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Die Wahrheit · 1934-04-27 · Heft 18 (27.4.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 18 (27.4.1934)
Date
1934-04-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT ISpmdalham für Wolle mm* StPtekgarae Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Taborsfraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden Telephon A 45-8-69 Die Judenfrage. Wird diese Frage heute aufgeworfen, und das geschieht allzu häufig, so erhitzen sich sofort die Gemüter. Nicht nur im christlichen, auch im jüdischen Lager. Ist man der bescheidenen Ansicht, daß es dringendere Probleme gibt dann hört man aus dem nationalen Lager sofort den Vorwurf, daß man sich verstecke, daß man nicht erkennen wolle, wie brennend dieses Problem sei, usw. Eine Bestätigung dafür, daß diese Ansicht doch richtig ist, bietet eine in diesen Tagen erschienene Meldung der Pressestelle der „Vaterländischen Front" über Erklärungen, die der Bundesleiterstellvertreter Hauptmann a. D. Reichel bei einem Mitgliederappell über die Stellung der „Vaterländischen Front" im neuen Staat abgab. Als letzten Punkt behandelte Hauptmann a.D. Reichel auch die Judenfrage, wohl mit Absicht als letzten Punkt, denn aus seinen Ausführungen ging klar hervor, daß diese Frage angesichts der gewaltigen Aufgaben, die der „Vaterländischen Front" beim Neuaufbau des Staates harren, nur „nebenher geht". „Wenn man eines Tages an sie herantreten wird", sagte der Bundesleiterstellvertreter, „so wird dies in einer Art geschehen, wie es der österreichischen Kultur und dem Wesen des O esterreichertums entspricht". Wenn tatsächlich diese Voraussage eingehalten wird, dann ist unsum die österreichische Lösung der Judenfrage nicht bange. Uns kann es auch nicht aufregen, wenn Hauptmann a. D. Reichel in diesem Zusammenhange davon sprach, daß „volksfremder (soll wohl heißen jüdischer) Einfluß auf den Staat restlos ausgeschaltet" werden soll. Wir Juden haben nie die Absicht bekundet, als Juden Einfluß auf den Staat, dessen treue Bürger wir sind, zu nehmen. Ein solcher Einfluß besteht also nur in der Phantasie und seine „Ausschaltung" kann uns kalt lassen. Nicht gleichgültig aber wird es uns sein, wenn man unter diesem Schlagworte an die Verdrängung der Juden aus Kultur und Wirtschaft denken sollte, für deren Gedeihen gerade die österreichischen Juden ihr Bestes gegeben haben. Auch in dieser Hinsicht sollte man österreichisch, d. h. anständig denken und handeln. Arlosoroffmordprozeß in Jerusalem. Das Oberste Gericht Palästinas hat beschlossen, die Hauptverhandlung gegen Stavsky. Rosenblatt und Achi-Meir nicht in Jaffa, sondern vor dem JerusalemerGeschworenengericht stattfinden zu lassen. Der Prozeß begann an diesem Montap. Die Anklageschrift wurde am 18. April den Angeklagten Abraham Stavsky, Zwi Rosenblatt und Abba Achi-Meir zugestellt. Die Anklage lautet auf vorbedachten Mord an Dr. Chaim Arlosoroff und gründet sich auf Artikel 117 des ottomanischen Strafgesetzbuches. Von der Staatsanwaltschaft werden in dem Prozeß 45, von der Verteidigung 79 Zeugen geführt. Ueber die Wahl des Verhandlungsortes bestanden tiefgehende Meinungsverschiedenheiten zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung. In einem vom Staatsanwalt unterstützten Schriftsatz hat der Kommandant der Palästina-Polizei, Major Spie er, die Verlegung des Prozesses nach Jerusalem mit der Begründung beantragt, daß das Jaffaer Gefängnis keine Gewähr für die sichere Verwahrung der Gefangenen biete und daß ferner die Verlegung nach Jerusalem mit Rücksicht auf die derzeit herrschende erbitterte Feindschaft zwischen Revisionisten und Arbeiterparteilern, die