Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 18 (27.4.1934)
- Date
- 1934-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Assimilation an die Araber? Es gehört heute schon ein gewisser Mut da S" zu, wenn ein jüdischer Redner in öffentlicher Versammlung die Assimilation als gebieterische Notwendigkeit zur Schaffung besserer kultureller und gesellschaftlicher Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden eines Landes und zwecks besserer Einfügung der Juden in das Völkergefüge ihres Erdteils anpreist. Wer dieses Wagnis seit der Zeit Theodor Herzls im „Galuth" unternimmt, riskierte bisher mindestens zionistische Zwischenrufe, die den Redner belehren, daß er just das AUerverkehrteste predige und daß nicht Assimilation, sondern Dissimilation, nicht Anpassung an die Umwelt, sondern im Gegenteil die schärfste Betonung des eigenen Stammescharakters den Juden die Achtung ihrer nichtjüdischen Landsleute sichere und nur so eine erträglichere Entwicklung der wechselseitigen Beziehungen zu erreichen sei. Diese längst unvermeidlichen Zwischenrufe haben sich schon zu einer regelrechten Literatur erweitert, als deren vielleicht repräsentativstes Muster unseren Lesern der Karbach-Aufsatz „Ordnung in der Judenfrage" hinlänglich bekannt ist. Sie wissen auch, daß dieser Aufsatz zusammen mit den wenig Sympathie für die Juden atmenden Ausführungen eines christlichsozialen Führers in einer Broschüre vereinigt erschien, und auch diese seltsame Zusammenstellung war in gewissem Sinne symbolisch: nämlich für die Tatsache, daß Antisemiten und Jüdischnationale oft ins selbe Horn stoßen. Nichts wäre indessen verfehlter, als aus dieser äußeren Harmonie der Schlagworte auf eine innere Uebereinstimmung der Motive und auf die Berechtigung der zionistischen Hoffnung zu schließen, durch zielbewußte Hervorkehrung eines eigenen jüdischen Nationalcharakters die Sympathie ihrer „Wirtsvölker" zu erringen. Gerade in den besten zionistischen Köpfen dämmert bereits die Erkenntnis, wie sehr man mit der bisherigen Propagierung einer extrem nationalistischen Jüdischkeit auf dem Holzweg war und daß die Dissimilation nicht bloß, wie wir Assimilanten seit jeher darlegten, das Zusammenleben mit den Andersgläubigen im G a 1 u t h erschweren müßte, statt es zu erleichtern, sondern daß sie sogar das jüdische Aufbauwerk in Palästina gefährdet . . . Hätte sich jemals ein Assimilant zu einer solchen Behauptung verstiegen, sie wäre ihm als die größte Blasphemie angekreidet worden. Und nun hat sie niemand Geringerer als der Präsident der zionistischen Weltorganisation, Nahum Sokolow, in einer auf Einladung der Palästina-Exekutive abgehaltenen. Pressekonferenz in Jerusalem verkündet. Die Jüdische Telegraphenagentur berichtet darüber: „Nahum Sokolow befaßte sich in seiner Ansprache hauptsächlich mit der Frage der Politik gegenüber den Arabern. Seine Ausführungen gipfelten in der These, daß ein Modus der Annäherung an die Araber gefunden werden müsse, weil das britische Mandat für Palästina nicht endlos fortdauern kann. Die Juden Palästinas, sagte Sokolow, müssen sich orientalisieren, um sich besser in das Völkergefüge des mittleren Orients einzugliedern. Die Schaffung besserer kultureller und gesellschaftlicher Beziehungen zu den Arabern sei heute eine gebieterische Notwendigkeit" Ein «rundlicheres Fiasko hat noch kein mit unbelehrbarer Zähigkeit jahrzehntelang festgehaltenes politisches Axiom erlebt als die jüdisch nationale Dissimilationstheorie durch obige Erklärung des höchsten zionistischen Führers. Nicht nur, weil es der größte Unsinn wäre, das den Arabern gegenüber empfohlene Heämittd der Assimilation den anderen, größtenteils viel zivilisierteren Völkern gegenüber als unwirksam zu werten, sondern vor allem deshalb, weil Sokolows These der von Zionisten und Antisemiten bisher in rührender Uebereinstimmung verfochtenen Ansicht polar entgegensteht, daß sich die Juden, selbst wenn sie es noch so eifrig anstreben, gar nicht assimilieren können. Die