Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-04-13 · Heft 16 (13.4.1934) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 16 (13.4.1934)
Date
1934-04-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064519--19723-3084890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite fe DIE WAHRHEIT Aus alter Wett Warschau. Zu dem noch in diesem Monat in R o m stattfindenden Internationalen Mathematikerkongreß wird Polen zwei Vertreter entsenden. Einer von ihnen, der als einer der bedeutendsten Mathematiker Polens sehende Professor S. H. Berliner, ist Jude. Lemberg. Im Alter von 72 Jahren ist in Lemberg der Nestor der polnisolsen Literarhistoriker, Professor Henryk B ä g 1 e i s e n, gestorben. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in einem Ehren grabe beigesetzt. Warschau. Das Mitglied des Schweizer Hilfskomitees für Intellektuelle aus Deutschland. Professor Minkowski, trifft in den nächsten Tagen aus Genf in Warschau ein, um Verhandlungen betreffend Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten für einige jüdische Professoren aus Deutschland an polnischen Hochschulen zu führen. Bukarest. Das Kriegsgericht hat einige Studenten, die im Kino Sidoly eine antisemitische Kundgebung veranstalteten und Fensterscheiben zerschlugen, mit harten Strafen belegt. Der Anführer Popa Dumitru wurde mit einem Jahr, drei andere Studenten zu je 6 Monaten Gefängnis, alle vier zu Geldbußen verurteilt. Warschau. Der jüdische Boxer Rotholz hat den bisherigen polnischen Meister Czortek geschlagen und damit den Meistertitel Polens errungen. Rotholz wird Polen bereits bei den nächsten Internationalen Boxtumieren in Budapest und' in den Vereinigten Staaten vertreten. Madrid. Der spanische Ministerpräsident, Senor Lerroux. erklärte Vertretern der Presse, die Regierung werde Vorkehrung treffen, daß der dem Parlament vorliegende Antrag, sephardische Juden, Abkömmlinge der im 15. Jahrhundert aus Spanien vertriebenen Juden, die jetzt im Ausland leben und sich um die spanische Bürgerschaft bewerben, in Spanien zu naturalisieren, dringlich behandelt werde. L Konsul Wilhelm Stöckler I Am Sarge des Konsuls Wilhelm Stöckler hielt unser Oberrabbiner Dr. Feuchtwang die Trauerrede und alle, die sie hörten, waren tief ergriffen von den ebenso schönen wie treffenden Worten. Er führte unter anderem aus, daß der Dahingeschiedene zu den ganz wenigen gehörte, die den schweren Kampf mit reinen Waffen geführt haben. Daran möchte ich anknüpfen und sagen, daß mancher wie Konsul Stöckler unten begonnen hat. Viele davon sind auf dem Wege zum Ziele oder am Ziele wieder hinuntergestürzt, andere sind ans Ziel gekommen umd oben geblieben, aber mit befleckten Händen. Konsul Wilhelm Stöckler hat sich hinaufgearbeitet von kleinen Anfängen über alle Hindernisse und Schwierigkeiten und hat ein Werk geschaffen von internationalem Rufe. Er hat es vollbracht mit seiner eigenen Hände Arbeit, nicht nach rechts oder links blickend, als aufrechter und ehrlicher Mensch. Er gab gerne und mit vollen Händen, war kein Freund von vielen Worten, aber sein Wort galt und dem er es gab, der konnte darauf bauen. Er war seiner Frau und seinen Söhnen, seinen Verwandten und Mitarbeitern der treueste Freund und Berater und wird a'Hen, die ihn kannten, ein unvergeßliches Vorbild bleiben. Eduard W i d r i c h, Zentralvorstandsmitglied der Union österreichischer Juden. lehensfristen anzusehen, die sich jetzt im allgemeinen auf neun bis zwölf Monate erstrecken (früher bloß sechs Monate), was auch aus dem beinahe unveränderten Darlehensstand gegenüber dem Vorjahre deutlich hervorgeht. Eine erfreuliche Tatsache ist ferner das