zu Störungen der öffentlichen Ordnung führen könne, geboten sei. In einer Gegeneingabe erhob der Verteidiger Horace Samuel schärfsten Einspruch gegen die Verlegung des Prozesses nach Jerusalem. Er machte geltend, daß hierdurch die Arbeit der Verteidigung in ihrer Kontinuität gestört und vollkommen desorganisiert werden würde. Samuel unterbreitete dem Obersten Gericht Erklärungen des Bürgermeisters von Tel Awiw Dizengoff und des Vizebürgermeisters Rokach, die die Garantie für die öffentliche Sicherheit in Tel Aviv, falls der Prozeß in Jaffa stattfände, übernehmen. Das Oberste Gericht schloß sich den Argumenten der Staatsanwaltschaft und der Polizei an und delegierte das Jerusalemer Geschworenengericht zur Führung des Prozesses. Das Jerusalemer Geschworenengericht hat beschlossen, an fünf Tagen der Woche zu verhandeln, und zwar vormittags und nachmittags. Das Gericht hofft, auf diese Weise den Prozeß innerhalb von fünf Wochen zum Abschluß bringen zu können. Englands Auf einer Veranstaltung des Jewish Representative Council für den Boykott deutscher Waren und Dienste führte Herbert Morrison, früher Verkehrsminister, jetzt Präsident des Londoner Grafschaftsrates u. a. aus: Es ist Pflicht aller derjenigen, die die Grundsätze bürgerlicher Freiheit gemäß den edelsten englischen Traditionen achten, das Hitlerregime, das allein durch Gewalt siegen will, zu verdammen. Wir müssen gegen Tyrannei in jeder Form, auch wo sie sich als Rassen- oder religiöses Prinzip deklariert, wenden. Das Hitlerregime hat keineswegs eine wirtschaftliche Regeneration Deutschlands herbeigeführt, es hat im Gegenteil auf diesem Gebiet kläglich versagt. Weit mehr als früher leidet das deutsche Volk heute unter einer Wirtschaftsdepression. Die jüdische Gemeinschaft in England und die Juden in der ganzen Welt sind nicht nur berechtigt, Deutschland den Wirtschaftsboykott an. zusagen, sondern es ist sogar ihre Pflicht, als Juden und als freiheitsliebende Menschen diesen Boykott mit allen ihren Kräften durchzuführen. Die gleiche Pflicht liegt allen englischen Bürgern ob. die die Freiheit lieben und die Tyrannei 'lassen. Nur auf diese Weise kann es dem Hitlerregime klar werden, daß seine barbarischen Methoden den Abscheu der gesamten zivilisierten Welt erregt haben. Würden wir Engländer die Juden von der verantwortungsbewußten Teilnahme an unserem wirtschaftlichen und politischen Leben ausschließen, wir würden nicht reicher, sondern im Gegenteil viel ärmer sein. Wer es noch nicht gewußt hat, der kann es heute am deutschen Beispiel bestätigt finden. Die Judenheit und alle freiheitsliebenden Menschen in der „FAMILIENSCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wien II.. Aspernbrückenqasse 2_Tel. R 43-500 Durch Monalsbeiträge von S 1 bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töchter und SBhne Ausstattungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hobe Versicherungssummen. 3. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENiCUUrZ" wird von der Wiener Kaltasgemelnde beffirwortet Welt müssen den Boykott so lange wirksam fortsetzen, bis die'Rechte der Juden in Deutschland wiederhergestellt sind. Philip Guedalla, der Führer des Jewish Representative Council, erklärte, die einzige Form des Protestes dagegen, daß das Nazi-Deutschland die Juden als inferior erklärt und behandelt, sei der Boykott Dieser Boykott ist friedlich, gesetzlich, aber auch tödlich. Bruderhand. Im Rahmen der von der englischen Judenheit beschlossenen zweiten großen Sammelaktion zugunsten des Hilfswerks für deutsche Juden wurde am 15. April in London ein „Tag der deutschen Judenhei t" veranstaltet, an dem jüdische Führer aller