Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 19 (4.5.1934)
- Date
- 1934-05-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Des Alten Testaments Menschenideal. Nencroffniingiis Pension, Cafe-Restaurant orth.lgO BAD HALL Ob.-Österr. (Villa Mayerhofer) A. Barschak & Co. aus Wien II., Gr. Schiffgasse 3 Telephon A 46-4-39 Das Unternehmen steht unter Aufsicht Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Babad Wir kennen schon aus dem Buch Numeri das Mißgeschick des Königs Balak, der den Bileam herbeirief, den Kindern Israels zu fluchen. Aber der Anbück der friedlich im Tale Lagernden entlockte dem Gerechten die bewundernde Anerkennung: „Wie gut sind deine Zelte, Israel, wie schön deine Hütten, Jakob!" Statt zum Fluche hatten sich seine Lippen zum Segen geöffnet . . . Nunmehr vollzieht sich dasselbe Schauspiel vor unseren Augen. Wir haben in der Nachkriegszeit den König Balak in mancherlei Ländern als Kronprätendenten auftauchen sehen. Während er in einigen Staaten noch auf den günstigsten Moment zur Ergreifung des Zepters lauert, ist er in anderen schon offiziell zur Herrschaft gelangt. Zuerst war ihm dieses günstige Los in Ungarn beschieden, wo nach dem Sturz des Kommunistenregimes ein schrankenloser Antisemitismus vom Lande Besitz ergriff, und seit dem vorigen Jahre weht im Deutschen Reiche das siegreiche Hakenkreuzbanner als das neueste Hoheitszeichen der einstigen Heimat der Dichter und Denker. Aber wie einst in den Tagen Moses' erlebt auch heute König Balak die Enttäuschung, daß die Gerechten, die er zur Verfluchung'Israels aufbot, ihre Lippen zum Segnen öffnen. Unsterblich wie König Balak selbst erscheint seine Tragikomik . . . Im Hitler-Reiche erstand uns ein Bileam in der ehrwürdigen Person des Münchener Erzbischofs Kardinal Faulhaber und mag auch sein mutiger Affront gegen die brutalen Machthaber, sein Wagnis, dort zu segnen, wo die „Staatspartei" die Parole zum Fluche ausgegeben hatte, den reichsdeutschen Katholiken politisch geschadet haben, dem Katholizismus als solchem hat die Charakterstärke des bayerischen Kirchenfürsten sehr genützt. Dies geht aus der Tatsache hervor, daß sich 600 protestantische Priester, denen die Treue gegen das von Hitler geächtete Alte Testament höher steht als der ihnen verheißende Aufstieg zu Macht und Ansehen, wenn sie in das Horn des Osaf stoßen, zum Uebertritt in die katholische Kirche bereit erklärten und daß ein evangelischer Theologe sogar dem Papste eine Revision jener Dogmen vorschlug, die unter Luther zur Kirchenspaltung geführt hatten. Was in den seither verflossenen vier Jahrhunderten weder friedlichen Konzilien noch blutigen Kriegen geglückt war: ein Ausgleich zwischen Katholizismus und Protestantismus, das erscheint jetzt zum mindesten angebahnt durch die gemeinsame Verehrung des Alten Testaments und die den nationalsozialistischen Lehren zuwiderlaufende Ueberzeugung, daß auch das Neue Testament eine Schöpfimg jüdischen, nicht ..nordischen" Geistes sei. Aber so schmeichelhaft diese Argumentik christlicher Theologen beider Bekenntnisse in Deutschland für das Judentum ist, den jüdischen Menschen wurde sie leider nicht ganz gerecht. Kardinal Faulhaber hat seiner Hochschätzung des mosaischen Sittengesetzes in enthusiastischen Worten Ausdruck verliehen, aber daß dieses Gesetz ausgerechnet den Juden zuteil geworden ist, hat er für ein Wunder erklärt und als einen Beweis für die göttliche Herkunft dieses Gesetzes gewertet. Die zweite Alternative, zu der sich Nietzsche bekannte: daß die Juden die „ethischen Genies unter den Völkern" sind, erschien dem Münchener Erzbischof wohl als absurd. Mit um so größerer Genugtuung können wir die Botschaft begrüßen, die uns aus dem vor anderthalb Jahrzehnten zum Vorbild des Hitler-Systen^^ewordenen, seither konfessionell allerdings längst befriedeten ersten Machtbereich terroristischer „Rassenschützler" in Europa jüngst erreichte: