Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 17 (20.4.1934)
- Date
- 1934-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064520--19730-3084898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Säte* DIE WAHRHEIT Grundbegriffe der jüdischen Gegenwart Ludwig Holländer, der vor kurzem aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretene langjährige verdienstvolle Direktor des Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat anläßlich seines Abschiedes in dem Organ dieser Vereinigung den folgenden Artikel veröffentlicht, dessen interessante Thesen auch für die österreichische Judenheit ihre Gültigkeit haben. D. Red. I. Zeiten der Umwälzung und der Umwertung sind durch ihre Wesensart mit Spannungen geladen, die in Ausbrüchen von Stimmungen und Gefühlen gipfeln. Klaren Einsichten wird der Boden entzogeil. Denken und Handeln werden leicht durch unsachliche Gesichtspunkte bestimmt. So erklärlich solche Feststellungen sind, so groß ist die Gefahr, die sie in sich bergen; besonders für eine Gemeinschaft, die wieder einmal wie die jüdische fn ihren Grundfesten erschüttert ist. Was soll man tun? Zunächst klar denken. Hieran fehlt es. Man läuft Gefahr, gefährlichen Quacksalbereien zum Opfer zu fallen. So verlangt man zur Lösung von Not und Unglück: Jüdischer werden! So tönt ejs, es bilden sich in der kleinen jüdischen Gemeinschaft Schichten und Fronten. Das alte Erbe der Zwietracht begeht seine Auferstehung. Gewiß, eine Uebereinstimmung in allem ist eine Unmöglichkeit. Sie bedeutet Grabesruhe. In allem Entscheidendem aber ist Einigkeit geboten, wenn man klar zu denken gelernt hat. Geben wir einige Anhaltspunkte. II. Jüdischer werden! Unmöglich ohne Wissen. Judentum ist Religion, ist Lebenshaltung, ist Kenntnis von dem Gewesenen, ist Würdigung einer Vergangenheit in der Gegenwart, ist angewandte Geschichte, ist ewiges Lernen und ewiges Streben nach Erkenntnis. Es ist nicht nur mit Hebräischlernen, mit Nachsprechen eines Parteiprogramms in sich zu gestalten; es gibt nur eine Vorschrift die zum Jüdisch werden führt: das ist das heiße Bemühen, alles, was von jüdischen Meeschen in bezug auf Grundhaltung zu den Fragen ihres Seins gedacht, gesprochen und geschrieben wurde, vor sich erstehen zu lassen und mit eigenem Gewissen das in sich zu verwirklichen, was den Stttengesetzen und der Treue gegen eine Wirkich ruhmvolle Vergangenheit entspricht. Judentum verlangt Stellungnahme und — dreimal sei es gesagt — Wissen und Studium. Palästina ist eine Wirklichkeit. Sie war es immer. Sie ist neu belebt. Dafür muß der zionistischen Bewegung Dank gesagt werden. Sie war in vielem weitsichtig in ihren Führern. Sie war kurzsichtig in ihrer sogenanntem Landespolitik. Da fehlte die Weltweite, die Kenntnis vom Jüdisch-Sein. Man verwechselte Schale und Kern. Wer glaubt, Judentum und Judenheit auf eine einheitliche, einfache Form bringen zu können, verkennt diese alte und ewig junge Gemeinschaft. Aber Palästina ist nicht die Lösung der Judenfrage. Es hilft zu dieser Lösung, nichts weniger, aber auch nichts mehr. Seelische Haltung in Notzeit! Nicht gegenseitige Herabsetzung. Juden am Rande, entjudete Juden sind genau so diejenigen, die sich mit Worten äußeren Judentums bekleiden und die innere Verzweigtheit jüdischen Seins niemals erfassen, wie diejenigen, die sich selbst gegenüber bekennen müssen, daß sie von Judentum keine „Ahnung" haben, wenn ihnen eine Stunde der Einkehr beschieden ist. Die seelische Haltung ist nicht darin beschlossen, allem ein Lebewohl zu sagen, was man im Judentum verehrt hatte. Ebensowenig wie man den Gedanken an die unwandelbare, treue Gesinnung, an Muttersprache, Vaterland, Heimaterde dadurch aufgeben darf, daß wir nicht mehr Volksgenossen und Deutsche sein sollen. Ich darf und brauche mich nicht in diesem mir Eigenwüchsigen beeinträchtigen zu lassen. Ostjuden. Sie sind unser Unglück? Nein, sie sind Juden wie wir. Was wollt ihr denn? Die Brotlosen unter uns, gut deutscligesinnt, die sich eine neue Grundlage ihres wirtschaftlichen Daseins suchen mußten, werden in den Ländern des Westens vielfach als Ostjuden bezeichnet. Man suche sich darüber klar zu werden, daß es überall in der Welt eine Menge von aus dem Osten stammenden jüdischen Menschen gibt, die sich an Sittlichkeit und Arbeitsamkeit mit jedem, aber