Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 17 (20.4.1934)
- Date
- 1934-04-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite. 5 flf jlMtyP Mit Wulsd) Wien I., Seitenstettengasse 2, Tel. U 28-1-28 XI., Zentralfrledhof, Ulli 1« I. IN, Tel. U 18-0-85 Stridors Ehrgeiz ist es nach wie vor, die österreichische Judenschaft in den neuzubildenden Körperschaften Oesterreichs zu vertreten. Er lebt anscheinend noch immer in der Erinnerung an die — wenig rühmliche — Rolle, die er in der konstituierenden Nationalversammlung gespielt hat, und möchte gerne einer der wenigen Parteipolitiker dieser vergangenen Tage sein, die mit grandioser Fixigkeit in die neue Zeit hinüberschwenken. Wenn man dieses artistische Kunststück nicht mit dem gebührenden Applause aufnimmt, dann wird Herr Stricker bitterböse. Dann schimpft er. Dann läßt er, der immer von „Denunziation" spricht, wenn man ihm einen seiner oftmaligen Frontwechsel ankreidet, Behauptungen vom Stapel, die „beweisen" sollen, daß im Gegenteil gerade seine innerjüdischen Gegner es sind, die sich gewandelt haben. Diese oft vorgebrachten und immer widerlegten Behauptungen sind zu lächerlich, als daß man neuerlich ihre Widerlegung vornehmen müßte. Nur so viel: die vaterländisch-religiösen Grundsätze der „Union", die seit Jahrzehnten immer wieder betont wurden, sind gerade jetzt Gemeingut aller in diesem Staate geworden. Unsere Grundsätze haben Stand gehalten allen Fährnissen der Zeit und sind heute mehr denn je gültig, die parteipolitischen Dogmen aber, egal welcher Couleur, haben jenes Schicksal erfahren, das sie verdienen. Herr Stricker aber ist auch nur Partei, das gibt er, von uns in die Enge getrieben, selbst zu. Es freut uns sein wenn auch sicherlich nicht ganz freiwilliges Eingeständnis: Die „Jüdische Volkspartei" lehnt jede erborgte Legitimation ab und spricht nur im Namen der Juden, die in ihr organisiert sind, und der Juden, die ihrem Programm zustimmen. Wir nehmen diese Erklärung zur Kenntnis und werden Herrn Stricker an sie dann wieder erinnern, wenn er sich abermals das Recht anmaßt, im Namen der gesamten österreichischen Judenschaft aufzutreten. Denn das ist — noch so offenherzige Erklärungen werden uns darüber nicht hinwegtäuschen — das Um und Auf seines Strebens. Seine Zornesausbrüche werden ebensowenig wie sein heißes Liebeswerben Eindruck machen. Er hat nicht das Recht, uns zu vertreten, und wir lehnen es aufs entschiedenste ab, von ihm vertreten zu werden. Denn zwischen seiner parteipolitischen Einstellung und unserer vaterländisch-religiösen klafft eine breite Kluft. Beilegung des Konfliktes im Wiener Palästina-Amt. Der Beschluß der zionistischen Exekutive, daß dem österreichischen Palästina-Amt Einwanderungszertifikate für Palästina so lange vorenthalten würden und daß das Wiener Palästina-Amt so lange von der zionistischen Exekutive nicht anerkannt werden wird, als nicht den Vertretern der „Poale Zion" ihre Mandate im Palästina-Amt zurückgegeben werden, hat in Wien große Sensation hervorgerufen. Das österreichische zionistische Landeskomitee hat bekanntlich sofort telegraphisch bei der Exekutive in London gegen diesen merkwürdigen Beschluß protestiert, ohne darauf bisher eine Antwort erhalten zu haben. Eine offizielle Verständigung über Vorenthaltung von Einwanderungszertifikaten hat das Wiener Palästina-Amt jedoch bis jetzt aus Palästina nicht erhalten. Von den 1300 Zertifikaten, die die Exekutive der Jewish Agency auf die neue Schedule erhalten hat, war eine Zuteilung von 50 Zertifikaten an das Wiener Palästina-Amt in Aussicht genommen, wovon 20 bereits eingelangt waren. Da inzwischen jedoch eine Aussprache zwischen dem Bevollmächtigten der Palästina- Exekutive Josef Baratz und dem Vorsitzenden des Wiener Palästina-Amtes, Dr. Simon Horowitz, stattgefunden hat, in welcher es gelungen ist, eine Verständigung auf der Basis zu erzielen, daß a's .ye.ltreter der Arbeiterinteressen zwei von der Palästina-Exekutive bestimmte Personen in das Wiener Palästina-Amt eintreten, ist eine Möglichkeit zur Fortführung der normalen Arbeit des österreichischen Palästina-Amtes geschaffen worden. Die noch ausstehenden 30 Zertifikate dürfen nun auch zur Verteilung gebracht werden. Es besteht übrigens die Hoffnung, daß es möglich sein wird, für die österreichischen Palästinawanderer größere