Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 17 (20.4.1934)
- Date
- 1934-04-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 formelle Ersuchen zu richten, die Mitglieder der Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus gegen Angriffe des antisemitischen Straßenpöbels zu schützen. Der Bund französischer demokratischer Frontsoldaten teilte der Regierung mit, daß, wenn sie nicht die Straßen von den antisemitischen Rowdies säubert, sie, die demokratischen Frontsoldaten, selbst die Sicherung der Ordnung übernehmen werden. Vor Beginn der Kundgebung haben sich auf dem Etoile, im Zentrum von Paris, wilde Szenen abgespielt, <lie von den antisemitischen Camelots du Roi provoziert wurden. Mitglieder der Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus, die das Organ der Liga „Le Droit de Vivre" verkauften, wurden von den Camelots überfallen, die Verkäufer setzten sich zur Wehr, so daß es zu einer regelrechten Straßenschlacht kam, bei der es auf beiden Seiten etwa ein Dutzend Verwundete gab. Ein Camelot namens Pierre Nicolas wurde in bedenklichem Zustand in das Hospital gebracht. Zehn andere Royalisten wurden ambulatorisch behandelt. Die Camelots du Roi hatten es besonders auf die Verkäufer jüdischer Zeitungen auf dem Boulevard St. Michel abgesehen. Den jüdischen Verkäufern wurden die Zeitungen aus der Hand gerissen. Die Juden setzten sich zur Wehr und verprügelten zahlreiche Camelots, von denen einige verletzt wurden. Obwohl die Juden sich gegen eine sie angreifende starke Uebermacht zu verteidigen hatten, behaupteten sie das Feld. Palästina-Nachrichten. Auf Anfrage der Jüdischen Telegraphen-Agentur bestätigte der deutsche Konsul in Jerusalem, daß Reichsinnenminister Dr. Fr ick letztens zwei Tage in Palästina geweilt hat; der Konsul lehnte es aber ab, den Zweck des Besuches Fricks im Lande des jüdischen Aufbaues — und des arabischen Widerstandes gegen diesen Aufbau — zu nennen. Nach den „Times" hat Dr. Weizmann an einer allgemeinen Table d'hote teilgenommen, an der — wohl inkognito — auch Dr. Frick saß. * Der englische Konsul in Warschau machte dem Warschauer Palästina-Amt soeben die Mitteilung, daß die Palästina-Regierung ihm eine Instruktion betreffend etwa 400 Palästina-Einwanderungsbewerber der sogenannten Kapitalistenklasse gesandt hat des Inhalts, daß jeder Bewerber als Depositum an einer der bevollmächtigen Banken 1000 Pfund einzuzahlen habe, und erst, wenn das geschehen ist, seine Bewerbung um Zertifikat und Visum in Behandlung gezogen, werden könne. Bisher war der Modus ein solcher, daß die Summe von 1000 Pfund erlegt wurde, wenn der Bewerber die Genehmigung zur Einreise erhalten hat und unmittelbar vor der Einreise stand. Die neue Verordnung erschwert ungeheuer die Einwanderung von Kapitalisten, indem sie diese zwingt, vorerst ihre Geschäfte in Polen zu liquidieren, um sich die notwendige Barsumme zu beschaffen, und erst dann sich in das ungewisse Abenteuer einer Visumsbewerbung einzulassen, deren Erledigung oft Monate dauern kann. In der polnischen Judenheit herrscht Entrüstung über diesen von der Palästina-Regierung geführten neuen Schlag gegen die Einwanderung. * Im englischen Unterhaus fragte Rhys-Davies den Kolonienminister, ob er etwas unternehmen werde, um die Verordnung der Palästina-Regierung, wonach mit Ausnahme der Frauen von Tel Aviv alle anderen Frauen Palästinas des Stimmrechtes bei den stätischen Wahlen beraubt sind, für ungültig zu erklären. Der Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister erwiderte, man könne hier nicht von Beraubung des Stimmrechtes sprechen, da die Frauen in Palästina, mit Ausnahme derjenigen von Tel Aviv, auch bisher kein Stimmrecht hatten. In der