Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 15 (6.4.1934)
- Date
- 1934-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 8 |üll( Mfljffgng Wien I., Seltenstettengasse 2, Tel. U 28-1-28 XL, Zentralfriedhol, ulti tan I. Cor, Tel. U 18-0-85 „Judaismus." Das ist der Titel eines vor kurzem erschienenen Buches, dessen Autor offenbar dem katholisch-klerikalen Lager nähersteht als dem Nationalsozialismus und der unter dem Eindruck der sensationellen Predigten des Münchener Erzbischofs Kardinal Faulhaber über den unvergleichlichen Wert des jüdisch-religiösen Sittengesetzes es nicht mehr wagt, das Judentum selbst anzugreifen und daher für antisemitische Gebrauchszwecke einen eigenen Begriff prägt: den Judaismus. Was ist das nun für ein Ding? Man höre und staune: Als Judaismus definiert die Broschüre den aus Rassendünkel geborenen Glauben an die Auser;wähltheit des eigenen Volkes. Und wo tritt dieser Glaube am ausgeprägtesten in die Erscheinung? Der Autor verrät es: Bei Hitler und seiner Lehre . . . Während wir Juden in der Gegenwart praktisch wegen der Entfaltung solcher Eigenschaften bekämpft werden, die die antisemitische Theorie noch vor nicht allzu langer Zeit als spezifisch „arisch" wertete, entpuppt sich der unerhörte Aufstieg Hitlers als Folge eines von ihm verkörperten „Judaismus" . . . Mit dieser Entdeckung glaubt der katholisch-klerikale Autor wohl zwei Fliegen auf einen Schlag zu treffen: Das auserwählte Volk der Bibel, das sind vorläufig noch immer wir Juden, und den germanischen Rassendünkel des Nationalsozialismus. Ob diese Entlarvung Hitlers als eines wesentlichen Exponenten des — Judaismus dem Nationalsozialismus Abbruch tun wird, bleibt abzuwarten, und ob zur Schädigung des Judentums die heutige Zeit erst auf ein neues Schlagwort gewartet hat, ist gleichfalls fraglich. Nicht ganz überflüssig ist aber der Hinweis auf den Unterschied zwischen der Auffassung des Judentums von seiner Auserwähltheit und der nationalsozialistischen Auffassung von der Auserwähltheit der germanischen Rasse. Die unsere verstehen wir als ein uns von der unerforschlichen Vorsehung am Sinai auferlegtes Vermächtnis zur sittlichen Läuterung des gesamten Menschengeschlechtes. Der Nationalsozialismus aber erblickt, wie ein Jahr Hitler-Regime in Theorie und Praxis zeigt, das Wesen der germanischen Auserwähltheit gerade in der Abkehr von all dem, was die Menschheit unter dem Einfluß der den „Ariern" durch das Christentum vermittelten Auffassung der Bibel bisher für sittlich und gut gehalten hat. Ein Ostjude Emissär der Goebbels-Propaganda. „Petit Parisien" übergibt der Oeffentlichkeit wortgetreu eine große Geheiminstruktion des Reichspropagandaministeriums, die, wie Albert Julien in der Einleitung mitteilt, aus dem Ministerium des Herrn Goebbels an die deutschen Propaganda-Agenten in aller Welt hinausgegangen ist. In der Hauptsache gehen die Anweisungen dahin, die Hitler-Deutschland feindlich gesinnten Staaten durch falsche Meldungen irrezuführen und das gute Verhältnis, das in der Welt noch zwischen Völkern oder zwischen Parteien innerhalb der Völker besteht, zu stören. Dabei heißt es wörtlich: „Jede Störung vorhandener guter Beziehungen zwischen anderen Staaten ist indirekt ein Vorteil für Deutschland." Bis ins einzelne wird angegeben, wie ein solcher Störungsdienst in Szene zu setzen ist: Journalisten sollen bestochen, Verleger durch Gratisnachrichten gewonnen, Kinounternehmer gekauft und Radiostationen beschwindelt werden. Widerspenstigen Zeitungen spielt man falsche Nachrichten in die Hand, um ihren journalistischen Ruf zu untergraben. Besondere Anweisungen werden für Beeinflussung der Jugend im Auslande gegeben. Wie „vorurteilsfrei" das antisemitische Regime in Deutschland sein kann, beweist die folgende Stelle: „Es geschieht von der Zentralstelle aus alles nur Mögliche, um auch direkt, beziehungsweise unter Ausnützung geeigneter Beziehungen solche Verbindungen anzubahnen. Es ist dies vor kurzem in einem Falle gelungen, als der Besitzer einer Gruppe argentinischer Radiostationen, Herr J a n k i e 1 e w i c z, in Deutschland weilte. Diesem ist hier zahlreiches und wertvolles Material für seine Sender zugängig gemacht worden und ähnlich wird auch in Zukunft in bezug auf andere maßgebende ausländische Rundfunk-Instanzen verfahren werden. Es ist dabei unerheblich, ob die betreuenden Persönlichkeiten ausgesprochen deutschfreundlich sind oder sonst deutschen Interessen Verständnis entgegenbringen. Der genannte Herr Jankielewicz aus Buenos Aires ist beispielsweise ein Ostjude, dem es bei seiner Verbindung lediglich auf eine bessere geschäftliche Ausnützung seiner Radiobetriebe ankommt. Um solchen Leuten die erhofften geschäftlichen Vorteile zu bieten, müssen die deutschen Geschäftsleute im Ausland dazu angehalten werden, ihre Radiopropaganda vorzugsweise über derartige Sender zu leiten." Für Hochzeiten u. Vereine schöner Saal oder Klubräume mit Klavierbenützung zu vergeben. Reslaurajnl Herlinger II., Tabontcaße IS Gute Küche, billige Preise, große Auswahl in Mittag- und Abendmentts Aus der braunen Hölle. Ursprünglich war von offizieller deutsch-jüdischer Seite geplant, den Jahrestag des Judenboykotts in Deutschland als Fasttag zu begehen. Da aber dieser Tag der 1. April, diesmal auf den zweiten Pessachtag fällt,' mußte von diesem Plan abgesehen werden. Die jüdische Presse in Deutschland ergeht sich m Betrachtungen darüber, daß das Pessachiest. das Fest ludischer Bet'reiung, zusammenfällt mit dem Tag judischer Bedrückung, dem Tag, an dem vor Jahrestrist mit gewaltsamem Einschnitt die Aussonderung der Juden aus der Volks- und Staatsgemeinschaft in Deutschland begann. Dieser 1. April wäre ein Tag der tiefsten Trauer, wenn er nicht zugleich als ein Tag der Pessach Verheißung künftiger Befreiung m sich trüge. Ä Nachdem schon am 23. August des Vorjahres 33 deutschen Staatsangehörigen, unter ihnen bekannten indischen Persönlichkeiten, „wegen landesverräterischev Betätigung" die Staatsangehörigkeit aberkannt worden war, hat der Reichsinnenmiiurter Dr. Frick neuerdings Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Botenkreuzgane 3 Tel. A 43-5-37 37 Reichsangehörige der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt, weil sie „durch ein Verhalten, das gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk verstößt, die deutschen Belange geschädigt" haben. Unter den neu Ausgebürgerten befinden sich Prof. Dr. Albert Einstein, der gegenwärtig das physikalische Forschungsinstitut in Princeton, New Jersey, in den Vereinigten Staaten leitet (Einstein hatte noch vor einem Jahr, als er die Mitgliedschaft an der Preußischen Akademie der Wissenschaften niederlegte, erklärt, daß er auch