Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-04-06 · Heft 15 (6.4.1934) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 15 (6.4.1934)
Date
1934-04-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064518--19712-3084878
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 DIE WAHRHEIT Neue Lage — neue Wege. Emanzipationskatnpf in Deutschland. Der Aus führenden Kreisen des deutschen Judentums wird uns geschrieben: Während sich gewisse Kreise des Judentums damit abfinden möchten, daß ihre Glaubensgenossen in Deutschland, wie ein Politiker sich jüngst ausdrückte, „hundertprozentig abzuschreiben seien", d. h. also dem Untergang geweiht sind, müssen wir zu unserer größten Freude die Feststellung machen, daß dieses „Todesurteil" vorwiegend ein Produkt des Auslandsjudentums ist, während wir selbst mit frischem Mut und zukunftsfroh in den neuen Kampf um die Emanzipation eintreten. Heute, da die Abwanderung aus Deutschland schon zu einem gewissen Abschluß gekommen, ist, ist es für jedermann klar, daß die weit über eine halbe Million deutscher Juden trotz aller Schwierigkeiten in Deutschland verbleiben und sich dort ihren Lebensraum schaffen werden. Man fügt sich den gegebenen Realitäten und versucht auf dem Boden der neuen Situation denjenigen neuen Emanzipationskampf durchzufechten, den unsere Vorfahren vor einem Jahrhundert glücklich bestanden haben. Dornig ist unser Weg. aber wir — werden ihn gehen, ja wir müssen ihn gehen. Für die deutschen Juden war und ist der Emanzipationsgedanke der Angelpunkt ihres Strebens. In der neuentfachten Aussprache ist nun der Begriff der Gruppenemanzipation aufgetaucht. Wir, die wir die Gruppenemanzipation vertreten, knüpfen an das an, was frühere Generationen nicht nur als K 1 a 1 - Gedanken gekannt, sondern auch gelebt haben. Es gibt keinen Lösungsweg der Judenfrage, der ewige Gültigkeit hätte, aber es gibt ewige Ziele, zu denen alle Wege führen. Der Weg des deutschen Judentums hat in eine veränderte Landschaft geführt. Die Welt um uns hat den Bruch mit dem 19. Jahrhundert vollzogen. Statt in Individuen denkt sie in Gruppe n. Wir müssen nun mit der Tatsache rechnen, daß die nichtjüdische Welt uns als eine Gruppe ansieht, die nicht nur durch ein gemeinsames Bekenntnis zu einem religiösen System geeinigt ist, sondern als eine biologisch-soziologische, eine historisch gewordene Gruppe, bei der das gemeinsame Bekenntnis entscheidender Entstehungsfaktor geworden ist. Wenn jetzt der Staat neu aufgebaut wird, können wir Juden unseren Platz in ihm nur als Gruppe finden. Man wird nicht mehr dem einzelnen deutschen Juden gestatten, sein Problem, Einordnung in die deutsche Volksgemeinschaft, individuell zu lösen. Gruppenbildung braucht kein Ende der Freiheit zu sein. Freie Menschen können auf einen Teil ihrer persönlichen Bewegungsmöglichkeit verzichten, weil er ihnen in der höheren Freiheit der Gruppe wiedergeschenkt wird. Wir geben nichts von den alten politischen Grundsätzen auf, wenn wir uns auf neuem Wege in das deutsche Volk als Gruppe einzufügen suchen. Die deutschen Juden wollen die Freiheit und Gleichheit ihrer Geltung als Deutsche auf beruflichem, sozialem und politischem Gebiete erreichen. Sie können aber jetzt nur dann für dieses Ziel arbeiten, wenn sie zunächst einmal der geschlossenen Gruppe eine gewisse Freiheit der Lebensgestaltung erringen. Nur ein geschlossenes deutsches Judentum unter einheitlicher Führung kann zu einer aussichtsvollen Emanzipationsarbeit kommen. Praktisch gesprochen heißt das, daß z. B. die jüdische Gemeinde dem einzelnen nicht mehr beliebige Freiheit des Lebensweges lassen kann. Aber die jüdische Gemeinschaft muß das grundsätzliche Recht haben, den Aufbau und die Durchgliederung ihres Hauses in die Hand zu nehmen. Erst über die Emanzipation der Gruppe gewinnt der einzelne den Anschluß an die Gemeinschaft, die die Gruppen zum Volk zusammenfaßt. Das bedeutet das Gegenteil von Ghetto, denn es verschließt sich nicht der Zeit, sondern ist ihr geöffnet. Es ist eine Entscheidungsstunde für das deutsche Juden tu m, wenn es den Weg der