Verordnung sei aber vorgesehen, daß jeder Stadtrat mit zwei Dritteln der Staunen beschließen könne, den Frauen das Wahlrecht zu geben. Man könne, schloß Sir Philip, etwa einem moslemitischen Distrikt das Frauenwahlrecht nicht aufzwingen, wenn ein solches auch in einer modernen jüdischen Stadt wie Tel Aviv ganz am Platz ist. * Wie aus soeben veröffentlichten amtlichen Statistiken hervorgeht, ist der Anteil der jüdischen Bevölkerung Palästinas an der Gesamtbevölkerung im Laufe des Jahres 1933 auf 22 Prozent gestiegen. Ungeachtet der Hindernisse, die die Palästinaregierung der jüdischen Einwanderung entgegenstellt wurden 1933 30.327 jüdische Neu-Einwanderer registriert Die jüdische Bevölkerung Palästinas zählt jetzt 245.000 Seelen. Ueber 15.000 jüdische Neu-Einwanderer haben im Verlauf des letzten Jahres Arbeit auf verschiedenen Gebieten gefunden. In industrielle Betriebe wurden 4000 Arbeiter neu eingereiht Ebensoviel haben bei Bauarbeiten Beschäftigung gefunden, gegen 3000 neue Arbeiter hat die Landwirtschaft aufgenommen. Die übrigen Einwanderer haben als Beamte und Angestellte Beschäftigung gefunden. » Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat die Palästina-Regierung neue Vorschriften über die Zulassung zur ärztlichen Praxis in Palästina ausgearbeitet die dahin gehen, daß in Zukunft nur noch palästinensischen Bürgern die Erlaubnis zur Ausübung der ärztlichen Praxis erteilt werden soll. Nach offiziellen Schätzungen hat sich die Zahl der jüdischen Aerzte in Palästina im Laufe des letzten Jahres mehr als verdoppelt Es wird angenommen, daß sie von 450 auf 950 gestiegen ist Die neu hinzugekommenen Aerzte stammen durchwegs aus Deutschland. Ihre Lage ist insbesondere infolge des Umstandes schwierig, daß die Mehrzahl von ihnen die hebräische und englische Sprache nicht beherrscht, Anderseits bilden sie eine scharfe Konkurrenz für die schon seit vielen Jahren im Lande ansässigen jüdischen Aerzte. * In einer soeben veröffentlichten, vom High Commissioner Sir Arthur Wauchope unterzeichneten Verordnung wird für Palästina der Mieterschutz eingeführt. Die Verordnung sieht sowohl eine Einschränkung des Kündigungsrechtes der Hauswirte als auch die Festsetzung von Höchstmieten vor. Als Grundsatz wird festgelegt daß die Miete für ein Zimmer \Yt Pfund monatlich nicht übersteigen darf, während jetzt für ein Zimmer vielfach 4 bis 5 Pfund Miete gefordert werden. Ferner wird bestimmt, daß gegen einen Mieter auch nach Ablauf eines zeitlich begrenzten Mietvertrages ein gerichtlicher Exmissionsbefehl nur dann erlassen werden kann, wenn der Mieter die gesetzlich festgelegte Miete nicht bezahlt hat, wenn er gesetzlich zugelassene Mietvertragsbestimmungen nicht eingehalten hat, wenn er das Mietobjekt mutwillig beschädigt hat oder es für ungesetzliche Zwecke benutzt Will der Hauswirt bauliche Veränderungen vornehmen, die die Räumung des Mietobjektes notwendig machen, so muß er dies dem Mieter mindestens drei Monate vorher schriftlich mitteilen. Von der Palästina-Regierung wird ein Mieten- Kommissar bestimmt, der in Streitfällen zwischen Mietern und Vermietern die Entscheidung zu treffen hat Gegen die Entscheidung des Mieten-Kommissars steht den Parteien ein Berufungsrecht an einen zu bildenden besonderen Mietgerichtshof innerhalb von zwei Wochen nach der Entscheidung des Kommissars zu. Die neue Verordnung ist dazu bestimmt, ein Ueberhandnehmen des Mietwuchers und der Häuserspekulation in Palästina zu verhindern. * Die Palästinaregierung gibt bekannt daß ihr Einnahmeüberschuß, der am 1. April 1933 1,230.295 Pfund Sterling betrug, sich bis zum 1. März 1934 auf 2,458.732 Pfund Sterling erhöht, somit verdoppelt hat. Die Brutto-Einkünfte für die