auf seine deutsche Staatsangehörigkeit verzichtet), und Esriel Carlebach, früher Chefredakteur des Hamburger „Israelitischen Familienblattes". Auf ihn wurde bekanntlich seinerzeit wegen Veröffentlichung von Reiseeindrücken aus Rußland, in denen er auf die schlechte Lage der Juden in Sowjetrußland hinwies, von kommunistischer Seite ein Attentat verübt. Nach dem Hitler-Umsturz emigrierte Carlebach nach Warschau und ist jetzt Mitredakteur dei großen jüdischen Tageszeitung „Hajnt". Das amtliche tschechoslowakische Pressebüro meldet aus Berlin: Die antisemitische Welle in Deutschland, die nach dem vorjährigen Boykott und den judenfeindltchen Maßnahmen fühlbar nachgelassen hatte, beginnt nun im Frühling wieder anzusteigen, wie verschiedene Zwischenfälle zeigen. In den letzten Wochen, wurden aus verschiedenen Teilen des Reiches jüdenfeindliche Ausschreitungen gemeldet, doch wurden sie zum Teil auch verschwiegen. Die Behörden haben zwar in einigen Fällen, vor allem soweit sie das Wirtschaftsleben betreffen, erklärt, daß zu neuen antijüdischen Maßnahmen kein Grund vorhanden sei. doch wurden anderseits in der letzten Zeit wiederum behördliche Maßnahmen getroffen, die zu dieser Erklärung im Widerspruch stehen. # In Günzenhausen, Regierungsbezirk M i ttelfranken in Bayern, also im engsten Wirkungsbereich des Gauleiters Julius Streicher, der vor genau einem Jahre den in der ganzen Welt berüchtigt gewordenen Judenboykottrummel in Deutschland geleitet hat und jetzt auf eine Wiederholung der vorjährigen Vorgänge hinarbeitet, kam es vor einigen Tagen nach einer wüsten Wirtshausszene zu einem schweren Angriff auf die jüdische Bevölkerung der Stadt, die den Tod zweier Juden und die Verletzung mehrerer anderer zur Folge hatte. Der zwanzigjährige Jude Rosenfeld wurde so fürchterlich mißhandelt, daß er — nach der offiziellen Version — Selbstmord durch Erhäng e ii begang. Man bezweifelt aber diese „offizielle" Version, denn Rosenfeld, der furchtbare Quälereien hat erleiden müssen, hatte gewiß nicht mehr die Kraft zum Selbstmord. Man nimmt vielmehr an. daß er von seinen Peinigern aufgehängt worden ist. Ein zweiter Jude, der 60jährige Gunzenhausener Bürger Rosenau, der schwer mißhandelt wurde und geflüchtet war. ist bald darauf mit vier Stichen in der Herzgegend tot aufgefunden worden. Keiner der Angreifer wurde verhaftet, hingegen wurden elf Juden, die mißhandelt worden waren. in „Schutz h a f t" genommen. Obwohl seitens der Behörden strengste Untersuchung der Mordfälle zugesichert wurde, hat man die beiden Todesopfer am Dienstag, den 27. März, auf Anordnung der Behörden schnell beerdigt, ohne daß vorher eine ger i c h 11 i c h e Obduktion der Leichen stattgefunden hätte. Die verletzten Gunzenhausener jüdischen Bürger wurden ärztlich behandelt, bei keinem besteht Lebensgefahr, doch leben alle jüdischen Einwohner in Günzenhausen, soweit sie nicht geflüchtet sind, in u nendlicher Panik. Der amerikanische S p o r t i i I m „Männer um eine Frau", in welchem der amerikanische Jude Max B a e r, der vor einigen Monaten den deutschen Boxmeister Sehmeling besiegt hatte, auftritt, wurde verboten. Der Film lief in Berlin bereits 14 Tage, ohne daß das Publikum irgend welche Abneigung gegen ihn an den Tag gelegt hätte. Das Schächtverbot in Oberschiesie«. Die in Kattowitz unter dem Vorsitz des iriiheren Schweizerischen