Einreisemöglichkeiten als bisher zu schaffen. Josef Baratz erklärte nämlich, daß Palästina derzeit eine größere Zahl von Fachleuten, insbesondere Tischler, Schlosser, Mechaniker, Elektritriker, Spengler und Vertreter ähnlicher Berufe aufnehmen kann. Auf Grund persönlicher Fühlungnahme sei er zu der Ueberzeugung gelangt, daß gerade Wien in der Lage sei, den palästinensischen Arbeitsmarkt mit den erforderlichen gut qualifizierten jüdischen Kräften zu beschicken. Er habe daher nach Palästina den Antrag gesandt, eine größere Zahl der zur Einwanderung zuzulassenden Facharbeiter aus Oesterreich heranzuziehen. ArlosorofiVProzeß verschoben. Die Hauptverhandlung vor dem Jerusalemer Schwurgericht gegen Achi Meir, Stawsky und Rosenblatt wegen des Mordes an Dr. Chaim Arlosoroff, deren Begünn für den 16. April angesetzt worden war, ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden. * Nach neunmonatiger Voruntersuchung hatte die britische Gerichtsbehörde endlich den Prozeßtermin ausgeschrieben. Und nun wird dieser Termin neuerlich verschoben. Das ist kein Beweis für die Mustergültigkeit der palästinensischen Justiz. Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art ll.t Rotankreuzgasae 3 Tel. A45-S-37 Aus der braunen Hölle. Eine aus Nürnberg in Paris eingetroffene Persönlichkeit berichtet dem „Pariser Tageblatt" den folgenden Vorfall, den sie als Augenzeuge miterlebt hat: „Im Cafe Sperber, einem der ganz wenigen Lokale in Nürnberg, in das; sich bis dahin Juden noch gefahrlos begeben konnten, saßen eines Abends sechs jüdische Gäste beieinander. Plötzlich kam eine Horde von SA-Männern herein. Sie mißhandelten die Juden und versetzten einem von ihnen einen Messerstich. Die herbeigerufene Sanitätswache durfte auf Befehl der nationalsozialistischen Uebeltäter die Verletzten nicht verbinden." * In der gesamten nationalsozialistischen Provinzpresse Deutschlands erschien vor einigen Tagen folgende Bekanntmachung: „Nach wie vor jüdische Geschäfte meiden! Das Kreispresseamt der NSDAP, teilt mit: Es ist in letzter Zeit mehrfach behauptet worden, es sei den Parteigenossen gestattet, bei Juden ihre Einkäufe zu tätigen. Dazu ist zu sagen, daß eine derartige Genehmigung führender Parteidienststellen nicht ergangen und auch nicht zu erwarten ist. Es bleibt also den Mitgliedern der NSDAP, und ihrer Unterorganisationen nach wie vor verboten, jüdische Geschäfte zu berücksichtigen. Der Jude ist der Todfeind des deutschen Volkes und es gibt keine wirksamere Bekämpfung, als ihn am Geldbeutel zu packen. So ist es eine Selbstverständlichkeit, daß Nationalsozialisten jüdische Geschäfte und Warenhäuser meiden." * Der Berliner a. o. Universitätsprofessor Doktor Helmut Becker, der seit dem Jahre 1928 mit einer Budapester Aerztin, einer Nichtarierin, verheiratet ist, hat sich dieser Tage in Budapest von seiner Frau scheiden lassen. Becker sollte kürzlich zum ordentlichen Professor der Berliner Universität ernannt werden, und da er befürchtete, daß die Rasse seiner Frau ihm dabei hinderlich sein könnte, ließ er sich „einvernehmlich" scheiden. * Bekanntlich gibt es in Deutschland eine Reichskulturkammer, deren oberster Chef Doktor Goebbels und deren Hauptfunktionär der Schauspieler Werner Krauss ist. Diese Institution hat es zuwege gebracht, daß etwa 3000 Juden. Mitglieder der der Kulturkammer unterstellten künstlerischen Fachschaften, für ein Engagement in Deutschland nicht mehr in Frage kommen und auf der Straße liegen. Nach den Zwischenfällen mit Willi Rosen, Irene Eisinger, Grete Mosheim u. a. m. werden jüdische Künstler überhaupt nicht mehr engagiert. Die kürzliche Warnung Goebbels' gegen das Engagement jüdischer Künstler dient allen Theaterleitern als Beweggrund, ihr Ensemble von Juden und Judenstämmlingen zu säubern. * Das Kreieider Stadttheater gibt sogenannte „G r o s c h e n k a r t e n" aus, die wenig bemittelten Beziehern erhebliche Preisermäßigungen gewähren. In den Richtlinien der Theaterverwaltung für Vertrauenswürdige Inkassantin, Kommissionärin oder Manipulantin mit langjährigen Zeugnissen und besten Referenzen sucht Stelle, event. für halbe Tage. Zuschriften unter „Bescheidene Ansprüche" sind an dia Administration dieses Blattes zu richten. die Spielzeit 1934/35 wird als Vorbedingung für die Preisermäßigung gefordert: „Der Antragsteller muß arischer Abstammung sein." « Nach