Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-05-04 · Heft 19 (4.5.1934) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 19 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064522--19750-3084920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sote 6 DiE WAHRHEIT Die „Union", das sehen auch heute breite zionistische Kreise ein, hat ihre guten Gründe, wenn sie gerade in der heutigen Zeit mit ihren bekannten Strömungen und Tendenzen die Kultusgemeinde als religiöse Institution erhalten sehen will und dem systematischen Hinarbeiten nach Konstituierung einer Volksgemeinde widerstrebt. Unsere jüdischnationalen Freunde kennen sehr genau seit Jahr und Tag unsere Einstellung zur Frage des Volkstums und sie wissen, daß die Unionisten, die auf religiösem Boden stehen, es mit ihrem Zugehörigkeitsgefüh] zum jüdischen Volke mit gar manchem, dem das nationale Bekenntnis nur ein reines politisches Lippenbekenntnis ist, aufnehmen können. Die jüdischnationale Landespolitik allerdings, ob sie nun von einer eigenen jüdischen Volkspartei oder vom Zionistischen Landeskomitee betrieben wird, widerspricht unserer Grundeinstellung zum Staate und zu unseren andersgläubigen Mitbürgern. Daß sie auch überdies geeignet ist, der jüdischen Gesamtheit überflüssige Nachteile zuzufügen, wird nachgerade zu einer Binsenwahrheit. Der Völkerbund und die deutschen Juden. Das „Comite des Delegations Jui- .ves", Paris, hat soeben eine 46 Druckseiten umfassende Broschüre in französischer Sprache unter dem Titeä „La Societe des Natibns et l'opressäon des Juifs en Allemagwe" (Der Völkerbund und die Unterdrückung der Juden in Deutschland) erscheinen, lassen (Verlag: Rousseau et Cie, editeurs, 14 rue Soufflot, Paris Verne). Es handelt sich um ein gründliches juridisches Studium der Rechte und der Pflichten des Völkerbundes zu einem Eingreifen in der Frage des Schutzes der deutschen Juden vor den im Hitler-Deutschland gegen sie ausgelösten Verfolgungen und Entrechtungen. Im ersten Kapitel legt die Broschüre an Hand von zahlreichen Zitaten die Politik Deutschlands dar, die es in der Minderheitemschutzfrage bis zum Regierungsantritt Hitlers traditionell sowohl außerhalb wie auch innerhalb des Völkerbundes befolgt und insbesondere proklamiert hat. Besonders lehrreich sind hier die Zitate aller Vertreter der deutschen Außenpolitik, angefangen von der Friedenskonferenz bis zu den Zeiten Stresemanns, Curtius' und selbst des jetzigen Außenministers; von' Neurath im Jahre 1932. Im zweiten Kapitel beschäftigt sich die Broschüre mit der Frage, wie der Völkerbund als Verteidiger der „Nichtarier" in Deutschland auftreten kann, und beweist durch solide juridische Argumente, daß Artikel 11, Absatz 2, der Völkerbundsatzung hierzu die geeignetste und rechtlich am besten fundierte Handhabe bietet. Doppelspiel. Das nationalliberale Unterhausmitglied für East Edinburgh, D. M. M a s o n, erklärte in eätier Versammlung vor seinen Wählern, er habe während seines kürzlichen Besuches in Deutschland mit führenden deutschen Autoritäten die deutsche Judenfrage erörtert, dabei wurde ihm die Versicherung gegeben, daß der antijüdische Kreuzzug in Deutschland nicht weiter fortgesetzt werden wird. Das Auswärtige Amt des sch w ei zerischem Bundesstaates hat soeben einen Bericht für das Jahr 1933 herausgegeben, in dem u. a. mitgeteilt wird, die schweizerische Gesandtschaft in Berlin habe bei der deutschen Regierung gegen die Entrechtung Schweizer Bürger jüdischen Glaubens in Deutschland Einspruch erhoben und dabei gefordert, daß die