Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 17 (20.4.1934)
- Date
- 1934-04-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Speziaihaus für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Taborslraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden Telephon A 45-8-69 aus. Wenn das Ausland wüßte, was hier dauernd im Herzen eines alten Kulturlandes geschieht, so wäre wahrscheinlich schon lange eine internationale Aktion im Gange. Man sollte einmal internationale Berichterstatter hierher schicken, sie brauchten die Augen gar nicht weit aufzumachen. Es gibt kein Gesetz. In Nürnberg und über Franken herrscht unbeschränkt Herr Julius Streicher, den wir schon in der demokratischen Republik für geisteskrank gehalten haben. Für Herrn Streicher, der in jeder Woche in dem von ihm herausgegebenen „Stürmer" eine schreckliche Mordhetze betreibt, gilt kein Gesetz und keine Anweisung aus Berlin. Der Reichsbetriebsführer hat bestimmt, daß in der Wirtschaft sich auch Nichtarier betätigen dürfen. Aber Julius Streicher ist mächtiger als der Reichswirtschaftminister. Die kleinen Zeitungen schreiben täglich: „Kauft nicht beim Juden!" Mit welcher Energie diese Parole durchgeführt wird, ersehen Sie daraus, daß ein christliches Schulkind in Nürnberg, das sich neulich bei einem jüdischen Konditor Schokolade kaufte, zur Strafe 14 Tage hindurch die Schulausflüge nicht mitmachen durfte. Die Beamten haben sich schriftlich verpflichten müssen, nicht bei Juden zu kaufen. in Nürnberg selbst können die Juden kaum noch in ein Lokal gehen. Seit kurzem hat auch das von ihnen bisher besuchte Künstlerhaus einen strengen Nazi (von der Stadt aufgezwungen) als Geschäftsführer, der keine Mahlzeiten mehr an Juden verabreichen läßt. Von heute ab ist das einzige Gartenlokal, das sogenannte Massfeld-Restaurant, in das bisher diese armen gehetzten Menschen noch gehen konnten, für die Juden gesperrt. Ins Schwimmbad zu gehen ist den Juden für den Sommer auch nicht mehr erlaubt. Der Turnbetrieb des Retehsverbandes jüdischer Frontsoldaten in Fürth ist geschlossen worden. Die nagelneuen Turngeräte sind gestohlen. Die fortdauernden Judeninsultationen regen bereits die christlichen Volksteile in Franken erheblich auf." * Das Verbot, Julius Streichers „Stürme r" nach dem Ausland auszuführen, ist nunmehr von der Geheimen Staatspolizei auf Nor ddeutschland ausgedehnt worden. Es wurde streng untersagt, den „Stürmer" in Berlin zu verkaufen, da man nicht haben will, daß das Pogromblatt von den in Berlin sich aufhaltenden Ausländern gelesen wird; Der wehleidige „Beobachter". Der „Oesterreichische Beobachter" ist von den Behörden eingestellt worden. Es hat lange genug gedauert, bis die hiezu von Amts wegen Befugten sich zu dem festen Zugriff entschlossen, der in jeder Hinsicht eine Säuberung unseres öffentlichen Lebens bedeutet. Vor allem deshalb, weil es sich hier um einen Verbreiter heimlich aus dem Hitler-Reiche eingeschleppter Hakenkreuz-Bazillen handelte, der die österreichische Luft politisch verseuchen sollte. Ratten sind nun einmal unappetitliche Geschöpfe und erregen auch dann Ekel, wenn sie nicht verdächtig sind, Träger und Verbreiter von Pestbazillen zu sein. Stellt sich aber auch noch dieser Verdacht ein und verdichtet sich zu immer bestimmterer Gewißheit, dann muß man über die Langmut der Staatsanwaltschaft, die in anderen Fällen., drohender politischer Infektionsgefahr rascher zur Hand ist, mehr Staunen als Freude empfinden. Den Charakter des jetzt endlich von der staatlichen Aufsichtsbehörde erledigten Schädlings festzustellen, war in diesem Falle um so leichter, als man den Makel seiner Geburt und seine illegitime Abkunft von einer Mutter, die von unerlaubten Beziehungen zur Hitler-Partei ihr gleichfalls von der Obrigkeit gewaltsam beendetes Leben gefristet hatte, wir zu .gut kannte, der Sohn einer solchen Mutter also sozusagen schon rassisch verdächtig war. Es liegt freilich im Wesen einer illegitimen