einer Mitteilung des Polizeipräsidiums in Braunschweig sind mehrfach bei jüdischen Geschäftsleuten die Schaufensterscheiben durch Anbringen von Schimpfworten und Aufschriften mittels Aetzsäure stark beschädigt worden. Obgleich derartige Schäden von den Versicherungsgesellschaften nicht ersetzt würden, seien die wirklich Geschädigten schließlich doch nur die Versicherungsgesellschaften. Denn durch Aetzsäure werde die Bruchgeiahr erhöht. Es werde also damit letzten Endes nur deutsches Volksvermögen vernichtet. Aus Amerika. Nazi-Kundgebung in New York. Etwa 7500 deutsch-amerikanische Nationalsozialisten versammelten sich kürzlich zu einer Kundgebung in der Ridgewood Grove Arena zu New York, wo die amerikanischen Nazi-Führer die Parole ausgaben: „Boykottiert die Boy kotteure!" Diese Losung soll bedeuten, daß gegen die Juden in den Vereinigten Staaten, die sich an dem Boykott deutscher Waren beteiligen, ein wirtschaftlicher Boykott organisiert werden soll. Dementsprechend wurde eine Resolution angenommen, daß ein Boykott auf breiter Basis gegen jüdische Warenhäuser und Kaufläden einzusetzen habe. 500 uniformierte Angehörige der Nazi-Sturmtrupps (in Amerika nennen sie sich „Silberhemden") versahen während der Kundgebung den Ordnerdienst. Da Gerüchte im Umlauf waren, daß jüdische Kriegsveteranen die Absicht haben, die Versammlung zu sprengen, wurde auch sehr viel Polizei aufgeboten. In Wirklichkeit aber haben die jüdischen Frontsoldaten von dieser Kundgebung nicht Notiz genommen. Die Redner der Kundgebung griffen sehr heftig die amerikanischen Juden an und hetzten insbesondere gegen den Führer der anti-deutschen Boykottbewegung» Samuel Untermyer. An die deutschen Hausfrauen in Amerika wurde appelliert, jüdische Geschäfte zu meiden. Vier bei der Nazi-Kundgebung anwesende Juden versuchen, gegen die antisemitischen Aussprüche der Redner laut zu protestieren: sie wurden festgenommen, aber gegen Kaution wieder freigelassen. Gegen drei von ihnen wird ein Verfahren wegen Ruhestörung eingeleitet. Das Präsidium des American Jewish Cong r e s s veröffentlicht eine Erklärung, in der im Zusammenhang mit der Nazi-Kundgebung ausgeführt wird, die amerikanische Nazi-Bewegung richte sich nicht allein gegen die Juden, sondern sie erstrebe die , Erschütterung der Grundfesten des amerikanischen Staates. Es war daher unverzeihlich von den Behörden, die Manifestation der amerikanischen Nazis zu tolerieren. » Antinazi-Konierenz in Chicago. Der frühere Senator James A. Reed leitete die Western Region anti-Nazi Conference, an der Delegierte aus 35 Großstädten in 5 Staaten teilnahmen, mit einer Rede ein, in der er Hitler als eine Drohung nicht allein für die Juden, sondern für die ganze Menschheit bezeichnete und weiter ausführte, der Tag, an dem Hitler gestürzt werden wird, werde ein glückliches Datum sein nicht nur für die Juden, sondern auch für das ganze deutsche Volk. Die Konferenz nahm eine Resolution an. in der die Bevölkerung der Vereinigten Staaten aufgefordert wird, deutsche Waren und Dienste zu boykottieren. * American Jewish Congress organisiert für Sommer 1934 eine internationale Gewerbe-Messe in New York, um die Verbraucher zu belehren, wie sie deutsche Waren durch mindestens gleichwertige und gleich billige aus anderen Ländern ersetzen können. Massenkundgebung gegen den Antisemitismus in Paris. Mehr als 6000 Personen versammelten sich in Paris am 11. April zu einer von der französischen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus veranstalteten Kundgebung, in der bekannte politische Persönlichkeiten, Professoren, Schriftsteller, katholische und protestantische Geistliche die auch in Frankreich überhand nehmende Judenhetze verdammten und einem Zusammenschluß aller Gutdenkenden zur Bekämpfung der antisemitischen Pest das Wort redeten. Es wurde einmütig eine Resolution angenommen, in der die französische Regierung aufgefordert wird, die antisemitischen Organisationen in Frankreich, die nicht nur eine an sich verdammenswerte menschenfeindliche Tätigkeit entfalten, sondern auch noch dazu den Boden für eine Hitler- Propaganda in Frankreich bereiten, aufzulösen. Als zu Beginn der Kundgebung im Saale bekannt wurde, daß antisemitische Carnelots du Roi Personen, die sich zur Versammlung begaben, belästigten, übernahm es der Deputierte Longuet, an die Regierung das