Ansteigen der Zahl der neuen Kreditnehmer, die im Berichtsjahre fast 25 Prozent aller Darlehensnehmer betrug. Diese für die Existenzberechtigung sowie für die steigende Popularität der Kasse zeugende Tatsache ist um so bemerkenswerter, als ja bekanntlich seit Mai 1933 eine Gewerbesperre bestellt, die Neugründungen sehr erschwert, wenn nicht ganz unmöglich macht. Zieht man weiters in Betracht, daß auch in diesem Jahre die Rückzahlungen der empfangenen Darlehen im allgemeinen pünktlich erfolgten (die Gesamtsumme der Rückzahlungen überstieg sogar um eine Kleinigkeit diejenige der ausbezahlten Darlehen) und daß auch die Klagefäile und Abschreibungen sich in den bisherigen Grenzen bewegten, so kann man mit dem Resultat der Tätigkeit in der abgelaufenen Berichtsperiode füglich zufrieden sein. Als frohe Botschaft für das kommende Geschäftsjahr soll noch der Beschluß des Vorstandes erwähnt werden, wonach der Zinssatz für Darlehen mit 1. Jänner 1934 um 2 Prozent pro anno herabgesetzt wurde. Statistisches. Im Berichtsjahre fanden 15 Plenarsitzungen des Vorstandes statt, die hauptsächlich der Prüfung und Erledigung der Darleäiensgesuche gewidmet waren. Von den Kreditgesuchen wurden 724 einer definitiven Erledigung zugeführt, davon 637 in positivem und 87 in negativem Sinne. Von den bewilligten Darlehen gelangten in der Berichtsperiode 573 zur Auszahlung, gegenüber 612 im Vorjahre. 139 Darlehen (zirka 25 Pro. zent) entfallen auf neue Darlehensnehmer. Die Höhe der Einzeldarlehen betrug in 11,3 Prozent der Fälle zwischen S 500.— und S 1000.—, in 73,3 Prozent der Fälle S 500.— und in 15.4 Prozent der Fälle unter S 500.—. Gegenüber dem Vorjahre ist der Prozentsatz der höheren Darlehen (von S 500.— aufwärts) gesunken, dagegen erhöhte sich der Prozentsatz der Darlehen unter S 500— von 11,1 Prozent auf 15,4 Prozent. Die Gesamtsumme der ausbezahlten Darlehen betrug S 285.520.— (gegenüber S 312.530.—), was einen Monatsdurchschnitt von zirka 48 Darlehen mit S 23.800.— ergibt. Nach Berufskatcgorien gegliedert entfallen auf Kleinkaufleute 414 Darlehen (72,25 Prozent), auf Handwerker 104 (18,15 Prozent), auf kleinindustrielle Betriebe 31 (5,4 Prozent) und auf Angehörige freier Berufe 24 Darlehen (4,2 Prozent). Die Gesamtsumme der Darlehensrückzahlungen betrug S 288.229.27. Der Ge- Produkfive Kredithilfe. Die durch den verstorbenen Oberrabbiner Dr. Chajes gegründete jüdische Kreditkassa für Kleingewerbe und Kleinhandel in Wien hielt dieser Tage unter dem Vorsitz ihres derzeitigen Obmannes, des Herrn Rafael H a I p e r n, ihre 11. ordentliche Generalversammlung ab. Nachstellend bringen wir einen Auszug aus dem durch Direktor Henisch erstatteten Tätigkeitsbericht für das Jahr 1933. Finanzen. Die finanzielle Lage der Kreditkassa hat im Jahre 1933 keine wesentliche Aenderung erfahren. Wohl mußten im Laufe dieses Jahres an die Joint Foundation fällige größere Kreditraten zurückgezahlt werden, doch wurde dieser Betrag durch den seitens der Foundation, flüssig gemachten Restkredit zur Gänze wettgemacht. Da sich die Kreditansprüche im Berichtsjahre ungefähr in den bisherigen Grenzen bewegten, konnten sie vollauf ohne Schwierigkeit befriedigt werden. Geschäftsbetrieb. Die rückgängige Bewegung der vorletzten zwei Geschäftsjahre, d'x in der fortschreitenden Abnahme der Darlehensgesuche sowie des Darlehensstandes niren Ausdruck fand, ist in der Berichtsperiode erfreulicherweise zum Stillstand gekommen. Wohl senkte sich auch in diesem Jahre die Zahl der ausbezahlten Darlehen um eine Kleinigkeit, jedoch ist dieser geringe Rückgang lediglich als Folge der erweiterten Dar- Gemeindedkwomfo. Jassy. Im jüdischen Waisenhaus