Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 19 (4.5.1934)
- Date
- 1934-05-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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■»IE WAHRHEIT Seite T Israelitischer Festgottesdienst am 1. Mai. Anläßlich des Inkrafttretens der neuen Verfassung fand über Anordnung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien Dienstag, den 1. Mai um halb 10 Uhr vormittags im Seitenstetten-Tempel ein Festgottesdienst statt. Demselben wohnten unter Führung des Präsidenten Dr. Desider Friedmann und der Vizepräsidenten Dr. Josef Löwenherz und Dr. Josef Ticho die Mitglieder des Kultusvorstandes und der Bezirkskommissionen, eine starke Abordnung des „Bundes jüdischer Frontsoldaten" in Uniform unter Führung des Bundesführerstellvertreters Dipl.- Kaufmann S t i a ß n y und des Stabschefs v. Friedmann, die Angestelltenschaft der Kultusgemeinde, ferner in Vertretung des Verbandes der türkischen Israeliten der Präsident H e s k i a mit dem Vizepräsidenten Dr. I. H a i m und dem Vorstandsmitglied Dr. Menasse, sowie eine große Zahl von Gemeindemitgliedern bei. Nach dem vom Oberkantor Fischer mit dem Tempelchore vorgetragenen Ma-Tauwoh und dem Liede „Gepriesen sei die Stunde . . ." hielt Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang eine die Bedeutung des neuen Verfassungswerkes beinhaltende Festrede, die in Glück- und Segenswünschen für dessen Gelingen ausklang. Mit der Absingung der Bundeshymne fand der Gottesdienst seinen Abschluß. Im Neudeggertempel in der Josefstadt hat, wie wir erfahren, tarn gleichen Tage ein solenner Festgottesdienst stattgefunden, dem der Gesamtvorstand unter Führung des Obmannes Komm.- Rat S. Feldmann und zahlreiche Vereinsmitglieder beiwohnten. Erwiderung auf den „Reichspost"-Artikel. Zu dem in der sonntägigen „Reichspost" unter der Ueberschrift „Strömungen und Konflikte in der Wiener Juden schaff veröffentlichten Artikel erhalten wir vom Präsidium der israel. Kultusgemeinde Wien und Herrn Vizepräsidenten Dr. Ornstein folgende Mitteilung: Die veröffentlichte Darstellung ist von Anfang bis zu Ende unrichtig und stellt sich als eine gröbliche Irreführung der „Reichspost" und der mit den tatsächlichen Verhältnissen der Jüdischen Gemeinde nicht vertrauten Leser dar. Nach dem geltenden Statute besitzen die Frauen in der Wiener Kultusgemeinde nicht das passive Wahlrecht. Es hat niemals eine Frau dem Kultusvorstande angehört. Frau Anitta Müller ist daher niemals in den Kultusvcrstand berufen worden und es ist deshalb niemals zu einem Sturm der orthodoxen Judenschaft gekommen. Herr Präsident Dr. Friedmann ist weder ein Schwager noch Sozius des Präsidenten der Rechtsanwaltskammer Dr. Siegfried Kantor, sondern dessen Regiekollege. Herr Dr. Josef Löwenherz gehört dem Präsidium der israel. Kultusgemeinde als Vizepräsident seit Beginn des Jahres 1925 an und übernahm, als Herr Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim bei den Wahlen im Jahre 1932 eine Wiederwahl ablehnte, das Finanzressort. Herr Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick, der bei den letzten Wahlen in den Kultusvorstand gewählt wurde, hat die auf ihn gefallene Wahl nicht angenommen. Die Besetzung sämtlicher Stellen im Präsidium, im Vertreterkollegium und in den Kommissionen erfolgte einhellig. Die Pensionierung von Amtsleitern hat in der laufenden Funktionsperiode den Kultusvorstand überhaupt noch nicht beschäftigt und es ist daher vollkommen unwahr, daß sich Herr Vizepräsident Dr. Ornstein gegen die „zur Nachfolge Ausersehenen" scharf ausgesprochen und den ihm unterschobenen Widerspruch gegen die zu ernennenden Nachfolger