auch rt;it jedem messen können. Aber bei großen Wanderungen werden sehr oft auch faule Elemente abgestoßen. Wer den europäischen Osten kennt, weiß genau so wie der deutsche Jude, daß sehr oft die sozial Minderwertigen zum Wanderstab greifen mußten. Darum sind auch unter den deutschen Auswanderern gar manche, die wir liier nicht gerne sahen und die im Auslande „Ostjuden" im üblen Sinne des Wortes sind und dem ehrlichen Namen des deutschen Juden, der sich eine neue Heimat suchen muß, nicht zur Ehre gereichen. Soziale Nöte. Man müßte einmal über den Unfug reden, der von verschiedenen Seiten mit dem Begriffe „Berufsumschichtung" getrieben wird. Man müßte das in tausend Umschreibungen wiederholen, was die zur Regelung und zur Durdiführung einer gesunden und möglichen Umschichtung berufenen Männer und Frauen täglich sagen. Man muß sich doch darüber klar sein, daß der Berufsumschichtung nichtjugendlicher Menschen ungeheuere Schwierigkeiten entgegenstehen. Vertiefe man sich doch in die Einzelseele, prüfe man die sozialwirtschaftlichen Voraussetzungen, und man wird sehen, wie der Mißbrauch eines Begriffes um sich greift und neues Elend schaffen muß. Wer einen an sich notwendigen Wechsel seines Berufes vornehmen muß, sollte sich strengstens mit dem Urteil wirklich sachverständiger Menschen, auch wenn es im Einzelfalle nicht angenehm klingen würde, befassen und sollte nicht auf eigene Faust Dinge unternehmen, die unglücklich ausgehen müssen. Soziale Einsicht muß gelehrt und gelernt werden. Erkenntnisse auf diesem Gebiet liegen stets in der Linie einer sehr starken Enttäuschung. Die ganze Weltentwicklung zeigt uns die Zurückschraubung des Daseins. Wir werden diesen Prozeß überwinden, wenn wir nach dem Beispiel unserer Vergangenheit jedem einzelnen jüdischesWissen mitgeben. In der alten Verbindung von einfacher Tagesarbeit und dem Wissen um Gott und Welt lag die Weihe des jüdischen Geschickes. Auswanderung. Gewiß nichts Neues! Maimonides hat darüber ein ausführliches Gutachten erstattet. Gewiß waren damals die Verhältnisse anders als heute gelagert. Aber die Gedanken, die Maimonides im allgemeinen äußerte, sind noch heute von Bedeütohg',!'^einn!sie!Uz:j'B.':in bezug auf das Beispiel der russischen Juden heute sogar in Einzelheiten noch zutreffend sind. Von Bedeutung ist dabei, mit welcher Schärfe schon damals Maimonides mit denen ins Gericht geht, die von oben her jeden als minderwertigen Juden kennzeichnen, der sich ihrer Ansicht nicht anschließt. Das könnte heute geschrieben sein. Das Entscheidende aber ist der Geist der Abhandlung: Wo nicht ein unbedingtes Erfordernis vorliegt, ist eine Auswanderung unzulässig. III. Die Gedankenklarheit wird zur inneren Rulle führen. Ein großer, noch lebender Lehrer der Sozialphilosophie soll einmal geäußert haben: „Es gibt Dinge, die im Zusammenleben der Menschen auftreten und so verwickelt sind, daß sie unverwickelte Naturen niemals verstehen." In diesem angeblichen Ausspruch liegt die Wahrheit eingeschlossen, daß gerade die Judenheit bei ihrer zahlenmäßigen Kleinheit sich das Verständnis ihres Seins in weit höherem Maße verschaffen sollte, als es bisher der Fall war, wo man zu leicht auf tönende Worte und blinkende Redensarten hineingefallen ist. Was uns fehlt, ist eine Untersuchung über alle Grundbegriffe des jüdischen Seins, die aufgebaut ist zunächst auf der Kenntnis der entscheidenden Ergebnisse im Denken der jüdischen Vergangenheit, die ebenso begründet ist in der Erfassung aller der Denker, die insbesondere in der Kulturwelt der Umgebung die seelischen Voraussetzungen des menschlichen Zusammenlebens erforscht haben. Wer heute z. B. — man muß es so bezeichnen, wie es ist — die Fehlurteile in der jüdischnationalen Presse ebenso wie in der allgemeinen Kritik über Assimilation, über Emanzipation und ähnliche Erscheinungen liest, wird sich darüber klar sein müssen, daß geforscht und erhellt werden muß, was heute noch nicht genügend geklärt ist. Junges intelligentes Fräulein, französisch, englisch und Klavier, würde gerne in ein Haus zu Kindern gehen. Mäßige Ansprüche, eventuell auch Nachhilfe. Th. S„ IL, Große Mohrengasse 22/16. Emigrantenkommissär James MacDonald in Wien Auf seiner Studienreise durch die europäischen Länder traf letzten Freitag der vom Völkerbund eingesetzte Hochkommissär