in Jassy brach jüngst nachts ein Feuer aus, welches das Gebäude von Grund aus zerstörte. Der Schaden belauft sich auf einige Millionen Lei, ist aber nur b s zu einer Million Lei durch Versicherung gedeckt. Es herrschte schwere Panik, die Kinder konnten aber sämtlich gerettet werden, sie wurden in der benachbarten Schule „Cultura"' untergebracht. Das Feuer soll durch unvorsichtiges Hantieren mit Zündstoff seitens einer Bediensteten oder ihrer Angehörigen entstanden sein. Die Polizei nahm einige Verhaftungen vor, die Verhafteten aber leugnen jede Schuld. Berlin. Infolge der sehr beträchtlichen Abnahme der jüdischen Schüler an höheren Lehranstalten ist es der Gemeinde nicht mehr möglich, an allen höheren Schulen Berlins Religionsunterricht erteilen zu lassen. Deshalb wird im kommenden Schuljahr der Religionsunterricht in 25 höheren Lehranstalten Berlins in Fortfall kommen. Rom. Die Vierteljabreszeitschrift „La Comun i t a I s r a e 1 i t i c a". amtliches Organ der Jüdischen Gemeinde Rom, bringt bemerkenswerte Ziffern über die Bevölkerungsbewegung in der Gemeinde. Danach ist die Jüdische Gemeinde Rom die einzige Judengemeinde Italiens, in der die Zahl der Geburten die der Todesfälle übersteigt. Im Jahre 1933 wurden in Rom 236 jüdische Kinder, davon 111 Knaben, geboren, während die Zahl der Todesfälle 159 betrug. 1932 standen 210 Geburten 147 Todesfälle gegenüber. Der natürliche Bevölkerungszuwachs unter den Juden Roms betrug 1933 12,5 Prozent. Pisa. Im Alter von 44 Jahren ist in Pisa der hervorragende jüdische Philologe Alberto Olivetti, Professor für italienische Literatur, gestorben. Professor Olivetti hatte stets lebhaftes Interesse für jüdische Gemewischaftsangelegenheiten an den Tag gelegt. Eine Zeitlang war er stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Pisa. Das Begräbnis des Gelehrten, der Kriegsinvalide war, fand unter militärischen Ehrenzeremonien statt. Livorno. Das berühmte jüdische Verlagshaus B e 1forte u. Cie. in Livorno, das durch seine Ausgaben jüdischer Werke und Siddurim bekannt ist. beging dieser Tage die Feier seines hundertjährigen Bestehens. Auf der Internationalen Buchausstellung in Florenz ist das Verlagshaus Belforte mit einer ständigen Sonderschau vertreten. BilanzaDschlUsse and Stenerftehemrtntsse Neaanlagen, Reflsionen, BndiDaditrfige sowie Slenererledlgnngen teder Art übernimmt BÜSiWilW DIR. GÜSTAU KOLMIH Büro für Buchhaltung, Bilanz und Steuerberatung :n II., loiborslroOe «58 Telephon R 45-3-30 sarntdarlehensstand mit Jahresende beief sich auf S 163.400,85 gegen zirka S 166.000— mit Ende 1932. Die Bewegung der Genossenschafter und Anteile im Berichtsjahre weist einen Zuwachs von 127 neuen Mitgliedern mit 127 Anteilen und einen Abgang von 86 Mitgliedern mit 86 Anteilen auf. Der Stand der Genossenschafter mit Jahresende betrug 1847 Mitglieder mit 6802 voll eingezahlten Anteilen ä S 10.—. * In den 11 Jaliren ihres Bestandes gewährte die Kreditkassa insgesamt 7336 Darlehen im Gesamtbetrage von S 3,638.545. Im Hinblick auf die im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen geschaffene Lage ist jetzt eine stärkere Inanspruchnahme der Kreditkassa bestimmtest zu gewärtigen. Die Kassa erwartet daher von Seiten der jüdischen Bevölkerung eine ausgiebigere materielle Unterstützung durch Erwerbung von Genossenschaftsanteilen. Vorstand und Aufsicbtsrat. Nach vorgenommenen Ergänzungswahlen gehören dem Vorstande d"e folgenden Herren an: Kommerzialrat Karl Altmann, Aron Barsch'ak, Max E isne r. Dir. Ernst Goldschmidt, Rafael HaIporn. Dr. Siegfried Kantor, Geza Klänger, Dr. I. h. Körner, Dr. Leo Landau, Oberbaurat ln$r. Robert Stricker und