zwischen Deutschland und der Schweiz getroffenen, auf Gegenseitigkeit beruhenden Abmachungen auf alle in Deutschland wohnenden Schweizer Bürger ohne jeden Unterschied angewendet werden müssen. In dem Bericht des schweizerischen Außenamtes wird erklärt dieser Schritt bei' der deutschen Regierung ■sei notwendig geworden, weil die deutschen Maßnahmen zur unterschiedlichen Behandlung von ..Nichtsriern" auch auf Schweizer Bürger jüdischer Abstammung angewandt worden waren. Die gesamte deutsche Presse, das Organ des Reichskanzlers Hitler „Völkischer Beobachter" mitinbegriffen, gibt den Bericht des schweizerischen Außenamtes über die deutsch-schweizerischen Beziehungen wieder, erwähnt aber — offenbar auf Kommando von oben her — den Schritt der schweizerischen Regierung gegen die Entrechtung Schweizer Staatsbürger jüdischer Abstammung mit keinem Wort. Diese Meldungen aus London und aus Genf bezeugen wiederum das bewußte Doppelspiel der verantwortlichen Stellen in Deutschland, die nach außen hin immer erneut Versicherungen abgeben, daß den Juden in Deutschland nicht mehr Schlimmes geschieht, während den „Volksgenossen" im lnlande diese Versicherungen verschwiegen werden. In Wirklichkeit wird nicht aHein den judenfeindlichen Kräften freier Spielraum gewährt, sondern von den obersten Regierungsstellen selbst wird die Entrechtung und D epossedie rung der Juden unentwegt weiter betrieben, wie dies der letzte Erlaß des Kultusministers Dr. Rust über die Fernhaltung jüdischer Kinder von den mittleren und höheren Schulen und zahlreiche andere neue Erlässe untergeordneter Behörden, sowie Urteile der Gerichte bezeugen. Die Schreckensherrschaft in Stettin. Wie erinnerlich, wurden vor kurzem in Stettin mehrere SA-Leute auf Veranlassung des Ministerpräsidenten Göring verhaftet und dann wegen Gef angenenmißhandlung zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Das Eingreifen Görings geschah auf Intervention des Feldmarschalls Mackensen, der sich darüber beklagte, daß führende Deutschnationale und Stahlhelmer von SA-Leuten verhaftet und erpreßt wurden. Erst bei dem Prozeß kam es heraus, daß auch mehrere hochangesehene jüdische Bürger verhaftet und gemartert wurden und nur durch ein hohes Lösegeld sich loskaufen konnten. Zu diesen jüdischen Bürgern gehörten — wie jetzt von zuverlässiger Quelle mitgeteilt wird (über den Verlauf des geheim geführten Prozesses durften bekanntlich die Zeitungen nichts berichten) — der weit über Stettin und Deutschland hinaus bekannte, über 80 Jahre alte Großreedereibesitzer Wilhelm Kunstmann, der sich um das deutsche Reederei- und Schiffbauwesen tinvergängliche Verdienste erworben hat. Der auch von seinen christlichen Mitbürgern, hoch geachtete Greis wurde von SA-Leuten brutal aus seinem Hause geschleppt und schwer mißhandelt. Kurz nachdem er -r— offenbar nach ^Leistung eines. Lösegeldes — aus dersHaft entlassen würde, verstarb er an den Folgen der erlittenen Aufregungen und schweren Mißhandlungen. Ungefähr in der gleichen Zeit begab sich ein leitender Angestellter des international bekannten Stettiner Speditionsgeschäftes Cohrs & Amme, namens H e imann, ins Braune Haus zu Stettin, um in einer Denunziationsangelegenheit eines bekannten Juden zu intervenieren. Heimann wurde eine Reihe von Tagen dort behalten und gefoltert, obwohl er im Felde Offizier war und schwer verwundet wurde. Als man ihn wegen seiner schweren Verletzungen nicht mehr dort behalten konnte, ließ man ihn einen Revers unterschreiben, daß er einen Unfall erlitten habe, und transportierte ihn ins