europäischen Antisemiten qualifizieren die Juden konsequent als „Orientalen", die im Abendland einen Fremdkörper darstellen. Sokolow aber erkennt, daß wir uns erst „orientalisieren14 müßten, um im asiatischen Völkergefüge nicht als Fremdkörper empfunden zu werden. Ja woher weiß denn der Präsident der Zicnisten, daß der jüdischen Angleichung an die Araber ein besserer Erfolg beschieden sein könnte als unserer so oft als zum Scheitern verurteilt ausgegebenen Assimilation an die Europäer? Wenn wir auf jeden Fall die Assimilation wenigstens versuchen sollen, muß man doch mit Goethe fragen: „Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?" Ist aber jedd Assimilation, wie die Zionisten bisher mit unbeirrbarer Hartnäckigkeit lehrten, im Endzweck für uns vollkommen aussichtsslos, dann haben wir es doch zumindest bequemer und billiger, in unseren europäischen Geburtsländern als „minderrassige Asiaten" entrechtet zu werden, denn in Asien als „blamierte Europäer". Auf keinem Fall aber erscheint es opportun, sich Ratschläge über die einzuschlagende jüdische Taktik bei den Judenfeinden zu holen. Denn ein richtiger Antisemit ist nach Arthur Schnitzler („Der Weg ins Freie") „nur der, der sich im Grunde über die guten Eigenschaften der Juden ärgert und alles dazu tut, um ihre schlechten weiter zu entwickeln". Hitler, der die jüdischen Wissenschaftler verjagt hat, und seine österreichischen Konkurrenten, die den Numerus clausus für jüdische Akademiker fordern, sind Kronzeugen für die Richtigkeit des zitierten Schnitzler-Wortes. Unsere Pflicht zur Selbsterziehung weist uns jedenfalls den gerade entgegengesetzten Weg: den von Nietzsche allgemein geforderten der Hinaufpflanzung und nicht ein Zurücksinken ins Ghetto, wie es uns unsere Feinde auch in moralischer Beziehung wünschen. Die arabische Kultur hat einmal auf die Juden — in Spanien — faszinierend und befruchtend gewirkt. Aber nicht, weil ihnen irgend ein Sokolow dies aus opportunistischen Gründen empfohlen hatte, sondern weil der damalige Hochstand der arabischen Kultur die jüdischen Geister instinktiv anzog. Heute ist das kulturelle Verhältnis zwischen Juden und Arabern umgekehrt. Die Juden, die jetzt nach Palästina einwandern, haben dort eine eminente geistige Erziehungsaufgabe zu erfüllen. Abschluß von den Arabern wäre eine bedauerliche Verkennung dieser Aufgabe. Aber ein noch größeres Unglück wäre der törichte Versuch, die Angleichung auf Kosten der höheren Kultur auf dem Niveau der niedrigeren zu erreichen. Ein solcher Versuch stände nicht nur zur jüdischen, sondern zum Sinn der gesamten Weltgeschichte in groteskem Widerspr&n? Was wäre z. B. aus Amerika geworden, wenn dessen europäische NencrOffimng! Pension, Cate-Restaurant orth.lKO BAD HALL Ob.-Österr. (Villa Mayerhofer) A. Barschak & Co. aus Wien II., Gr. Schiffgasse 3 Telephon A 46-4-39 Das Unternehmen steht unter Aufsicht Sr. Ehxw. Herrn Rabb. Babad Entdecker und ersten Besiedler sich den Indianern assimiliert hätten? Wo die europäischen Eindringlinge auf eine höhere Kultur stießen und diese vergewaltigten, wie im Inka-Lande, dort sind heute noch die zivilisatorisch tiefstehenden Teile der Neuen Welt. Palästina aber gilt es, seinem kulturellen Tiefstand zu entreißen und wieder zu einem Lande zu machen, das „von Milch und Honig fließt". Die Zionisten haben sich wiederholt zu dieser Mission bekannt. Schon aus diesem Grunde war ihr Kampf gegen die Assimilation der europäischen Juden an die Kultur ihrer „Wirtsvölker" verfehlt. Er schädigt aufs schwerste die Juden, die in ihrem Vaterland bleiben und hier als vollberechtigte Bürger weiterleben wollen, und er bedeutet keinen Nutzen für jene, die am Wiederaufbau Palästinas aktiven Anteil zu nehmen streben. Es ist daher ein sehr bedeutungsvoller Wendepunkt, daß ein Zionistenführer, noch dazu der oberste, jetzt öffentlich erklärt, daß es ohne Assimilation nicht'geht. Bei der Neuheit dieses Schrittes für ihn ist es verzeihlich, daß er dabei noch in die Irre