden. Dieser Haß gegen das Andersgeartete bezähmte nicht selten sich selber, wenn er auf eine gleich starke, wenn nicht gar stärkere Kraft gestoßen ist. Als im Jahre 1391 in Aragonien (Spanien) die blutigen Judenverfolgungen überhand nahmen und sich die aufgestachelte Volkswut gegen die im Lande vorhandenen arabischen Ungläubigen wenden wollte, wurden die Führer aufmerksam gemacht, daß die Mohammedaner in Südspanien und Marokko an ihren christlichen Mitbewohnern Rache nehmen könnten. Der Angriff gegen die Araber unterblieb, aber um so stärker tobte er sich gegen die ohnmächtigen Juden aus. Um einen Sprung aus dem mittelalterlichen Spanien in das heutige Deutschland zu unternehmen, sei darauf hingewiesen, daß, als das Hitler-System die Farbigen diffamiert hatte und — nach den Meldungen der Zeitungen — der japanische Botschafter in Berlin dagegen Stellung nahm, die arischen Gewalthaber in einer Erklärung den Rückzug antraten, ohne dies aber gegen das schwache Judentum tun zu wollen. Die Judenfrage ist demgemäß eine allgemein menschliche Frage der Schwachen, Wehrlosen, Ohnmächtigen, das Problem des „locus minoris resistentiae" im Verhalten der Individuen und Körper- OcstenrclcMsdics Qualität* raDrlkat Ueberau erhältlich Schäften zueinander, oder wie der Talmud meint: Fällt der Stein auf den irdenen Topf, zerbricht der Topf; fällt der Topf auf den Stein, zerbricht wieder der Topf. So erging es den Hugenotten in Frankreich, den Albigensern in Norditalien, den Katholiken in England unter Heinrich VIII., den „Altgläubigen" in Rußland, den Parsen in Persien. Schutz der religiös oder ethnisch Schwachen ist die Forderung der Menschheit und Menschlichkeit vom höheren Standpunkte aus, ebenso wie die Natur in Fauna und Flora die Variation und keine Totalität gelten läßt. Der Jesuitenpater Bela B a n g h a hat im Rahmen der „Berichte zur Kultur- und Zeitgeschichte" eine umfangreiche Broschüre veröffentlicht: „Klärung in der Judenirage". an diese schließen sich zwei kurze Aeußerungen von Oskar Trebitsch und Paul Kris an. Das Buch des Jesuitenpaters zeichnet sich durch besondere Gediegenheit aus und auch ein Tropren Wohlwollen ist in dem Wermutsbecher enthalten, der dem zeitgenössischen Judentum gereicht wird. Doch kann der Ausruf nicht unterdrückt werden: Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus. Die weit ausgreifenden Darbietungen des geistig hochstehenden Mannes leiten hinüber zum „Weg zur Lösung der Judenirage". und zwar in seinem Sinne* d. h. zum Abfalle. Dieser „Weg" war und ist für das Judentum ungangbar und der altneue Vorschlag zeigt bei aller Fülle des Wissens und der blendenden stilistischen Ausnützung desselben eine — sit venia verbo — derart verzerrte, schieie Einstellung zu den geschichtlichen Geschehnissen, daß sich wohl jede Diskussion erübrigt. Hat der Herr Veriasser nie vom Schicksal der Marrannen in Spanien gehört? Weiß er denn nicht, wohin die von ihm gewünschte Abschwenkung der Juden mündet und welcher Wert dem Renegatentume innewohnt? Dem Herrn Veriasser diene in dieser Hinsicht ein Ausspruch eines spanischen Königs, der in einer hebräischen Chronik (Schebet Jehuda) angeführt wird. Auf die Bitte eines Mönches, die Taufe der Juden in seinem Lande zu veranlassen, meinte dieser Herrscher, daß er dreierlei Wasser für verloren halte: das Wasser, das in das Meer gegossen wird, das Meer wird nicht größer, das Wasser, das in den Wein geschüttet wird, der Wein wird nicht tesser, und das Wasser, mit dem der Jude getauft wird, der Jude wird nicht anders. Gilt dieser weise Ausspruch nicht noch weit mehr für unsere Zeit, in der die differentia specifica die Rasse ist. in der der Rassenübermut sich austobt und selbst den Ursprung des Christentums in den Bereich seines Hasses hineinzuziehen versucht? Was soll die Wassertaufe, wenn ein Blutrausch den Feinden die Besinnung nimmt, und was soll das feige Laufen der Charakterlosen unter das Dach der Kirche, wenn diese selbst in den Grundfesten erschüttert wird? Vielleicht dart jetzt eine Rückerinnerung an den großen Prediger der Wiener Kultusgemeinde Dr. Adolf J e 11 i n e k wachgerufen werden. Dieser, von seinen Zeitgenossen wegen seines weit ausschauenden Blickes und seiner die Menschen tief ergreifenden Eloquenz fast als Prophet bewundert, hatte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Gefahren des damals entstandenen Rassenantisemitismus sofort erkannt (vgl. mein Buch: Dr. Adolf Jellinek, Sein Leben und Schaffen, Seite 112 ff.). In einer Abhandlung „Eine neue J u d e n f r a g e" (abgedruckt in dem