Zeit vom 1. April 1933 bis 1. März 1934 betrugen 3,531.220 Pfund. * Am 11. April wurden die provisorisch auf dem jüdischen Friedhof von Montparnasse beigesetzt gewesenen sterblichen Reste des im November verstorbenen Vorsitzenden des Aktionskomitees der Zionistischen Weltorganisation und des Comite des Delegations Juives, Dr. Leo Motzkin, nach Palästina überführt. Vor Abgang des Zuges fand ein Gedenkgottesdienst für Motzkin statt * Das Erscheinen des Organs der Revisionisten Palästinas, „Chasith Haam", ist behörd 1 ich für die Dauer eines Monats eingestellt worden. * In Jerusalem verlautet: :daß der. :High Commissioner Sir Arthur Wauchope das Londoner Colonia! Office telegraphisch verständigt hat, daß er nichts dagegen einzuwenden hat, wenn Herrn Wladimir Jabotinsky ein Visum für die Einreise nach Palästina gegeben wird. _ Großes Aufsehen hat in der letzten Woche in der Wiener jüdischen Oeffentlichkeit eine in der „Reichspost" veröffentlichte Resolution gemacht, die angeblich in der am 8. d. M. abgehaltenen Generalversammlung der Agudas-Jisroel-Jugendgruppe eingebracht wurde. Der Zweck dieses Antrages war die Eliminierung jener Vorstandsmitglieder der Wiener Kultusgemeinde, die nicht nach dem Schulchan Aruch leben, und die Einleitung von Schritten sogar an den höchsten staatlichen Stellen, um den von dem Antragsteller gewünschten Zustand herbeizuführen, daß Vorstandsmitglied in der Wiener Gemeinde nur der sein kann, der nach dem Schulchan Aruch lebt. Wie wir von gut informierter agudistischer Seite hiezu erfahren, ist ein solcher Antrag wohl der erwähnten Generalversammlung im Einlauf vorgelegen, jedoch wegen seiner Anonymität nicht in Behandlung gezogen, also auch nicht zur Abstimmung gebracht worden. Eine Disziplinarkommission untersucht gegenwärtig den merkwürdigen Weg, auf dem dieser Antrag in die Redaktion der „Reichspost" gelangte. Wir wollen nicht in den Fehler der jüdischnationalen Organe verfallen, die, ohne den Fall näher geprüft zu haben, sofort über die Orthodoxie und ihre Jugend herfielen. Es ist das Recht der Jugend, ihren Weg zu gehen, vor Abwegigkeiten wird sie eine besonnene Führung zurückzuhalten wissen. Das wird hoffentlich auch in dem in Rede stehenden Fall geschehen, der noch zu ungeklärt ist, um darüber ein abschließendes Urteil zu fällen. Die. „Protokolle" in der Tschechoslowakei verboten. Das Ministerium des Innern der Tschechoslowakischen Republik hat die Einfuhr und Verbreitung des antisemitischen Buches „Die Juden" vom Staatssekretär der Hitlerregienmg Gottfried Feder, ferner „Die Geheimnisse der Weisen von Zion" von Gottfried zur Beck und das berüchtigte antisemitische Lexikon „SigSIa Veri", Verlag Bodimg, Berlin, verboten. Der Petitionskrieg fordert Opfer. In der Synagoge (!) der Stadt Kostario (Griechenland) hatte die revisionistische Ortsgruppe eine Versammlung zur Propagierung der Petitionsbewegung veranstaltet. Während der Versammlung kam es zwischen den Einberuiern und Allgemeinen Zionisten zu heftigen Auseinandersetzungen, die in eine Schlägerei ausarteten. Der Kampf dauerte eine halbe Stunde, bis Polizei die feindlichen Lager trennte. 17 Personen wurden verletzt, zwei von ihnen so schwer, daß sie ins Krankenhaus eingeliefert werden mußten. Aus beiden Parteien wurden mehrere Personen, die von der Polizei als Rädelsführer der Unruhen betrachtet wurden, verhaftet * Im Klublokal der revisionistischen Jugendorganisation Menorah in der ostgalizischen Stadt Sasow explodierte am 8. April mitternachts eine Bombe. Das Klubgetäude wurde vollständig zerstört. Die Nachforschungen nach den Urhebern des Anschlages sind eingeleitet „Weltarierbund". So was gibt es. Er hat nach einem Bericht der in Wien