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Die Wahrheit · 1934-05-04 · Heft 19 (4.5.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 19 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT ISpczialhaiiB ttr Wolle und Strickgarne ■ Moritz Nagel I Wien, 2- Bez., Tatoorslraße Nr. 17 I Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden I _Telephon A 45-8-69 I scharfen Gegner der Zionisten", Herrn Dr. Josef Ticho; die „Stimme" phantasiert irgend etwas von einer „politischen Umstellung" der „Union" und versucht unter glücklicherweise falscher Einschätzung der Verhältnisse, unter den Anhängern der „Union" scharf zu machen. Wir wollen Montag, den 30. April, fand eine Sitzung des Kultusvorstandes statt, die in mehrfacher Hinsicht besondere Bedeutung hatte. Diese Bedeutung illustriert die Eröffnungsrede des Präsidenten Dr. D. Friedmann, die wir im folgenden auszugsweise wiedergeben: „Wir halten unsere heutige Sitzung in einem historisch wichtigen und bedeutsamen Augenblick ab. Das Parlament hat der Bundesregierung die Ermächtigung zur Erlassung der neuen Verfassung erteilt. Am morgigen Tage wird ein feierlicher Staatsakt den Uebergang in eine neue Periode einleiten und vom morgigen Tage an wird das staatliche Leben dieses Landes auf neue Grundlagen gestellt sein. Ich glaube, daß es Pflicht des Kultusvorstandes ist, nicht nur Pflicht, sondern ein Bedürfnis, dieses Tages zu gedenken und zum Ausdruck zu bringen, daß wir von vollem und ganzem Herzen wünschen, daß unser Oesterreich unter dieser neuen Verfassung einer Zeit des Glückes und des Aufschwunges, der Zufriedenheit und der Eintracht seiner Bürger entgegengehen möge." (Allseitiger Beifall.) Präsident Dr. Friedmann fuhr fort: ,.Die Kultusgemeinde ist in der letzten Zeit vieliach in den Vordergrund, des allgemeinen Interesses gerückt worden, es hat sich viel ereignet, das besser hätte vermieden werden sollen. Ich bin der Ansicht, daß unsere internen jüdischen Auseinandersetzungen gerade in den Zeiten, in denen wir leben, auf ein Mindestmaß beschränkt werden müßten, ich glaube, daß zum Richter in jüdischen Angelegenheiten nicht außerjüdische Kreise herangezogen werden dürfen. ihr, wenn sie der „Union" wieder einmal das lose Zusammengehen mit den „Werktätigen" bei den letzten Kultuswahlen zum Vorwurfe macht, nicht erst unter die Nase halten, daß 60 bis 70 Prozent der allgemeinen Zionisten eingeschriebene Sozialdemokraten waren, wir wollen auch nicht davon sprechen, wie wenig Ursache gerade die Zionisten haben, der „Union" ihre Ueberbetonung des Patriotismus zu verübeln, nur das eine sei ihnen heute mit aller Deutlichkeit gesagt: Eine wahrscheinlich sehr nahe Zukunft wird beweisen, wessen politisches Ansehen in Wirklichkeit „ramponiert" ist. Ich kann Sie, sehr geehtre Herren, versichern, daß Angriffe, welcher Art immer und von welcher Seite immer, daß Neid, Mißgunst und unberechtigte Kritik den Kultusvorstand nicht in seiner Tätigkeit beeinträchtigen werden, wir werden den Weg gehen, den das Statut, das Gesetz, die konservative Tradition dieser Kuitusgemeinde uns vorschreiben, und werden hierin uns nicht beirren lassen. Ich will an die jüdische Oeffentlichkeit den Appell richten, in diesen Zeiten nicht das Bild zu geben, das die Wiederkehr alten Ghettogeistes aufzeichnet. Zeigen wir, daß wir in den Zeiten, die wir durchleben, einig sein können; beweisen wir, daß wir die Einheit dieser Gemeinde wie ein Mann verteidigen werden, wenn irgend jemand versuchen sollte, an die Wurzel ihre Selbständigkeit zu greifen. Wir werden mit aller