Bundespräsidenten Ca Mond er tagende Gemischte polnisch-deutsche Kommission für Oberschlesien, die bekanntlich auch die Bernheim-Petition in vertraulicher Sitzung behandelte, hat sich noch in diesen Tagen mit der Klage des Rabbinerverbandes für Obersclilesien gegen das im deutschen Teil Obersehlesiens ausgesprochene Verbot des Schächte ns nach jüdischem Ritus zu beschäftigen. Der Kabbitierverband beruft sich in seiner Klage auf die Bestimmungen der Genfer polnisch-deutschen Konvention, der gemäß die religiösen Belange der oberseh 1 e s i s c h e n Juden garantiert sein müssen. Als Vertreter des Oberschlesischen Rabbinerverbandes worden vor der Kommission Rabbiner Dr. Golinski aus Beuthen und Rabbiner Dr. Katz aus Hindenburg erscheinen, als juristischer Vertreter des Verbandes wird Dr. Frankel plädieren. Die Kommisson hat als Experten den jungen Kattowitzer Rabbiner Dr. Chameides geladen. Amerika bleibt fest Der vom Arbeitsminister Perkins in der Eiitwandererfrage und für die Schaffung eines Einwandereramtes eingesetzte Ausschull hat einen Bericht ausgearbeitet, in dem empfohlen wird, daß, soweit es das Gesetz gestattet, den Flüchtlingen aus Deutschland besonderes Augenmerk zugewendet werde. Der Bericht erinnert an die traditionelle amerikanische Politik in den Fragen der Einwanderung, die dahin gerichtet ist, allen Flüchtlingen, die Opfer der religiösen, nationalen und poetischen Verfolgung sind, Zuflucht zu gewähren. * Der Staat New Jersey, in dessen Bereich Professor Albert Einsteins neue Wirkungsstätte, das Institute for Advanced Study in Princeton, liegt, hat Albert Einstein und seine Gattin Elsa eingeladen, die Bürgerschaft des Staates New Jersey anzunehmen. Als die Zustimmung des Ehepaares Einstein erfolgte, ergriff der Gouverneur des Staates. Moore, die Gelegenheit, um dieses Ereignis durch eine große Festlichkeit in Newark, der Hauptstadt New Jerseys, zu begehen, zu der alle Notabein des Staates aufgeboten wurden und an der mehr als 10.000 prominente Bürger des Staates New Jersey teilnahmen. Auf persönlichen Wunsch Einsteins wurde das Reinerträgnis dieses Tages für das von Professor Chaim Weizmann geleitete Werk zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina bestimmt. Die amerikanischen Zeitungen, die über die Einstein- Feier .in Newark ausführlich berichten, erwähnen dabei, daß Einstein, jeder öffentlichen Huldigung seiner Person abhold, sich nur schwer entschlossen hat. dieser öffentlichen Feier zuzustimmen und sich mit derselben erst dann einverstanden erklärte, als die Bestimmung getroffen wurde, daß der zu erwartende große Reinertrag den verfolgten und vertriebenen deutschen Juden zugute kommt Schon am 14. März d. J.. da Einstein sein 55. Lebensjahr vollendete, planten seine Freunde und Verehrer eine Festlichkeit, doch scheiterte dieses Vorhaben aii Einsteins Weigerung, sich feiern zu lassen. Einstein verbrachte diesen Tag still bei seiner Arbeit und wollte niemanden empfangen. * Die deutsch-jüdische Gemeinde in New York, an deren Spitze Robert Rcsenbaum steht, hat einen Tag des Pessach-Festes als „Tag der deutschen Flüchtlinge" proklamiert Es sollen Mittel zur Unterstützung der bereits in Amerika lebenden etwa 1500 deutsch-jüdischen Flüchtlinge, sowie zur Unterbringung und Unterstützung der aus Deutschland noch erwarteten jüdischen Flüchtlinge aufgebracht werden.