Emanzipation gehen will, den Anschluß an neues Denken zu finden. Zu MDS benutze man in jedem jüdischen Hause lei noa1? "ira -j? rn pv Heurig frisch, nur mit Einprägung in der Dose. noab tbo Das Beste zum Kochen, Braten, Backen, das Beste für Salate und Mayonnaise, das Beste für Medizinalzwecke Hl leiteui mitseife in zehn Sorten, Bade-Soap, Adin, Hadar Hacarmel. Galfl, Carmel FJowers, Baby Soap, Menorah, La Palma, A la Marseille und Ora Seifenflocken in allen besseren Geschäften erhältlich. Generalrepräsentant für Österreich: Sa. RABINOWITSCH Wien II., Zirkusgasse 10, Tal. R 48-7-38 Palästinensische Merkwürdigkeiten. Auf dem Wiener Internationalen Olympischen Kongreß haben die deutschen Vertreter, ein Herzog, ein Geheimrat und ein Ritter, auf ihr Ehrenwort die Erklärung abgegeben, daß die deutschen Juden in ihrer sportlichen Betätigung völlig frei und ungehindert sein sollen, daß die Ausnahmebestimmungen für Nichtarier im sportlichen Leben und bei den Vorbereitungen für die Olympiade keine Anwendung finden würden. Nichtsdestoweniger hat der Reichssportkommissar v. Tschammer-Osten im Einvernehmen mit der deutschen Regierung den Sport rasserein geschaltet. Kein Verein hat mehr jüdische Mitglieder, kein Sportplatz darf von Juden betreten werden. Von Juden gestiftete Sportplätze wurden enteignet, der Jude, wo es ging, auch sportlich diffamiert; alle bisher üblichen Begriffe von sportlicher Fairneß für den Bezirk des Dritten Reiches außer Kraft gesetzt. Daraufhin hat das Amerikanische Olympische Komitee ungeachtet zahlreicher Telegramme und Interventionen seitens der deutschen Vertreter beschlossen, die Olympiade Berlin 1936 nicht zu beschicken, es sei denn, daß die sportliche Gleichberechtigung der deutschen Juden wieder hergestellt werde. Der Eindruck dieses Beschlusses war außerordentlich, eine Olympiade ohne Amerika ist ja, worüber sich niemand Zweifeln hingibt, eine Farce. Herr v. Tschammer-Osten jedoch erklärte sich außerstande, seine Sportsoldaten zurückzupfeifen. Woraufhin Herr Göbbels die Leitung übernahm. Mit geschickten Fingern. Er ließ dem Deutschen Makkabiverband gegenüber, der die zionistisch orientierten, jüdischen Sportler umfaßte, durchblicken, daß er unter Umständen bereit sei, Palästina eine Einladung zur Olympiade zu übersenden. Die Makkabileute fühlten sich außerordentlich geschmeichelt und informierten den Makkabiverband in Palästina von der bevorstehenden Wendung durch Göbbels Fügung. Wenn auch Zusagen irgendwelcher Art bis zur Stunde noch nicht gemacht sind, so existiert doch nunmehr bereits seit Wochen ein Olympisches Komitee in Jerusalem, an dessen Spitze der Oberst K i s c h steht. Der Beschluß des Amerikanischen Olympischen Komitees ist die erste Niederlage des Dritten Reiches — das sollte man nicht unterschätzen. Und es ist der erste Aktivposten, den die deutschen Juden bei der Berechnung ihrer eigenen Zukunft für sich buchen können. Wenn Palästina nach Berlin kommt, wenn es sich nur dazu bereit erklärt, wird Amerika seinen Widerstand aufgeben. Und Herr Göbbels wird wissen, daß es für jeden Juden, der ihm widersteht, einen anderen Juden gibt, der ihm hilft. Während die Zeitungen Amerikas und vieler anderer Länder über die Frage, ob Amerika zur Olympiade gehen soll oder nicht, eifrig debattieren, zeigt die jüdischnationale Presse der ganzen Welt ein eisiges Schweigen. Sie stellt sich dumm, sie tut ahnungslos, als ob sie nicht wisse, was es mit der Einladung des Herrn Göbbels auf sich habe. Die Berliner zionistische „Jüdische Rundschau" schreibt sogar am 9. März: „Eine würdige Vertretung des jüdischen Sports als solchen erwartet man von der Teilnahme Palästinas an der Berliner Olympiade. Mit großer Hoffnung sieht man den Verhandlungen entgegen, die zur Einladung Palästinas führen sollen. Und es ist zu erwarten, daß dann der palästinensische Makkabiverband Palästina vertreten wird. Ein Olympisches Komitee mit Colonel Kisch in Jerusalem an der Spitze bearbeitet den ganzen Fragenkomplex." Eine „würdige Vertretung" des jüdischen Sports erwartet die „Jüdische Rundschau" von der Teilnahme