Abkunft, daß der Vater in den Dokumenten nicht aufscheint und auch die Mutter sich in der Oeffentlichkeit nicht gern als solche deklariert. Seltener tritt der Fall ein, daß auch das Kind seine Eltern zu verleugnen trachtet — moralisch erhebender wird die Affäre dadurch gerade nicht. Jeder, der in das Dunkel der Geburt des „Oesterreichischen Beobachters" hineinzufeuchten wagte, zog sich eine aerichtliche Klage zu. Bei längerer Lebensdauer des Blattes hätte sich das für Presse-Angelegenheiten zuständige Gericht in der Schiffamtsgasse eine eigene Abteilung für die Prozesse des ., Oesterreichischen Beobachters" zulegein müssen. Auch „Die Wahrheit" ist nunmehr vor den Kadi zitiert worden, weil sie im der Nummer 12 vom 23. März 1934 auf den dringenden Verdacht hingewiesen hatte, daß der „Oesterreichische Beobachter" der direkte Nachkomme der eingegangenen „Neuen Zeitung" ist. Das war den Herren vom „Oesterreichischen Beobachter" vor allem deshalb sehr unangenehm, weil die „Neue Zeitung" bei^ ihrem Hinscheiden) eine Menge unbefriedigter Gläubiger hinterließ, die an das unter anderem Namen erscheinende Nachfolgeblatt keinerlei Ansprüche stellen können. Wir haben in unserem Aufsatz vom 23. März die gleichfalls unter Klage gestellte Anspielung gemacht, daß damit von antisemitischer Seite eine Tat vollbracht worden ist, deren bloße Beabsichtigung die angeblich jüdischen Macher des „Abend" im Kriminal büßen müssen. Wir konnten uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, wieder einmal darauf hinzuweisen, daß die Hakenkreuzler eben jede Gelegenheit benützen, ihre rassische Höherwertigkeit gegenüber den Juden zu erweisen. Die Hakenkreuzler — diese Bezeichnung enthält die zweite für die Macher des „Oesterreichischen Beobachters" peinliche Stigmatisierung. Denn sie wirft die Frage nach dem Vater des „Beobachters" auf und wenn die Antwort darauf auch das kaufmännische Anstandsgefühl nicht so beleidigen kann wie die oben durchgeführte Agnoszierung der Mutter, hatte das Blatt um so mehr politische Gründe, ihre Stellung zu scheuen. Denn der „Oesterreichische Beobachter", mit dem wir uns hier beschäftigen, ist nicht der legitime Nachfolger des Blattes gleichen Namens aus dem Vormärz, sondern ein öffentlich verleugnetes Kind jener „Beobachter"-Sippe, deren Ahnherr der „Völkische Beobachter" des Herrn Hitler ist und in vielen lokalen „Beobachtern" gleicher Gesinnung eine sehr zahlreiche Deszedenz im Dritten Reiche gefunden hat. Der „Oesterreichische Beobachter" unterschied sich von diesen Vettern nur durch den Zwang, seine nationalsozialistische Gesinnung nicht so offen bekennen zu dürfen wie diese» weil in Oesterreich die nationalsozialistische Partei verboten ist. Es ist daher begreiflich, daß er uns auch seine Deklarierung als „getarntes Naziblatt" verübelte. Die Herren haben mit diesem Klagebegehren Pech gehabt. Denn das inzwischen erfolgte Verbot des Blattes beweist, daß auch die Staatsanwaltschaft, wenngleich reichlich spät, zu derselben Einschätzung der Zeitung gelangt ist wie wir viel früher. Offenbar haben wir eine besondere Erfahrung in der Beurteilung von „Beobachtern", die in Oesterreich weniger die heimischen Gesetze und Verordnungen „beobachten" als die im Dritten Reihe sanktionierten Methoden der Judenhetze und Verleumdung. Nicht weniger charakteristisch war die seltsame Nervosität des „Beobachters", so oft er sich selbst beobachtet fühlte. Nichts kennzeichnet einen Hakenkreuzler so deutlich wie das Drücken vor der eigenen Verantwortung bei gleichzeitiger Entfaltung einer mimosenhaften Empfindlichkeit gegenüber den andern. Noch nie hat ein Nationalsozalist vor Gericht seine Schuld eingestanden, mag er auch in flagranti erwischt worden sein. Keiner aber läßt es sich nehmen, für eine noch so harmlose Beleidigung, mag sie auch offenkundig provoziert worden sein, Rache vor Gericht zu heischen. So erklärt es sich, daß der „Oesterreichische Beobachter" trotz der kurzen Zeit seines Bestehens dem Richter bedeutend mehr Arbeit verursacht hat als unser Blatt in den 40 Jahren Seite 3 ~k GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM, KORNMEHL UMMHBB^^aUBHWHBaaHBIMHBaBHBBBMB WIEN IX., BEROOASSK NR. 1» PlUAUt XVIII., WAHRJNOMSnUUSS »7 Telephon Nr. A 17-3-99uad A 10-9-34 LMhrul Nr HallaastattM AbteilungentorKoscherfleisch Mrtar AofeleM des mhrm. RabbinatM der ter. XaltMoemetaife Wen. