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Die Wahrheit · 1934-04-13 · Heft 16 (13.4.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 16 (13.4.1934)
Date
1934-04-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Jüdischnationaler Falah Der Reichsminister Dr. Qöbbels hat vor einiger Zeit in Dresden mit großer Geste erklärt: „Wir haben an der Judenfrage das gelöst, was zu lösen war, und sie dann ad acta gelegt". Wenn Herr Göbbels die Judenfrage als erledigt abtut, so hat er seine gewichtigen Gründe — die Juden ihrerseits aber haben nicht minder Ursache, sich dagegen zu wehren, daß auch die Welt diese Dinge ad acta legt. Was dort im Reich vor sich geht, ist Krieg. Ist ein Vernichtungsfeldzug, mit allen Mitteln und bte zum letzten Mann. Der nicht nur die deutschen Juden zu vernichten droht, sondern! schon hart an die Grundlagen der Juden in allen Ländern rührt, ohne daß diese mehr als eine dumpfe Ahnung von der Gefahr hätten. Der Kampf geht gar um mehr. „Wir haben mit allem aufgeräumt, was seit 1789 war!" hat der Führer der Deutschen Arbeitsfront in Köln erklärt — es wäre gut für die Zukunft der Welt, wenn dieser triumphierende Satz ein lautes, gellendes Echo unter den Völkern fändb, die noch für die Menschenrechte einstehen. Ks geht bei diesem Krieg in Deutschland ja nicht um das Schicksal eines Volksstammes, der in Gesinnung und Gesittung schroff vom semer Umwelt absteht und sich nicht einordnen lassen will. Ks geht um die deutschen Juden, die aus ihrem Wällen, durch Leistung und Tradition mit dem deutschen Wesen in einem Maß verwachsen sind, wie kaum eine Judenheit sonst mit ihrer Umgebung. Wie aber steht es heute um die deutschen Juden? Sind sie sich nach dieser ungeheuren Erschütterung bewußt geworden, um was es in diesem Krieg geht, dessen erste blutige Schlacht sie zu bestehen hatten? Sehen sie die Fronten? Wissen sie, was ihnen geraubt wurde, was sie zu verteidigen haben? Können sie über die Mauern des Ghettos schauen, in das mit ihnen das ganze deutsche Volk gesperrt wurde? Dite jüdische Presse, die in Deutschland erscheint, müßte das lehren. Alle Zeitungen des Reiches sind gleichgeschaltet, überbieten einander in wilder antisemitischer Hetze — also bleibt sie als letztes Forum für die Meinungsäußerung im Rahmien des Erlaubten, als einziges Echo für die Stimmung der Juden im Land. Sie hat von heute auf morgen eine große und schwere Aufgabe erhalten!. Wesentlich in dieser Hinsicht sind die Blätter der beiden großem jüdisch-politischen Organisationen, des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der Zionistischen Organisation Deutschlands, die C.-V.-Zeitung und die Jüdische Rundschau. Die „C.-V.-Zei tung, die außerordentlich verbreitet war und etwa zwei Dritteln der deutschen Juden bisher zuging, hat keinen Anlaß gesehen, unter den neuen Verhältnissen den Kampf für ein Ideal aufzugeben, dem sie Jahrzehnte lang mit Hingebung diente. Die Jüdische Rundschau, gewiß sorgfältig redigiert, hat jetzt in einem starken, wenn auch von hier aus nicht ganz übersehbaren Maß an Bedeutung, Einfluß und Auflage gewonnen. Dies vor allem, weil sie den aus ihrer gesicherten, umfriedeten Existenz geworfenen deutschen Juden ein neues „Ideal" bot: Palästina. Und weil sie 'len Kampf aufnahm. Den Kampf gegen Hitler — im Reich? Das wäre sinnlos und unverantwortlich, daran darf die Jüdische Rundschau nicht denken. Wer ist der Gegner? Lesen wir die Ueberschriften der Artikel, die zollhoch auf der Titelseite prangen. Da heißt es: Gegen die ewig Gestrigen! Gegen geistige Drückeberger! Gegen die Assimilanten! Der Assimilant — das ist der Gegner, der bekämpft werden soll. In dieser Stunde, in dieser Lage, von der Jüdischen Rundschau. Assimilant ist ein Schimpfwort geworden. Wer sind die Assimilanten? Der die Dinge unvoreingenommen sieht, muß feststellen, daß die deutschen Juden bis zu diesem Jahr allesamt und bis auf winzige Ausnahmen Assimilanten waren. Daß sie Deutsche und Juden waren, Bindestrichjuden, die in Deutschland geboren wurden, dort leben und sterben wollten und nie ernsthaft an etwas anderes