mit deren unreligiösem Lebenswandel begründet hat. Herr Vizepräsident Dr. Ornstein muß sich deshalb auch in entschiedener Weise gegen die Behauptung verwahren, daß er mit den von der Jugendgruppe der Agudas Jisroel, mit der er in keinerlei Beziehungen steht, verbreiteten unrichtigen Nachrichten irgendwie in Zusammenhang gebracht wird. Herr Dr. Ornstein ist ein unentwegter Vertreter und Verfechter der Einheitsgemeinde und ein entschiedener Gegner aller Trennungsbestrebungen. Es ist daher eine gröbliche Unwahrheit, daß er die Jugendgruppe der Agudas Jisroel zur Trennung aufgestachelt hat. Unwahr ist ferner, daß der Vizepräsident der „Union" gleichzeitig Vorstandsmitglied der strengreligiösen Synagoge in der Großen Schiffgasse ist. Die Anwesenheit des Herrn Professors Selig B r o d e t z k y, der auf seiner Rückreise von Palästina nach London sich 2 Tage in Wien aufhielt, hatte mit fragen der Kultusgemeinde, den Angelegenheiten der Wiener Judenschaft und den Mandaten in die neu zu schaffenden Vertretungskörper nicht das geringste zu tun. Professor Brodetzky hielt einen öffentlichen Vortrag und eine Pressekonferenz, über welche die meisten Wiener Zeitungen, darunter auch die amtliche Wiener Leitung, berichtet haben. Seine Referate waren ausschließlich Palästina-Fragen gewidmet Ein Vorschlag an die Regierung über die in die Vertretungskörper zu entsendenden Vertreter der israel. ««igionsgesellschaft wurde bisher weder abgefordert noch erstattet. Es konnte daher Herrn Ornstein irgendein Vorwurf, daß er ein Protokoll, nach dem den Zionisten alle Rechte eingeräumt werden sollten, unterschrieben hat, von keiner Seite gemacht werden, und die Erzählung, daß er die Unterschrift eines solchen Protokolles, bzw. einer Eingabe an die Regierung damit zu rechtfertigen gesucht hätte, daß ihm ein Schriftstück unterschoben wurde, welches er infolge seines Augenleidens versehentlich unterfertigt hat, ist eine glatte Erfindung. Er wurde daher auch von keiner Seite zu einer Rechtfertigung aufgefordert. Das Präsidium, einschließlich des Herrn Vizepräsidenten Dr. Ornstein, weisen mit Entrüstung die Zumutung zurück, daß das Augenleiden des Herrn Ornstein dazu ausgenützt wurde, ihm irgendein Schrittstück zu unterschieben und ihm auf diese Weise eine Unterschrift abzulisten. Es ist unrichtig, daß Herr Professor Moses Rath zum Oberinspektor des Religionsunterrichtes und Herr Ludwig Bato zum Direktor des Friedhofamtes bestellt wurden, und Herr Vizepräsident Dr. Ornstein konnte infolgedessen auch in diesen Fällen nicht in die Lage kommen, die angeblichen Ernennungen, für welche übrigens die Beschlußfassung des Gesamtvorstandes erforderlich wäre und die nicht in die Kompetenz des Präsidiums fallen, durch seine Unterschrift zu genehmigen. Die Behauptung, daß Herr Vizepräsident Doktor Ornstein seine Klubmitglieder zur Verhinderung „dieser Ernennungen" angeeifert hätte, ist daher ebenso unrichtig, wie alle sonstigen Angaben des Artikels. Die Jüdische Gefährdetenfürsorge". Anläßlich . des Rücktrittes des um die österreichische Judenschaft so hochverdienten Dr. Jakob Ornstein aus dem Präsidium der Wiener Kultusgemernde, sei daraui verwiesen, daß zu den vielen Schöpfungen dieses unermüdlichen Arbeiters für die jüdische Sache auch die Fürsorge für jüdische Strafgefangene und Insassen der Irrenhäuser, die in der Kultusgemeinde unter dem Namen „Jüdische Gefährdetenfürsorge" zusammengefaßt ist, gehört. Wie wichtig speziell die jüdische Gefangenenfürsorge ist. beweist der Umstand, daß unter den einmal Gestrauchelten perzentuell sehr wenig Rückfälle zu verzeichnen sind. Unter mehreren tausend Sträflingen gibt es in Oesterreich durchschnittlich 80 bis 100 Juden, perzentuell im Verhältnis zum österreichischen Judentum eine kleine Anzahl. Diese Sträilinge, die zumeist eine Strafe von mehr als sechs Monaten zu verbüßen haben, sind in der Strafanstalt Stein an der Donau in Haft. StenT" Schul- und Erziehungsanstalt Wien F., Werdertorg. 