Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 16 (13.4.1934)
- Date
- 1934-04-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Säte 4 DIE WAHRHEIT Spaxialhaiis Wr Volle «ad Striekgarae Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Tabonfraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden Telephon A 45-8-69 Rundschau predigt, begeistern sollen oder für den deutschen Uityp, für den sie Respekt fordert und von dem die Welt ja schon mancherlei weiß. Das liberale Ausland, ohne dessen Eintreten die deutschen Juden möglicherweise schon massakriert wären, muß an ihnen irre werden, wenn es die Rundschau ernst nimmt. Eine englische Zeitung hat in bester Absicht die Liste der verjagten deutsch-jüdischen Schriftsteller veröffentlicht. Die Rundschau geriet darob in Wallung, lehnte die Männer sämdich sowohl als Juden wie als Schriftsteller ab, mit einer verächtlichen Gebärde. Das mag objektiv richtig sein, aber ist es die Aufgabe der Rundschau, objektiv zu sein, dem Völkischen Beobachter zu assistieren zu einer Zeit, da niemand in Deutschland es wagt, für die Juden ein objektives Wort zu finden! Das geschieht zur Stunde, da die deutschen Juden außerhalb des Rechts stehen. Im Prozeß Dessauer ließ der Staatsanwalt den jüdischen Umgang des Angeklagten ausdrücklich feststellen, wohl um darnach den Strafantrag zu bemessen. Den Zustand will das Dritte Reich so lange wie möglich halten. Und es ist ein Irrtum der Rundschau, daß es sich bei der Rassedoktrin nur um die nüchterne Feststellung der Anderrassigkeit handle, um eine sachliche, wissenschaftliche Angelegenheit. Warum haben dann die Japaner durch ihren Botschafter Verwahrung einlegen lassen, warum haben die Neger von Liberia mit der Ausweisung der deutschen Kaufleute gedroht? Und warum haben die deutschen Machthaber sofort und prompt Mongolen und Schwiarze für rassisch den Deutschen gleichwertig erklärt, wenn es ihnen auf anderes angekommen wäre, als die Diffamierung der Juden, die als einzige „Farbige*' übrig bleiben. Mit diesen Leuten versucht die Rundschau über Rassetheorien zu diskutieren. Und nun finden wir alle Phrasen, Schlagworte und selbst die neugeschaffenen Fachausdrücke vollzählig in der Rundschau wieder, sie gipfeln in der These: Auch unsere Rasse sei heilig! Hat es zur Aufstellung dieser kategorischen Forderung erst der Patenschaft der Herren Günther und van Leers bedurft? Es gibt also — was das Ausland nicht zu ahnen vermag — Gruppen unter den deutschen Juden, die sich mit dem augenblicklichen Zustand abfinden — auch innerlich. Die jeden Versuch, die verlorenen Rechte zurückzugewinnen, ablehnen und gar bekämpfen. Und sie haben ein Organ, ein führendes jüdisches Blatt Deutschlands ist ihr Sprachrohr. Sie gewinnen Boden, sie finden Anhänger — ihre Zahl kann nicht geschätzt, sollte jedoch nicht gering geachtet werden. Denn die Jüdischnationaien im Reich haben nur dies eine Blatt, die nichtjüdische Bevölkerung ringsumher folgt ähnlichen Gedankengängen, Presse, Rundfunk — alles haut in dieselbe Kerbe. Wer nicht in seinen Anschauungen feste Grundlagen hat, wer nicht dem täglichen Ansturm dieser Ideen Widerstand entgegenzusetzen vermag, der wird schließlich dazu kommen, für sein Leben in Deutschland zu resignieren und sich nach einer besseren Zukunft in Palästina zu sehnen, das für fast alle ja nur ein Land der Wünsche und Träume bleiben wird. Wer einmal gesehen hat, wie ein deutscher Jude, der zum erstenmal über die Grenze kommt, sich auf die Auslandspresse stürzt und staunend mit seinen Gedanken wieder anzuknüpfen versuch"?, wo vor einem Jahre sein Weltbild abriß — wer vernommen hat. wie er erschüttert fragt: Eine Welt wie einst — ja. gibt es das denn noch?, der erst wird die Größe der Gefahr erfassen, die dem rechtlichen und geistigen Fortbestand der deutschen Juden durch solche Ideen droht. W. L. Sie haben sich wieder... Wie der .ITA-Vertreter erfährt, hat