James MacDonald in Begleitung seines Mitarbeiters, des englischen Professors Norman Bentwich, des früheren Oberstaatsanwaltes und Leiters des Justizwesens in Palästina, in Wien ein, um hier die Lage der deutschen Emigranten zu studieren. Wie wir erfahren, hatten die beiden Herren hierüber auch eine Aussprache mit dem Präsidium der Israelitischen Kultusgem e i n d e. Im Anschluß daran begaben sich MacDonald und Bentwich in Begleitung des Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Desider Friedmann in das Bundeskanzleramt. Da Bundeskanzler Dollfuß, der gerade den Vorsitz im Ministerrat führte, die Herren nicht empfangen konnte, begaben sie sich zum Gesandten Hornbostel, mit dem eine gründliche Aussprache über Flüchtlingsfragen abgehalten wurde. Zur Besprechung technischer Details, der Paßfrage usw. wurde vom Gesandten Hornbostel der Referent für Flüchtlingsangelegenheiten Gene-- ralkonsul Schwagula beigezogen. MacDonald und Bentwich haben sich nach Prag begeben. Nach den derzeitigen Reisedispositionen ist es möglich, daß die Herren demnächst wieder nach Wien kommen werden. Am Montag vormittag wurde der Hochkommissär James G. MacDonald in Prag vom Außenminister Dr. Edouard Benesch empfangen, wobei die Probleme der deutschen Flüchtlinge im allgemeinen und die der Flüchtlinge in der Tschechoslowakei im besonderen erörtert wurden. Wie wir erfahren, ist die Tschechoslowakei bereit, gemeinsam mit anderen Staaten an der Lösung der Flüchtlingsprobleme auf internationalem Boden positiv mitzuwirken. Minister Dr. Benesch wies auf das besondere Entgegenkommen hin, das die Tschechoslowakei den Flüchtlingen gezeigt hat. Eine aussichtsreiche Lösung könne aber erst gefunden werden, wenn es gelingt, die' Flüchtlinge, die sich in Ländern, wo wenig Arbeitsmöglichkeit für sie besteht, zusammengestaut haben, in Länder gebracht werden, in denen für sie Aussicht auf dauernde Beschäftigung und Einwurzelung in die neuen Verhältnisse besteht. Die Flüchtlinge in Oesterreich. In einem Gespräch mit dem Wiener JTA-Vertreter erklärte Hochkommissar James MacDonald u. a.: In Oesterreich leben gegenwärtig 800 Flüchtlinge aus Deutschland, von denen 300 österreichische Staatsbürger sind, 200 Deutsche, etwa 70 Staatenlose und der Rest Angehörige anderer Staaten sind. Infolge der in Oesterreich herrschenden Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit der allgemeinen Wirtschaftskrise ist die Unterbringung von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkte hier sehr erschwert. Man hat sich hier wie überall bemüht, durch sofortige Unter- Stützung die unmittelbare Not zu lindern. Auf die Dauer aber muß eine konstruktive Hilfe Platz greifen, die rationell organisiert werden muß. Wie der JTA-Vertreter erfährt, wiesen die Repräsentanten der Kultusgemeinde in ihren Besprechungen mit dem Flüchtlings-Hochkommissär auf die Notwendigkeit hin, größere Hilfsmittel zwecks Erleichterung des Loses der deutschen Flüchtlinge zu beschaffen. Die Wiener Gemeinde hat bis jetzt gegen 300.000 Schilling für die Flüchtlingsfürsorge ausgeben müssen, hierzu hat sie von auswärts bloß zweimal je 1000 Pfund, insgesamt zirka 56.000 Schilling, erhalten, während der Betrag von zirka 244.000 Schilling den eigenen Notstandsgeldern entnommen werden mußte, wodurch die Leistungsmöglichkeit für alle anderen Notstandsfälle in Oesterreich sehr eingeengt wurde. Die Herren MacDonald und Bentwich verwiesen auf den Umstand, daß die ausländischen Komitees nur für konstruktive Zwecke, wie Berufsumschichtung und dergleichen, Mittel beistellen können, nicht aber für das reine Unterstützungswesen. In Wiener Kultusgemeindekreisen macht man jedoch auf die Unmöglichkeit, von dem Unterstützungswesen vollständig abzugehen, aufmerksam, da die Umschichtung in unzähligen Fällen nicht nur unmöglich, wie in Fällen des vorgerückten Alters usw., sondern bei der herrschenden großen Arbeitslosigkeit in allen manuellen Berufen auch zwecklos ist, da die Flüchtlinge hier weder eine Anstellung noch auch Arbeitsbewilligung erhalten können. Ist das möglich? Das Berliner Philharmonische Orchester beabsichtigt, laut Pressemeldungen, im nächsten Winter sechs Symphonie- Konzerte unter Leitung des englischen Juden Sidney Beer zu geben. Unter den Solisten befindet sich der englische Jude Lionel Tertis.