Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 18 (27.4.1934)
- Date
- 1934-04-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die tBcmrheif In Deutschland verboten I «« Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kulfusgemeinde Wien Kam PJUÄSiim durch den PA1ESHNE & OB1ENT- LtOYD VertretnnK für Österreich: REISEBÜRO CITY, Dr. J. H. Körner WIEN I. KOHLMARKT NR. TELEPHON U 2S-4-29 iiiniiinimiiw BffllllMM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 27. April 1934 Nummer IS Dr. Jakob Ornstein. Rasiere Dich gut and billig Dr. Jakob Omstein, der hervorragende Führer der „Union österreichischer Juden", hat sich bestimmt gefunden, seine Stellen als Präsident der „Union" und als Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde zurückzulegen. Was Dr. Omstein für die österreichische Judenschaft bedeutet, braucht keinem österreichischen Juden gesagt zu werden. Seine Bescheidenheit verbietet uns, viel über ihn zu schreiben. Er kann uns aber nicht verbieten, ihm aus vollem Herzen zu danken für all das, was er für die österreichischen Juden bisher geleistet hat. Er, der für sich nie etwas in Anspruch nimmt, hat stets alles und sifch selbst der jüdischen Gesamtheit geopfert. Seine hervorragenden geistigen Eigenschaften eigneten ihn zum Führer. Seine ungewöhliche Verstandesschärfe, die jede Sache erfaßt, vor allem aber seine Gedächtniskraft, über die er auch heute ungeschwächt verfügt, wird allgemein bewundert. Dieses Gedächtnis setzt ihn in den Stand, die umfangreichsten Akten nahezu wörtlich im Gedächtnisse zu behalten, so daß ihm die Kenntnis jedes Akteninhalts dauernd innewohnt. Hiezu kommt eine tiefschürfende Gründlichkeit, mit der er alleis Wissenswerte in sich aufnimmt. Er verfügt über ein profundes Wissen, wie es selten bei einem Menschen zu finden ist, besitzt einen ungeheuren Fleiß, der nie erlahmte. So wurde Dr. Ornstein ein Polyhistor, dessen Kenntnisse sind. Schon als Student erregte Aufsehen und Bewunderung. Er auspieiis imperatoris promoviert bis heute in stetem Kontakt mit der juristischen Wissenschaft. Sein Urteil ist ungetrübt, seine Auffassung unwiderlegbar. Keine Einzelheit entgeht ihm, die Gründlichkeit seines Studiums hatte zur Folge, daß ihm nichts unbekannt blieb. Selbst Materien, die dem praktischen Juristen fremd sind, waren ihm stets vollkommen vertraut. Dies befähigt ihn, sich sofort zurechtzufinden und in den verschiedensten Fragen zu raschem, klaren Urteil zu gelangen. Was er in der Jugend an jüdischem Wissen aufgenommen, Wieb ihm ungeschmälert erhalten. Aber immer wieder erwarb er hiezu neue Kenntnisse. Sein Wissensdurst zwang ihn, sich immer neue Gebiete zu erschließen. Zu seinen hohen geistigen Eigenschaften gea nldh ein Cnarakter von solcher Lauterkeit und Reinheit, wie er heute nur bei wenigen Menschen zu finden ist. Sein tiefinnerliches Pflichtgetuhl spornt ihn zu immer neuer Tätigkeit an. staunenswert sein Wissen wurde sub und verblieb «niuimiBk <y VERWALTUNGEN 4 SÄTZE - HYPOTHEKEN^! .«fr KAUFE - VERKÄUFE V Xr* SZILAGYI IX., RÖTENLÖWENG. 3 BEH. AUT. SEISKL TEL. A 10-5-69 Wenn Präsident Dr. Ornstein oft bis in die Morgenstunden Sitzungen leitete, Akten studierte, Eingaben verfaßte usw., vergaß er über seine Tätigkeit, daß er auch sich als Menschen etwas schuldig sei. Was Dr. Ornstein in der Jahrenreihe seiner Tätigkeit für die österreichischen Juden leistete, läßt sich im Rahmen dieser kurzen Würdigung nicht darlegen. Hier sei nur hervorgehoben, daß Dr. Ornstein seit 1907 in leitender Stellung in der „Union" (damals „Oesterreichisch-Israelitische Union") tätig war. Während der schweren Zeit des Krieges hatte er als geschäftsführender Vizepräsident die Leitung unserer Vereinigung inne. Was er in diesen Jahren und in der Nachkriegszeit für die bedrängten Glaubensgenossen1, insbesondere für die aus dem Osten nach Wien gelangten Flüchtlinge vollbrachte, seine stete Hilfsbereitschaft, die ununterbrochene Einsetzung seiner Persönlichkeit in jedem einzelnen Falle seiner vielen, vielen Interventionen bei Behörden und Aemtern, all das bleibt unvergessen; das allein sichert ihm die unvergängliche Dankbarkeit seiner Glaubensgenossen. Im Jahre 1919 wurde Dr. Ornstein unser