Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 19 (4.5.1934)
- Date
- 1934-05-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Wien I., Seitenstettengasse XI., Zentralfriedhof, «tu i» I. 2, Tel. U 28-1-28 IH, Tel. U 18-0-85 einen tatkräftigen, rastlosen Arbeiter gefunden habe, der mit seinen reichen Kenntnissen hingebungsvoll der Gemeinde dient; Dank sage ich auch der Beamtenschaft für ihre Mitarbeit. nun das Wort an meinen hoch- Herrn Dr. Löwenherz, richte, so habe eine Freude gehabt an dieser Und wenn ich verehrten Kollegen, kann ich sagen, ich Zusammenarbeit. In Eintracht und Harmonie haben wir gemeinsam unsere Arbeit geleistet und dies hat Herr Dr. Lewenherz zu tun sich auch stets bemüht. Ich habe von Ihnen alle,n, meine Herren, nur Gefühle der Freundschaft empfangen und immer sind wir einander nicht als Parteigegner, sondern als Freunde begegnet. Wir haben stets den Willen gezeigt, einander zu verstehen, wenn wir auch die Auffassungen nicht immer geteilt haben. Ich werde den heutigen Abend nie vergessen und immer daran denken, daß ich mit allen Kräften bemüht war, mein Bestes zu geben für diese Gemeinde, und daß ich stets zum Nutz und Frommen und Segen unserer Gemeinde gelebt und gewirkt. (Langanhaltender Beifall.) Es sprachen noch Vizepräsident Dr. Löwenherz als Kollege im Präsidium und Reg.-Rat Fuchsgelb im Namen der Beamtenschaft herzliche Worte des Abschiedes und Dankes. Herzo. fraacabelDad Tatzmannsdorf (oarücnlond) Mineral-, Moor- und natürliche Kohlensäure-prudelbäder. Billiger Pensionspreis inklusive Heilbäder. — Auskünfte und Prospekte: Kurdirektion oder Karkommission, Bad Tatzmannsdorf, Surgenland, und in alten Fremdenverkehrsbüros sowie bei der Oesterr. Anzeigen-Ges. A. G., Wien L, Brandstätte 8. — Zwei rituelle Restaurants, darunter eines orthodox. Dr. Josef Ticho. In Wiener Montag „Union", stimmi Gemeinde der vertraulichen Sitzung des Kultusvorstandes vom letzten wurde der Vizepräsident der Herr Dr. Josef Ticho. einig zum neuen Vizepräsidenten der gewählt. Fernab vom Getriebe der Großstadt, in einer kleinen mährischen Gemeinde, wurde Josef Ticho geboren. Das Haus, in dem Josef Ticho heranwuchs, war ein traditionstreues jüdisches Patrizierhaus, geführt in jenem Geiste jüdischen Lebens, der in den alten mährischen Gemeinden lebte und sich fortpflanzte und der so befruchtend auf die Erziehung der jüdischen Jugend jener Zeit wirkte. Wenn auch der zehnjährige kleine Josef das Elternhaus verließ, um in Brünn seine Gymnasialstudien und nachher in Wien seine Hochschulstudien zu absolvieren, so war doch die Verbundenheit mit dem Elternhaus, mit der Erziehung in jenem altehrwürdigen jüdischen Geiste unverändert geblieben. Die Eltern waren sehr darauf bedacht, gerade auf jüdischem Gebiete ihren Kindern eine besondere Erziehung angedeihen zu lassen. Sie begnügten sich nicht mit jenem Unterrichte, den die Kinder in der weltlichen Schule auf religiösem Gebiete genossen, sie sorgten dafür, daß ausgezeichnete jüdische Lehrer die Kinder auch mit jenen jüdischen Wissenschaften vertraut machten, die im allgemeinen Religionsunterrichte nicht vermittelt werden konnten. Begeistert widmete sich der junge Student Josef Ticho diesen jüdischen Studien. Er war sich dessen bewußt, wer seine Ahnen waren und er wußte, was er seiner Familie schuldig war. Leitete doch seine Mutter ihren Stammbaum auf den hohen Rabbi Low zurück und war doch sein Großvater väterlicherseits gemeinsam mit dem Landesrabbiner Abraham Platschek ehrenamtlich als Rabbinats-Assessor tätig, war doch dieser großväterliche Rabbinats- Assessor ein Schüler des Chlacham Sofer (Rabbi Moses Schreiber) wird seine Tätigkeit als Obmann der Schulkommission bleiben. Er war besorgt darum, der jüdischen Jugend jenes jüdische Wissen zu vermitteln, das notwendig ist, um das Judentum als ein jüdisches Leben zu verstehen. Er war der Organisator des