Energie allen Trennungsbestrebungen, woher immer sie kommen mögen, entgegentreten, aus der Ueberzeugung, daß es nur eine Wiener Gemeinde geben kann und daß zu jeder Zeit alle Mitglieder zu ihr halten müssen." (Allgemeiner Beifall.) Präsident Dr. F r i e d m a n n brachte hierauf das Deniissionsschreiben des Herrn Vizepräsidenten Doktor Jakob Ornstein zur Verlesung und sagte hierzu: Herr Vizepräsident Dr. Ornstein ist ein so prominenter Mann im Wiener Judentum und in der von ihm seit 1907 geleiteten Organisation ein Mann von solcher Bedeutung, daß ich nicht wüßte, womit ich zuerst beginnen soll, um seine Verdienste zu würdigen. Es gibt in unserer heutigen Zeit nicht viele Menschen, die bereit sind, für öffentlich jüdische Angelegenheiten zu wirken und sich der jüdischen Allgemeinheit zu widmen, wie es Herr Vizepräsident Dr. Ornstein bisher getan. Er hat für seine Funktionen allerdings sehr viel mitgebracht: Reiche Fachkenntnisse, tiefstes Verständnis für jüdische Fragen, nicht gewöhnliche Fähigkeiten und heiligen Eifer für seine Arbeit. Die Wiener Judenschaft ist nicht reich an solchen Persönlichkeiten und es wird sein Austritt aus der Leitung der Gemeindeverwaltung eine Lücke, eine fast unersetzliche Lücke in unserem jüdischen Gemeindeleben zurücklassen. Herr Dr. Ornstein hat sein Amt mit der größten Objektivität und mit höchster Gerechtigkeit geübt, ausgehend von dem Gedanken des jüdischen Gesamtinteresses und erfüllt von dem Bemühen, gegensätzliche Anschauungen zu verstehen. Für diese hohe Auffassung von der Führung des Amtes danken wir Herrn Doktor Ornstein. Wir alle sehen ihn nur ungern aus dem Amte scheiden und es bereitet uns eine gewisse Genugtuung, daß Herr Dr. Ornstein wenigstens als Mitglied dieses Kollegiums uns erhalten bleibt, so daß seine Beziehungen zu unserer Gemeinde bloß gelockert, aber nicht gelöst werden. Herr Dr. Ornstein weiß und fühlt sicherlich, daß die Gefühle der Freundschaft und Verehrung, die ich für ihn hege, mir die Worte des Abschiedes schwer machen. Wir rechnen auf den Bestand unserer in vieljähriger Zusammenarbeit aufgebauten Freundschaft, auch wenn Dr. Ornstein aus dem Präsidium geschieden sein wird. Der Allmächtige, schloß Dr. Friedmann in bewegter Weise, gebe Ihnen, verehrter Herr Dr. Ornstein, Glück und Zufriedenheit und vor allem Gesundheit und unverminderte Arbeitsfreude, der Allmächtige erhalte Sie uns ad meoh weessrim schonoh. (Stürmischer Beifall bei allen Parteien.) Vizepräsident Dr. Ornstein antwortete hierauf: Ein Zufall hat es gefügt, daß unser verehrter Herr Präsident zum zweiten Male in kurzer Zeit meiner Wirksamkeit in dieser Gemeinde und im Judentum mit rühmenden und anerkennenden Worten gedenkt. Das erstemal zu meinem 75. Geburtstage. Dieser Tag bildet die Brücke zum heutigen Abend. Ich habe den Herrn Präsidenten gebeten, diesen Tag sang- und klanglos vorübergehen zu lassen, er hat aber diesem Wunsche nicht Folge geleistet. Ich sage ihm dennoch aus tiefstem Herzensgrunde vielmals heißen Dank. Seine aus dem Herzen kommenden Worte über meine Tätigkeit im Präsidium unserer Gemeinde und im jüdischen Leben unserer Stadt erfüllen mich mit Dank und Erhebung. Der Herr Präsident hat vieles über mein Alter und mein Wirken gesagt, das zutrifft. Der Gnade Gottes danke ich es, daß er mich vollkommen gesund und arbeitstüchtig erhalten hat. Dennoch ist es in meinem Alter nicht mehr möglich, die volle Persönlichkeit so einzusetzen wie in den vergangenen Jahrzehnten; und wenn ich heute von Ihnen Abschied nehme, dann sei es mir gestattet, im Fluge auf dem Weg Rückschau zu halten, den ich zurückgelegt, und auf meine jahrzehntelange, von ehrlichem Willen erfüllte Arbeit. Ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Präsident, daß Sie bei Würdigung meiner Tätigkeit auch jener Organisation gedacht haben, an deren Spitze ich durch Jahrzehnte gestanden und die ich seit Jahrzehnten geführt habe, in welcher Stellung ich manchmal auch Augenblicke der höchsten Gefahr durchlebt habe. Ich sage es ganz offen und hoffe, daß ich auch von der anderen Seite verstanden werde, ich freue mich über die Jahre der Arbeit, die ich hierfür verbracht habe. Und wenn heute von unserem Präsidenten dem Wunsche Ausdruck gegeben wurde, daß Oesterreich reich an Glück erblühen möge, erfüllt es mich mit Stolz, in der Leitung meiner Organisation den Gedanken der Liebe zur Religion und zu unserem Lande unermüdlich eingeprägt zu haben, daß wir mit diesem Lande unauflöslich verbunden sind und verbunden bleiben werden. Der Herr Präsident hat auch mein Verhalten zu den anderen Parteien — nicht zu Gegnern — gewürdigt. Ich glaube, daß ich auch zahlreiche Menschen außerhalb dieses Saales zu Freunden zählen kann, mit denen ich vielleicht nicht übereinstimme, die.ich aber zu verstehen mich bemühte. Der Herr Präsident hat recht, ich bin in diesem Amte immer der objektive Amtsträger geblieben. In einem Aufsatze, der mir von meinem hochverehrten Freunde Dr. Ticho gewidmet war, heißt es, daß ich, sobald ich die Tore in der Seitenstettengasse betreten habe, den Rock des Parteimannes ausgezogen habe. Dieser Satz ehrt nicht nur den, der ihn geschrieben, sondern auch mich, dem sie gelten. Ich kann den Gedanken mit Befriedigung von hier mitnehmen, daß ich mein Amt, ohne Rücksicht auf die Paitei nur in Befolgung des Statutes, der bestehenden Gesetze und im Gefühle meines jüdischen Herzens ausgeübt habe, und so kann ich mit ruhigem Bewußtsein von Ihnen scheiden. Meine Tätigkeit hier war die Freude meines Lebens. Ich, der ach aus einer kleinen Gemeinde gekommen bin, war stolz, die Würde eines Vizepräsidenten dieser großen Gemeinde erreicht zu haben, und als ich mein Amt begonnen, da war mein erster Gedanke, was würde mein Vater dazu sagen, daß sein Sohn zum Vizepräsidenten der Wiener Gemeinde berufen worden ist. Wenn ich nun in ein Otium trete, darf ich sagen, daß ich das Bewußtsein in mir trage, meine Pflicht erfüllt zu haben und daß meine Verdienste mich in meiner Ruhe stärken werden, wenn ich manchmal zurückdenken werde, was ich hier geleistet habe. Ich will nicht scheiden, ohne nochmals besonders hervorzuheben, daß mir meine Arbeit stets vom Herrn Präsidenten durch unser kollegiales Verhältnis erleichtert worden ist, ich will hervorheben, daß ich in dieser Arbeitstätigkeit von unserem Beamtenkörper und an seiner Spitze von Herrn Regierungsrat Fuchsgelb unterstützt worden bin. Wenn jetzt unsere Zusammenarbeit aufhört, will ich feststellen, daß ich in ihm immer Jüdische Erziehungskatastrophe in Deutschland. Weder die verstärkt eingesetzte Juden boykottbe wegung, von der die Spitzen der Regierung, die in auf Wirkung nach außen berechneten Erklärungen private Eingriffe in die Wirtschaft verbieten, keine Kenntnis nehmen wollen, noch die neu entfachte Hetze in der offiziellen Nazi-Presse und in der gleichgeschalteten anderen Presse haben — wie Nachrichten aus Deutschland besagen — auf die deutsche Judenheit einen so deprimierenden Eindruck gemacht, wie die offiziellen Maßnahmen zur völligen Ausschließung jüdischer Jugendlicher vom Besuch der mittleren und höheren Schulen und das Verbot von Neuaufnahmen