Feiwel T ü r k 1. Die Mitglieder des Aufsichtsrates sind die Herren: Präsident Dr. Desider Friedmann, Mendel Feigenbaum, Gustav G o 1 d m a n n, Dr. Armand K a m i n k a. Kammerrat Moritz K o h n, Vizepräsident Dr. Josef Löwen herz, Samuel Preis, N. M. Racker, Dr. Paul Raumann und Max Schiffmann. Dem Revisionsaussclniß gehören an die Herren: Kommerzialrat Moritz Reif, Oberrechnungsrat Moses Weiner und M. M a r i a n. Isidor Löwit zu seinem 70. Geburtstage Der Nestor der europäischen Kantoren, Königlicher Musikdirektor A. F r i e d m a n n, Oberkantor der Jüdischen Gemeinde Berlin j. R., stellt sich zum 70. Geburtstage seines langjährigen Freundes und Kollegen Oberkantor I. Löwit mit folgender Würdigung ein. Adolf Jellinek hat anläßlich seines 70. Geburtstages im Festsaale der israelitischen Kultusgemeinde in Wien an den Vorstand folgende Worte gerichtet: „Chor und Kantor erscheinen im modernen Gottesdienste als ein untrennbarer Begriff; der letztere ist der natürlichste Beschützer des ersteren. Beim Synagogengesange hat der Kantor das erste und letzte Wort zu sprechen. An dieser Tradition müssen wir festhalten, und wir werden es jederzeit bekämpfen, wenn von welcher Seite immer der Versuch gemacht wird, die kantorale Wirksamkeit und somit das Ansehen und die Bedeutung des Kantors im jüdischen Gottesdienste herabzudrücken." Isidor Löwit gehört zu den wenigen, die Kantor und Chordirigent in einer Person in solcher Vollendung vereinigen. Der Jubilar wurde am 10. April 1864 als Sohn des Direktors der Talmud Thora-Schule in Wien geboren. Schon als Knabe verriet er eine ausgesprochene gesangliche und musikalische Begabung, die auf seinen ganzen Lebensweg bestimmend wirkte. Im Jahre 1870 trat Löwit in den Leopoldstädter Tempelchor ein, und da er über eine selten schöne Altstimme verfügte, galt er bald als einer der besten Solisten. Löwit besuchte 1878 ein Wiener Konservatorium und studierte bei den Professoren Carl Hoffmann und Marnitsack Violine, bei Rauch Klavier, bei Adolf Proßnitz allgemeine Musiklehre, bei Robert Fuchs Harmonielehre und später bei Professor Schmidt Stimmbildung. Gleichzeitig hatte er auch das Glück, der Gesangskunst der beiden Kantorenheroen, S u 1 z e r und G o 1 d s t e i n, lauschen zu können, und so erwarb er sich reiche musikalische Kenntnisse auf dem synagogal-liturgischen Gebiete. Als im Jahre 1880 die türkisch-sephardische Gemeinde den Beschluß faßte, den Gottesdienst zu reformieren und einen europäisch geschulten Kantor und Chor einzuführen, wurde unser Jubilar, da er sich für die damals sehr konservative Gemeinde als zu jung für den Kantorposten trotz seiner stimmlichen, musikalischen und liturgischen Fähigkeiten erwies, mit der Gründung und Leitung des Chores betraut. Hier fand Isidor Löwit ein reiches Arbeitsfeld, wo er voll und ganz seine musikalischen Fähigkeiten erproben konnte. Löwit fand kein Material vor, er mußte die traditionellen sephardischen Melodien nach dem Gehör in Noten aufnehmen und die fehlenden Kompositionen schaffen, oder bestehende, wie Sulzer, Nauenburg, Lewandowsky usw. nach dem sephardischen Text rhythmisch einarbeiten. So schuf der damals 17jährige einen neuen sephardischen Gottesdienst, den er zum Teile mit dem am selben Tempel fungierenden Oberkantor Jakob Bauer sei. Aug. in einem Werke. „S c h i r H a k a w o d" festlegte!, welches in allen sephardischen Gemeinden des Orientes begeistert aufgenommen wurde und volle Anerkennung aller Fachkreise fand. Später übernahm der Jubilar in seiner Gemeinde auch kantorale Funktionen, so daß er zum koordinierten Oberkantor avancierte^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.