ging. Wenn sich die Erkenntnis bei den Zionisten, daß Assimilation auch für sie Pflicht und Fortschritt bedeutet, verallgemeinert und vertieft, dann werden sie auch die richtige Antwort auf die Frage finden, an wen sie sich assimilieren müssen, um andere zu bewegen, sich ihnen zu assimilieren. Statistik. Es ist eine bekannte Tatsache, daß dieser auf nackten Zahlen beruhende Wissenszweig vielfach schwer mißbraucht wird. Der Wissenschaftler müht sich ab, aus gewissen Zahlen unvoreingenommene Schlüsse zu ziehen, und ist bestrebt, die unvermeidlichen „Fehlergrenzen" zu verkleinern und einzukalkulieren: er übt sowohl an den Prämissen als an den Schlußfolgerungen strengste Kritik und ist in seiner Objektivität nur an der Wahrheit interessiert. Gleichwohl ist es bekannt, wie selbst dieses peinlich saubere wissenschaftliche Vorgehen zu unrichtigen oder unzulänglichen Schlüssen führt. Diese Tatsache machen sich nun gewisse Menschen zunutze. Sie umgeben sich mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen und mit unbewußt oder bewußt falschen Prämissen; mit unbewußt oder bewußt falschen Auslegungen finden sie statistische Beweise für das, was sie beweisen wollen. In vielen Fällen genügt es ja, aus einer an sich richtigen Statistik ein Detail aus dem Zusammenhang zu reißen oder ein scheinbar nebensächliches Detail auszulassen, um sie zu verfälschen. Aus dieser Erfahrung heraus folgt die allgemeine Erkenntnis, daß mit Statistiken alles, aber auch ebenso das Gegenteil bewiesen werden kann. Um so verdächtiger ist es, daß gerade Politiker und politische Agitatoren mit statistischen Daten immer sofort bei der Hand sind, wenn es gilt, den Gegner zu kompromittieren oder zu entrechten: sie können mit „Statistik" alles klipp und klar beweisen. Es kann ohne Uebertreibung gesagt werden, daß wohl keine Gruppierung unter dieser „Statistik" je mehr zu leiden hatte als das Judentum. „Der Jude ist schuld" ist jeder statistischen Weisheit unwiderleglicher Schluß! Man hat auf solche Weise zahlenmäßig beweisen können, daß der Jude schuld ist z. B. am Krieg und am faulen Frieden; daß sich die Juden im Krieg „gedrückt" haben, wobei die jüdischen Kriegsopfer aus purer Schlechtigkeit sich haben umbringen oder verstümmeln lassen, während die anderen Helden waren; daß die Juden Kriegsgewinner waren, während die anderen die reinsten „Waserln" waren usw. Was aber in den letzten Tagen die „S t atistik" gegen die jüdische Aerzteschaft für Blüten getrieben hat, das übersteigt wohl alles bisher Dagewesene. Dies um so mehr, als für das Verhältnis der jüdischen zur gesamten Aerzteschaft nicht die geringste amtliche Grundlage besteht. Die Vereinigung jüdischer Aerzte, deren Mitteilungsblatt diese Ausführungen entnommen sind, bemüht sich seit längerer Zeit, authentische Zahlen zu erhalten. Aber weder beim staatlichen noch beim städtischen Amt für Statistik werden irgend welche Aufzeichnungen geführt, welche auf die Berufsgliederung der Juden schließen ließen. Wir sind daher auf eine mühsame Zusammenstellung angewiesen, die wir erst aus Daten der Israelitischen Kultusgemeinde usw. zusammensuchen müssen. Mit dieser Aufgabe ist eine Kommission der Vereinigung betraut und wird hoffentlich bald einwandfrei belegte Zahlen liefern können. Wenn man somit weiß, daß die geringsten Unterlagen für eine einschlägige Statistik fehlen, muß man sich wundern, mit welcher Sicherheit in gewissen Blättern Zahlenangaben über den Anteil der Juden am ärztlichen Beruf, an den verschiedenen ärztlichen Fächern usw. gemacht werden. Der Kuriosität halber soll nicht unerwähnt bleiben, daß ein sehr hoher staatlicher Funktionär allen Ernstes unter den 4900 Wiener Aerzten nur 800 arische annahm, weil der führende arische Aerzteverein über 800 Mitglieder verfügt! Ganz im Argen liegt natürlich die Deutung dec statistischen Zahlen. Daß die relativ große Anzahl der Juden unter den Aerzten nicht nur ihrer Neigung und Eignung für diesen Beruf, sondern auch der Tatsache entspricht, daß die