Krankenhaus, wo die Aerzte verschiedene Knochenbrüche, schwere innere Verletzungen und so schwere Gesichtsverletzungen feststellten, daß nach dem Befund der Greifs walder Universitätsklinik langsame, aber ganz sichere Erblindung eintreten wird. Da es sich bei Heihnann um einen prominenten Vertreter der Stettiner Gesellschaft und zugeich um. den Repräsentanten eines Unternehmens von internationaler Bedeutung handelt, erregte der Fall im Zusammenhang mit der Verhaftung Kunstmanns solches Aufsehen vor allem in der Geschäftswelt der an der Ostsee vorherrschenden Reedereien und Speditionsgeschäfte, daß der Regierung nichts anderes übrig blieb, als auch diese „jüdischen" Fälle zur Verurteilung der SA-Leuten heranzuziehen. Aus der braunen Hölle. Das Berliner Näziblatt „Die Wahrheit" erklärt, daß „der Rückgang der Zahl der jüdischen Anwälte für die arischen Anwälte fühlbare Erfolge kaum gehabt hat", die Zahl der Prozesse habe katastrophal" abgenommen. Dies hänge u. a. mit den Gewohnheiten mancher arischen Anwälte zusammen, die zwar Honorare schleunigst einzuziehen verstehen, es aber mit der Wahrnehmung der Belange ihrer Mandanten nicht so eilig haben. Dies erzeuge, schreibt das Blatt, „Prozeßunlust". Gegen die Entscheidung der Prüfstelle, die dem Film „Männer um eine Frau" wegen der Mitwirkung des amerikanischen Boxers Max B a e r die Zulassung versagte, hatte die Metro-Goldwyn-Filmgesellschaft Beschwerde eingebracht Die Oberprüfstelle hat diese Beschwerde zurückgewiesen und das Verbot aufrechterhalten. Sie hält daran fest daß die Zensur nicht einfach an der Tatsache vorbeigehen konnte, daß das deutsche Volk die Vorführung von Filmen mit jüdischen Hauptdarstellern als eine Provokation empfindet An diese Art Film müsse deshalb ein besonders strenger Maßstab gelegt werden. [»••••»•••••»..p................................................... ■ ■ | Kinder ins Gebirge t [ ■ ■ Das altrenommierte FerienheimWienerbrnck a. iMariazeller : bahn, 800 m Seehöhe, unter LeitungderbekanntenPädagogin ■ Elly Rothwein, nimmt Kinder jm Alter von 3—15 Jahren. 2 ■ Erstklassige Referenzen, mäßige Preise. Anmeldung Kinder- : : heimEllyRotwein,VII.,Mariahilferstr.72/J7,Tel.B36-0-5Z ■ Vorwiegend sei es das Verhältnis des jüdischen Darstellers, der nach Ansicht der Prüfstelle obendrein ein durchaus „negroider Typ" sei, zu den im Film auttretenden nichtjüdischen Frauen, das eine Verletzung des nationalsozialistischen Empfindens enthalte. * Wie die „Frankfurter Zeitung" mitteilt wird in einer Bekanntmachung der Landesbauernschaft Oldenburg darauf hingewiesen, daß die Zionistische Vereinigung in letzter Zeit versucht habe, junge Juden inr landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betrieben unterzubringen mit der Angabe, sie durch einjährige praktische Tätigkeit in solchen Betrieben für die Auswanderung und Ansiedlung in Palästina vorzubereiten. Das oldenburgische Staatsministerium habe es abgelehnt sein Einverständnis zu der Unterbringung von jungen Juden in landwirtschaftlichen Betrieben zu erteilen. Es werde daher die Erwartung ausgesprochen, daß sich keine Gartenbaubetriebe bereit fänden, Juden einzustellen. Die Levante-Messe in Tel Aviv. Im großen Saal des Messerestaurants fand zu> Ehren des High Commissioner von Palästina Sir Arthur Wauchope, der das Protektorat über die Messe übernommen hat, der Leiter der palästinensischen Regierungs-Departements und der ausländischen Delegationen ein Banketti statt In einer Reihe von Ansprachen wurde auf die außerordentliche Bedeutung der Messe für