12. Tel. U 28-1-97 Schuldirektion: Malvine Friedmann VOlhSSdlUle für Knaben und Mädchen. 9 Uhr Schulbeginn. Öffentlichkeits-Recht. naapfSChale mit(nach Wahl) Franz.. Engl., Latein Hebraisdie Spradihurse rormildoDitskiirse — BeralsansMIdonil Sprachen, Handelst., Kunstgewerbe. Tagesheim Großer Garten Internat. Musik — Sport Diese Konzentration ermöglicht es der Gefährdetentürsorge der Wiener Kultusgemeinde, die vor zirka 10 Jahren von Dr. Ornstein ins Leben gerufen wurde, für das leibliche und seelische Wohl der Häftlinge zu sorgen. Exponent dieser Fürsorge ist Rabbiner Professor Dr. Karl Kupfer, der das Amt seit ihrer Gründung versieht. Durch wöchentlich abgehaltene Gottesdienste steht er immer mit den Sträflingen in Verbindung. Aber damit ist für Herrn Prof. Kupfer wohl die offizielle, jedoch nicht die menschliche Pflicht getan. Er sieht in dem Sträfling den Menschen und Juden und versucht, ihm über die Zeit des Unglücks hinwegzuhelfen. Die Bedeutung dieser Gottesdienste für den von aller Welt abgesperrten Häftling ist leicht ermeßbar. Sie stärkt das moralische Selbstgefühl und schafft gleichzeitig den Kontakt mit der jüdischen Außenwelt durch diese Bande gemeinsamen religiösen Empfindens. Das Bewußtsein des Sträflings, nicht Ausgestoßener zu sein, dem die Rückkehr in das Heim und in die Gesellschaft offen steht, ist Dank für diese Bemühung. Auch heuer zur Pessachzeit wurde es den jüdischen Häftlingen ermöglicht, * rituelle Kost zu bekommen und so ihren religiösen Pflichten zu genügen. Es gereicht Herrn Prof. Dr. Kupfer zur besonderen Ehre, daß er in dieser schweren Krisenzeit heuer wie alljährlich dafür sorgen konnte, den Sträflingen ihr schweres Los zu erleichtern. Man bedenke mir. daß die Mittel für die Pessachausspeisung durch Spenden aufgebracht wurden und daß jedes Kilo Mazzes wiederholte Bittgesuche erforderte, und dennoch haben alle jüdischen Insassen des Gefängnisses während der ganzen acht Pessachtage streng rituelle Kost erhalten, was auch zu guter letzt ein Verdienst der Wiener Kultusgemeinde ist. Herr Dr. Ornstein. der fortlaufend die Tätigkeitsberichte der Gefährdetenfürsorge studierte, scheute selbst keine finanziellen Opfer, um diesen Unglücklichen zu helfen. Mit dem Austritt des Herrn Dr. Ornstein aus dem Präsidium der Kultusgemeinde verliert nun diese jüdische Gefährdetenfürsorge ihren tatkräftigen Leiter. Hoffentlich findet die Kultusgemeinde bald einen entsprechenden Ersatz für ihn. der die aufopferungsvolle und selbstlose Arbeit des Exponenten Herrn Dr. Kupfer in gleichem Maße fördert. Emit Raber. GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL »mmmummmmtm^^mmmmmmammmmmmmmmi^m^^ WHN DL* BIMSHB NR. 1» FILIALE» XVIII., WAmUNOUISWSttSSB 99 Telephon Nt. A »7*99 und A l«*34 LMwut für NiMMWlM AbteilungenfQrKoscherfleisch AwfsieM 4m mhrm. R ter. KaMasgMMhuto SäntUche Fleischsorten von ausschlitfilich Prisaa-Qualität zu den billigsten Marktpreis« RevisionisfenaftackierenDr.Grünbaum Freitag mittags erschienen zwei junge Studentin im Haastor der Wohnuns des Präsidenten des Landeskomitees der österreichischen Zionisten, Dr. Oskar Grünbaum, und ersuchten diesen, der gerade zum Tore hereingekommen war. eine Erklärung über die Unschuld der im Arlosoroffmord-Prczcß Angeklagten zu unterschreiben und in der „Simme" zu veröffentlichen. Dcktor Grünbaum