der Parteirai der Zionistischen Landesorganisation Oesterreichs nach vorhergegangenen Verhandlungen mit dem Präsidenten des Verbandes der Radikalen Zionisten, Dr. Leopold Plaschkes, beschlossen, den Verband in die Landesorganisation als Sonderverband aufzunehmen. Stricker gibt seine Visitkarte ab. Die öffentliche Diskussion in Oesterreich bewegt sich in diesen Tagen um die neue Verfassung unseres Staates und gleichzeitig um die Frage, welche Personen in die neugeschaffenen gesetzgebenden und verwaltenden Körperschaften berufen werden. Man hört, daß sich sehr viele zu den neuen Posten, die da geschaffen werden sollen, drängen, sehr viele Berufene, aber noch mehr Unberufene. Wenn man an zuständiger Stelle den Wünschen all dieser Leute Rechnung tragen würde, dann hätten wir im neuen Oesterreich den gleichen unglückseligen Parlamentarismus, an dem das alte Oesterreich krankte und der heute glücklich überwunden ist. Auch im jüdischen Lager wird eifrig darüber diskutiert, wer an jenen Stellen, an denen unsere Gemeinschaft vertreten sein wird, künftighin sitzen wird. Namen werden genannt, dann wieder dementiert, mit einem Wort: ein großes Rätselraten. Des Rätsels Lösung glaubt wieder einmal Herr Stricker gefunden zu haben. Er meldet seine „Jüdische V o 1 k s p a r t e i" als jene „zuständige Organisation der österreichischen Judenschaft" an, die vor der endgültigen Erledigung der strittigen Frage angehört werden muß. Wir haben absolut nichts dagegen, daß eine solche Anhörung erfolgt. Aber wir müssen rechtzeitig davor warnen, daß aus dieser Anhörung einer parteipolitischen jüdischen Organisation Konsequenzen für die gesamte österreichische Judenschaft gezogen werden. Die „Jüdische Volkspartei" vertritt nicht diese gesamte Judenschaft, das bildet sich wohl auch Herr Stricker nicht ein, auch wenn er wiederholt in Jützter Zeit so tut, als ob dies der Fall wäre. Die vaterländisch-religiöse Judenschaft Oesterreichs muß verlangen, daß, wenn Strickers an und für „FAMILIEN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familientürsorge Wien II.. Aspernbrückenqasse 2_Tel. B 43-500 Duich Monalsbeiträge von S 1 bis 10 katin man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töchter und Söhne Ausstattungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Genüge Beiträge. 2. Hohe Versicherungssummen. 3. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENSCHUTZ" wird von der Wiener Kultusgemeinde befürwortet sich berechtigter Wunsch nach Anhörung seiner jüdischnationalen Gruppe berücksichtigt wird, auch ihre Stimme in der für Oesterreich und die Juden- Schaft hochwichtigen Angelegenheit der Vertretung unserer Gemeinschaft gehört werde. Legifimisüsdie jüdische Frontkämpfer. In der Vorwoche ist in einigen Wiener Tageszeitungen ein Aufruf des Herrn Generalmajors Emil Sommer, des früheren Führers des „Bundes jüdischer Frontsoldaten" erschienen, in welchem zum Beitritte zu einem von ihm neugegründeten Verband der „Legitimistischen Jüdischen Frontkämpfer Oesterreichs" aufgefordert wird. * Wie immer man zum legitimistischen Gedanken stehen mag, der sicherlich auch unter den österreichischen Juden sehr viele Anhänger besitzt, die Zusammenfassung von Juden allein unter diesem Gesichtspunkt mag ebenso unangebracht erscheinen wie die früher von gewisser parteipolitischer Seite vorgenommene Gründung von nur jüdischen Verbänden, die eine bestimmte staatspolitische Tendenz hatten. Denn der Jude hat als Staatsbürger die Pflicht, gemeinsam mit seinen christlichen Mitbürgern für jenes staatspolitische Ideal einzutreten, das sie wie er als nützlich für das Wohl des gemeinsamen Vaterlandes erkennen. Im übrigen ist die Neugründung die Folge jenes bedauerlichen Konflikts im „Bund jüdischer Frontsoldaten", über den wir bereits berichtet haben. Der „Bund" selbst gehört korporativ dem „Ring vaterländischer Soldaten" an, der unter Führung des Heeresministers