dachten. Zentralvereinler wie Zionisten. Die Nichtassimilantefi, die eifrig hebräisch lernten, auf jede Karriere im Lande versmus im Dritten Reich, zichteten und in jungen Jahren nach Palästina übersiedelten — wieviele waren es? Das Wesen der anderen Zionisten hatte die Sehnsucht nach Jerusalem nicht ausgefüllt, es war beim Wollen geblieben. Dieses Wollen sei gewiß nicht unterschätzt. Aber bis zu jener Stunde hatten auch die deutschen Zionisten in ihrer überwältigenden Mehrheit die deutschen Ideale akzeptiert, sie hatten wie die anderen auf ihre Existenz in Deutschland gebaut, sie hatten wie die anderen um den Reserveleutnant, um den Landgerichtsrat und die ordentliche Professur gekämpft. Sie wollten — Juden, däe sich ihrer Eigenart bewußt waren, — dem deutschen Volk als tüchtige und anständige Menschen Respekt einflößen, sie wollten durch ihre Fähigkeit dem Deutschland nützen, in dem sie lebten. Sie zeigten ihr Judentum im Gegensatz zu manchen anderen — tür die Nationalsozialisten war Jude gleich Jude. Es hieße das Dritte Reich überschätzen, wollte man auch nur einen Augenblick annehmen, daß für diese Menschen solcher Unterschied etwas bedeutet hätte. Nichts wäre anders gekommen, hätten sich alle deutschen Juden zu diesem Zionismus der Assimilanten bekannt. Es war auch nicht so, wie der Außenstehende nach der Lektüre der Jüdischen Rundschau wohl glauben möchte, als ob nun die große Menge der deutschen Juden dieses ihr Judentum verleugnet, diskret kaschiert oder bemäntelt hätte — das war keineswegs so. Sie fühlten sich ehrlich und aufrichtig als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, das Deutschtum war ihnen viel und das Judentum oft mehr, als sie sich eingestanden. Palästina war ihnen ein Schemen, aber sie wurden tiefinnerlich erregt und empört, sprach ihnen jemand von der Taufe. Mochten sie auch immer seltener an kultischen Handlungen teilnehmen, so sollte doch gerade hier nicht die große schicksalbildende Kraft der Religion übersehen werden. Gibt es ein besseres Beispiel dafür als die Geschichte der Juden? Denn allen völkischen Theorien zum Trotz steht doch unbestreitbar fest, daß die Juden ihr Fortbestehen bis in dieses Jahrhundert nur der Treue zu ihrem Glauben zu danken haben. Daß sie. zwangsgetauft wie in Spanien, längst im deutschen Volk aufgegangen wären, ohne daß eine Spur geblieben wäre für Rasseschnüffler und Blutsortierer. Wenn diese Juden, die bisherigen Assimilanten beider Schattierungen, sich heute auf die rein jüdische Gemeinschaft zurückziehen, so klingt das gewiß recht schön. Wo aber ist ihr Judentum? Die Religion als Lebensinhalt bedeutet ihnen so viel wie ihren Zeitgenossen anderer Bekenntnisse. Ihre Sprache ist deutsch — sie können im Reich auch keine andere Sprache gebrauchen, und selbst wenn sie sich das Neuhebrä'ische aneignen, so wird es ihnen ewig eine fremde, erlernte Sprache bleiben. Ihre Sitten, Anschauungen, Begriffe sind deutsch — es gibt keine jüdischen Bräuche, um sie zu ersetzen. Erziehung, Wissen. Kultur — alles das ist deutsch — läßt sich das wandeln? Sie sollen sich auf die jüdische Gemeinschaft zurückziehen, die Jüdische Rundschau verlangt es von den deutschen Juden. Aber sie sagt nicht, wie sie sich diese Autarkie wirtschaftlich denkt, kulturell oder gar politisch. Sie fordert die Juden zum Auszug nach Palästina auf, doch nur die Jungen, die sich für die Landwirtschaft eignen oder ein Handwerk lernten. Die anderen aber . . .? Der Rückzug auf die jüdische Gemeinschaft dürfte auf die Dauer nicht ausreichen, die brüchig gewordene Existenz zu untermauern, das Verlorene und schmerzlich Betrauerte zu ersetzen, ein Leben auszufüllen. Wohin also mit den Juden? Das ist nicht eine Frage des Augenblicks, nicht allein die Sache der deutschen Juden — das ist das Problem, das für jeden Juden auf Erden heute klar und prinzipiell gelöst werden muß. Seltsam, nicht einmal das Dritte Reich hat den Juden die Einsicht beschert, daß es für sie nun an der Zeit ist, mit den Gefühlen aufzuräumen und politisch zu denken. Sie haben nicht einmal das Nächstliegende getan, sind nicht dem