in die von den jüdischen Gemeinden selbst erhaltenen mittleren und höheren Schulen. Bekanntlich bestellt an allen mittleren und höheren Schulen in Deutschland ein Numerus clausus für jüdische Schüler in der Weise, daß in keiner Schule mehr als VA Prozent nichtarischer Schüler (so wurde das Verhältnis der Nichtarier zur Gesamtbevölkerung errechnet) Aufnahme finden dürfen. Wenn beispielsweise in einer Stadt 8 Prozent bis 10 Prozent Juden wohnen, werden doch nicht mehr als VA Prozent Nichtarier aufgenommen, unbeschadet dessen, daß an hunderten anderen Orten des Deutschen Reiches mangels einer jüdischen Bevölkerung von dem Rechte auf VA Prozent Nichtarier kein Gebrauch gemacht werden kann. Nun haben frühere Erlässe und nunmehr der vierte Erlaß des preußischen Unterrichtsministers Dr. Rust zur Durchführung des „Gesetzes gegen die Ueberfüllung deutscher Schulen und Hochschulen" festgelegt, daß die Nichtarier erst dann ein Recht auf Ausnutzung von 1 lA Prozent der Plätze haben, wenn sämtliche arischen Bewerber Aufnahme gefunden haben, und daß solange noch ein Arier draußen bleibt, kein Nichtarier ein Recht auf Schulbesuch hat. Bei dem jetzt herrschenden Sparsystem im Schulwesen ist anzunehmen, daß die laut Gesetz den Nichtariern reservierten 1XA Prozent ganzoderfastganz von Ariern in Anspruch genommen wierden würden. Wo vielleicht noch einige Plätze freibleiben, werden diese laut Gesetz zunächst den Kindern ..angestammter" Familien, vor allem solchen, von denen ein Eltern- oder Großelternteil arisch ist, reserviert bleiben. Für ein der jüdischen Gemeinschaft angehöriges Kind dürfte überhaupt kein Platz mehr bleiben. Noch katastrophaler wirkt sich der neue Erlaß des Dr. Rust darin aus, daß er den rein jüdischen — öffentlichen und privaten — mittleren und höheren Schulen verbietet, in diesem Jahre Schüler oder Schülerinnen neu aufzunehmen. Das bedeutet, daß die jüdischen Schulen jetzt keine untersten Klassen (Sexta's) einrichten und auch in die höheren Klassen keine neuen Schüler aufnehmen dürfen. Wo Sexta's bereits eingerichtet sind, werden sie aufgelassen werden müssen. Wenn auch dieses Verbot vorläufig nur für ein Jahr ausgesprochen ist, so hat man doch das Gefühl, daß die Regierung einen tödlichen Schiaggegen das Studium von Juden an mittleren und höheren Schulen führen will und nur um einen Schein der Gesetzlichkeit zu wahren, das Verbot vorläufig für ein Jahr ausgesprochen hat. Die aufs tiefste bestürzten jüdischen Eltern wissen keinen Rat und sind um die Zukunft ihrer Kinder äußerst besorgt, da Kindern ohne Mittelschul- und höhere Bildung auch jene Berufe verschlossen bleiben müssen, die im allgemeinen Juden noch offen stehen. Besonders ist für die zur Auswanderung Gezwungenen ein gewisses Maß von Bildung erforderlich. In den jüdischen Zeitungen Deutschlands spiegelt sich tiefe Trauer und Besorgnis über diesen Schlag der Regierung gegen die Zukunft der jüdischen Jugend wider. Man befürchtet auch einen unwürdigen Wrettlauf um die ganz wenigen für jüdische Kinder vielleicht doch noch freibleibenden Plätze in den allgemeinen mittleren und höheren Schulen. Man findet einen Trost darin, daß wenigstens in den Volksschulen Beschränkungen noch nicht bestehen; es werden bereits Vorbereitungen zu einer Ausgestaltung und Intensivierung der jüdischen Volksschule getroffen, damit diese wenigstens in einem beschränkten Maße den Kindern die fürs Leben unerläßlichen Kenntnisse vermitteln könne. Dr. Ornsteins Abschied aus dem Präsidium der Kuitusgemeinde.

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