In Budapest hat der protestantische Bischof Desider Balthazar auf Einladung der Israelitischen Kultusgemeinde an einem der letzten April-Tage eine große Rede über „das Menscheriideal des Alten Testaments" vor zahlreichen erlesenen Vertretern des politischen Lebens und der Budapester Gesellschaft gehalten. Der evangelische Bischof von Ungarn stimmt mit dem katholischen Kirchenfürsten von Bayern in der Bewunderung des jüdischen Sittengesetzes überein: „Diese höchste Ethik, dieser erhabene reine Gottesglaube, die die Handvoll Juden, umgeben von primitiven Heiden, zur Zeit der Morgenröte der Menschheitsgeschichte der Welt gegeben haben, beweisen eine ethische Größe, die schon ins Gebiet der Wunder hinüberleuchtet." Aber das Wunder erblickt der Ungar im Gegensatz zu dem Deutschen nicht in der Tatsache, daß just die Juden in den Besitz dieser höchsten Ethik gelangt sind, die sich nach der Ansicht des Münchener Kardinals durch Ablehnung des Christentums der ihnen zuteil gewordenen göttlichen Offenbarung unwürdig erwiesen, sondern Balthazar findet eine durchaus ideale Uebereinstimmung zwischen dem jüdischen Glaubensgut und den jüdischen Hütern dieses Glaubensgutes. Repräsentiert sich ihm das mosaische Sittengesetz als höchste Ethik, so erblickt er im Menschen des Alten Testaments ..das erste wahrhaft ethische Geschöpf der Well": „Die früheren heidnischen Gottheiten waren nach dem nichtigen Ebenbild des Menschen geschaffen, der alttestamentarische Mensch aber war schon das Ebenbild Gottes, das Ebenbild jener abstrakten Gottheit, die, frei von allen niedrigen irdischen Eigenschaften, durch das Judentum über die Welt gehoben wurde." Und im Gegensatz zu Kardinal Faulhaber sieht Bischof Balthazar die ethische Mission des Judentums nicht mit dem Beginn des Christentums als erledigt an. Während dem Münchener Erzbischof das heutige Judentum als überlebte Verkörperung religiöser Verstocktheit erscheint, hält es der Budapester Bischof für seine Pflicht, „als der wahre Priester des wahren Christentums" zu sagen: „Der Ewigkeit gehört der Schatz der jüdischen Bundeslade, die das Judentum opferbereit seit Tausenden von Jahren mit sich führt durch Verfolgungen und Bitternisse, Demütigungen und Not, vergehende und kommende Gesellschaften, durch Blut und Leiden mit jener biblischen Seelengröße, die es von seinen Propheten hat." Und er ließ seine Lobeshymne auf „diese in ihrer Moral so edle Glaubensgemeinschaft, die der Welt den reinen Gottesglauben gegeben hat," gipfeln in der Erklärung, daß sie — die jüdische Glaubensgemeinschaft — ein hohes Gutes ist, „das zu zerstören eine Sünde und das zu erhalten Pflicht ist". Eine beherzigenswerte Mahnung an alle Staatsregierungen, die trotz manchen Bedenken gegen den Nationalsozialismus der Suggestion des Hitlerschen Judenhasses nur allzusehr zu erliegen drohen. Daneben hatte das Oberhaupt der Budapester Protestanten seinem ungarischen Vaterland, dem Lande, das zuerst den Numerus clausus für jüdische Akademiker zum Gesetze erhoben . hat, noch eine spezielle Lehre zu erteilen: Zu den wichtigen Elementen, aus denen nach seinen Darlegungen das Menschenideal des Alten Testamente vom Judentum geschaffen wurde, rechnet Balthazar in erster Linie das Wissen. Aber dieser jüdische Drang nach wissenschaftlicher Erkenntnis hat wenig Dank geerntet. Insbesondere den Lesern der heutigen Tageszeitungen bleibt kein Unschlagen kann, ein Körper, knabenhaft schlank mit nur zart angedeuteten weiblichen Konturen; ein Tesl des Geheimnisses ihrer außerordentlichen Wirkung als Filmschauspielerin beruht schon auf dieser reizvollen äußeren Erscheinung. Aber nur wer sie auf der Bühne, etwa in „Fräulein Julia" von Strindberg oder in „Seltsames Zwischenspiel" von O'Neil gesehen, wer ihre Shakespearischen Frauengestalten wie die „Rosalinde" in „Wie es Euch gefällt" erlebt hat oder gar den hinreißenden Puck im „Sommernachtstraum", der wid