Richtungen, unter ihnen Sir Osmond d'Avigdor Goldsmid, Neville Laski, Claude Montefiore. Leonard Montefiore, Lord Melchett und Chief Rabbi Dr. H. H. Hertz, ferner Lord Strabofgi (Oberst Kenworthy), Lord Erleigh und Colonel Wedgwood in sämtlichen Synagogen Ansprachen hielten und auf die Notwendigkeit, das Hilfswerk für die deutschen Juden innerhalb und außerhalb Deutschlands fortzusetzen, hinwiesen. Die Versammlungen fanden während des ganzen Tages statt viele Redner sprachen nacheinander in mehreren Synagogen. Der Leiter der Aktion, Lord Melchett, sagte, daß im Zuge der neuen Aktion bereits 90.000 Pfund gezeichnet wurden, also mehr als bei der ersten Sammelaktion im gleichen Zeitabschnitt und daß zu hoffen sei, die neue Kampagne werde das Gesamtergebnis des Vorjahres, in dem insgesamt 200.000 Pfund raufgebracht wurden, wesentlich übertreffen. Außer den Personen, die auch im Vorjahre schon einen Beitrag für das Hilfswerk geleistet haben, kämen nach den ihm vorliegenden Listen für die diesjährige Aktion noch etwa 30.000 neue Spender, die im Vorjahre nicht erfaßt worden waren, in Betracht. In der Hampstead Synagogue Hall sprach der bekannte Führer des Weltverbandes des religiös-liberalen Judentums und Antizionist Dr. Claude G. Montefiore. Er hob die Größe der Aufgaben hervor, die diesem Hilfswerk gestellt seien, das im Gegensatz zu anderen Hilfsaktionen nicht einem Teil, sondern der Gesamtheit der Judenheit eines Landes gelte. Tausenden vor allem junger deutscher Juden erscheint das weitere Verbleiben in Deutschland hoffnungslos. Werden doch nicht nur hervorragende Gelehrte, Aerzte und Künstler vertrieben, allen im Erwerb stehenden Juden wird die Existenz fast unmöglich gemacht, ja sogar Gauklern und Akrobaten wird jede Tätigkeit untersagt, wenn sie Juden sind. Die Hilfsarbeit für die Auswanderer habe bedeutende Kosten verursacht, und wenn es sich darum handle, sie in ein anderes Land zu bringen oder für das Leben in einem solchen vorzubereiten, so komme hiefür in erster Reihe Palästina in Betracht. Er wolle nicht leugnen, daß er persönlich mehr Interesse an denjenigen Juden nehme, die notgedrungen oder aus freiem Entschluß in Deutschland verbleiben. Er sei stärker an der Mehrheit als an der Minderheit interessiert, wenn auohi diese Minderheit sehr groß sei. Trotzdem stehe er auf dem Standpunkt, daß beiden Gruppen, und zwar in großzügiger Art. Hilfe geleistet werden müsse, sowohl denjenigen, die bleiben, wie denjenigen, die auswandern. Und wenn die besten Chancen für diese zweite Gruppe in Palästina gegeben sind oder wenn eigener Wunsch sie in dieses Land führt, dann sei es zweifellos, daß ihnen bei ihrem Streben, 'nach Palästina zu gelangen. Hüte gebracht werden muß. Er wiederhole, was er schon im vorigen Jaklr erklärt habe: daß kein Antizionist zögern dürfe, den deutschen Juden, denen die besten Chancen in Palästina winken oder die den Wunsch haben, sich dort niederzulassen, dabei zu helfen, genau so wie kein Zionist zögern sollte, jenen deutschen Juden, die in Deutschland bleiben wollen oder müssen, zu einem erträglichen Leben dort zu verhelfen. inmnnmnfini Nathan Birnbaum 70 Jahre. Der jetzt in Scheveningen lebende bekannte Führer des thoratreuen Judentums, Dr. Nathan Birnbaum, vollendete am 25. April sein 70. Lebensjahr. Birnbaum, der sich erst während des Krieges der Orthodoxie in der Ueberzeugung anschloß, daß der Bestand des jüdischen Volkes nur durch strenge Beobachtung der traditionellen Glaubenssatzungen gewährleistet werden könne, war in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts einer der Vorkämpfer des nationalen jüdischen Gedankens und hat nach der Begründung des modernen