Präsident. In die ersten Jahre seiner Präsidentschaft fällt sein beharrlicher Kampf in der Optionsfrage. Eine Unzahl von Beschwerden vertrat er selbst vor dem Verwaltungsgerichtshofe. Er setzte sein ganzes Wissen und Können, seine hohe Geistigkeit dafür ein, um gegen die damalige optionsfeindliche Praxis Erfolge zu erzielen. Sein umfassendes Wissen lieh ihm das Rüstzeug für diese Tätigkeit. Der von ihm verfaßte Gesetzentwurf betreffend Aenderungen einzelner Bestimmungen des Pressegesetzes, insbesondere wegen Erteilung der Klagelegitimation an gesetzlich anerkannte Religionsgemeinschaften im Falle von Kollektivbeleidigungen gegen ihre Angehörigen fand in Regierungskreisen starke Beachtung und Wertung. In allen Fällen der Rechtshilfe war sein Urteil treffend. Sein Rat, wie Abhilfe zu schaffen sei, war stets richtig. Er konnte die schwierigsten Probleme meistern. Dabei brachteer seine Meinung in so bescheidener Weise vor, als ob sie gar keine Beachtung verdiene. Trotz dieser Bescheidenheit wußte er für alles, was er für richtig erkannte, voll und ganz einzutreten und seiner Meinung auch zum Durchbruche zu verhelfen. Klar und geradlinig, wie er selber ist, ist die von ihm geführte Politik der „Union". Klar und deutlich ist «ihm der Weg der österreichischen Juden stets vorgezeichnet gewesen. Imme.r wieder hat Dr. Ornstein erklärt, daß wir zu Oesterreich stehen, daß wir mit Oesterreich und seinem Boden fest verwurzelt sind, daß wir diesen Staat, dessen voll berechtigte Bürger wir sind, als unsere Heimat lieben, daß wir am Aufbau dieses Staates mit unseren christlichen Mitbürgern zusammenarbeiten wollen und daß wir uns nur durch die Religion von den anderen Staatsbürgern unterscheiden. Als einsichtiger Politiker hat er es nie verstehen können, daß eine andere Politik den österreichischen Juden entsprechen könnte. Er war stets ein Gegner der jüdisch-nationalen Ideologie OesterrelcMsches Qodllfdfs-raDrtkof Ueberau erhältlich und ist es geblieben. In allen Fragen der allgemeinen Politik war er Oesterreicher und nichts als Oesterreicher. Für die Zusammenfassung der Juden in der Kultusgemeinde kam für ihn. nur die Grundlage des Gesetzes vom 21. März 1890 in Betracht. Die Kultusgemeinde hat hiedurch für ihre inneren Angelegenheiten das Recht der Autonomie, indem der Gesetzgeber der Kultusgemeinde die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Glaubensgenossen als pflichtmäßige Aufgabe zugewiesen hat. Während der zehn Jahre seiner Vizepräsidentschaft der Kultusgemeinde vertrat er stets den Standpunkt, daß die Kultusgemeinde ihr Selbstgesetzgebungs- und Selbstbestimmungsrecht nur auf religiösem Gebiete ausüben solle und daß sie, wenn sie darüber hinausgehe, ein ihr fremdes Gebiet betrete. Seine ungeheure Arbeitsleistung im Betätigungsfeld der Kultusgemeinde ist allgemein bekannt und wird allseits gewürdigt. Lauter, wie er ist, führte er die ihm anvertrauten Geschäfte mit bewundernswerter Objektivität. Er bewahrte eine alte, gut jüdische Tradition: Wenn er die Pforten der Seitenstettengasse überschritt, legte er den Rock des Parteimannes ab. Ihm war sein Wirken in der Kulturstube ein hehres Amt, eine Mission! im Dienste seiner Glaubensbrüder. Er leitete aus dieser hohen Vertrauenssteife nie Rechte, sondern nur Pflichten ab. Mit der Geschichte der österreichischen Juden wird der Name Dr. Ornsteins stets verbunden sein. Möge er uns noch lange mit seiner Tatkraft und seinem weisen Rate zur Seite stehen! »Möge es uns beschieden sein, ihn noch lange in geistiger und körperlicher Frische in unserer Mitte zu sehen. Wir wollen ihm aus warmem Herzen die Versicherung geben, daß wir von Liebe, Verehrung und Dankbarkeit für ihn erfüllt sind und bleiben werden! Dr. Josef T i c h o, Vizepräsident der „Union österr. Juden". * In der am Mittwoch, den 25. d. M. stattgehabten, vollzählig besuchten gemeinsamen Sitzung des Zentralvorstandes und Klubs der „Union" wurde Dr. Ornstein nach einer grandiosen Würdigungsansprache des Vizepräsidenten Doktor T i c h o und einer vom vollen Herzen kommenden und zu aller Herzen gehenden Rede Dr. Ornsteins unter stürmischen Beifallskundgebungen der Versammlung zum Ehrenpräsidenten der „Union" gewählt EÄ*