ein Wesen aus Bäumen, Erde und Mondschein über nächÜiche Waldwiesen hüpfte — konnte sie als eile aus der Eingebung schöpfende Instinktschauspielerin erkennen. Man muß das anmerken: Denn die fast immer auch lebensklugen jüdischen Schauspieler schleppen oft zuviel „Auffassung" und „Anlage" der Rolle, vielleicht als Erbe der in früheren Zeiten maßlosen jüdischen Verstandesschulung, mit steh herum, während die Bergner darin viel ursprünglicher jüdisch in ihren besten Rollen wie von einem inneren Dämon getrieben erschien. Die Bergnerstimme, deren angebliche Gekünsteltbeit nur von einem unbeabsichtigten Festhalten des Organs an emer gleichmäßigen Tonhöhe herrührt, war dabei nur ein Reiz mehr. In einem ihr gemäßen Roltenkreis wird sie immer wie eben jetzt M England, wo sie wahre Triumphe feiert, die Zuschauer rühren und bezwingen. Fritz Kortner. Mit seinem häßUch-emdrucksvollen, leicht mongolischen, breitknochigen und schmalnasigen Gesicht war er der gegebene Darsteller der Bösewichter der sogenannten klassischen Dramatik. Geschmackvoll hütete er sich vor jeder Schwarz- Feuilleton Jüdische Schauspielerporträts. Von Hans M ü n z e r. Vorsprach. Es gibt noch kein jüdisches Theater in dem Sinne, in dem es ein französisches, englisches oder deutsches Theater gibt, weil das jüdische Drama, wichtigste Vorbedingung, noch nicht geschrieben wurde. Von dem im ganzen trefflichen hebräischen oder jiddischen Theater soll daher abgesehen und nur das moderne europäische Theater, das ja von jüdischen Regisseuren, von Brahm und Reinhardt im wesentlichen geschaffen wurde, soll betrachtet werden, wenigstens soweit jüdische Schauspieler auf ihm eine bedeutungsvolle Rolle spielten und spielen. Die Reicher und Schadkraut und die noch früheren Burgtheatergrößen Sonnenthal und Lewinsky gehören freilich schon der Theater geschichte an. Wir halten uns lediglich an den noch lebendigen Eindruck, an die noch jetzt Wirkenden, aus denen wir vier gebürtige Oesterreicher herausgreifen. Pallenberg. In das Gedächtnis vieler tausender Theaterbesucher prägte er sich ein als Johann Nepomuk Zawadil in dem unbedeutenden Schwank „Familie Schitnek", mit dem er vielleicht 20 Jahre lang halb Europa bereist hat. Mit fuchsroter Perücke und urkomisch geschultertem Regenschirm bot er das Bild eines Spießers, der hinter einer frechen und nicht totzukriegenden Schnauze ein goldenes Herz verbirgt. Damals fielen einer breiterem Oeffentlichkeit zuerst die Elemente Pallenbergischer Sprache auf, sein eigentümlich krächzender Ton verbunden mit unglaublichster Wortverdrehung. Dieses Spiel mit Worten, dieses Wort jonglieren muß man, wie mir scheint, aus Pailenbergs jüdischer Abstam- .mung herleiten. Das Wort war den Juden Jahrhunderte lang so sehr das Heiligste, daß man sich von der übertriebenen Wortverehrung nur durch eine Wortverhöhnung freimachen konnte. Daher ist auch der typisch jüdische Witz fast ausschließlich ein Wort witz, während der befreiende, teüs behagliche, teils groteske (z. B. amerikanische), manchmal freilich auch stupide Humor den Gegenpol bezeichnet. Damit stimmt überein, daß man oftmals, wenn man über Pallenberg lacht, zugleich einen leisen Unterton .von Tragik zu spüren verrneait, denn hinter dem jüdischen Witz schlummert die Angst vor der Welt So konnte er — kürzlich wieder im „Deutschen Volkstheater" — den Moliereschen „Eingebildeten Kranken" spielen, der ja ein ewiger, bei aller lustigen Wirkung auf die Umwelt sehr ernsthafter Typ ist und den „Braven Soldaten Schwejk", der eine Welt entlarvt Und Reinhardt vertraute ihm nicht mit Unrecht im vorigen Sommer räi Salzburg den Mephisto an, ein für einen Komiker gefährliches, aber, wie bekannt, gelungenes Experiment. Elisabeth Bergner. Ein rundes zartes Gesicht mit einem nie ganz .verlöschenden Ausdruck mädchenhafter Verträumtheit Augen, deren melancholische Verhaltenheit plötzlich in spitzbübische Schalkhaftigkeit um-