Palästinas an der Olympiade. Wenn die Träume ihrer Schriftleitung in Erfüllung gehen, so wird die Welt im Frühjahr 1936 das groteske Schauspiel erleben, wie die palästinensische Mannschaft hinter der blauweißen Fahne her und zu den Klängen der Hatikwah ins Berliner Stadion einmarschiert, wie sich der Oberst Kisch, indem er dem Hakenkreuzbanner salutiert, beim Herrn Reichsminister Dr. Göbbels für die freundliche Einladung bedankt. SA. und SS., als Ehrenwache aufgebaut, heben die Hand zum deutschen Gruß, die Arbeitsfront auf den Tribünen tobt Beifall. Und die Berliner Juden, denen das Betreten des Stadions ob ihrer rassischen Unreinheit verboten ist, lesen befriedigt im „Berliner Tageblatt", im „Völkischen Beobachter" und in der „Jüdischen Rundschau" von der grandiosen, welthistorischen Szene. Es wird ein Traum bleiben. Denn, wie uns zuverlässig berichtet wird, denkt auch der Minister Göbbels nicht ernsthaft daran, Palästina einzuladen. Er will keine Juden im Stadion. Vielleicht, so meint er, wäre es eine ganz lustige Episode auf der Olympiade, wenn die palästinensische Mannschaft mit faulen Eiern beworfen und mit dem Lied vom Judenblut, das vom Messer spritzen soll, begrüßt würde. Aber es könnte vielleicht den Gesamteindruck stören. Und schließlich — es genügt ja, um die Amerikaner von ihrem Standpunkt abzubringen, wenn die Bereitwilligkeit der Palästinenser vorliegt, in einem Land, das ihre Brüder in noch nicht dagewesener, unerhörter Form diffamierte, sportliche Kämpfe auszuführen. Es gilt nun, in Amerika vorzustoßen, um unter Hinweis auf dieses Ergebnis die Amerikaner zu veranlassen, von ihrem Standpunkt abzugehen und die Berliner Olympiade zu beschicken. Die Voraussetzungen sind gegeben, es wird nicht mehr schwer sein. Um auch eine praktische Unterlage zu schaffen, hat Göbbels gestattet, daß ein Mitglied der Hakoah, Köln, Franz Orgler, als einziger aus den Reihen des jüdischen Sports zu einein Olympiakurs zugelassen wird. Als einziger — das ist ausdrücklich betont und bestimmt. Um manche Juden für das Dritte Reich zu begeistern, genügt dieser eine, der natürlich in die Entscheidungskämpfe nicht gelangt. Im übrigen bleibt alles beim alten, kein deutscher Verein, kein deutscher Sportler tritt gegen einen Juden an. Wenn nicht alles trügt, wird also auf der Olympiade, die in einer deutschen Stadt stattfindet, der Sport aller möglichen Länder durch Juden vertreten werden, die deutschen Juden aber bleiben ausgeschlossen. Sie dürfen am Wettkainpf nicht teilnehmen und werden nicht einmal auf den Zuschauerbänken geduldet. Und sie mögen sich dafür beim Makkabiverband Palästina bedanken, bei der „Jüdischen Rundschau" und dem Colonel Kisch. Was sagt Lord M e 1 c h e 11, der Präsident des Internationalen Makkabivefbandes, zu diesem „Dolchstoß"? Das „Jüdische Togblatt" in Warschau bringt in Nr. 137 einen interessanten Bericht, für den wir keine Verantwortung übernehmen. Um den Posten des abberufenen jüdischen Konsuls in Tel Aviv, Dr. Hausner, hatte sich das gewesene Mitglied der zionistischen Exekutive, Herr Farbstein, bemüht und es war so gut wie beschlossen, daß er als Vertreter Polens nach Tel Aviv gehen werde. Aber der Präsident der zionistischen Exekutive, Herr Nahum Sokolow, sprach beim polnischen Außenminister Beck vor und verlangte, daß er seinen Sohn Florian Sokolow, welcher der Londoner Korrespondent der „Gazeta Polska" ist, in dieses Amt entsende. Als der Außenminister Sokolow darauf aufmerksam machte, daß sein Sohn Florian ganz abseits vom jüdischen Leben stehe und auch die hebräische Sprache nicht beherrsche, was die Zionisten a 1 s^ unbedingt erforderlich ansehen, meinte der Zionistenführer, daß dies gar nicht schade, da ja die nach Palästina einwandernden polnischen Juden polnisch verstehen und die Kenntnis der hebräischenSprache durchaus nicht erforderlich sei. Wie das „Togblatt" weiter schreibt, wurde nun ein polnischer Nichtjude auf den vakanten Posten berufen. Der Mann spricht auch nicht hebräisch, nur polnisch. Aber das ..schadet doch nicht".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.