erscheinenden „Völkischen Front" in der Zeit vom 11. bis 15. März in der Südschweiz einen Kongreß abgehalten, an dem 39 Vertreter aus 24 Ländern teilgenommen haben sollen. Auf dieser geheimnisvollen Tagung, deren Referenten nicht genannt werden, soll von „arischen Weisen und Forschern" folgendes verkündet worden sein: Das gottesfürchtige, prophetische Volk der Israeliten war ein rein arischer Stamm von höchster Kulturentwicklung und wahrer Religiosität Der» Stamm der Juden aber bildet eine von den alten Aegyptern mit deportierten Verbrechern besiedelte Kolonie, die sich mit den als Beduinen bekannten Wüstenräubern vereinte, die Israeliten, die eben das „auserwählte Volk Gottes" waren, überfielen, in ihrer Gesamtheit niedermetzelten, die wenigen Ueberletenden zu Sklaven machten und diesen Stamm, dessen Namen sie sich später auch noch beilegten, vernichteten. Nach der Zerstörung von Jerusalem, als dieses Mischvolk in die Zerstreuung ging, sich in den Ghettos der einzelnen Staaten wieder zusammenschloß, Uenanst in Cafes nsw. „Die Wahrlieir! vermischte es sich weiterhin mit den Verbrechern der einzelnen Staaten, die im jüdischen Ghetto stets Zuflucht und Unterkunft fanden. Auch der Anschluß des räuberischen Chasarenvolkes in Südrußland an die als Aschkenasi bekannten minderrassigen Ostjuden hat dieses arge Mischvolk noch wesentlich verschlechtert. Durch Inzucht kristallisierte sich dann die Rasse heraus, die wir heute als die jüdische bezeichnen. Hiedurch erscheint festgestellt, daß die Juden wohl Talmudisten und Hebräer, daß sie aber — weder räch der einen noch nach der anderen Ueber- Heferung — bestimmt niemals Israeliten waren, noch sind, daß also die Behauptung ihrer „Auserwähltheit" eir-o ebenso bewußte wie absichtliche Irreführung darstellt. Das ist natürlich alles blanker und bösartiger Unsinn. Wenn aber die „Völkische Front" in diesem Zusammenhang mitteilt, auf der Tagung seien „die geistreichen Ausführungen in der Judenfrage des früheren österreichischen Unterrichtsministers Dr. Czermak" anerkennend besprochen worden, dann ist das weder für den gegenwärtigen Obmann der christlichsozialen Partei, noch für diese Partei selbst besonders schmeichelhaft. Jüdische Krüppel gleichgeschaltet. Die Selbsthilfegruppe jüdischer Körperbehinderter Deutschlands teilt mit: Nach Einführung des Arierparagraphen bei den allgemeinen Selbsthilfeorganisationen stellte sich sehr bald die Notwendigkeit heraus, einen Zusammenschluß der jüdischen Körperbehinderten herbeizuführen. Das geschah nun. Durch die neu geschaffene Organisation soll den Juden, die von Geburt an körperbehindert waren oder es im jugendlichen Alter geworden sind. Gelegenheit gegeben werden, die für sie in erhöhtem Maße bestehenden Schwierigkeiten des Lebens besser zu überwinden. Die seelisch oft vereinsamten Behinderten wird der Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit den Schicksalsgefährten aufrichten. Eine besonders wichtige Aufgabe der Organisation ist es. die Behinderten so zu erstarken, daß ihnen das Gefühl der Wertlosigkeit genommen wird, daß sie der gesunden Umwelt den klaren Beweis erbringen, daß auch Krüppel wertschaffende und vollwertige Menschen sind, wenn ihnen der richtige Weg gewiesen wird. Nietzsche und die jüdischen Jünglinge. In Katalog Nr. 58 der Firma V. A. Heck in Wien wird ein unveröffentlichter Brief Nietzsches vom 24. August 1877 an Siegfried Lipin e r angeboten. Es heißt darin: „. . . sagen Sie mir sodann ganz unbefangen, ob Sie in Hinsicht auf Herkunft in irgendeiner Beziehung zu den Juden stehen. Ich habe nämlich neuerdings so manche Erfahrungen gemacht, die mir eine sehr große Erwartung gerade von Jünglingen dieser Herkunft erregt hat . .