Schönburg- Hartenstein stehenden Organisation, hat also bestimmt keinen antilegitimistischen Charakter, was auch die letzte große Kundgebung des „Bundes" im Lembacher-Saale, bei der drei prominente christliche Führer des „Ringes" sprachen, bewies. Eine sachliche Notwendigkeit zur Gründung der nunmehr entstandenen legitimistischen Sondergruppe des Herrn Generalmajor Sommer bestand also nicht. Sozialdemokratisches. Bereits in den ersten Jahren nach dem Umsturz setzte in Wien eine wüste antisemitische Propaganda ein, deren Träger die damalige Nationalsozialistische Partei des Herrn Dr. Walter Riehl und der Antisemitenbund des Herrn Dr. Jerzabek und Dr. U r s i n waren. Die antisemitischen Aktionen — es gab große Kundgebungen auf dem Rathausplatz, an denen alle völkischen Vereine teilnahmen, — wirkten sich auch auf Teile der Arbeiterschaft und weite Kreise der Angestellten und Beamten aus, so daß eine gewisse Beunruhigung in den Reihen der Sozialdemokratie eintrat, die dadurch gesteigert wurde, daß sich die Parteileitung ganz passiv verhielt. Da ergriffen zwei Parteimitglieder namens Walter Pelzer und Otto Morgenstern die Initiative. Sie stellten zum Parteitag des Jahres 1922 folgenden Antrag: „Mit Rücksicht darauf, daß die reaktionären Verbände in ihrer Propaganda an die antisemitischen Instinkte der Massen appellieren, fordert der Parteitag den Parteivorstand auf, auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages das Thema Judenhaß, Antisemitismus und Sozial d em Qklra t(ie zu setzen." Der gutgemeinte Antrag wurde über Vorschlag der Parteivertretung vom Parteitag dem Parteivorstand zugewiesen und fiel dort, wie zu erwarten, unter den Tisch. Auf dem Parteitag wurde aber ebenfalls über Vorschlag der Parteivertretung ein Antrag angenommen, der unzweifelhaft auf den unangenehmen, sich auf die Judenfrage beziehenden Antrag zurückzuführen war. Er ging dahin, daß künftighin Anträge zum Parteitag nicht mehr von Einzelparteimitgliedern, sondern nur mehr von Organisationen gestellt werden könnten. Damit waren selbstverständlich derartige dreiste Vorstöße übereifriger Parteimitglieder einfür allemal unmöglich gemacht. Der ungarische Fürstprimas gegen das Hakenkreuz. Fürstprimas Seredy erließ ein Rundschreiben vertraulichen Inhaltes an die hohen priesterlichen Funktionäre in Ungarn, worin er einen entschieden gegnerischen Standpunkt gegen jede Hakenkreuzpolitik einnimmt. Der Fürstprimas bezeichnet auch nur eine ideale Annäherung der Priesterschaft an diese Bewegung als unmöglich und untersagt es den Priestern, der Hakankreuzbewegung näherzutreten. Das Rundschreiben, das ursprünglich als vertraulich galt, später aber in der politischen Welt bekanntgeworden ist, löste bei allen politischen Parteien große Befriedigung aus. Im Zusammenhang mit diesem Rundschreiben veröffentlichen führende Politiker Aeußerungen in der Presse, die alle den Standpunkt des Fürstprimas billigen. Sein Name sei vergessen. Am 14. März dieses Jahres wäre der weltberühmte Pathologe Paul Ehrlich achtzig Jahre alt geworden, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, diesen Tag zu erleben. (Ehrlich starb bekanntlich 1915 im Alter von 61 Jahren.) Die wissenschaftlichen Kreise, vor allem aber die deutschen Aerzte, wollten aus diesem Anlaß in Frankfurt am Main, wo Ehrlich seit 1906 Direktor des Instituts für experimentelle Therapie und zugleich des „Georg-Speyer-Hauses für Chemotherapie" war, dem großen Wohltäter der Menschheit, dem Entdecker des Salvarsans, durch eine Gedenkfeier huldigen. Aber sie hatten eines vergessen: Paul Ehrlich, der im Jahre 1909 nach langjährigen Versuchen, bei denen der Japaner Hata sein Mitarbeiter war, das Salvarsan entdeckte, war — ein Jude. Folglich hat er natürlich selbst als Toter kein Recht, im gleichgeschalteten Deutschland gefeiert zu werden. Sein Werk, das in der modernen Therapie noch immer grundlegende Bedeutung hat.