die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas und darüber hinaus für die wirtschaftliche Erschließung des. gesamten Vorderen Orients sowie für den Ausbau der Handelsbeziehungen zwischen diesen Ländern und den; großen europäischen und amerikanischen Märkten hingewiesen. Hierauf nahm High Commissioner Sir Arthur Wauchope in Anwesenheit der offiziellen Delegationen von 24 Staaten und vieler tausender ausländischer Gäste die Eröffnung der Messe vor. Der Beginn der Messe wurde durch das langgezogene Tönen einer aus¬ Schweden gebrachten Riesensirene weithin bekanntgegeben. Vom Stadthaus, wo Bürgermeister Dizengoff einer Abordnung der Messeleitung die Fahne der gleichzeitig das Jubiläum ihres 25jährigen Bestehens feiernden Stadt Tel Aviv übergab, bewegte sich ein imposanter Festzug durch die menschenerfüllten Straßen zum Messegelände, auf dem die Fahne für die Dauer der Ausstellung gehißt wurde. Die diesjährige Messe verspricht, den Erfolg aller früher in Tel Aviv veranstalteten Messen bei weitem zu übertreffen. Die Stadt ist von Messebesuchern aus allen Ländern der Erde überflutet. Sämtliche jüdischen Zeitungen Palästinas haben anläßlich des Messebeginns reichhaltige Sonderausgaben veranstaltet. Angesichts des außerordentlichen Interesses, das die Messe in den maßgebenden Wirtschaftskreisen aller Länder gefunden hat, wird allgemein der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß der von der arabischen Exekutive an ihre. Anhänger soeben erlassene Aufruf, die Messe zu boykottieren, deren Erfolg kaum beeinträchtigen wird. Palästina-Nachrichten. Wie aus Kreisen der Palästinaregierung mitgeteilt wird, sollen mit Rücksicht auf die Ueberfüllung des Aerztestandes in Palästina vom September an neue einschränkende Bestimmungen für die Zulassung zur ärztlichen Praxis in Kraft gesetzt werden. Den neuen Bestimmungen zufolge darf die Zahl neu zuzulassender Aerzte nichtpalästinensischer Staatsangehörigkeit nur 25 Prozent aller neu Zuzulassenden betragen. Diese Bestimmung; erstreckt sich auch auf diejenigen Aerzte, die als Kapitalisten mit einem Eigenkapital von mindestens tausend Pfund einwandern. Da zur Erwerbung der palästinensischen Landesangehörigkeit ein mindestens zweijähriger ununterbrochener Aufenthalt im Lande erforderlich ist, werden somit neu einwandernde Aerzte im allgemeinen zwei Jahre warten müssen, bis sie zur Praxis zugelassen werden. Viele der aus Deutschland eingewanderten jüdischen Aerzte geben in letzter Zeit angesichts des Aerzteüberflusses ihren Beruf auf und wenden sich verschiedenen neuen Berufen, darunter auch der Landarbeit in den Kolonien: und den Kwuzoth, zu. * Der Stadtrat von Tel Aviv hat beschlossen, den bekannten Wiener Industriellen Johann K r emenezky anläßlich seines 85. Geburtstages zum Ehrenbürger zu ernennen. Johann Kremenezky ist auch Ehrenbürger der Stadt Wien. Er ist einer der ersten Mitarbeiter Theodor Herzls und war längere Zeit Präsident des Jüdischen Nationalfonds.. * Der Chef der Palästina-Polizei Major Spicer tritt in einem offiziellen Communique der in der arabischen- Presse aufgestellten tendenziösen Behauptung entgegen, die Kriminalität in Palästina sei mit der Verstärkung der jüdischen Einwanderung gestiegen. An Hand offiziellen statistischen Materials stellt der Polizeibericht dieser Behauptung gegenüber fest, daß die Zahl der Kriminalfälle in Palästina seit 1929 um über 50 Prozent gesunken ist. Während 1929 27.527 Kriminalfälle registriert wurden, waren es 1933 nur noch 12.602.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.