Jugendgottesdienstes. Die Ueberfüllung der Tempel mit jüdischer Jugend an jedem Samstag Nachmittag ist ebenso sein Werk wie die Freitag-Abendgottesdienste für die reifere Schuljugend. Der Ausbau der Bibelschulen wird ein ewiges Ruhmesblatt Dr. Tichos in der Geschichte der Wiener Kultusgemeinde bleiben. Es würde zu weit führen, sollte ich im Rahmen einer kurzen Schilderung Dr. Josef Ticho als Juden, als Menschen und als Arbeiter im Dienste der Gemeinde schildern. Wer ihn kennt, wer seine Arbeitskraft zu würdigen gelernt hat und wer das Glück hatte, ihn persönlich als Privatmann und als jüdischen Familienvater kennen zu lernen, der wird überzeugt sein, daß es einen großen Gewinn für die Kultusgemeinde bedeutet, wenn er nunmehr in das Präsidium dieser altehrwürdigen Gemeinde eingezogen ist. Schon die Tatsache, daß er für würdig befunden wurde, der Nachfolger eines so hervorragenden Juden wie Dr. Jakob Ornsteinszu werden, beweist, welche Charaktereigenschaften und welche Liebe zum Judentum diesem Manne innewohnen. Dr. Josef Ticho auf Wir wissen, daß er Ein schweres Amt hat seine Schultern genommen, mit aller Kraft und mit aller Aufopferung sein Amt erfüllen wird. Wir wissen, daß die Wiener Judenschaft, die ihn in den Kultusvorstand entsendet hat, ruhig auf seine Tätigkeit im Dienste des Judentums bauen kann. Möge es ihm gegönnt, sein, in Gesundheit und ungebrochener Körperkraft dieses hohe Ehrenamt zu führen. Das unbedingte Vertrauen und die unbedingte Gefolgschaft seiner engeren Kollegen im Kultusvorstande begleitet ihn auf seinen neuen Arbeitsplatz im Wiener Kultuspräsidium. Dr. Ernst Feldsberg. Die Kultus gemeinde eine religiöse Institution. Anläßlich der Demission des Vizepräsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Doktor Jakob 0 r n s t e i n gingen dem Wiener JTA- Vertreter aus Kreisen der „Union österreichischer Juden" folgende Mitteilungen zu: Schon seit längerer Zeit hat der hochverdiente Präsident Dr. Ornstein gegenüber seinen Freunden den Wunsch geäußert, von seinen Stellen als Vizepräsident der Gemeinde und als Präsident der „Union" abgelöst zu werden, um so mehr, als ihm durch seine vielen anderen Ehrenstellen genug an Mühen und Arbeit verbleiben wird. Die Arbeitslast des Kultuspräsidiums war insbesondere in den letzten Monaten infolge der politischen Vorgänge in Oesterreich ins Maßlose gewachsen. Das Bestreben der jüdischnationalen Mehrheit des Kultusvor- Das tiefgründliche jüdische Wis- "MMMMMMMMMMMMMMMMMM Z i o n i s t e n sen, das sich Dr. Ticho angeeignet hatte, nahm er 1 mit auf seine Lebensbahn. Mit diesem Wissen war positives Bekenntnis und unbedingte Treue an die jüdische Tradition verbunden. Dr. Josef Ticho ist bis zum heutigen Tage in seinen Ideen und in seiner jüdischen Geistesrichtung seiner Jugendzeit treu geblieben, in der er die gewaltige Erkenntnis und das gewaltige Bekenntnis des Judentums in sich aufgenommen hatte. Dieser jüdische Geist begleitete ihn auf allen seinen Lebenswegen. Die höchsten Eigenschaften jüdischer Erziehung, Gerechtigkeitssinn und Liebe waren die Wegweiser seines Aufstieges. Als Soldat stand er im Weltkriege an der vordersten Front, schwerverwundet kehrte er von der ersten Belagerung Przemysls zurück und widmete seine hohen geistigen Kräfte und seine anerkannten juristischen Fähigkeiten nach seiner Verwundung dem Staate, bis er am Ende des Krieges als Hauptmann in der Reserve abrüstete. Durch mehr als 25 Jahre ist Dr. Josef Ticho als anerkannter Rechtsanwalt in Wien tätig. Seine juristischen Fähigkeiten, seine Schlagfertigkeit und die Erkenntnis des advokatorischen Standesbewußtsein wurden seitens seiner Kollegenschaft im Anwaltsberufe dadurch anerkannt, daß er bereits seit längerer Zeit Mitglied der Kommission für die Rechtsanwaltsprüfung ist. Viele Wiener Rechtsanwälte haben ihn als Prüfungskommissär kennen und schon zu Beginn ihrer Praxis seine Fähigkeiten