primitivsten Trieb gefolgt: Sie haben sich nicht zusammengeschlossen. Es gibt gar neue innerjüdische Parteien. Und in ihrer Presse, wie einst, Fehden und Prinzipienreiten. ~lW GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM, KORNMEHL immmmmmmmmmmmwmwmwmwmmmmmmmmmmmmmmm «ragt ix., BiRaoAsss nr. i» FILIALE i XVIII., wAmuNousnussB m Telephon Nt. A 17*99and A 18-9-34 Lteteraa» tOr HallanstaltaB AbteilungenfflrKoscherfleisch amtmr Aataioht aaa «hrar. Babaiaataa aar tsr. Ealtaaaaaraiatla Vtaa» Sämtliche Fleischsoiten von ausschließlich Priaa-Qualitat zu den billigsten Marktpreis*» Es ist erschütternd, in solcher Stunde mitansehen zu müssen, wie die deutschen Juden darüber philosophieren, daß das liberale Zeitalter nun endgültig vorbei sei, daß sie die großen Probleme der Zeit nicht erkannt hätten und daß nun ein Wandel, von innen und außen, kommen müsse. Und es wirkt tast grotesk, als Wortführer der neuen fatalistischen Weltanschauung die Jüdische Rundschau zu finden, die sich für dieses Amt moralisch und taktisch berufen fühlt, weil die Zionisten von jeher national gewesen seien. Es ist angesichts der jüdischen Geschichte eine Schande, wenn das führende jüdische Blatt in Deutschland heute das Wort „liheralistiseh*" aus dem Wortschatz des Feindes übernimmt. Und es wirkt — es gibt kein anderes Wort — peinlich, wenn aus der alten historischen Fehde des Blattes gegen die ..Assimilanten" nun plötzlich durch die Eleganz der Feder ein traditioneller Krieg gegen die liberale Idee wird. Nein, so war es nicht, politisch hat die Jüdische Rundschau, hat der deutsche Zionismus stets in der liberalen Welt geiebt. Es gilt, sagt die Rundschau, sein Judentum im Zentrum seines Ich zu tragen und derweilen eine Verständigung mit dem Nationalsozialismus zu erreichen. Für die Juden in Palästina wird dieses Problem gelöst durch das Drei-Millionen- Geschäft mit der Reichsbank, eine Art jüdisches Konkordat, für die in Deutschland verbliebenen Juden durch den Rat, sich moralisch umzustellen und den Kopf hochzutragen. „Wir Zionisten bedauern gewiß, was in Deutschland in bezug auf die Juden geschieht, aber . . . wir hoffen, daß der Augenblick der Versöhnlichkeit, der Augenblick einer auch für uns tragbaren Einordnung kommen wird; wir wünschen keine Bitternis im Herzen zu bewahren." Und die Rundschau verbittet sich mit Energie „eine Geringschätzung des Ernstes der Grundsätze, auf denen der nationalsozialistische Staat errichtet wurde." Gewiß, wir verkennen nicht, wie schwer es im Deutschland von heute ist. etwas zu tun gegen den allmächtigen und drohenden Staat. Doch auch heute, unter diesen schwierigen Verhältnissen müßte es einem aufrechten Juden in einem jüdischen Blatt möglich sein, unter klarer und sauberer Wahrung der eigenen moralischen Position iene Forderungen aufzustellen, die für die Fortexistenz der Juden in Deutschland nun einmal unerläßlich sind. Statt, wie es hier geschieht, unter unbekümmerter Aneignung der Nazi-Ideologie und ihrer Schlagworte einem Nationalsozialismus der Juden das Wort zu reden, für den alle ideellen und praktischen Voraussetzungen fehlen. Und wenn die Jüdische Rundschau in zölligen Lettern von der jüdischen Verantwortung spricht, die sie als „das Wesentliche einer neuen Erkenntnis'' ansieht und gegenüber den eigenen Ansichten verlangt, so wollen wir darauf hinweisen, daß der Jude in Deutschland, auf den ja trotz allem die Blicke der Welt gerichtet sind, Verantwortung ja nicht nur für das eigene, sondern für das gesamtjüdische Schicksal trägt. Hat die Schriftlettung der Rundschau einmal darüber nachgedacht, was sie den Juden läßt, die als gute Bürger zufrieden in liberalen Staatswesen leben, wenn sie die „Itberalistische" Epoche so rückhaltlos abtut und verdammt? Verlangt sie wirklich und ernsthaft von den Juden in Frankreich, England und Amerika, daß sie sich moralisch umstellen, sich für den Nationalsozialismus einsetzen? Wobeil es ja doch im Prinzip gleichgültig ist, ob sie sich für den Nationalsozialismus in seiner jüdischen Abart, den die

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