erwiderte, er welle sich in den Gang des l'rozesses nicht einmischen, verließ die beiden juiist^n Leute und ging die Stiege hinaui. Als er gerade die Wohnungstüre öffnen wollte, verspürte er einen Stoß, den ihm einer der beiden Studenten von rückwärts versetzt hatte. Er drehte sich um, um den Angreifer zu packen, dieser lief jedoch geschwind davon. Der andere, ein Mitglied der jüdisch-akademischen Verbindung .,Kadimah". erklärte, den Namen des ..Attentäters", der ein Mitglied des Brith Trumpeldor ist, nicht zu wissen. Dr. Grünbaum brachte den Vorfall beim Konvsnt der „Kadimah" zur Anzeige, um von einer behördlichen Strafanzeige absehen zu können. Inzwischen hatten offenbar die beiden Studenten selbst mehrere Reduktionen angerufen und sie über das stattgefundene „Attentat" informiert. Es wurden große Recherchen entfaltet, die zur Folge hatten, daß die Tageszeitungen über den Vorfall nichts berichteten. 15 Jahre Wiener jüdischer Gesangverein. 15 Jahre unentwegter Tätigkeit sind verflossen, und der Wiener jüdische Gesangverein kann heute auf ein gutes Stück idealistischer Arbeit zurückblicken. Galt es doch, die jüdischen Volksgesänge zu erhalten und immer wieder in Erinnerung zu bringen. Neben unserer Religion sind es unsere Lieder, welche uns untereinander verbinden. Zerstreut lebend und im härtesten Lebenskampf stehend, suchen wir Juden immer wieder das Gemeinsame, welches uns zusammenschweißt. Die jüdische Seele blüht zu neuem Leben immer wieder in unseren Gesängen aui. Trauer und Wehmut, Stolz und Hoffnung dos Juden geben sie wieder. Deshalb ist der Jude nirgends so urjüdisch, so iest mit seinen Brüdern vereint, als dort, wo jüdischer Gesang erklingt. Verscheucht sind die Sorgen des Alltags, vergessen die Not des Judentums. Man ist wieder frei, ein freier Jude unter freien Juden. Wie glühten die Wangen und leuchten die Augen, wenn die Klänge und Rhythmen des Voksliedes erklingen. Es sind ja unsere Lieder. Gesänge, die unsere Väter und Großväter gesungen haben. Stolz und Selbstbewußtsein durchdringt dann diese gedrückten Juden. Neu gestärkt und eririscht schreiten sie ins Leben. Wie freudig warten alle Mitglieder auf den Dienstagabend. Sie gehen in die Gesangsprobe wie zu einem Gottesdienst. Schnell werden die unangenehmen Erlebnisse der Woche vergessen, der Alltag abgestreift. Mit festlichen Gefühlen naht einer dem anderen, und bald erklingt aus hoffnungsvoller Seele jüdisoher Gesang. So sind 15 Jahre wie im Fluge vergangen. 15 Jahre Verbundenheit im jüdischen Gesang. Viele, die in strotzender Jugend in den Verein gekommen, sind zu reifen, geklärten Menschen geworden, manche, welche das Leben von uns in andere Länder getrieben hat. sind durch Freundschaftsbande immer mit uns vereint. Ihre schönste Erinnerung wird immer die iberrliche Zeit im Wiener jüdischen Gesangverein bleiben. So hat der Gesang 15 Jahre in einigendem Klang alt und jung, Juden und Jüdinnen vereinigt und wird es weiterhin tun. Mark. Der Verein „Ost Seehosplz Iii 6rato (Präsidentin Sofie Grünfeld) sendet Anfang Juli zarte, zu Katarrhen und Blutarmut neigende Mittelstandskinder im Alter von 6 bis 13 Jahren, unter ärztlicher und pädagogischer Aufsicht, in sein eigenes Heim nach Grado (Italien). Ein 30tägiger Aufenthalt am Meer, bei 5 Mahlzeiten (koscher) kostet S 6.—täglich. Reisebeitrag für Kinder über 10 Jahre S 60.—. unter 10 Jahre S 45 — Der unter dem gleichen Präsidium stehende Verein ,.fCTleilfiellR" entsendet In sein eigenes, rituell geführtes Heim nach B9d fdSMlR erholungsbedürftige Kinder in obigem Alter. Preis S 4.— täglich. Anmeldunsen im. Vereinsbüro. IX.. Türkenstraße 17. von 10—13 Uhr, Tel. A U-t-63. msk