schätzen gelernt. Vor 14 Jahren wurde er von der Union österreichischer Juden in den Kultusvorstand entsendet. Sein ganzes jüdisches Wissen, seine Liebe zum traditionellen Judentum stellte er bereitwilligst in den Dienst der Gemeinde. Unvergeßlich Cafe Pension Echstein Semmering s t a n d e s g e h t d a h i n, aus der K u 11 u s g emeinde ein politisches Instrument, eine Volksgemeinde, zu machen, im Gegensatz zu den noch immer geltenden Bestimmungen des Gesetzes aus dem Jahre 1890, wonach es ausschließlich Aufgabe der Kultusgemeinden ist, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Mitglieder zu sorgen. Dazu kommt, daß die Z usammensetzung der Wiener Kultusgemeinde als einer religiösen Institution durchaus nicht der wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Schichtung der Wiener Judenschaft entspricht. Die jüdischnationale Landespolitik mit ihren Forderungen nach Konstituierung eines jüdischen Minderheitsvolkes würde in einem Lande wie Oesterreich mit seiner national einheitlichen deutschen Bevölkerung der einheimischen Judenschaft nur zum Schaden gerei chen, denn sie könnte angesichts bestehender antisemitischer Strömungen zu einer Stigmatisierung der Juden als Fremdkörper im Staate und damit, wenn auch unter Aufrechterhaltung der formalen Gleichberechtigung, zu einer faktischen Zurücksetzung auf allen Lebensgebieten führen. Sind es doch auch gerade die radikalsten Antisemitenführer, die, wie die Auslassungen aus der jüngsten Zeit neuerdings beweisen, aus ihrer Sympathie für die jüdischnationale Bewegung kein Hehl machen, während die Führer und Staatsmänner des neuen Oesterreich, allen voran Bundeskanzler D o 11 f u ß, alle gutgesinnten Bürger zum Neuaufbau des Staates zusammenfassen wollen und die Gleichheit a 11 e.r vor dem Gesetze, ohne Unterschied von Rasse und Konfession, betonen. Die „Union österreichischer Juden" steht mit ihrer landespolitischen Einstellung durchaus nicht allein. Ihre Anschauungen und Befürchtungen werden, wie wir wissen, von ruhig denkenden, dem Parteigetriebe fernstehenden Zionisten geteilt. Die „Union", deren Vertreter mit jüdischnationalen Glaubensbrüdern auch außerhalb der Kultusgemeinde in gemeinsamen Komitees zusammenarbeiten, glaubte deshalb erwarten zu dürfen, daß besonnene die Oberhand gegenüber den radikaleren Elementen behalten werden. Die Vorgänge im nationaljüdischen Lager in den allerletzten Wochen scheinen diese Erwartungen zunichte zu machen. Auch damit steht die Demission Dr. Ornsteins im Zusammenhang. * Zu diesen Ausführungen der „U n i o n" nahm eine offizielle zionistische Stelle gegenüber dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur und in der „Stimme" Stellung. Sie spricht zunächst von einer unerwarteten Demission des Vizepräsidenten Dr. Ornstein. Wir wissen ganz genau, daß Dr. Ornstein auch gegenüber seinen zionistischen Kollegen im Kultuspräsidium wie im Vorstande seit Jahr und Tag kein Hehl daraus gemacht hat, daß er die Bürde der mit dem Vizepräsidium verbundenen Amtsgeschäfte auf jüngere Schultern zu übertragen wünschte. Diese offizielle zionistische Stelle weiß sehr gut, daß sie mit Redewendungen, wie „unerwünschte Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand" und mit dem angeblichen „Befremden unter den Unionisten über das Fallenlassen ihres Vizepräsidenten" sich mit der allbekannten Wahrheit im Widerspruch setzt. Von dieser zionistischen Stelle wird auch gegen unsere Behauptung opponiert, daß die Jüdischnationalen aus der Kultusgemeinde ein politisches Instrument zu machen suchen. Es wird der Vorwurf erhoben, als ob sich die „Union" mit ihrem eigenen Verhalten in der Vergangenheit in Widerspruch setzen würde, da ja auch ihre Vertreter in der Kultusgemeinde wiederholt bei Behörden auch in nichtreligiösen Dingen interveniert hätten. Der Ton macht die Musik. Wenn zwei dasselbe tun. so ist es nicht immer dasselbe.