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prhna-Qualität xn den billigsten Marktpreis«« seines Erscheinens und daß er, sobald einer seiner von ihm vor den Kadi zitierten Gegner aller politischen Richtungen den Wahrheitsbeweis für die jeweils unter Klage gestellte Behauptung zu erbringen erklärte, in größter Empörung die aufgeregte Forderung erhob, die — Juden sollten sich mäßigen ... Wer einen Hakenkreuzler mit dem Wahrheitsbeweis bedroht, ist eben Jude — auch ein Beitrag zur völkischen Rassenlehre! Wir haben die uns von den Herren durch ihre Klage gegen „Die Wahrheit" gelieferte Gelegenheit benützt, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten: Wir wollen sie selbst zur Mäßigung ihres Querulantentums erziehen. In der in der Vorwoche gegen unseren verantwortlichen Chefredakteur und Herausgeber, Herrn Oskar Hirschfeld, durchgeführten Verhandlung bestritt dessen Vertreter, der Vizepräsident der „Union", Herr Dr. Karl Steiner, die Klagelegitimation des eingestellten Blattes. Landesgerichtsrat Dr. Kunze gab seinem Antrage, bei der Preßpolizei Erhebungen anzustellen, ob und aus welchen Gründen der „Oesterreichische Beobachter" eingestellt wurde, trotz den — ganz lächerlichen — Einwendungen des Klagevertreters Folge und vertagte die Verhandlung. Die Macher des „Oesterreichischen Beobachters" haben alle Ursache, uns für diesen Ausweg höchste Dankbarkeit zu zollen. Denn der Verlust der Klagelegitimation wird sie der unangenehmen Notwendigkeit entheben, mit der ganzen Wiener Presse Prozesse führen zu müssen. Anläßlich der Einstellung des Blattes haben nämlich fast alle hiesigen Zeitungen dieselben Aeußerungen über dessen Tendenz und Gründungsgeschichte veröffentlicht wie wir in unserem unter Anklage gestellten Aufsatz. Die Tendenz des „Oesterreichischen Beobachters" steht jetzt wohl schon außer Frage und die gerichtliche Ueberprüfung seiner Gründungsgeschichte könnte den Herren vielleicht eine Schicksalsgemeinschaft mit Colbert und Markus eintragen. Und wir glauben nicht, daß die Hakenkreuzler in diesem Falle Trost und Befriedigung darin finden würden, daß es nun einmal Parteitradition ist, in alle Positionen einzudringen, in denen vorläufig noch Juden und Judenstämmlinge sitzen... Legalisierung der jüdisch-religiösen Ehen in Polen. Das polnische Justizministerium berät über ein Gesetz, welches alle auf polnischem Territorium geschlossenen religiösen Ehen, die in das zivile Ehestandsregister nicht eingetragen sind, ein iür allemal legalisiert und in Zukunft darauf achtet, daß religiöse Ehen ohne Eintragung auf dem Standesamt nicht mehr geschlossen werden sollen. Man schätzt, daß mindestens 50.000 jüdische Ehen auf diese Weise legalisiert werden würden. Namentlich in der orthodoxen jüdischen Bevölkerung war es Brauch, religiöse Ehen ohne zivile Eintragung zu schließen. Dadurch ergaben sich ungeheure Mißlichkeiten sowohl für die Ehepaare und ihre Nachkommenschaft als auch für die Aemter. weil die Kinder vor dem Gesetz als unehelich galten und den Namen der Mutter trugen. Durch das neue Gesetz soll in dieser Beziehung ein für allemal Ordnung geschaffen werden. New York. Dem bekannten amerikanisch-jüdischen Publizisten Hermann Bernstein, dem früheren Gesandten der Vereinigten Staaten in Albanien und jetzigen Chefredakteur der von der Jüdischen Telegraphen-Agentur in New-York herausgegebenen großen englischen Tageszeitung „J e w i s h Daily Bulletin", wurde vom altanischen Gesandten in Washington, Herrn P. Kaniza, im Namen des albanischen Königs der Skandenberg-Orden überbracht.