politischen Zionismus kurze Zeit eine bemerkenswerte Rolle in der Organisation gespielt. Nach dem zweiten Zionisten-Kongreß im Jahre 1898 schied er aus der Organisation aus. Seit 1902 führte er an Oesterreich, Rußland und Amerika eine intensive Propaganda für die Pflege der jiddischen Sprache und Literatur. Dank seiner Initiative kam die im August 1908 in Czernowitz abgehaltene jiddische Sprachkonferenz zustande. Auf seine unermüdliche Werbearbeit ist es u. a. zurückzuführen, daß die zusammenfassende und eine kulturelle Einheit andeutende Bezeichnung „Ostjude n", die er immer wieder vorschlug, an die Stelle der früher fast ausschließlich gebrauchten Bezeichnungen „polnische Juden", „russische Juden" usw. trat Birnbaum hat eine Reihe von Zeitschriften gegründet und geleitet wie „Selbstemanzipation" (Wien 1885 und 1886 und 1890 bis 1893), „Jüdische Volkszeitung" (Berlin 1890), „Zion" (1890) und zuletzt „Der Ruf", der jetzt in Amsterdam erscheint. Seine „Ausgewählten Schriften" sind 1910 än zwei Bänden in Czernowitz erschienen. Aus neuerer Zeit nach vollzogenem Anschluß an die strengreligiöse Richtung stammen „Gottes Volk" (deutsch, 2. Aufl., Wien 1918, jiddisch, Berlin 1921); „Divre haolam" (hebräisch und jiddisch); „Vom Freigeist zum Gläubigen" (Zürich 5679); „Vor dem Wandersturm" (Frankfurt a. M., 2. Aufl. 5680); „Um die Ewigkeit" (Berlin 1920); „Im Galnth bei Juden" (Zürich). Zusammen mit Hugo Herrmann gab er „Edom, Berichte jüdischer Zeugen und Zeitgenossen über die Judenverfolgungen während der Kreuzzüge", aus dem Hebräischen, heraus. Anläßlich seines 60. Geburtstages erschien im Warschauer Verlag Jeschurun ein Sammelbuch über sein Leben und seine Werke. Nathan Birnbaum, der unter dem Pseudonym Matthias Ascher auch auf dem Gebiet der schönen Literatur hervorgetreten ist wirkte viele Jahre in Wien. Seine Söhne sind der bekannte Forscher für jiddische Sprachwissenschaft Dr. phil Salomo Birnbaum, früher Dozent an der Universität Hamburg, und der hervorragende Dichter und Maler Uriel Birnbaum. Nathan Birnbaum mußte nach dem Durchbruch des Hitlertums in Deutschland seinen letzten Wirkungskreis in Deutschland verlassen und nach Holland übersiedeln. Aus Nathan Birnbaums Jugendgedichten sei das folgende, „Ihr und ich" betitelte angteführt, das heute erneuerte Aktualität besitzt: Ihr habt mir das Schwert aus den Händen gewunden. Die Krone gerissen vom Königshaupt. Ihr habt mir den Rücken krumm gebunden. Den kecken, den siegenden Blick geraubt! Ihr habt mich aus einsamer Höhe gestoßen, In wimmelnde Tiefe hinabgedrängt Ihr habt meinen Stolz, den reinen, den großen. In Schmutz und Schlamm und Sumpf ertränkt! Ihr habt mich gehalten in dumpfen Verliesen Und habt mir gestohlen die jauchzende Welt, Ihr habt mich betrogen ums Glückgenießen Und habt mir den Sinn meines Lebens entstellt. So wü ich euch fluchen und wtffl euch hassen! Doch nein — ich entkam ja der Schmach und Not. Wohl könnt ihr's in eurem Dünkel nicht fassen. Wie blutend Leben weiter loht. Aus meinem Herzen hab' ich gesogen Viel sonnige Fäden so fein und fest. Und hab' mir daraus zusammengewoben Ein neues lauschiges Weltennest Aus meänem Geiste hab' ich geschmiedet Mir hurtig Krone und Schwert zugleich, Nun rag' ich aufrecht und glanzumfriedet In meinem jungen Gedankenreich. Und hole aus tiefen Seelenverstecken Mein Wollen, den zeugenden Sturm hervor. Und lass' ihn wirbeln und lass' ihn wecken Aus Ahnen und Denken die Taten empor!... Nun will ich euch segnen und will euch lieben, So viel und so schwer ihr gesündigt an mir! Denn ich bin das siegende Opfer geblieben Und reueverfallene Henker ihr.

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